Schwangerschaft und Geburt in Deutschland und den Niederlanden


II. Hausgeburt mit Hebamme: Normalität oder Abenteuer? 

Hebamme
Hausgeburt: Untersuchung durch die Hebamme, Quelle: eyeliam/cc-by

Als „Geburtsfest" wollen viele Eltern die Geburt ihres Babys zu Hause erleben, gerade im Zeitalter hochtechnisierter Kreißsäle. Skeptischer zeigen sich jedoch die meisten deutschen Mediziner an Kliniken und Hochschulen. Ist das Risiko einer Hausgeburt zu groß? Oder sind die Kritiker lediglich verliebt in Medizinapparate und aufwendige Technik? In Deutschland schlagen die Emotionen hoch, wenn Für und Wider der Hausgeburt diskutiert wird. Nur unter Intensivüberwachung seien Mutter und Kind sicher, behaupten Klinikchefs. Tatsächlich galt in Deutschland die Hausentbindung bis in die 1970er Jahre als abgeschlossenes Kapitel der Geburtshilfe.

Geburt auf Bestellung

Gebären kann gefährlich sein – im häuslichen Kindbett kamen noch 1930 im damaligen deutschen Reichsgebiet 6.050 Mütter zu Tode. In Riesenschritten ging es erst in den 1950er Jahren bergauf: Die Schwangerschaftsvorsorge wurde zur Routine, immer mehr Kinder kamen im Kreißsaal zur Welt. Ende der 1970er Jahre hatte die Geburt im Kreißsaal die Hausgeburt bis auf weniger als ein Prozent ersetzt.[1] Der Siegeszug der Technik im Feld der Geburtshilfe begann: Ohne Laborwerte, Herzstromkurven und Ultraschallbilder schien kein Baby mehr zur Welt zu kommen. Als Spitzenleistung der Geburtsmedizin galt schließlich die Geburt auf Bestellung. Denn Hormongaben machten es den Ärzten möglich, den Zeitpunkt der Entbindung genau zu bestimmen. Gedacht war die Methode für Risikofälle, sie wurde aber in manchen Krankenhäusern fast schon routinemäßig eingesetzt. Nicht selten wurden auch vorschnell „sichere“ Kaiserschnitte gemacht, statt auf die Natur zu warten – eine Intensivmedizin, die „Notfälle“ herbeiführte.

Schnell zeigte sich, dass solche gut planbare Geburten zwar für die Ärzte praktisch waren, unter den Eltern aber regte sich Widerstand. Immer mehr Paare fühlten sich um ein natürliches Geburtserlebnis betrogen. Die Kliniken reagierten: Väter durften im Kreißsaal bei der Geburt dabei sein, Krankenhäuser boten Gelegenheit zu „sanfter Geburt". Endlich konnten auch die Babys den ganzen Tag im Zimmer der Mutter bleiben, statt ihr nur zum Stillen aus dem Säuglingszimmer ans Bett gebracht zu werden. Trotz dieser Anstrengungen aber wurde auch die Hausgeburt langsam wieder populär. Durch Schwangerschaftsvorsorge, aber auch durch moderne Technik, wie etwa tragbare Ultraschallgeräte, sind Hausgeburten heute sicherer als vor 100 Jahren. Das ist unbestritten. Aber ist das genug? Müssen Eltern nicht jedes vermeidbare Risiko auch vermeiden? Deutsche Eltern müssen sich für ihre Entscheidung zur Hausgeburt vielfach rechtfertigen. In einem taz-Interview aus 2012 kritisierte der Hebammenausbilder Klaus Vetter Geburtshäuser und Hausgeburten als „Luxus“ und den Wunsch nach außerklinischen Geburten als „Abenteuerlust“.[2]

Niederländische Frauen bekommen mit durchschnittlich 1,8 Kindern deutlich mehr Kinder als deutsche Frauen, die mit 1,4 Kindern im europäischen Vergleich insgesamt relativ niedrige Geburtenzahlen aufweisen. Das durchschnittliche Alter der Mutter, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringt, liegt in Deutschland bei 29 Jahren. Die Niederländerinnen werden ebenfalls erst kurz vor ihrem 30. Geburtstag zum ersten Mal Mutter.

