Tierseuchenbekämpfung in den Niederlanden und Deutschland
I. Einführung
Hoch ansteckende Tierseuchen zählen in Deutschland und in den Niederlanden zu den zentralen Risikofaktoren im Agrarbereich. Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung von Handel und Tourismus, der steigenden regionalen Konzentrierung und Vergrößerung von Nutztierbeständen und des wachsenden Verbraucherbewusstseins in Sachen artgerechte Tierhaltung und Nahrungsmittelsicherheit steigt der Umfang einer potentiellen Krise durch den Ausbruch einer Tierseuche weiter an. Das deutsch-niederländische Grenzgebiet ist dabei aufgrund seiner hohen Anzahl an Tierhaltern und Unternehmen aus der Fleisch erzeugenden Kette besonders gefährdet. Die wirtschaftlichen Strukturen beider Länder sind bereits stark vernetzt und arbeitsteilig aufgebaut. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Tierseuchenausbruch in einem der beiden Länder immer auch zu einer direkten Bedrohung für den Nachbarn wurde. Vor diesem Hintergrund arbeiten die Fachministerien beider Länder an einer Ausweitung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Tierseuchenbekämpfung.
Was sind Tierseuchen?
Der medialen Berichterstattung nach zu urteilen ist die Aviäre Influenza (wird verschiedentlich als Geflügelpest bzw. Vogelgrippe bezeichnet) der unangefochtene Star unter den Tierseuchen. Durch die Möglichkeit einer Übertragung auf den Menschen hat die für Geflügel tödliche Virusinfektion einen enormen Bekanntheitsgrad erreicht. Dabei ist die Furcht vor einer Pandemie nur eines aus dem breiten Spektrum der Risiken, das hochvirulente Tierkrankheiten bergen. Die Klassische Schweinepest sowie die Maul- und Klauenseuche sind zwar für den Menschen nicht gesundheitsschädigend. Aber: Der Ausbruch einer hoch ansteckenden Tierseuche ist ein grundsätzlich krisenhaftes Ereignis, dessen Folgen vielfältig und vor allem wirtschaftlicher Natur sind.
Ausbrüche im Grenzgebiet
Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet musste man dies im Verlauf der letzten Jahre besonders häufig feststellen. Die Klassische Schweinepest (KSP) wütete in der Zeit zwischen 1993 und 1995 sowie 1997 in Nordrhein-Westfalen und 1997/1998 zusätzlich in den benachbarten Niederlanden. Im Jahr 2001 brach die Maul- und Klauenseuche (MKS) in den Niederlanden aus. Zwei Jahre später dann die Geflügelpest, die in einem einzigen Fall auch auf NRW übergriff. Aktuell - im Frühjahr 2006 - geistert das Vogelgrippe-Virus durch die europäischen Wildtierbestände während die Klassische Schweinepest nicht nur bei Wildschweinen, sondern erneut auch in nordrhein-westfälischen Nutztierbeständen festgestellt wurde.
Organisatorischer Aufwand
Ausbrüche dieser Art verursachen innerhalb der betroffenen Region einen enormen organisatorischen Aufwand, der zwangsläufig mit hohen Kosten verbunden ist. Für die Einleitung von Bekämpfungsmaßnahmen sind die jeweiligen Landesbehörden in enger Absprache mit der Europäischen Kommission verantwortlich. Nutztierbestände müssen beprobt werden, Proben müssen ausgewertet werden, Notimpfungen und Massentötungen sollen die Weiterverbreitung der Krankheit verhindern.
Prävention
So kosten- und arbeitsintensiv die Bekämpfung von Tierseuchen ausfällt, so wichtig ist die Prävention für eine gelungene Seuchenbeherrschung. Mit jeder überstandenen Krise steigt das Bewusstsein für die Maßnahmen, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Tierseuche bzw. deren Ausmaß verringern helfen. Dabei werden von Seiten der Behörden unter anderem sämtliche Nutztierbewegungen europaweit dokumentiert, betriebsinterne Hygienemaßnahmen weiterentwickelt und Frühwarnsysteme konzipiert.
Wirtschaftlicher Schaden
Die Halter der von den Tötungsmaßnahmen betroffenen Tiere werden zwar für ihre direkten Verluste finanziell entschädigt, können aber den Mehrwert ihrer Ausfälle in der Regel nicht kompensieren. Ganze Regionen müssen im Seuchenfall wochenlang gesperrt werden, so dass dort kein Handel mit und Transport von Nutztieren stattfindet. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, Johannes Remmel, sagte dazu gegenüber dem WDR: "Nach zwei Monaten Schweinepest in NRW dürfte sich der wirtschaftliche Schaden inzwischen auf mehrere hundert Millionen Euro belaufen.“
Tiergesundheit und Verbrauchervertrauen
Transportverbote können zudem tiergesundheitliche Probleme auslösen, da es vielen Tierhaltern an ausreichend großen Stallungen fehlt, um die wachsende Anzahl der Tiere zu beherbergen. Weitere indirekte Konsequenzen sind unausweichlich: das Vertrauen der Verbraucher in die Qualität der relevanten Produkte schwindet, es kommt zu einem Rückgang im Tourismus und ausländische Handelspartner suchen sich neue Quellen auf dem Weltmarkt.
Seuchenbeherrschungskonzept
Ein möglichst einheitliches Seuchenbeherrschungskonzept auf hohem Niveau zu erreichen, ist die erklärte Aufgabe der Europäischen Kommission. Daher werden die gesetzlichen Vorschriften bezüglich der Tierseuchenbekämpfung zunehmend EU-weit harmonisiert. Die bisherige Strategie, die Massentötungen von zum Großteil völlig gesunden Tieren in Kauf nimmt, steht dabei im Brennpunkt der Diskussion um eine Neuausrichtung der Tierseuchenpolitik. Innerhalb dieser Debatte bemühen sich vor allem die Niederlande um neue Strategien, wie z.B. die Aufwertung der Impfung innerhalb der Bekämpfungsmaßnahmen. Der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Uhlenberg wurde erst kürzlich von seinem niederländischen Kollegen ermutigt, im Kampf gegen die Vogelgrippe gemeinsam neue Strategien zu erarbeiten.
Zusammenarbeit in der Tierseuchenbeherrschung
Dass beide Länder ihre Zusammenarbeit in der Tierseuchenbeherrschung ausweiten wollen, ist bereits seit längerer Zeit eine beschlossene Sache. Im Februar 2005 unterzeichneten die Landwirtschaftsminister der Niederlande, Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens einen entsprechenden Kooperationsvertrag. Man einigte sich, gemeinsam auf europäischer Ebene die Einführung von Schutzimpfungen gegen Tierseuchen noch stärker voranzutreiben. Die Ausweitung der grenzüberschreitenden Kooperation soll sich zusätzlich auf die wissenschaftliche Forschung in beiden Ländern auswirken: Im Januar 2006 nahm die deutsch-niederländische Projektgruppe GIQS unter dem Titel Risiken Beherrschen ihre Arbeit an einem neuen Projekt auf. Ziel ist es, effektive Werkzeuge zur Prävention und Bekämpfung von Tierseuchen zu entwickeln und zu erproben.
Autor: Oliver Breuer
Erstellt: Mai 2006
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