Grenzpendlermobilität


I. Einleitung: Pioniere des Europäischen Binnenmarktes oder Europas Stiefkinder?

Was hält die Menschen davon ab, über die offene Grenze zu gehen? Von Doppelrentnern und Doppelsteuerabkommen, Mobilitätshemmnissen und einem sozialen Flickenteppich – ein Dossier über die Chancen und Grenzen der Freizügigkeit in Europa.

Europaeische Flagge
Europäische Flagge, Quelle: Justus Blümer/cc-by

Paul Henkmann ist glücklich. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit hat der Gärtner aus Gronau einen Job kurz hinter der Grenze bei Enschede gefunden. Von seiner Wohnung fährt er nur 15 Kilometer bis zur Arbeit – und überquert dabei eine Staatsgrenze. Kein Problem - der europäische Binnenmarkt macht es möglich. Der Gärtner aus Gronau ist Grenzpendler, also ein Arbeitsmigrant besonderer Art. Er wohnt nicht in dem Land, in dem er arbeitet. Dadurch gerät er zeitgleich in zwei verschiedene staatliche Systeme für Steuern und Sozialversicherung. Verwaltungstechnisch gesehen ist er ein Sonderfall – aber schon lange kein Einzelfall mehr.

Doch wie viele Grenzpendler es genau gibt, ist schwer zu sagen, da sie statistisch schwer zu erfassen sind. Laut dem Infoportal www.grenzpendler.nrw.de pendeln rund 9.100 Bürgerinnen und Bürger jeden Tag aus der Bundesrepublik Deutschland in die Niederlande, rund drei Viertel kommen aus Nordrhein-Westfalen. Dieselbe Zahl an Grenzpendlern in die Gegenrichtung zählte das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung: Im Jahr 2005 pendelten demnach rund 9.100 Arbeitnehmer aus den Niederlanden zur ihrer Arbeitsstelle nach Deutschland.[1]

Grenzpendler in Deutschland 2000 bis 2005
Quelle: Heining, Jörg/Möller, Sabrina: Grenzpendler in Deutschland. Wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen. IAB-Kurzbericht 27/2009, S. 2.
Herkunftsland Jahr
2000 2001 2002 2003 2004 2005
Niederlande 4.559 5.295 6.239 7.461 8.334 9.105
Belgien 2.146 2.774 3.525 4.201 4.829 5.398
Luxemburg 114 121 158 186 211 240

Eine niederländische Untersuchung aus dem Jahr 2009 spricht hingegen von rund 20.000 Personen, die von ihrer Wohnstätte in den Niederlanden zur Arbeit nach Deutschland und Belgien pendeln. Die gleiche Studie schätzt, dass im Jahr 2009 45.000 Berufspendler aus Deutschland und 45.000 aus Belgien zur Arbeit in die Niederlande fahren.[2]

Grenzpendler, grensarbeiders und cross-border commuters

Ein Grenzpendler wird definiert als Arbeitnehmer mit Wohnsitz im Inland, der sich aber normalerweise täglich von seinem Wohnsitz über die Grenze an eine Arbeitsstätte im Ausland begibt und täglich zu seinem Wohnsitz zurückkehrt.[3] Eine andere Bezeichnung für Grenzpendler ist Grenzgänger.

Im Niederländischen nennt man jemanden, der im einen Land arbeitet und im anderen Land wohnt und dabei täglich die Landesgrenze überquert grensarbeider oder grensganger. Die englische Bezeichnung, die nützlich sein kann, wenn man die EU-Statistik nach den entsprechenden Zahlen durchsucht, lautet cross-border workers, oder cross-border commuters (Berufspendler).

Schwierigkeiten für Grenzpendler

Einfach haben es Grenzpendler nicht. Denn sie bewegen sich zwischen zwei Staaten und damit zwischen zwei Behördenapparaten. Unter Umständen können die unterschiedlichen nationalen Regelungen derart miteinander in Konflikt stehen, dass daraus den Grenzpendlern gravierende (meist finanzielle) Nachteile entstehen – einfach aufgrund der Tatsache, dass sie sich als Arbeitskraft zwischen zwei Ländern bewegen und die politisch gewünschte Flexibilität (siehe Kapitel Vision der EU) beweisen. Solche Konflikte machen aus „Pionieren des Binnenmarktes“ bisweilen ungewollt „Stiefkinder Europas“.