 

Durchschnittliche Kinderzahl von Müttern
Jahr Deutschland Niederlande
2009 1,358 1,790
2010 1,393 1,796
2011 1,364 1,759
Durchschnittliches Alter der Mutter bei Erstgeburt
Jahr Deutschland Niederlande
2009 28,8 31,0
2010 28,9 29,4
2011 29,1 29,4

Niederlande: Höchste Rate an Hausgeburten in Europa

Tatsächlich ist die Frage, ob ein Kind zu Hause oder besser im Kreißsaal zur Welt kommen sollte, nicht einfach zu beantworten. Dieselben Daten lassen sich zu unterschiedlichen Empfehlungen heranziehen: In einer britischen Studie wurden Daten von rund 57.000 Frauen aus ganz England, die ein Kind zur Welt brachten, ausgewertet. 17.000 Frauen entbanden zu Hause, 10.000 in einem Geburtshaus und 30.000 im Krankenhaus. Die Komplikationsrate war insgesamt gering. Deutliche Unterschiede gab es vor allem bei den Erstgebärenden: Während es bei diesen in der Klinik statistisch bei 5,3 von 1000 Geburten zu Komplikationen kam, geschah das bei den Hausgeburten in 9,3 von 1000 Fällen. Fast die Hälfte der Erstgebärenden, die außerhalb einer Klinik eine Geburt begannen, mussten schließlich ins Krankenhaus verlegt werden. Hatte die Schwangere bereits andere Kinder geboren, waren es nur zwölf Prozent, die im Verlaufe der Geburt noch in ein Krankenhaus gebracht werden mussten.[3] Daraus schlossen Kritiker der Hausgeburt, diese sei „risikoreich", und Verfechter führten die Daten als Beleg für ihre Sicherheit an.  

Europaweit geht der Trend ungebremst hin zur Klinikgeburt. In diesem Sinne selbstbewusstes „Schlusslicht“ ist die Niederlande, die traditionell mit dreißig Prozent die höchste Rate an Hausgeburten in Europa aufweisen. Allerdings: Das Land hält europaweit auch den traurigen Rekord der höchsten „Perinatalsterblichkeit“, der Todesfälle von Säuglingen unmittelbar vor, während und kurz nach der Geburt. Dieser Wert gilt als entscheidend für die Qualität der Geburtshilfe. Kritiker der Hausgeburt führen diese Zahlen als Beleg für die Gefährlichkeit der außerklinischen Geburt an.

Eine großangelegte niederländische Untersuchung allerdings verglich 530.000 Geburten zu Hause und im Krankenhaus im Zeitraum von sieben Jahren. Ihr Hauptaugenmerk richtete sich auf die Todesrate der Babys während des gesamten perinatalen Zeitraums zwischen der 29. Schwangerschaftswoche und dem siebten Lebenstag. Bei Krankenhaus- wie Hausgeburten lag die Sterblichkeit der Säuglinge innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt bei 0,05 Prozent. Die niedrige, aber in Europa  vergleichsweise hohe Säuglingssterblichkeit in den Niederlanden scheint also nicht mit dem hohen Prozentsatz der Hausgeburten im Land zusammenzuhängen.

Eine deutschlandweite Studie zum Thema gibt es noch nicht. Eine Pilotstudie untersucht Geburten in- und außerhalb der Klinik für das Land Hessen.[4] Zudem liegt ein Bericht der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe vor.[5] Danach beginnen in Deutschland nur etwa zwei Prozent aller Schwangeren die Geburt außerhalb einer Klinik, im Jahr 2009 rund 10.000. Rund 15 Prozent dieser Frauen wurden später doch noch in eine Klinik verlegt, weil sich Komplikationen ergaben.

Für viele niederländische Eltern dagegen kommt der Kreißsaal nur im Notfall in Frage. Zu Anfang der 1960er Jahre wurden in den Niederlanden noch zirka 70 Prozent aller Kinder zu Hause geboren. In den 1970er Jahren folgte ein Einbruch: Der Prozentsatz an Hausgeburten sank um die Hälfte. Ein Hauptgrund dafür war, dass freie Hebammen die werdenden Mütter nun nicht nur zu Hause, sondern auch im Krankenhaus unter eigener Verantwortung bei der Geburt begleiten konnten. Dazu schreibt Hebamme Christine Eckert kritisch: „Sie realisierten dabei zu wenig, dass die Zulassung in den Krankenhäusern nicht so sehr aus Anerkennung der Fachmann(frau)schaft hervor kam, sondern aus viel eigennützigeren Motiven geboren war. Die Krankenhäuser brauchten Patientinnen, vor allem auch zum Unterrichtszwecke, zur Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern. dass Krankenhäuser den freien Hebammen ihre Türen für die poliklinische Entbindung öffneten.“[6]

