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Jahrbuch für Pädagogik 2001

H.J. Krysmanski

Das amerikanische Jahrtausend?
Zukunftsvisionen unter dem Aspekt der technologischen Revolution und die Frage nach Krieg und Zivilisationsprozeß (1)

 

Amerikanischer Planetarismus

Für den Philosophen Gotthard Günther (1900-1984), der heute heiß gehandelt wird(2), gibt es drei große Weltepochen: erstens die Epoche einer primitiven Globalzivilisation vor ungefähr dreißigtausend Jahren, als mutige, ausdauernde Jäger und Sammler den Planeten umwanderten (bei einer täglichen Marschdistanz von 10 Kilometern läßt sich schließlich - theoretisch - die Erde im Laufe von 23 Jahren zweimal umrunden); zweitens die Epoche der Hochkulturen des Orient und Okzident, in der sich gerade auf der Grundlage der Einhegung, der regionalen Begrenzung - sozusagen die Tiefen und nicht die Flächen erkundend - das entwickelte, was wir bis heute mit dem Begriff der Kultur verbinden möchten; die dritte Weltepoche beginnt mit der Entdeckung der neuen Welt, mit dem 'neuen Himmel und der neuen Erde' Amerikas.

"Es scheint den Tatsachen zu entsprechen", schreibt Günther, "daß der amerikanische Kontinent das Wesentliche aller Hochkulturen der anderen Halbkugel zurückweist. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht darin, daß Amerika sich etwa dagegen sträubt, sich von einem primitiven geschichtlichen Niveau auf ein höheres hinaufheben zu lassen, oder daß es schicksalhaftere Formen des kulturellen Lebens ablehnt." - Vielmehr scheint Amerika "lediglich solche Formen des geschichtlichen Lebens anzunehmen und zu ertragen, die wirklich planetarischen Umfanges sind." - "Es sieht nun so aus," so Günther 1952, "als stehe eine neue geschichtliche Epoche von globaler Ausdehnung bevor. Trifft dies zu, so wird die nächste Hochkultur die erste ohne regionale Grenzen sein. Sie wird sich über die ganze Erde verbreiten und eine dritte Epoche der Weltgeschichte einführen: die Ära planetarischer Zivilisationen."(3)

Diese Sätze stammen aus einem der berühmten Beiträge Gotthard Günthers zu 'Rauchs Weltraumbüchern', die in den 50er Jahren amerikanische Science Fiction erstmals in Deutschland bekannt machten. Er sah die Science Fiction Literatur als den Vorboten der Kultur dieser dritten Weltepoche. Science Fiction war für Günther überdies die bislang einzige originäre amerikanische Kulturleistung. Und tatsächlich entwickelte sich in Amerika und nirgendwo sonst in den Kolportagemagazinen und Zehncentromanen der 40er und 50er Jahre - zu einer Zeit, als der Begriff der Weltherrschaft in vieler Munde war - ein eigenartiger Blick auf diesen Planeten: ahnungslos, was die tieferen Traditionen der Hochkulturen, ahnungsvoll, was die Perspektiven einer künftigen Technikkultur betraf.

Die jugendlichen Schmökerer dieser Literatur von damals aber und vor allem die ersten jugendlichen Konsumenten der televisionären Massenkultur, die sich aus jenen frühen Science Fiction Quellen speiste, sind heute die Chefs der NASA, der CIA und der NSA. Sie leiten die Profitmaschinen von Hollywood und die amerikanischen transnationalen Konzerne. Die planetarischen Antizipationen der frühen Science Fiction liegen wie Nebelschwaden über Microsoft und AOL. Der amerikanische Weltherrschaftsanspruch basiert in seinen Tiefenschichten auf dem träumerischen Universalismus eines A.E. Van Vogt oder Robert S. Heinlein.

Und gerade bei Gotthard Günther finden wir eine hochreflektierte, mit europäischer Skepsis durchsetzte Technikphilosophie, wie sie sich heute andererseits, in naivster Form, als 'California Ideology' (s.u.) über die Welt ausbreitet. Günther war zusammen mit John von Neumann und Heinz von Förster - unmittelbar nach dem Krieg in Diensten der US Air Force - maßgeblich an der Entwicklung der Kybernetik-Theorie beteiligt. Seine Geschichtsmetaphysik läuft auf die Bestimmung einer kommenden Epoche hinaus, in der nicht mehr die zweiwertige Logik der Menschen, sondern die mehrwertigen Logiken der Maschinenwelt dominieren. Ähnlich wie heute Bill Joy, der Chef von Sun-Microsystems, spricht Günther davon, daß die Übertragung von Bewußtseinsoperationen an Denkmaschinen in gewisser Weise eine Überstufung des Menschen, einen Identitätswechsel einleite. Dies werde sich in einer völligen Neustrukturierung des gesellschaftlich relevanten Raum-Zeit-Kontinuums ausdrücken. In diesen neuen Räumen würden dann auch Phänomene, die bisher als Wunder galten, eine technische Basis finden usw.(4)

Ich verlasse Gotthard Günther ohne ihm Genüge getan zu haben. Nur eines sollte klar sein: die Neustrukturierung des planetarischen Raumes, das Versprechen einer Welt der Wunder und das Ende der bisherigen Geschichte prangen auf den Fahnen von Microsoft und Sun-Microsystems und anderen amerikabasierten Giganten des digitalen Metaversums - erst recht nach dem 11. September 2001.

 

Rockefeller

Die Plage unseres sogenannten wissenschaftlichen Zeitalters sind Natur- und Weltbeherrschungsphantasien. Darin standen sich in der Moderne, in der untergegangenen Welt der Systemauseinandersetzung, beide Lager in nichts nach. Lange glaubte man, dieses Problems durch öffentlichen Diskurs und demokratische Vorkehrungen Herr zu werden. Doch nicht nur der Stalinismus, sondern auch der kapitalistische Zugriff auf die Informations- und Kommunikationstechnologien haben demokratische Öffentlichkeit nachhaltig zerstört. Und heute scheint - glaubt man den letzten Modernisten von Alexander Kluge bis Andy Müller-Maguhn - nur noch die Hoffnung auf subversive Unterwanderungen der kapitalistischen Produktionsöffentlichkeit zu bleiben.