Die meisten Probleme gibt es in den Bereichen „soziale Sicherung“ und „Steuer“. In Europa ist die soziale Sicherheit an die Arbeit gekoppelt. Rente und Krankenkasse hängen direkt mit dem Erwerbsleben zusammen, genauso die Steuern, mit denen das soziale Netz finanziert wird. Wer zum Broterwerb über die Grenze pendelt, bringt die Versicherungsträger ins Schwitzen: Arztkosten, Rente oder Arbeitslosengeld... Wer ist denn für den Grenzgänger zuständig? Das Wohnland oder das Arbeitsland? Wer zahlt? (Siehe Kapitel EU: Flickenteppich Sozialrecht)

Schwierig daran ist, dass die Konstellation bei jedem Einzelnen anders ist. Grenzpendler müssen sich bei ihrem Spagat zwischen zwei Systemen zum Teil mit zusätzlichen Verwaltungsverfahren herumärgern. Was diese Schwierigkeiten genau ausmacht, wird im Kapitel Mobilitätshemmnisse beschrieben und mit Beispielen illustriert.

Informationen für Grenzpendler

Information ist die beste Hilfe. Darüber sind sich alle beteiligten Institutionen einig – und das sind viele: Europäische Kommission, die Euregios, das europaweite Netzwerk der Arbeitsverwaltung namens EURES, die Bundesrepublik Deutschland und das Königreich der Niederlande, das Land NRW, die niederländischen Provinzen, Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze, Zweckverbände, Gewerkschaften…

Darum ist in diesem Dossier dem Thema „Information“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Zusätzlich werden die wichtigsten Akteure, die informieren, nämlich die Euregios und das EURES-Netzwerk, vorgestellt

Auf der Suche nach Lösungen

Grenzpendeln zwischen Wohnen und Arbeiten ist vorwiegend ein regionales Phänomen, es ist geografisch begrenzt und betrifft meist kleinräumige Mobilität direkt in den Grenzgebieten. Daher sind viele Lösungsansätze und Projekte auf der regionalen Ebene angesiedelt. Hier sind die Euregios mit (finanzieller) Unterstützung der Europäischen Union die wichtigsten Motoren.

Darüber hinaus existieren übergreifende Denkansätze und Lösungsvorschläge zur Grenzgängerproblematik. Mehr dazu im Kapitel Utopie und Realität. Daneben werden ein paar praktische Lösungsansätze in Form einiger Modellprojekte im Kapitel Modellprojekte und Initiativen vorgestellt und in einem Extra-Kapitel wird auf nützliche Links verwiesen.

Dieses Dossier gibt einen Überblick über die Grenzpendlerproblematik, ihre Ursachen, die verschiedenen Lösungsansätze und die damit befassten Institutionen am Beispiel der deutsch-niederländischen Grenze. Weiterführende Informationen finden sich sowohl in der Bibliographie des Dossiers als auch in der rechten Spalte unter dem Stichwort „Links“. Wer auch hier die Antwort auf seine Detailfrage nicht findet, dem seien die regelmäßigen Grenzpendlersprechtage der Euregios empfohlen (siehe Service > Veranstaltungen).


[1] Heining, Jörg/Möller, Sabrina: Grenzpendler in Deutschland. Wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen. IAB-Kurzbericht 27/2009, S. 2.
[2] Corpeleijn, André: Grensoverschrijdende arbeid: werken in Nederland, wonen in het buitenland, in: CBS (Hrsg.): Sociaaleconomische trends, 4e kwartaal 2009, S. 44-48.
[3] Springer Gabler Verlag (Hrsg.): Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Grenzgänger, Onlineversion.

Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt: Oktober 2005
Aktualisiert: Februar 2014, Angelika Fliegner


Links

Wichtige Links im Bereich Soziales finden Sie unter Institutionen

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Themenbereichs Soziales finden Sie unter Bibliographie

Busse, Gerd/Eggert, Jana: Kompetenzen sichtbar machen. Methoden und Instrumente zur Erfassung und Bewertung beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten im Vergleich Deutschland-Niederlande, Düsseldorf/Nijmegen 2005. Online

Busse, Gerd/ Hesseling, Renie: Deutsch-niederländisches Wörterbuch: Berufsbildung – Arbeitsmarkt – Projektzusammenarbeit, Düsseldorf/Nijmegen 2006. Online

Busse, Gerd: Kleiner Grenzverkehr. Der deutsch-niederländische Arbeitsmarkt, Düsseldorf/Nijmegen 2006. Online

Busse, Gerd: Das Berufsbildungssystem in den Niederlanden. Aufbau, gesetzliche Grundlagen, Funktionsweise, Akteure, Finanzierung, Perspektiven, Düsseldorf/Nijmegen 2006. Online

Marzell, Robert : Aus- und Weiterbildungen in der Sozial- und Krankenpflege (zorg en verpleging) im deutsch-niederländischen Vergleich, Düsseldorf/Nijmegen 2006. Online


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