Varianten des amerikanischen Planetarismus
Rockefeller, Independence Day, Contact and Beyond...
Beitrag von H.J. Krysmanski für den Kongress 'Out of this World'

   

zur erweiterten DRUCK-FASSUNG

 

Amerikanischer
Planetarismus

Government Denies Knowledge
Phantastische Wissenschaft
Wolfgang Neuhaus über Gotthard Günther: Die USA als Hort einer planetarischen Kultur? dazu Günthers Original


Für den Philosophen Gotthard Günther (1900-1984), der heute heiss gehandelt wird (
uni-klagenfurtvordenker.de / Gernot Brehm), gibt es drei grosse Welt-Epochen.
Erstens: die Epoche einer primitiven Globalzivilisation vor dreissig-/vierzigtausend Jahren, als mutige, ausdauernde Jäger und Sammler den Planeten umwanderten - bei einer täglichen Marschdistanz von 10 Kilometern hätten die Frühmenschen schliesslich - theoretisch - die Erde im Laufe von 23 Jahren zweimal umrunden können...
Zweitens: die Epoche der Hochkulturen des Orient und Okzident, in der sich gerade auf der Grundlage der Einhegung, der regionalen Begrenzung - sozusagen die Tiefen und nicht die Flächen erkundend - das entwickelte, was wir bis heute mit dem Begriff der Kultur verbinden möchten...
Die dritte Welt-Epoche beginnt mit der Entdeckung der neuen Welt, mit dem 'neuen Himmel und der neuen Erde' Amerikas...

"Es scheint den Tatsachen zu entsprechen", schreibt Günther in den 50er Jahren, "daß der amerikanische Kontinent das Wesentliche aller Hochkulturen der anderen Halbkugel zurückweist. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht darin, daß Amerika sich etwa dagegen sträubt, sich von einem primitiven geschichtlichen Niveau auf ein höheres hinaufheben zu lassen, oder daß es schicksalhaftere Formen des kulturellen Lebens ablehnt." - Vielmehr scheint Amerika "lediglich solche Formen des geschichtlichen Lebens anzunehmen und zu ertragen, die wirklich planetarischen Umfanges sind."

"Es sieht nun so aus," resümiert Günther, "als stehe eine neue geschichtliche Epoche von globaler Ausdehnung bevor. Trifft dies zu, so wird die nächste Hochkultur die erste ohne regionale Grenzen sein. Sie wird sich über die ganze Erde verbreiten und eine dritte Epoche der Weltgeschichte einführen: die Ära planetarischer Zivilisationen."

Gotthard Günther schrieb dies in einem seiner berühmten Vorworte zu 'Rauchs Weltraumbüchern', die in den 50er Jahren amerikanische Science Fiction erstmals in Deutschland bekannt machten. Er sah die Science Fiction Literatur als den Vorboten der Kultur dieser dritten Welt-Epoche. Science Fiction war für Günther überdies die bislang einzige originäre amerikanische Kulturleistung. Und in den Kolportagemagazinen und Zehncentromanen der 40er und 50er Jahre - zu einer Zeit, als der Begriff der Weltherrschaft in vieler Munde war - entwickelte sich in Amerika und nirgendwo sonst tatsächlich ein eigenartiger Blick auf diesen Planeten: ahnungslos, was die tieferen Traditionen der Hochkulturen, ahnungsvoll, was eine technische Zukunftskultur betraf.

Die jugendlichen Schmökerer von damals aber und vor allem die jugendlichen Konsumenten der televisionären Massenkultur, die sich aus jener ersten Science Fiction Quelle speiste, sind heute die Chefs der NASA, der CIA und der NSA. Sie leiten die Profitmaschinen von Hollywood und die amerikanischen transnationalen Konzerne. Die planetarischen Antizipationen der frühen Science Fiction liegen wie Nebelschwaden über Microsoft und AOL.

Gotthard Günther war zusammen mit John von Neumann und Heinz von Förster - unmittelbar nach dem Krieg in Diensten der US Air Force - maßgeblich an der Entwicklung der Kybernetik-Theorie beteiligt. Seine Geschichtsmetaphysik läuft auf die Bestimmung einer kommenden Epoche hinaus, in der nicht mehr die zweiwertige Logik der Menschen, sondern die mehrwertigen Logiken der Maschinenwelt dominieren. Die Übertragung von Bewusstseinsoperationen an Denkmaschinen leitet in gewisser Weise eine Überstufung des Menschen, einen Identitätswechsel ein. Dies werde sich in einer völligen Neustrukturierung des gesellschaftlich relevanten Raum-Zeit-Kontinuums ausdrücken. In diesen neuen Räumen würden dann auch Phänomene, die bisher als Wunder galten, eine technische Basis finden (vgl. Gernot Brehm).