Auf der anderen Seite lautet ein zentraler Mythos der Massenkultur: kleine Zirkel ungeheuer reicher und mächtiger Privatmenschen (die letzten wahren Privatmenschen überhaupt) - vor allem mehr oder minder böse, superreiche Amerikaner - beherrschten diese Welt. Kann man da widersprechen? Dagobert Duck hat uns darauf eingestimmt, daß praktischer Planetarismus in weltbeherrschender Absicht am besten in einzelnen Köpfen blüht, die bis über dem Schopf in Geld schwimmen. Größenwahn heißt der aus solchen Lagen erwachsende psychische Zustand, der auch manchen Theoretikern nicht fremd ist. Das alles gipfelt noch immer in 'Theorien' über eine Weltverschwörung, der einst John D. Rockefeller seine Milliarden eingehaucht haben soll.(5) Solche Theorien haben durch das Netz eine Verbreitung gefunden, die fast in materielle Gewalt umzuschlagen droht und die heute hauptsächlich von einer hochtechnisch-fundamentalistischen globalen Rechten getragen wird. Aber auch Linke begleiten interessiert die dabei aufscheinenden Einsichten in tatsächliche Machtverhältnisse. Und immerhin hat die Linke in Karl Marx, der das Verschwörungsdenken des Bundes der Kommunisten durch die Klassentheorie überwand, einen verläßlichen Vordenker.

Durch den massenkulturellen Untergrund geistern beispielsweise die Vorstellungen von Caroll Quigley, den Bill Clinton zu seinen Mentoren zählt. Quigley(6) bezeichnet nicht ganz zu unrecht das Council on Foreign Relations als eine von vielen Tarnorganisationen, die eine internationale Elite von Bankern, Industriellen und anderen Mächtigen aufgebaut hat, um eine neue Weltordnung, "ein Weltsystem finanzieller Kontrolle auf feudaler Basis in Privathänden zu schaffen, dem es möglich wäre, jedes politische System in jedem Land zu beherrschen." (Carmin 1997, S. 194) Die Templer und die Illuminati dürfen dabei nicht fehlen. Umberto Eco hat sich mit seinem 'Foucaultschen Pendel' fast um seinen Ruf geschrieben, weil er weit unterhalb des wirklichen Ausbaustands blieb, den dieses Wahngeflecht in den neuen Massenmedien erreicht hat, bis zu Strategiespielen wie WarZone und Computerspielen wie Gabriel Knight. Aber wie gesagt, auch in ernsthaften Köpfen wird der allgemeine Verschwörungsverdacht zum akzeptablen Erklärungsmuster für Weltvorgänge, wenn auf der Bewußtseinsebene rationalere politische Herrschaftstheorien negativ sanktioniert werden - wie das heute in den Sozialwissenschaften der Fall ist.(7) Nach den Anschlägen auf WTC und Pentagon treibt diese Bewußtseinshaltung, als allgemeiner Terrorismusverdacht, zu allem Überfluß nicht nur die Medien in den Wahnsinn.

Vor einigen Jahren vertraute der Co-Chairman des Rates des World Economic Forum in Davos, Maurice Strong, einem Reporter die groben Umrisse eines utopischen Romans an, den er, Strong, gern zu Papier brächte. Jeden Februar kämen ja in Davos über tausend Chief Executive Officers, Regierungschefs, Finanzminister und führende Wissenschaftler zusammen, um den Gang der Welt für das folgende Jahr zu besprechen. "Was würde passieren", so Strong, "wenn eine kleine Gruppe aus dieser großen Runde zu dem Schluß käme, daß das Wohlergehen der Erde in erster Linie durch die reichsten Industrieländer gefährdet sei?...Um den Planeten zu retten, entscheidet die Gruppe, es sei ihre Pflicht, den Zusammenbruch der westlichen Zivilisation herbeizuführen!" Maurice Strong redet sich heiß: "Diese kleine Gruppe von world leaders bildet also eine Verschwörung mit dem Ziel, die Weltwirtschaft aus dem Lot zu bringen. Es ist Februar. Alle entscheidenden Leute sind in Davos. Die Verschwörer gehören zur Führungselite der Welt. Sie haben sich in den globalen Waren- und Aktienmärkten positioniert. Mittels ihres Zugangs zu den Finanzmärkten, zu den Computernetzen und zu den Goldreserven erzeugen sie eine Panik. Dann verhindern sie, daß überall auf der Welt die Finanzmärkte schließen. Sie blockieren das Getriebe. Sie heuern Söldner an, welche die übrigen Konferenzteilnehmer in Davos als Geiseln festhalten. Die Märkte bleiben offen..." Der Reporter kann seine Überraschung nicht verbergen. Maurice Strong, Co-Chairman des Rates des World Economic Forum, kennt diese Weltelite. Er sitzt im Zentrum der Macht. Er könnte das alles tatsächlich in Gang bringen. Strong fängt sich und schließt: "Ich sollte so etwas eigentlich gar nicht sagen."(8)

Dieser kanadische Milliardär Maurice Strong, eine Figur für sich(9), hat es aber nun einmal gesagt. Er liegt damit auch mitten im Trend. In den Denkfabriken und Netzwerken der transnationalen Konzernwelt wird längst der Umgang mit den nicht vorhersehbaren Dynamiken des Globalisierungsprozesses geübt. Ökonomische und kulturelle Geopolitik ist zu Science Fiction, Science Fiction zu ökonomischer und kultureller Geopolitik geworden...

Auch das 'World Economic Forum' fördert Träumer wie Joseph P. Firmage oder Cyberpunkgründungen wie das Global Business Network (ich komme auf beide zurück). Und was im 'Bilderberg Club' (dem Bernt Engelmann einst den Schlüsselroman 'Hotel Bilderberg' widmete(10)) vorgehen wird, wenn die Bourgeois Bohemians(11) Einzug halten, wäre die Verwandlung in ein Mäuschen wert, desgleichen bei der 'Trilateral Commission'. Sicher wird dort und in ähnlichen Organisationen wie der 'International Chamber of Commerce' oder dem 'Business Industry Advisory Committee' der OECD vor allem brutalste Interessenpolitik gemacht. Doch imaginative Aufrüstung ist das Motto der Stunde, für ehrwürdige Zusammenschlüsse wie die Mont Pelerin Society ebenso wie für die neue Evian Group, die mit einem grandiosen Phantasiekonzept vorgeprescht ist: der Forderung nach einer Global Corporate Statesmanship. (de Pury et al 2000) Und schließlich das 'Council on Foreign Relations': hier ist ein Phantast, Walter Russell Mead, der mit dem Vorschlag, die USA sollten Sibirien kaufen, bekannt geworden ist, gerade senior fellow und director of research geworden.(12)

 

Independence Day

Weltherrschaft und Massenkultur gehen zusammen, ob man das von oben oder von unten sieht. Am Anfang aller massenkulturellen Herrschaftskompetenz steht die Fähigkeit des Umgangs mit Allegorien im Sinne komplexer ästhetischer Repräsentation von Wirklichkeit. Allegorien vermögen, indirekt und lateral, verschiedene Informationsschichten ineinanderzuschachteln. "Will man etwas Ökonomisches sagen, sollte man es mit politischem Material tun. Steht etwas Politisches an, helfen Rohdaten aus der Ökonomie." (Jameson 1992, p. 67) Und hilft das alles nichts, hilft ein gemeinsamer Feind aus dem Weltraum.