Ich muss Gotthard Günther verlassen ohne ihm Genüge getan zu haben. Nur eines sollte klar sein: die Neustrukturierung des planetarischen Raumes, das Versprechen einer Welt der Wunder und das Ende der bisherigen Geschichte stehen auch auf den Fahnen von Microsoft und Sun-Microsystems und anderen amerikabasierten Giganten des digitalen Metaversums.

 

 

 

 

Rockefeller

'23'
Conspiracy-Site to end all Conspiracy-Sites
www.bilderberg.org

Die Plage unseres sogenannten wissenschaftlichen Zeitalters sind Natur- und Weltbeherrschungsphantasien. Lange glaubte man, dieses Problems durch öffentlichen Diskurs und demokratische Vorkehrungen Herr zu werden. Doch der kapitalistische Zugriff auf die Informations- und Kommunikationstechnologien zerstört demokratische Öffentlichkeit. Es bleibt - von Alexander Kluge bis Andy Müller-Maguhn - die Hoffnung auf subversive Unterwanderungen der kapitalistischen Produktionsöffentlichkeit.

Auf der anderen Seite lautet ein zentraler Mythos der Massenkultur: kleine Zirkel ungeheuer reicher und mächtiger Privatmenschen (die letzten wahren Privatmenschen überhaupt) - vor allem mehr oder minder böse, superreiche Amerikaner - beherrschten diese Welt. Kann man da widersprechen? Dagobert Duck hat uns darauf eingestimmt, dass praktischer Planetarismus in weltbeherrschender Absicht am besten in einzelnen Köpfen blüht, die bis über dem Schopf in Geld schwimmen. Grössenwahn heisst der aus solchen Lagen erwachsende psychische Zustand, der auch manchen Theoretikern nicht fremd ist (vgl. 'Eat the Rich'). Das alles gipfelt noch immer in der Weltverschwörung, der einst John D. Rockefeller seine Milliarden eingehaucht haben soll (Daniel Pouzzner).

Durch den massenkulturellen Untergrund (mehr hier) geistern u.a. die Vorstellungen von Caroll Quigley, den Bill Clinton zu seinen Mentoren zählt. Quigley ('Tragedy and Hope') beschreibt z.B. das Council on Foreign Relations als eine von vielen Tarnorganisationen, die eine internationale Elite von Bankern, Industriellen und anderen Mächtigen aufgebaut hat, um eine neue Weltordnung, "ein Weltsystem finanzieller Kontrolle auf feudaler Basis in Privathänden zu schaffen, dem es möglich wäre, jedes politische System in jedem Land zu beherrschen." Die Templer und die Illuminati dürfen dabei nicht fehlen. Umberto Eco hat sich mit seinem 'Foucaultschen Pendel' fast um seinen Ruf geschrieben, weil er weit unterhalb des wirklichen Ausbaustands bliebt, den dieses Wahngeflecht in den neuen Massenmedien erreicht hat, bis zu Strategiespielen wie WarZone und Computerspielen wie Gabriel Knight. Aber: muss ich es noch sagen? Auch in ernsthaften Köpfen wird der allgemeine Verschwörungsverdacht zum akzeptablen Erklärungsmuster für Weltvorgänge (vgl. MS-Conspiracy-Site).

Vor einigen Jahren vertraute der Co-Chairman des Rates des World Economic Forum in Davos, Maurice Strong, einem Reporter die groben Umrisse eines utopischen Romans an, den er, Strong, gern zu Papier brächte. Jeden Februar kämen ja in Davos über tausend Chief Executive Officers, Regierungschefs, Finanzminister und führende Wissenschaftler zusammen, um den Gang der Welt für das folgende Jahr zu besprechen. "Was würde passieren", so Strong, "wenn eine kleine Gruppe aus dieser großen Runde zu dem Schluß käme, daß das Wohlergehen der Erde in erster Linie durch die reichsten Industrieländer gefährdet sei?...Um den Planeten zu retten, entscheidet die Gruppe, es sei ihre Pflicht, den Zusammenbruch der westlichen Zivilisation herbeizuführen!" Maurice Strong redet sich heiß: "Diese kleine Gruppe von world leaders bildet also eine Verschwörung mit dem Ziel, die Weltwirtschaft aus dem Lot zu bringen. Es ist Februar. Alle entscheidenden Leute sind in Davos. Die Verschwörer gehören zur Führungselite der Welt. Sie haben sich in den globalen Waren- und Aktienmärkten positioniert. Mittels ihres Zugangs zu den Finanzmärkten, zu den Computernetzen und zu den Goldreserven erzeugen sie eine Panik. Dann verhindern sie, daß überall auf der Welt die Finanzmärkte schließen. Sie blockieren das Getriebe. Sie heuern Söldner an, welche die übrigen Konferenzteilnehmer in Davos als Geiseln festhalten. Die Märkte bleiben offen..." Der Reporter kann seine Überraschung nicht verbergen. Maurice Strong, Co-Chairman des Rates des World Economic Forum, kennt diese Weltelite. Er sitzt im Zentrum der Macht. Er könnte das alles tatsächlich in Gang bringen. Strong fängt sich und schließt: "Ich sollte so etwas eigentlich gar nicht sagen."