Fredric Jameson hat den Begriff der geopolitischen Ästhetik - basierend auf Filmanalysen - für die Auseinandersetzung mit dem Globalisierungsprozeß von unten her entwickelt. Globalisierung: das ist der Versuch der Insertierung der amerikanische Perspektive in die übrigen Regionen der Welt. Dieser Prozeß erweckt aber auch, vor allem in der Kulturproduktion der Peripherie, das Bemühen um eine Insertierung regionaler Perspektiven in das 'amerikanische Weltbild'. Insofern läßt sich zeigen, daß dieses global agierende Amerika längst auch gezwungen worden ist, "die nationale Allegorie in ein konzeptuelles Instrument umzuformen, das tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen." (Jameson 1992, p. 3)

Zumindest ein Teil der amerikanischen Eliten, der interessantere Teil, hat die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges, des Trikontismus usw. abgelegt. Man stößt zu Globalmodellen vor, die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben, die andererseits aber, wie die Entwicklung in den Denkfabriken und Netzwerken zeigt, schon an die komplexen Allegorien der Science Fiction Literatur und eben auch der Hollywoodproduktion erinnern. Daran werden auch die alten kalten Krieger in der gegenwärtigen Bush-Administration in the long run nichts ändern können - im Gegenteil, sie lernen schnell, wie ihr und ihrer Berater Verhalten nach den Terror-Anschlägen des September 2001 zeigt.

Für Jameson schälen sich aus der allegorischen Praxis amerikanischer Filme, die Politik und Ökonomie thematisieren, zwei ästhetische Prinzipien heraus, die beide sowohl kulturökonomischen Erfolg als auch aufklärende Annäherung an den tiefen Strukturwandel der postmodernen Gesellschaft versprechen. Das eine Prinzip ist das eines tastenden, dem elektronischen Scannen und den netzgestützten Suchprogrammen verwandten 'Blicks von oben', aus der Kreislaufbahn, der nichts mehr gemein hat mit der zentralistischen Selbstgewißheit hegemonialer Mächte. Das andere Prinzip nennt Jameson die 'Figuration der Konspiration', das Spiel mit dem Verschwörungsverdacht. Ich konzentriere mich an dieser Stelle auf das erste Prinzip.

Dem deutschen Hollywoodfilmer Roland Emmerich ist es gelungen, diesen view from above - recht eigentlich den Blick der postmodernen globalen Eliten - in aller Naivität in die gewaltigen Raumschüsseln der Aliens zu projizieren, die in Independence Day rohstoffgierig über allen strategischen Punkten unseres Planeten schweben und unter anderem New York City bedrohen. Er hat damit eine vollkommene Allegorie der tatsächlichen ökonomischen und politischen Verhältnisse geliefert. Roland Emmerichs Schema ist einfach und einleuchtend. Weltgefährdung erfolgt durch Alien Spaceships. Hinter dieser allegorischen Verkleidung sind unschwer die realen Rohstoffkonzerne zu erkennen. Die Welt sieht aus dieser Perspektive in der Tat völlig anders aus: ihre Räume sind, um es kurz zu machen, funktional restrukturiert. Es gibt keine nationalen Grenzen, keine Kulturregionen mehr, der Planet ist in rohstoff- und einflußstrategische Zonen aufgeteilt. Die Menschheit blickt nach Washington. In Independence Day naht die Rettung - allegorisch sogar die Rettung vor der reinen Profitgier - in Gestalt einer frappierenden Kombination amerikanischer Helden: eines heldenhaften Präsidenten, der seine Vergangenheit als Kampfpilot entdeckt, eines Black Panthers, der seine Bestimmung als Kampfpilot gefunden hat, und Jeff Goldblooms als brilliant Jewish scientist. Ihre hübschen Frauen nicht zu vergessen.

Diesem praktischen Planetarismus für schlichte Gemüter fügte ein anderer deutscher Hollywood-Regisseur, Wolfgang Peters, mit Air Force One wenig später noch eine andere Nuance hinzu: planetarischer Terrorismus, zu dem sich US-Präsident Harrison Ford durch böse regionale Terroristen genötigt sieht, ist gut; regionaler Terrorismus, durch planetarischen Terrorismus ausgelöst, muß mit allen Mitteln ausgelöscht werden. So wird der Globus allmählich zu einer beliebig formbaren Masse, die in reine Energie übergeht. Die Entfaltung dieser globalstrategischen Haltung erleben wir jetzt.

Folglich kann es beim schlichten Planetarismus nicht bleiben (auch wenn uns traditionelles Macht- und Herrschaftshandeln weiterhin beschäftigen muß). Denn typisch für die gegenwärtige Erkenntnissituation ist die Krise des geometrischen, euklidischen Raumverständnisses und der bisherigen Raumerfahrung. Jameson sagt dazu, "daß es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit, daß es mit diesem Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit des Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren, seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung zu strukturieren und kognitiv seine Position in einer vermeßbaren äußeren Welt durch Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen." Die Hyperräume stellen eine unvermeidliche historische und sozio-ökonomische Realität dar. Der Cyberspace ist "die dritte große neuartige und weltweite Expansion des Kapitalismus." (Jameson 1993, S. 94f.)

 

'Contact' und 'ISSO'

Auch in einem, was das postmoderne Weltbild angeht, Schlüsselfilm wie Contact ist es ein Milliardär, der planetarisch agiert. Dieses Mal auf Seiten einer Menschheitsethik im Spannungsfeld von Wissenschaft und Religion. Contact ist ein Film über eine nicht an Kosten-Nutzen-Kalkülen hängende SETI-Forschung und damit über die Horizonte wissenschaftlicher Forschung selbst. Auch dieser Film allegorisiert die Umstrukturierung der Räume der Erde, nicht nur durch wormholes, sondern durch den möglichen Kontakt mit anderen Intelligenzen des Universums. Und wo die amerikanische Regierung ihrer kosmischen Verantwortung nicht gerecht wird, greift noch im Sterben - aus der Schwerelosigkeit der Raumstation MIR - der krebskranke milliardenschwere private Sponsor ein.

Mit Contact ist das Thema des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft auf hohem Niveau in der Massenkultur angelangt. Amerikanische Astrophysiker sagen, Contact sei der unerreichbar genaueste Film über kosmologische Fragen, der jemals aus Hollywood oder sonstwoher kam. Zu verdanken ist er Carl Sagan kurz vor seinem Tod.

Schon mit dem Apollo17-Photo des blauen Planeten aus dem Jahre 1972 entstand im kollektiven Bewußtsein ein anderes Bild von Globalität. Der Blick ins Universum, den heute das Hubble Teleskop ermöglicht, ist noch kaum verarbeitet. Es steht ein Wandel unseres Weltbildes an, der die Ausmaße der Kopernikanischen Wende erreicht. Erinnern wir uns: mit der Kopernikanischen Revolution wurde der Horizont für die Entfaltung der Moderne ausgemessen. Der Mensch mußte sich auf die Existenz in einem insularen Sonnensystem einrichten, inmitten eines unüberquerbaren kosmischen Ozeans. Es wurde diese Isolation im Universum, diese Begrenzheit, welche die Energien der Moderne freisetzte, die diesen Planeten so vollständig umgeformt haben. Bis heute ist die Eroberung des Sonnensystems das Paradigma moderner - also veralteter - Naturwissenschaft.

Gleichzeitig bahnt sich eine neue Sicht auf die Stellung der Menschheit im Kosmos an. Zum postmodernen Prozeß der Globalisierung gehören die Radioteleskope. Die Einsamkeit und Eingegrenztheit der menschlichen Spezies wird in Frage gestellt. Die Massenkultur ist voller solcher Bilder.

In diesen Zusammenhängen bin ich auf Joseph P. Firmage gestoßen. Joe, um die 30, hat mit seiner Firma USWeb in Silicon Valley Milliarden gemacht. Dann stieg er aus. 1999 gründete er die 'International Space Sciences Organization' (ISSO) mit vielen Millionen Dollar Stiftungsgeld. Er glaubt an UFOs, peace, ecology, ethics. Er sieht einen globalen gesellschaftlichen und kulturellen Paradigmenwechsel, ausgelöst durch die Umwälzung unseres kosmologischen Weltbildes. Er benutzt dabei Vorstellungen, Bilder und 'Einsichten' aus den Reservoiren der Massenkultur (aus Star Trek, Akte X, Contact, Science Fiction generell). Seine Schriften stellen einen der umfassendsten New-Age-Textkörper auf dem Internet dar: 'The Word is Truth'.

Nach einem Besuch militärischer Einrichtungen auf Einladung des US-Verteidigungsministeriums zu Zeiten des NATO-Krieges gegen Jugoslawien schrieb VIP Firmage: "Wir sind in den Konflikt in Europa hineingeraten, weil dem internationalen System eine Vision für ein stabiles Zusammenleben der Völker fehlt, die leidenschaftlich verfolgte Idee eines Friedens in Vielfalt...Die Menschheit als System weigert sich, ihren Reichtum in die Jugend und in die Erhaltung der Erde zu investieren. Wir geben Billionen von Dollar jährlich für Armeen aus, um sie in symptomatischen Krisen einzusetzen. Aber wir wollen nicht sehen, daß Kräfte von solcher Größenordnung und operationellen Effektivität umgepolt werden könnten zu Organisationen, die durch weltweite Bildung und friedliche Hilfstätigkeit die Wurzeln menschlichen Leids beseitigen. Voller Stolz könnte das geschehen, als ein erster organisierter Schritt zu einem total social experience of Space and Earth."(13)

Jetzt hat Firmage, gemeinsam mit der Witwe Carl Sagans und der Planetary Society in Hollywood ein Unternehmen für Internet-, TV- und Spielfilmproduktionen gegründet: Project Voyager. Doch behalten wir einen klaren Kopf. Eine Organisation wie ISSO und eine massenkulturelle Produktionsinitiative wie Project Voyager existieren nicht im Machtvakuum. Mit der Anwerbung von hunderten von MitarbeiterInnen, mit dem Aufbau einer Produktionsstruktur sind auch hier wie in jeder massenmedial relevanten Organisation von einschlägigen Diensten wachsame Agenten eingeschleust worden - angesichts der Blauäugigkeit eines Wahrheitssuchers wie Firmage zudem ein Kinderspiel...

Mit anderen Worten: der amerikanische Planetarismus ist zwar auf seine Milliardäre, gerade auch die verrückten oder scheinbar besonders 'individualistischen' - wie etwa auch Ted Turner oder sogar Bill Gates - angewiesen. Aber niemand glaube, daß dieses privat akkumulierte Beeinflussungspotential auf rein privaten Kanälen, unkontrolliert und unorganisiert die öffentliche Bewußtseinssphäre erreicht. Der amerikanische Planetarismus ist nur als ein Geflecht von liaisons dangereuses zu verstehen, die heute selbstverständlich nicht nur am New Yorker Central Park oder im Silicon Valley oder auf den Cayman Islands, sondern auch in Wladiwostok, Monaco und Hamburg geerdet sind. Demgegenüber haben die saudi-arabischen Islamkrieger es nur zu Spinnweben hier und da gebracht.

 

'Global Business Network'

"Im April 1985 ging auf einem Hausboot in Sausalito im Norden von San Francisco 'The WELL' ans Netz, der 'Whole Earth ´Lectronic Link'. In einem geborgten Mini-PC entwickelte sich der Prototyp aller Online-Communities. Stewart Brand, Herausgeber des 'The Whole Earth Catalog', und seine Mannschaft boten Leuten mit Computer und Modem für drei Dollar die Stunde Online-Meetings, die bei Diensten wie Compu-Serve oder The Source ein Vielfaches kosteten. Die Ersten, die sich dafür interessierten, waren die Fans der Rockgruppe 'The Greatful Dead'. Dann trudelte die Cyberprominenz der Bay Area ein, [darunter] Autoren wie Howard Rheingold. In seinem Buch 'Virtual Community' berichtete Rheingold als Erster von den Erfahrungen in [dieser] neuen sozialen Sphäre." Später war er, Rheingold, einer der Architekten von Hot-Wired, dem Netzauftritt des Magazins 'Wired'.(14)