Dieser kanadische Milliardär Maurice Strong, eine Figur für sich, hat es aber nun einmal gesagt. Er liegt damit auch mitten im Trend. In den Denkfabriken und Netzwerken der transnationalen Konzernwelt wird längst der Umgang mit den nicht vorhersehbaren Dynamiken des Globalisierungsprozesses geübt. Ökonomische und kulturelle Geopolitik ist zu Science Fiction, Science Fiction zu ökonomischer und kultureller Geopolitik geworden...

Auch das 'World Economic Forum' fördert Träumer wie Joseph P. Firmage oder Cyberpunkgründungen wie das Global Business Network (ich komme auf beide zurück). Und was im 'Bilderberg Club' (dem Bernt Engelmann einst den Schlüsselroman 'Hotel Bilderberg' widmete) vorgehen wird, wenn die Bourgeois Bohemians Einzug halten, wäre die Verwandlung in ein Mäuschen wert, desgleichen bei der 'Trilateral Commission'. Sicher wird dort und in ähnlichen Organisationen wie der 'International Chamber of Commerce' oder dem 'Business Industry Advisory Committee' der OECD vor allem brutalste Interessenpolitik gemacht. Doch imaginative Aufrüstung ist das Motto der Stunde, für ehrwürdige Zusammenschlüsse wie die Mont Pelerin Society ebenso wie für die neue Evian Group , die mit einem grandiosen Phantasiekonzept vorangeprescht ist: der Forderung nach einer Global Corporate Statesmanship. Ich werde auch dies nachher noch kommentieren. Und schliesslich das 'Council on Foreign Relations': hier ist ein Phantast, Walter Russell Mead, der mit dem Vorschlag, die USA sollten Sibirien kaufen, bekannt geworden ist, gerade senior fellow und director of research geworden...

 

Independence Day

The Movie
Space Invaders

 

Weltherrschaft und Massenkultur gehen zusammen, ob man das von oben oder von unten sieht. Am Anfang aller massenkulturellen Herrschaftskompetenz steht die Fähigkeit des Umgangs mit Allegorien im Sinne komplexer ästhetischer Repräsentation von Wirklichkeit. Allegorien vermögen, indirekt und lateral, verschiedene Informationsschichten ineinanderzuschachteln. ”Will man etwas Ökonomisches sagen, sollte man es mit politischem Material tun. Steht etwas Politisches an, helfen Rohdaten aus der Ökonomie.” (Jameson 1992: 67) Und hilft das alles nichts, hilft ein gemeinsamer Feind aus dem Weltraum.

Fredric Jameson hat den Begriff der geopolitischen Ästhetik - basierend auf Filmanalysen - für die Auseinandersetzung mit dem Globalisierungsprozess von unten her entwickelt. Globalisierung: das ist der Versuch der Insertierung der amerikanische Perspektive in die übrigen Regionen der Welt. Es ist aber ebenso deutlich, daß dieses global agierende Amerika längst auch gezwungen worden ist, ”die nationale Allegorie in ein konzeptuelles Instrument umzuformen, das tatsächlich dazu taugt, unser aller neues In-der-Welt-Sein zu begreifen.” (Jameson 1992: 3)

Zumindest ein Teil der amerikanischen Eliten, der interessantere Teil (zu dem auch Mead gehört), hat die Welterklärungs-Schemata des Kalten Krieges, des Trikontismus usw. abgelegt. Man stösst zu Globalmodellen vor, die einerseits etwas vom kolonialistischen Blick der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben (Mr. Bush), die andererseits aber, wie die Entwicklung in den Denkfabriken und Netzwerken zeigt (Mr. Gore), schon an die komplexen Allegorien der Science Fiction Literatur und eben auch der Hollywoodproduktion erinnern.

Für Jameson schälen sich aus der allegorischen Praxis amerikanischer Filme, die Politik und Ökonomie thematisieren, zwei ästhetische Prinzipien heraus, die beide sowohl kulturökonomischen Erfolg als auch aufklärende Annäherung an den tiefen Strukturwandel der postmodernen Gesellschaft versprechen.

Das eine Prinzip ist das eines tastenden, dem elektronischen Scannen und den netzgestützten Suchprogrammen verwandten 'Blicks von oben', aus der Kreislaufbahn, der nichts mehr gemein hat mit der zentralistischen Selbstgewißheit hegemonialer Mächte. Das andere Prinzip nennt Jameson die 'Figuration der Konspiration', das Spiel mit dem Verschwörungsverdacht. Ich konzentriere mich an dieser Stelle auf das erste Prinzip.

Dem deutschen Hollywoodfilmer Roland Emmerich ist es gelungen, diesen view from above - recht eigentlich den Blick der postmodernen globalen Eliten - in aller Naivität in die gewaltigen Raumschüsseln der Aliens zu projizieren, die in Independence Day rohstoffgierig über allen strategischen Punkten unseres Planeten schweben. Er hat damit eine vollkommene Allegorie der tatsächlichen ökonomischen und politischen Verhältnisse geliefert.

Roland Emmerichs Schema ist einfach und einleuchtend. Weltgefährdung erfolgt durch Alien Spaceships. Hinter dieser allegorischen Verkleidung sind unschwer die realen Rohstoffkonzerne zu erkennen. Die Welt sieht aus dieser Perspektive in der Tat völlig anders aus: ihre Räume sind, um es kurz zu machen, funktional restrukturiert. Es gibt keine nationalen Grenzen, keine Kulturregionen mehr, der Planet ist in rohstoff- und einflußstrategische Zonen aufgeteilt. Die Menschheit blickt nach Washington.

Im Film 'Independence Day' naht die Rettung - allegorisch sogar die Rettung vor der reinen Profitgier - in Gestalt einer frappierenden Kombination amerikanischer Helden: eines heldenhaften Präsidenten, der seine Vergangenheit als Kampfpilot entdeckt, eines Black Panthers, der seine Bestimmung als Kampfpilot gefunden hat, und des unvermeidlichen Jeff Goldbloom als Nice Jewish Professor. Ihre hübschen Frauen nicht zu vergessen.

Diesem praktischen Planetarismus für schlichte Gemüter fügte ein anderer deutscher Hollywood-Regisseur, Wolfgang Peters, mit 'Air Force One' wenig später noch eine andere Nuance hinzu: planetarischer Terrorismus, zu dem sich US-Präsident Harrison Ford durch böse regionale Terroristen genötigt sieht, ist gut; regionaler Terrorismus, durch planetarischen Terrorismus ausgelöst, muss mit allen Mitteln ausgelöscht werden. So wird der Globus allmählich zu einer beliebig formbaren Masse, die in reine Energie übergeht...

Folglich kann es beim schlichten Planetarismus nicht bleiben (auch wenn uns traditionelles Macht- und Herrschaftshandeln weiterhin beschäftigen muss). Denn typisch für die gegenwärtige Erkenntnissituation ist die Krise des geometrischen, euklidischen Raumverständnisses und der bisherigen Raumerfahrung. Jameson sagt dazu, "daß es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit, daß es mit diesem Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit des Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren, seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung zu strukturieren und kognitiv seine Position in einer vermeßbaren äußeren Welt durch Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen." Die Hyperräume stellen eine unvermeidliche historische und sozio-ökonomische Realität dar. Der Cyberspace, so Jameson, ist "die dritte große neuartige und weltweite Expansion des Kapitalismus." ...

   

'Contact' und 'ISSO'

'Contact'
Firmage-Page

ISSO
kritische Firmage-Site
PROJEKT

Auch in einem, was das postmoderne Weltbild angeht, Schlüsselfilm wie 'Contact' ist es ein Milliardär, der planetarisch agiert. Dieses Mal auf Seiten einer Menschheitsethik im Spannungsfeld von Wissenschaft und Religion. 'Contact' ist ein Film über eine nicht an Kosten-Nutzen-Kalkülen hängende SETI-Forschung und damit über die Horizonte wissenschaftlicher Forschung selbst. Auch dieser Film allegorisiert die Umstrukturierung der Räume der Erde, nicht nur durch wormholes, sondern durch den möglichen Kontakt mit anderen Intelligenzen des Universums. Und wo die amerikanische Regierung ihrer kosmischen Verantwortung nicht gerecht wird, greift noch im Sterben - aus der Schwerelosigkeit der Raumstation MIR - der krebskranke private Sponsor ein.