In diesem Milieu gründeten 'The WELL'-Initiator Stewart Brand, der Futurist Peter Schwartz, der Philosoph Jay Ogilvy das Global Business Network (GBN). William Gibson, der Autor des Cyberpunk-Klassikers 'Neuromancer', war dabei, und auch Rheingold irgendwie. Man begann, Ideen für eine hochkarätige Industrieklientel aufzubereiten. Inzwischen kann Stewart Brand, sagt man, mit den Kürzeln für Firmenkonglomerate genauso geschickt hantieren wie früher mit dem Frisbee. "Das Global Business Network", schreibt das Magazin 'brandeins', " ist eine Art Müttergenesungswerk für verdiente 'Digerati', die Mitglieder des digitalen Adels" geworden. "Die erstklassig dotierten Referenten- und Beratungsjobs verhelfen vielen Cyber-VIPs zu Geld und Einfluß."(15)

Cyberpunk für transnationale Konzerne? Wir bewegen uns, würde ich mit Arnold Gehlen sagen, in einer Zone der kulturellen Kristallisation. Dies hat, nach dem Ende der einen Variante der Moderne, des Realsozialismus, etwas mit dem Zögern der Moderne zu tun, sich selbst zu verlassen und endlich Postmoderne zu werden. Eigentlich ist das Ende des Realsozialismus, sagt Immanuel Wallerstein, auch 'The End of Liberalism'. (Wallerstein 1995) Die amerikanische Politologin Susan Buck-Morss meint, "daß das historische Experiment des Sozialismus so tief in der westlichen Modernisierungstradition verwurzelt war, daß seine 'Niederlage' gar nicht umhin kann, die gesamte westliche Narration in Frage zu stellen".(16)

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, daß die Digerati, die sich mit den Powers That Be eingelassen haben, an ein ganz besonderes Herrschaftsmuster der Moderne, an den Stalinismus, anknüpfen(17):

Stalinist
communism

California
ideology

vanguard party

digerati

The Five-Year Plan

The New Paradigm

boy meets tractor

nerd meets Net

Third International

Third Wave

Moscow

Silicon Valley

Prawda

Wired

party line

unique thought

Soviet democracy

electronic town halls

Lysenkoism

memetics

society as factory

society as hive

New Soviet Man

post-humans

Stakhanovite norm busting

overworked contract labor

purges

downsizing

Russian nationalism

California chauvinism


Im 'Global Business Network' (GBN) sind inzwischen rund hundert multinationale Konzerne vereint (60 amerikanische, 30 europäische, 10 aus dem Rest der Welt). Unter anderem verfolgt man die Vision eines weltweiten Netzwerks von 'small businesses'. Das E-Magazin 'Wired' und New Age-Initiativen wie 'The Long Boom' und 'The Long Now Foundation' sind assoziiert. In der San Francisco Bay Area und weltweit werden hochdotierte Seminare angeboten. 'Conspiracy of Heretics' hatte 'Wired' GBN genannt: so ganz stimmt das wohl nicht mehr. Inklusion wurde unvermeidlich. Vor kurzem heuerten die Joint Chiefs of Staff GBN an, um sich Szenarios anfertigen zu lassen über militärische Bedrohungen, die in den nächsten 30 Jahren auf die USA zukommen könnten. Das größte Problem der Militärs dabei war es zu erfahren, wie sie mit mehreren Dekaden des Friedens zurecht kämen(18) - dies Problem allerdings hat sich nach dem 11. September 2001 in Luft aufgelöst.

Die corporate members des GBN interagieren heute mit Künstlern wie Laurie Anderson, Brian Eno, Peter Gabriel. Unter den zahlreichen GBN-Intellektuellen finden sich Francis Fukuyama, Sherry Turkle und Francis Varela. William Gibson spielt eine Rolle als Ideengeber und vor allem Bill Joy von Sun-Microsystems.(19)

Wichtig für ein Verständnis des GBN sind die Projekte 'The Long Boom' und 'The Long Now Foundation'.(20) Es sind intellektuelle Bildungs- und Produktionsprojekte der kalifornischen Kulturindustrie, die eine große Zahl von Wissenschaftlern, Intellektuellen, Künstlern und Managern einbinden. Hier ist die Idee vom 'Ende der Geschichte' zum Programm geworden. 'The Long Boom' erklärt die 40 Jahre von 1980 bis 2020 zur Schlüsselzeit für das nächste Jahrtausend, will aus einer Bestandsaufnahme der Möglichkeiten des Jetzt die 'California Ideology' des digitalen Kapitalismus auf Dauer stellen. 'The Long Now' geht noch einen Schritt weiter und betrachtet die 10 000 Jahre vor und die 10 000 Jahre nach unserer Gegenwart als das Jetzt.

Das ist der ultimative Besitzanspruch des derzeitigen Globalisierungsprozesses (der ein Prozeß der Raumergreifung ist) auf die Zeit - oder, um mit Fredric Jameson zu reden: 'The End of Temporality'.(21)

 

And Beyond

Das Ende der Geschichte also? Die Moderne geht in die Postmoderne über. Das Wesen der Postmoderne liegt in einem Prozeß der kapitalistischen Globalisierung, welcher die Räume umstrukturiert und in reine Energie, in reine Profitenergie verwandelt. Historische Zeit ist nicht mehr vonnöten, auch nicht zur Mehrwertproduktion. Dies läßt sich an der Bewegungsform des Finanzkapitals und an der Bewegungsform des kulturellen Kapitals demonstrieren.

Die Finanzwelt verknüpft täglich über weltweite Computernetze sekundenschnell millionenfach geldwerte Botschaften. Auf dem Finanznetz wird täglich mehr Geld bewegt als alle Zentralbanken zusammen in ihren Reserven haben. Das Geld wird in einem Takt bewegt, der nichts mehr mit dem Zeittakt der industriellen Produktion zu tun hat. Für die Finanzwelt existieren der 'Globus' als eine geographische Größe und die 'materielle Welt' nicht mehr. Die Firma Swatch, angeregt durch Nicolaus Negroponte, entwickelt den 1000er Takt einer Internetzeit. Die abstrakten, völlig losgelösten Finanztransaktionen aber beherrschen den Gang der Welt. Sie verwandeln die Welt und ihre Wirtschaft in eine virtuelle, immaterielle Weltwirtschaft, die inzwischen geschichtslos wie die Phantasiewelt Hollywoods funktioniert.