Mit 'Contact' ist das Thema des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft auf hohem Niveau in der Massenkultur angelangt. Amerikanische Astrophysiker sagen, 'Contact' sei der unerreichbar genaueste Film über kosmologische Fragen, der jemals aus Hollywood oder sonstwoher kam. Zu verdanken ist er dem krebskranken Carl Sagan kurz vor seinem Tod.

Schon mit dem Apollo17-Photo des blauen Planeten aus dem Jahre 1972 entstand im kollektiven Bewußtsein ein anderes Bild von Globalität. Der Blick ins Universum, den heute das Hubble Teleskop ermöglicht, ist noch kaum verarbeitet. Es steht ein Wandel unseres Weltbildes an, der die Ausmaße der Kopernikanischen Wende erreicht.

Erinnern wir uns: mit der Kopernikanischen Revolution wurde der Horizont für die Entfaltung der Moderne ausgemessen. Der Mensch mußte sich auf die Existenz in einem insularen Sonnensystem einrichten, inmitten eines unüberquerbaren kosmischen Ozeans. Es wurde diese Isolation im Universum, diese Begrenzheit, welche die Energien der Moderne freisetzte, die diesen Planeten so vollständig umgeformt haben. Bis heute ist die Eroberung des Sonnensystems das Paradigma moderner - also veralteter - Naturwissenschaft.

Gleichzeitig bahnt sich eine neue Sicht auf die Stellung der Menschheit im Kosmos an. Zum postmodernen Prozeß der Globalisierung gehören die Radioteleskope. Die Einsamkeit und Eingegrenztheit der menschlichen Spezies wird in Frage gestellt. Die Massenkultur ist voller solcher Bilder.

In diesen Zusammenhängen bin ich auf Joseph P. Firmage gestossen. Joe, um die 30, hat mit seiner Firna USWeb in Silicon Valley Milliarden gemacht. Dann stieg er aus. 1999 gründete er die 'International Space Sciences Organization' ISSO mit hunderten von Millionen Dollar Stiftungsgeld. Er glaubt an UFOs, peace, ecology, ethics. Er sieht einen globalen gesellschaftlichen und kulturellen Paradigmenwechsel, ausgelöst durch die Umwälzung unseres kosmologischen Weltbildes. Er benutzt dabei Vorstellungen, Bilder und 'Einsichten' aus den Reservoiren der Massenkultur (aus Star Trek, Akte X, 'Contact', Science Fiction generell). Seine Schriften stellen einen der umfassendsten New-Age-Textkörper auf dem Internet dar: 'The Word is Truth'.

Nach einem Besuch militärischer Einrichtungen auf Einladung des US-Verteidigungsministeriums zu Zeiten des NATO-Krieges gegen Jugoslawien schrieb VIP Firmage: "Wir sind in den Konflikt in Europa hineingeraten, weil dem internationalen System eine Vision für ein stabiles Zusammenleben der Völker fehlt, die leidenschaftlich verfolgte Idee eines Friedens in Vielfalt...Die Menschheit als System weigert sich, ihren Reichtum in die Jugend und in die Erhaltung der Erde zu investieren. Wir geben Billionen von Dollar jährlich für Armeen aus, um sie in symptomatischen Krisen einzusetzen. Aber wir wollen nicht sehen, daß Kräfte von solcher Größenordnung und operationellen Effektivität umgepolt werden könnten zu Organisationen, die durch weltweite Bildung und friedliche Hilfstätigkeit die Wurzeln menschlichen Leids beseitigen. Voller Stolz könnte das geschehen, als ein erster organisierter Schritt zu einem total social experience of Space and Earth."

Jetzt hat Firmage, gemeinsam mit der Witwe Carl Sagans und der Planetary Society in Hollywood ein Unternehmen für Internet-, TV- und Spielfilmproduktionen gegründet: Project Voyager. Doch behalten wir einen klaren Kopf. Eine Organisation wie ISSO und eine massenkulturelle Produktionsinitiative wie Project Voyager existieren nicht im Machtvakuum. Mit der Anwerbung von hunderten von MitarbeiterInnen, mit dem Aufbau einer Produktionsstruktur sind auch hier wie in jeder massenmedial relevanten Organisation von einschlägigen Diensten wachsame Agenten eingeschleust worden...angesichts der Blauäugigkeit eines Wahrheitssuchers wie Firmage zudem ein Kinderspiel...