Das kulturelle Kapital, oder genauer: die kapitalisierte Kultur, wird nicht mehr wie in den 'Culture Wars' der Nachkriegszeit unter die Leute gebracht. Es ist zur Bewegungsform der Tage und Nächte unseres Alltags geworden. Der Titel von Jeremy Rifkins neuem Buch drückt dies angemessen aus: 'Das Zeitalter des Zugriffs: Die neue Kultur des Hyperkapitalismus, die das Leben zu einer rundum zahlungspflichtigen Erfahrung macht' (Rifkin 2000). "AOL-Time Warner, Disney, Viacom und Sony Corp.", schreibt Rifkin, "sind nicht nur Medienkonzerne, sie sind die globalen Kontrolleure des Zugangs zum gesamten Spektrum kultureller Erfahrungen, des Tourismus, der Themenparks und Unterhaltungszentren, des Gesundheitsgeschäfts, von Mode und Cuisine, Sport und Spielen, von Musik und Film und Fernsehen, von Buchverlagen und Zeitschriften...Dadurch, daß sie die Kommunikationskanäle kontrollieren, und dadurch, daß sie die Inhalte formen, die gefilmt, gesendet oder ins Internet plaziert werden, gestalten [sie] die Erfahrungen von Menschen überall auf der Welt. Diese Art der überwältigenden Kontrolle menschlicher Kommunikation ist beispiellos in der Geschichte."(22)

Das alles ist 'The End of Temporality', 'The Long Boom', 'The Long Now', 'kulturelle Kristallisation'. Aber: ist das alles? Ist die Geschichte wirklich zu Ende? Ist das Ganze wirklich ein bunter Kreislauf geworden?

Nicht zuletzt durch die neue Bush-Administration werden wir auf den real existierenden historischen Materialismus der herrschenden Weltmacht gestoßen. Wenn schon nicht die Digerati der Finanzwelt und der Kultur, so haben doch die geerdeten, die rohstoffverbundenen, die wirklichen Machteliten dieser Welt die Geschichte noch im Kopf. Der historische Prozeß scheint durch das Glasperlenspiel der Postmoderne hindurch. Die Machteliten rechnen nach wie vor mit ihm. Und der 11. September 2001 hat sie bestätigt.

Warum wären die USA sonst so sehr an einer National Missile Defense und vor allem an Theater Missile Defenses, weltweit dislozierbar, interessiert? Wären Capitalism und Hypercapitalism ohne Raketenabwehrsysteme denkbar? Und: Raketensysteme, die stehen und drohen, sind, so schrecklich das klingt, reale Vorkehrungen für den Fall, daß die Geschichte sich doch noch regt.(23) Ein weiteres Sicherheitsnetz, nicht in die Himmel, sondern in alle irdischen Winkel reichend, wird nun unter dem allgemeinen Terrorismusverdacht, ausgelöst durch uralte historische Traditionen, noch zusätzlich über die Räume ausgebreitet werden. Es muß bei diesen Hinweisen bleiben: aber hier begänne, und wieder aus Quellen der Science Fiction schöpfend, ein neues Kapitel zum Thema 'Zukunftsvisionen unter dem Aspekt der technologischen Revolution'...

Zum Abschluß will ich deshalb nur ein Zukunftsszenario jenseits der California Ideology erwähnen. Es stammt von Yale-Historiker W. Warren Wagar und handelt von der Rettung der historischen Zeit, zu einem sehr hohen Preis:

Im Jahre 2001 (das Szenario ist von 1990, HJK) kommt es zur Übernahme der Vereinten Nationen durch die Kernstaaten USA/Kanada, Europäische Union, Russische Föderation und Pazifische Gemeinschaft (geführt von Japan). Mit dieser 'Ersten Wiener Übereinkunft' sollen, da die Ausbreitung der Kernwaffen nicht aufzuhalten ist, andere Staaten daran gehindert werden, Kriege auszulösen. Jeder der Kernstaaten kontrolliert eine Treuhandregion des 'Südens'. Diese politische Ordnung ist so erfolgreich, daß 2026 auf einer Zweiten Wiener Konferenz die Vereinten Nationen zu einem 'Staatenbund der Erde' umgebildet werden. Eigentlich aber ist dieser Staatenbund nur Augenwischerei. Denn die wahren globalen Machthaber, die 12 Mega-Konzerne, welche die Weltwirtschaft kontrollieren, hatten zuvor schon das 'Globale Handelskonsortium' gegründet. Das GHK beeinflußt erfolgreich Regierungen und manipuliert die öffentliche Meinung im letzten großen Zeitalter des Kapitalismus. Während einer Weltwirtschaftskrise 2032 zerstreiten sich die Kernstaaten. Zwischen China und den USA entbrennt 2044 ein Atomkrieg, dem sieben Miliarden Menschen zum Opfer fallen. Nach dieser Katastrophe gelingt es der Weltpartei der Sozialisten, einen neuen Weltstaat zu gründen, das Welt-Commonwealth mit Melbourne als Hauptstadt. Sie betreiben zunächst weltweit eine erfolgreiche, populäre Politik für eine demokratische und egalitäre Gesellschaft. Doch Zentralismus und Bürokratie wecken die Sehnsucht der Menschen nach individueller Freiheit und Verschiedenheit. Das führt zum Aufstieg einer neuen radikalen Partei, der 'Small Party', einer Sammlungsbewegung unzufriedener Splittergruppen, die in den globalen Wahlen 2147 einen erdrutschartigen Sieg erringt. Das neue Regime löst das Welt-Commonwealth auf und bildet das 'House of Earth', das allen, die das wollen, einen autonomen Status zubilligt. Daraufhin entstehen auf unserem Planeten 41 000 autonome, sich selbst versorgende Einheiten, mit Einwohnerschaften zwischen einigen hundert und vielen Millionen.(24)

Für Bildungsarbeiter sind 'Zukunftsvisionen unter dem Aspekt der technologischen Revolution' im übrigen nicht mehr ohne den Rekurs auf die Revolution in den Kulturtechniken diskutierbar. Gerade wenn man gegen die intellektuelle Stimmung, die in Kalifornien erzeugt wird, mit Fredric Jameson, der das derzeit wohl am besten kann, Always Historicize! ruft und diesen Ruf durch Reflexion auf die theoretische Sprache und auf das Problem der Repräsentation des historischen Prozesses in die Tat umsetzt, geht das nur mit High-Tech-Formen des kulturellen Kapitals, mit High-Tech-Formen des kulturellen Anti-Kapitalismus.