Mit anderen Worten: der amerikanische Planetarismus ist zwar auf seine Milliardäre, gerade auch die verrückten oder scheinbar besonders 'individualistischen' - wie etwa auch Ted Turner oder sogar Bill Gates - angewiesen. Aber niemand glaube, dass dieses privat akkumulierte Beeinflussungspotential auf rein privaten Kanälen, unkontrolliert und unorganisiert die öffentliche Bewusstseinssphäre erreicht...

Der amerikanische Planetarismus ist nur als ein Geflecht von liaisons dangereuses zu verstehen, die heute selbstverständlich nicht nur am New Yorker Central Park oder imSilicon Valley oder auf den Cayman Islands, sondern auch in Wladiwostok, Monaco und Hamburg geerdet sind.

 

 

'Global Business Network'

The Long Boom
GBN according to WIRED '94

"Im April 1985 ging auf einem Hausboot in Sausalito im Norden von San Francisco "The WELL" ans Netz, der "Whole Earth ´Lectronic Link". In einem geborgten Mini-PC entwickelte sich der Prototyp aller Online-Communities. Stewart Brand, Herausgeber des "The Whole Earth Catalog", und seine Mannschaft boten Leuten mit Computer und Modem für drei Dollar die Stunde Online-Meetings, die bei Diensten wie Compu-Serve oder The Source ein Vielfaches kosteten. Die Ersten, die sich dafür interessierten, waren die Fans der Rockgruppe "The Greatful Dead". Dann trudelte die Cyberprominenz der Bay Area ein, [darunter] Autoren wie Howard Rheingold. In seinem Buch "Virtual Community" berichtete Rheingold als Erster von den Erfahrungen in [dieser] neuen sozialen Sphäre. [Später war er, Rheingold] einer der Architekten von Hot-Wired, dem Netzauftritt des Magazins "Wired" (Quelle: brandeins Magazin)

In diesem Milieu gründeten 'the WELL'-Initiator Stewart Brand, der Futurist Peter Schwartz, der Philosoph Jay Ogilvy das Global Business Network (GBN). William Gibson war dabei, und auch Rheingold irgendwie. Man begann, Ideen für eine hochkarätige Industrieklientel aufzubereiten. Inzwischen kann Stewart Brand, sagt man, mit den Kürzeln für Firmenkonglomerate genauso geschickt hantieren wie früher mit dem Frisbee. "Das Global Business Network", schreibt das Magazin 'brandeins', " ist eine Art Müttergenesungswerk für verdiente 'Digerati', die Mitglieder des digitalen Adels" geworden. "Die erstklassig dotierten Referenten- und Beratungsjobs verhelfen vielen Cyber-VIPs zu Geld und Einfluss."

Cyberpunk für transnationale Konzerne? Wir bewegen uns, würde ich mit Arnold Gehlen sagen, in einer Zone der kulturellen Kristallisation. Dies hat, nach dem Ende der einen Variante der Moderne, des Realsozialismus, etwas mit dem Zögern der Moderne zu tun, sich selbst zu verlassen und endlich Postmoderne zu werden. Eigentlich ist das Ende des Realsozialismus, sagt Immanuel Wallerstein, auch 'The End of Liberalism'. Die amerikanische Politologin Susan Buck-Morss (Dreamworld and Catastrophe, MIT Press 2000) meint, "dass das historische Experiment des Sozialismus so tief in der westlichen Modernisierungstradition verwurzelt war, dass seine 'Niederlage' gar nicht umhin kann, die gesamte westliche Narration in Frage zu stellen".

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass die Digerati, die sich mit den Powers That Be eingelassen haben, sich an einem ganz besonderen Herrschaftsmuster der Moderne, am Stalinismus, orientieren - sagt Richard Barbrook:

Stalinist
communism

California
ideology

vanguard party
digerati
The Five-Year Plan
The New Paradigm
boy-meets tractor
nerd-meets-Net
Third International
Third Wave
Moscow
Silicon Valley
Prawda
Wired
party line
unique thought
Soviet democracy
electronic town halls
Lysenkoism
memetics
society as factory
society-as-hive
New Soviet Man
post-humans
Stakhanovite norm busting
overworked contract labor
purges
downsizing
Russian nationalism
California chauvinism

Im 'Global Business Network' (GBN) sind inzwischen rund hundert multinationale Konzerne vereint (60 amerikanische, 30 europäische, 10 aus dem Rest der Welt). Unter anderem verfolgt man die Vision eines weltweiten Netzwerks von 'small businesses'.Das E-Magazin 'Wired' und New Age-Initiativen wie 'The Long Boom' und 'The Long Now Foundation' sind assoziiert. In der San Francisco Bay Area und weltweit werden hochdotierte Seminare angeboten. 'Conspiracy of Heretics' hatte 'Wired' GBN genannt: so ganz stimmt das wohl nicht mehr.