Das heißt für die 'Rettung der Geschichte' zum Beispiel folgendes. Im Internet, in modernen Ausstellungen und Präsentationen, auf Lehrmittel-CD-ROMs, in den Medien und in der Bildungsarbeit gibt es inzwischen interessante Versuche, geschichtliche Entwicklung visuell darzustellen.(25) Jean-Christophe Victor etwa hat in seinem le dessous des cartes-Projekt (arte) überzeugend demonstriert, welche enorme strategische Bedeutung Afghanistan zukommt für die Sicherung der Erdöl-Flüsse in den Westen, und damit impliziert, worum es 'beiden' oder 'allen' Seiten in der neuen Runde postmoderner Wirtschaftskriege letzten Endes geht.

Besonders augenfällig ist diese 'neo-geopolitische' Tendenz in der Schulung des Personals transnationaler Konzerne, wo Organisationen wie das 'Global Business Network' (s.o.) ihre Trainingsangebote immer umfassender mit visualisierten Zukunfts-Szenarios und dergleichen bestreiten. Der 'Krieg gegen den Terrorismus' wird diese Sicht auf den durchfunktionalisierten globalen Raum zu neuen Gipfeln führen.

Aber auch die Vernunft entwickelt sich weiter. Unter dem Thema 'Virtualisierung als neuer Vergesellschaftungstyp' (Bühl 1997) ist eine intensive Debatte über die Konzepte von Raum und Zeit in Gang gekommen. Auch hier wird mit Visualisierungen operiert und argumentiert. In der Grundlagenforschung sind Millionen-Projekte zur Visualisierung hochgeordneter Strukturen und Prozesse aufgelegt worden.(26) Und schließlich wachsen heute Jugendliche in einem Milieu auf, in dem Orientierung und Information auch durch nicht-euklidische Krümmungen des Cyberspace geprägt sind.

Bildung kann sich diesen Tendenzen nicht verschließen, schon gar nicht, wenn klar ist, daß sie auf Handlungskompetenz in einer Welt gerichtet sein muß, die von den Vorstellungen transnationaler Konzerne geprägt ist, die ihrerseits keinerlei Hemmungen haben, die komplexe Repräsentation der Wirklichkeit visuell zu manipulieren. Evolution, Geschichte, Emanzipationsgeschichte werden gegenwärtig nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt revidiert, jede Alternative zum Kapitalismus zu obskurieren. Die kulturtechnischen Möglichkeiten jedoch verhalten sich neutral.

Der Planet als allgemeiner Arbeitsgegenstand und die Menschheit als ideeller Gesamtarbeiter - diese Ideen des Historischen Materialismus und der in der Science Fiction Literatur ausgemalte, in den Apollo- und MIR-Missionen realisierte und durch die Kulturindustrie zum Topos erhobene view from above: das alles ermöglicht Betrachtungen und Repräsentationen der Menschheitsentwicklung wie niemals zuvor - nicht unbedingt mit dem Blick des Alien, der in der Menschheit nur die Ausbreitung eines Virus auf einem kleinen Himmelskörper am Rande des Universums sieht, aber doch immerhin als die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Observation historischer Prozesse mithilfe, um mit Gotthard Günther zu reden, transklassischer Meßinstrumente, für deren Gesamt ich gerne den Namen 'Histolabium' (zwecks späterer Ausführung) reservieren möchte.(27)

(Update 1.10.01)

 

Literatur

Buck-Morss, Susan: Dreamworld and Catastrophe, MIT Press, Boston 2000

Bühl, Achim: Die virtuelle Gesellschaft. Ökonomie, Politik und Kultur im Zeichen des Cyberspace, Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden 1997

Carmin, E.R.: Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften und Politik im 20. Jahrhundert, München 1997

Günther, Gotthard: Die Entdeckung Amerikas und die Sache mit der Weltraumliteratur, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 1952

Günther, Gotthard: Das Bewußtsein der Maschinen, Agis-Verlag, Baden-Baden u. Krefeld 1963

Günther, Gotthard: Das Problem einer transklassischen Logik, in: Sprache im technischen Zeitalter 16/1965, S. 1287-1308

Herkommer, Sebastian: Von der Power Elite zur neuen Klasse der Bourgeois Bohemians, in: Sozialismus, 10/2000, Supplement 'Macht und Lebensstil'

Jameson, Fredric: Postmodernism or, The Cultural Logic of Late Capitalism, Durham 1991

Jameson, Fredric: The Geopolitical Aesthetic. Cinema and Space in the World System, London 1992

Jameson, Fredric: Postmoderne - zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus, in: Andreas Huyssen, Klaus R. Scherpe (Hg.), Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Hamburg 1993, S. 94f.

Krysmanski, H.J.: Zur Logistik der Globalisierung. Bericht über eine geopolitische Filmexpedition', in: Hans Uske, Hermann Völling u.a. (Hg.), Soziologie als Krisenwissenschaft. Festschrift zum 65. Geburtstag von Dankwart Danckwerts, Lit-Verlag, Münster 1998

Medosch, Achim: Keine Angst vor den globalen Eliten. Die Bilderberg-Konferenzen: Geheime Weltregierung oder seniler Debattierklub?, Telepolis, URL: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/4258/1.html (2000)

Neuhaus, Wolfgang: Die USA als Hort einer planetarischen Kultur?, Telepolis, URL: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/5861/1.html (2000)

de Pury, David / Jean-Pierre Lehmann: Speak Up for Globalization, in: International Herald Tribune, 14 June 2000

Quigley, Carroll: Tragedy and Hope. A History of the World in Our Time, 1966

Rifkin, Jeremy: The Age of Access: The New Culture of Hypercapitalism Where All of Life is a Paid-For Experience; dt. Access. Das Verschwinden des Eigentums, Campus Verlag, Frankfurt/Main 2000

Wagar, W. Warren: A Short History of the Future (1990), 3rd edition, U of Chicago Pr, Chicago 1999

Wallerstein, Immanuel: After Liberalism. New York 1995

 

 
 

Anmerkungen

(1) basiert auf einem Vortrag auf dem Kongress 'Out of this World! - Science Fiction, Politik, Utopie' (http://www.outofthisworld.de/ ); auf meiner Website (http://www.hjkrysmanski.de ) finden sich zahlreiche weitere Hinweise zum Kontext dieser Gedanken

(2) vgl. z.B. das 'Günther Philosophy Web' (http://www.vordenker.de/ggphilosophy/ggphilo.htm ) oder die 'Günther-Site' der Universität Klagenfurt (http://guenther.uni-klu.ac.at/ ); siehe auch Neuhaus (2000)