Vor kurzem heuerten die Joint Chiefs of Staff GBN an, um sich Szenarios anfertigen zu lassen über militärische Bedrohungen, die in den nächsten 30 Jahren auf die USA zukommen könnten. Das grösste Problem der Militärs dabei war es zu erfahren, wie sie mit mehreren Dekaden des Friedens zurecht kommen könnten. (Wired).

Die corporate members des GBN interagieren heute mit Künstlern wie Laurie Anderson, Brian Eno, Peter Gabriel. Unter den zahlreichen GBN-Intellektuellen finden sich Francis Fukuyama, Sherry Turkle und Francis Varela. William Gibson spielt eine Rolle und vor allem Bill Joy von Sun-Microsystems.

Wichtig für ein Verständnis des GBN sind die Projekte 'The Long Boom' und 'The Long Now Foundation'. Hier ist die Idee vom 'Ende der Geschichte' zum Programm geworden. 'The Long Boom' erklärt die 40 Jahre von 1980 bis 2020 zur Schlüsselzeit für das nächste Jahrtausend, will aus einer Bestandaufnahme der Möglichkeiten des Jetzt die 'California Ideology' des digitalen Kapitalismus auf Dauer stellen. 'The Long Now' geht noch einen Schritt weiter und betrachtet die 10 000 Jahre vor und die 10 000 Jahre nach unserer Gegenwart als das Jetzt.

Das ist der ultimative Besitzanspruch des derzeitigen Globalisierungsprozesses, der ein Prozess der Raumergreifung ist, auf die Zeit - oder, um mit Fredric Jameson zu reden: 'The End of Temporality'.

Who's Who in GBN ('Wired', 1994)

 

 

And Beyond

 

Das Ende der Geschichte also? Die Moderne geht in die Postmoderne über. Das Wesen der Postmoderne liegt in einem Prozess der kapitalistischen Globalisierung, welcher die Räume umstrukturiert und in reine Energie, in reine Profitenergie verwandelt. Historische Zeit ist nicht mehr vonnöten, auch nicht zur Mehrwertproduktion.

Dies lässt sich demonstrieren:
- an der Bewegungsform des Finanzkapitals,
- an der Bewegungsform des kulturellen Kapitals

Die Finanzwelt verknüpft täglich über weltweite Computernetze sekundenschnell millionenfach geldwerte Botschaften. Auf dem Finanznetz wird täglich mehr Geld bewegt als alle Zentralbanken zusammen in ihren Reserven haben. Das Geld wird in einem Takt bewegt, der nichts mehr mit dem Zeittakt der industriellen Produktion zu tun hat. Für die Finanzwelt existieren der 'Globus' als eine geographische Größe und die 'materielle Welt' nicht mehr. Die Firma Swatch, angeregt durch Nicolaus Negroponte, entwickelt den 1000er Takt einer Internetzeit. Die abstrakten, völlig losgelösten Finanztransaktionen aber beherrschen den Gang der Welt. Sie verwandeln die Welt und ihre Wirtschaft in eine virtuelle, immaterielle Weltwirtschaft, die inzwischen geschichtslos wie die Phantasiewelt Hollywoods funktioniert.

Das kulturelle Kapital, oder genauer: die kapitalisierte Kultur, wird nicht mehr wie in den 'Culture Wars' der Nachkriegszeit unter die Leute gebracht. Es ist zur Bewegungsform der Tage und Nächte unseres Alltags geworden. Der Titel von Jeremy Rifkins neuem Buch drückt dies angemessen aus: 'Das Zeitalter des Zugriffs: Die neue Kultur des Hyperkapitalismus, die das Leben zu einer rundum zahlungspflichtigen Erfahrung macht' ('The Age of Access: The New Culture of Hypercapitalism Where All of Life Is a Paid-For Experience'). "AOL-Time Warner, Disney, Viacom und Sony Corp.", sagt Rifkin, "sind nicht nur Medienkonzerne, sie sind die globalen Kontrolleure des Zugangs zum gesamten Spektrum kultureller Erfahrungen, des Tourismus, der Themenparks und Unterhaltungszentren, des Gesundheitsgeschäfts, von Mode und Cuisine, Sport und Spielen, von Musik und Film und Fernsehen, von Buchverlagen und Zeitschriften...Dadurch, dass sie die Kommunikationskanäle kontrollieren, und dadurch, dass sie die Inhalte formen, die gefilmt, gesendet oder ins Internet plaziert werden, gestalten [sie] die Erfahrungen von Menschen überall auf der Welt. Diese Art der überwältigenden Kontrolle menschlicher Kommunikation ist beispiellos in der Geschichte."