(3) wegen der schweren Zugänglichkeit des hier zitierten Textes 'Die Entdeckung Amerikas und die Sache mit der Weltraumliteratur'(1952) sei hier auf seine Netzversion verwiesen (http://www.vordenker.de/gunther_web/amerika_sf.htm )

(4) einen kreativen Einblick in Günthers Denken vermittelt ein unveröffentlichter Text von Gernot Brehm, 'Mediengesellschaft und transklassisches Weltbild - Zu Übergangsfragen der westlichen Kultur' (http://www.uni-muenster.de/PeaCon/phantawi/Brehm-Expose.htm )

(5) die umfangreichste Kompilation stammt wahrscheinlich von Daniel Pouzzner (http://www.mega.nu:8080/ampp/ )

(6) Quigley geistert durch viele Conspiracy-Sites; ein erster Einstieg: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/eliten/Quigley.htm

(7) ich habe mit einer Ad-hoc-Gruppe ('Zur Aktualität von C. Wright Mills') des Soziologie-Kongresses 2000 in Köln auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht (http://www.uni-muenster.de/PeaCon/dgs-mills/Millspage.htm )

(8) diese Geschichte gehört zum Repertoire politischer Verschwörungstheoretiker, auch wenn hier Fiktion allmählich in Wahrheit übergeht; vgl. Wood, Daniel: The Wizard of the Baca Grande, in: West Magazine, Alberta, Canada, May 1990

(9) vgl. z.B. Ronald Bailey, Who is Maurice Strong?, in: The National Review, September 1, 1997 (http://www.afn.org/~govern/strong.html )

(10) vgl. vor allem die legendäre Website von Tony Gosling, einem ehemaligen BBC-Reporter (http://www.bilderberg.org ) sowie Achim Medosch (2000)

(11) mit diesem Begriff umschreibt David Brooks einen neuen Typus der amerikanischen Oberschicht, die sanfte Elite der 'Bobos', die in Designer-Jeans und mit New-Age-Gedanken dem alten Machtspiel neue Formen gibt, vgl. z.B. Herkommer (2000)

(12) ich habe über Walter Russell Mead eine Spiegel-TV-Reportage gemacht, als er mit dieser Idee 1993 Sibirien bereiste (http://www.uni-muenster.de/PeaCon/arcdoce/texts/kryssib.html ), vgl. auch Krysmanski (1998)

(13) Firmage wurde 1998 einer breiteren Öffentlichkeit durch den Verkauf seiner Firma USWeb bekannt, vgl. Michael Krantz, 'From IPOs to UFOs', Time Magazine, 1 February 1999; Joel Achenbach, 'The CEO from Cyberspace', Washington Post, 31 March 1999; weitere Artikel unter: http://www.paradigmclock.com/firmage/Firmage_Links_Page.htm ; aktueller: http://www.firmage.org/ ; kritische Informationen: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/phantawi/seti/firmage.htm

(14) vgl. das Online-Magazin brandeins (http://www.brandeins.de/magazin/archiv/2000/ausgabe_02/realitaet/artikel4_2.html )

(15) ebenda

(16) zitiert nach Andrei Denejkine, Traumwelten und Katastrophen. Das politische Imaginäre der Moderne - ein Portrait der Politologin Susan Buck-Morss, Frankfurter Rundschau, 28.11.2000; vgl. Buck-Morss (2000)

(17) das Schema stammt von Richard Barbrook, Cyber-Communism: how the Americans are superseding capitalism in cyberspace (http://www.nettime.org/nettime.w3archive/199909/msg00046.html )

(18) GBN unterhält eine komplexe und instruktive Website (http://www.gbn.org/ ); einen guten Überblick über die Frühphase der Entwicklung bietet der Artikel 'Conspiracy of Heretics' aus 'Wired' (http://wirednews.com/wired/archive/2.11/gbn.html )

(19) vgl. z.B. Michael Kohler, In jedem steckt ein Nanoboter. Eine Düsseldorfer Tagung suchte Antworten auf die von Bill Joy beschworene Technokratie, Frankfurter Rundschau, 6.12.2000

(20) die entsprechenden Websites sind: The Long Boom (http://www.longboom.org/ ); The Long Now Foundation (http://www.longnow.org/ )

(21) so der Titel eines Vortrags von Jameson, den er im Oktober 2000 an der Universität Nürnberg-Erlangen gehalten hat

(22) Jeremy Rifkin, The New Capitalism Is About Turning Culture Into Commerce, International Herald Tribune, January 17, 2000

(23) die besten Informationen zu diesem Thema finden sich auf der Website der Federation of American Scientists (FAS): http://www.fas.org/spp/starwars/program/nmd/index.html

(24) vgl. Wagar (1999); die Zusammenfassung des Szenarios nach einem Papier von Kurt P. Tudyka, Globalisierung: ein utopisches Mitbringsel für das 21. Jahrhundert (http://www.uni-muenster.de/PeaCon/eliten/Tudyka.htm )

(25) aus dem umfangreichen Angebot hier nur Hinweise auf die arte-Sendung 'Mit offenen Karten' von Jean-Christophe Victor (http://w3.arte-tv.com/ledessousdescartes/html/indexmag.html ), das Millennium-Special von CNN (http://www.cnn.com/SPECIALS/1999/millennium/ ), den Microsoft Encarta Weltatlas sowie Arno Peters 'Synchronoptische Weltgeschichte' (http://www.zweitausendeins.de/Peters/Peters_index.htm ), mit deren Netzversion derzeit experimentiert wird (http://userpage.fu-berlin.de/~rpatzig/history/readme.htm )

(26) vgl. z.B den NRW-Forschungsverbund Visualisierungstrategien zur Strukturierung, 'Kartierung' und Exploration hochdimensionaler Räume dynamischer Daten. Ein Überblick: http://www.comnets.rwth-aachen.de/Schnelle-Netze/Verbund/mmverbund.html

(27) unter dem trademark 'Histolabium' kommen derzeit in einer Arbeitsgruppe Überlegungen zusammen zu computergrafischen Visualisierungen von gesellschaftlich-historischen Strukturprozessen, Modellierungen von 'Zeit', Algorithmen der Konstruktion, Klassifikation und Visualisierung hochgeordneter räumlicher Strukturen und Prozesse usw. Spielerisches findet sich auch unter: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/histomat/histomat.htm

 

 
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