Das alles ist 'The End of Temporality', 'The Long Boom', 'The Long Now', 'kulturelle Kristallisation'. Aber: ist das alles? Ist die Geschichte wirklich zu Ende? Ist das Ganze wirklich ein bunter Kreislauf geworden?

Wenn schon nicht die Digerati der Finanzwelt und der Kultur, so haben doch die geerdeten, die rohstoffverbundenen, die realen Mächte dieser Welt die Geschichte noch im Kopf. Der historische Prozess scheint durch das Glasperlenspiel der Postmoderne hindurch. Die Machteliten rechnen nach wie vor mit ihm. Warum wären die USA sonst so sehr an einer National Missile Denfense und vor allem an Theater Missile Defenses interessiert? Wären Capitalism und Hypercapitalism ohne Raketenabwehrsysteme denkbar? Und: Raketensysteme, die stehen und drohen, sind, so schrecklich das klingt, reale Vorkehrungen für den Fall, dass die Geschichte sich doch noch regt. Es muss bei diesem Hinweis bleiben: aber hier begänne, und wieder aus Quellen der Science Fiction schöpfend, ein neues Kapitel zum Thema 'Varianten des amerikanischen Planetarismus'...

Zum Abschluss will ich ein Zukunftsszenario jenseits der California Ideology erwähnen (W. Warren Wagar, Short History of the Future, 1990, cf. Adamantine Studies on the 21st Century). Es kommt einer Rettung der Zeit gleich, zu einem sehr hohen Preis:
Im Jahre 2001 kommt es zur Übernahme der Vereinten Nationen durch die Kernstaaten USA/Kanada, Europäische Union, Russische Föderation und Pazifische Gemeinschaft (geführt von Japan). Mit dieser 'Ersten Wiener Übereinkunft' sollen, da die Ausbreitung der Kernwaffen nicht aufzuhalten ist, andere Staaten daran gehindert werden, Kriege auszulösen. Jeder der Kernstaaten kontrolliert eine Treuhandregion des 'Südens'.
Diese politische Ordnung ist so erfolgreich, dass 2026 auf einer Zweiten Wiener Konferenz die Vereinten Nationen zu einem 'Staatenbund der Erde' umgebildet werden.
Eigentlich aber ist dieser Staatenbund nur Augenwischerei. Denn die wahren globalen Machthaber, die 12 Mega-Konzerne, die die Weltwirtschaft kontrollieren, hatten zuvor schon das 'Globale Handelskonsortium' gegründet. Das GHK beeinflußt erfolgreich Regierungen und manipuliert die öffentliche Meinung im letzten grossen Zeitalter des Kapitalismus.
Während einer Weltwirtschaftskrise 2032 zerstreiten sich die Kernstaaten. Zwischen China und den USA entbrennt 2044 ein Atomkrieg, dem sieben Miliarden Menschen zum Opfer fallen.
Nach dieser Katatrophe gelingt es der Weltpartei der Sozialisten, einen neuen Weltstaat zu gründen, das Welt-Commonwealth mit Melbourne als Hauptstadt. Sie betreiben zunächst weltweit eine erfolgreiche, populäre Politik für eine demokratische und egalitäre Gesellschaft.
Doch Zentralismus und Bürokratie wecken die Sehnsucht der Menschen nach individueller Freiheit und Verschiedenheit. Das führt zum Aufstieg einer neuen radikalen Partei, der 'Small Party', einer Sammlungsbewegung unzufriedener Splittergruppen, die in den globalen Wahlen 2147 einen erdrutschartigen Sieg erringt.
Das neue Regime löst das Welt-Commonwealth auf und bildet das 'House of Earth', das allen, die das wollen, einen autonomen Status zubilligt. Daraufhin entstehen auf unserem Planeten 41 000 autonome, sich selbst versorgende Einheiten, mit Einwohnerschaften zwischen einigen hundert und vielen Millionen. (nach Kurt P. Tudyka)

So bleibt gegenüber allen Varianten des amerikanischen Planetarismus eigentlich nur eine Formel: so schwer es auch fällt, ALWAYS HISTORICIZE!, historisiere, historisiere materialistisch, auch in die Zukunft hinein... Aliens täten das gleiche.

 


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