Sicherheit der Hausgeburt

Von den 1970er Jahren an diskutierten Eltern, Hebammen und Mediziner öffentlich über das holländische System und die Sicherheit der Hausgeburt. Erstmals wurden Untersuchungen zu den Risiken durchgeführt. Die Mehrheit wies die Hausgeburt als sicher aus. Auch namhafte Gynäkologen, wie der niederländische Professor Ted Klossterman, sprachen sich für die Hausgeburt aus: „Bei sich zu Hause wird die Frau nicht als Patientin betrachtet, sondern als eine Frau, die eine ganz natürliche und sehr persönliche Aufgabe erfüllt. Sie ist der eigentliche Mittelpunkt, um den sich alles (und jeder) dreht. Die Hebamme, der Arzt und die Wochenbettpflegerin sind alle bei ihr zu Gast. Sie sind da, um ihr behilflich zu sein. Dieser Umstand stärkt ihre Selbstachtung und ihr Selbstvertrauen. Die modernen Kliniken bewirken häufig das Gegenteil. Die Frau ist Gast der Ärzte und Schwestern bei „ihnen zu Hause". Sie wird zur Patientin und ist von Menschen abhängig, die sie gerne bemuttern möchten. Die Sicherheit der Klinik, die in Situationen, wo ein Eingriff notwendig ist, sehr viel Bedeutung hat, ist für Frauen, die keinerlei Eingriffe brauchen, fehl am Platz. Auf der anderen Seite wird ihr Selbstvertrauen durch die Klinikatmosphäre geschwächt. Das erklärt, warum in vielen Kliniken (und in vielen Ländern, wo es nur Klinikgeburten gibt) der Prozentsatz der künstlichen Entbindungen in einem Maße ansteigt, dass es unvorstellbar ist, dass das auf triftige medizinische Gründe zurückzuführen ist."[7]

Aber auch die Kritiker der Hausgeburt verstummten nicht ganz und die modernste medizinische Technologie ist in den Niederlanden verfügbar. Trotzdem ist die Hausgeburt immer noch im europäischen Vergleich für sehr viele Paare die erste Wahl. Die werdenden Eltern haben Vertrauen in ihre Hebammen. Zudem nehmen sie Schwangerschaft und Geburt weniger als Risiko denn als normale Ereignisse in einem Frauenleben wahr. Die Hausgeburt ist üblich, und viele Frauen wissen, dass ihre Mutter, beste Freundin und Schwester gesunde Kinder ebenfalls zu Hause bekommen haben. Warum sollten bei ihnen selbst Komplikationen auftreten, wenn das bei den anderen nicht der Fall war? 

Eine Umfrage aus den 1980er Jahren illustriert, wie unterschiedlich sich Frauen in verschiedenen Ländern die Geburt vorstellen: Niederländische und US-amerikanische Frauen wurden vor und nach der Geburt befragt. Die Niederländerinnen erwarteten Wehenschmerzen, die sie wahrscheinlich ohne Schmerzmittel ertragen könnten. Die US-Amerikanerinnen gingen von fürchterlichen Schmerzen aus, die ohne Schmerzlinderung nicht zu überstehen seien. Bei den Befragungen nach der Geburt zeigte sich die Macht der selbsterfüllenden Prophezeiung: Beide Gruppen waren in ihren Einschätzungen bestätigt worden. Es wundert nicht, dass nicht einmal ein Prozent der US-Amerikanerinnen zu Hause entbindet.[8]

Der Hebammenberuf: Viel Risiko, wenig Geld, wenig Respekt?

In den Niederlanden liegt zudem die komplette pränatale Vorsorge zuerst bei den Hebammen, und ihre Ausbildung ist auf das selbständige Arbeiten zugeschnitten: Die Hebamme entscheidet, welche Schwangeren ein niedriges Risiko auf Geburtskomplikationen mitbringen; diese werden von ihr und dem Hausarzt oder Hausärztin begleitet. Nur Frauen mit einem erhöhten Risiko überweist sie zur Gynäkologin. Fachärztliche Betreuung ist nicht die Norm, stattdessen gilt die Hebamme als Fachfrau für den normalen Bereich der Geburtshilfe und Gynäkologen als Experten für nur eventuell problematische Schwangerschaften.

Zudem steht der jungen Mutter nach der Geburt zu Hause eine Wochenbettpflegerin zur Seite, so dass sie nicht ohne fachliche Unterstützung auskommen muss. Die fachlich ausgebildete Schwester hilft vor, während und nach der Geburt. Eine ihrer traditionellen Aufgaben ist es, nach der Geburt den traditionellen Zwieback mit „Mäuschen“ aus Anissamen mit Zucker zuzubereiten. Diese „Mäuschen“ sind bei der Geburt eines Mädchens rosa und weiß, bei der eines Jungen blau und weiß.

Aber das könnte in einigen Jahrzehnten der Vergangenheit angehören. Denn in den Niederlanden herrscht Hebammenmangel.[9] Zwar wird ihnen auch von Seiten der Ärzte und Ärztinnen mit größerem Respekt für ihre Arbeit begegnet als in Deutschland. Überlastet und unterbezahlt sind sie trotzdem. Bei harter Arbeit, langen Tagen, Bereitschaftsdienst und bei kleiner Entlohnung sehen immer weniger junge Frauen hier eine berufliche Perspektive. Ähnliche Probleme beklagen deutsche Hebammen. In Deutschland bietet die Mehrheit der Hebammen inzwischen zudem keine Hausgeburt mehr an, weil es sich die dazugehörige Berufshaftpflichtversicherung nicht mehr leisten kann. Inzwischen zahlen die Krankenkassen den Hebammen zwar insgesamt 1,7 Millionen Euro mehr im Jahr, um die hohen Ausgaben für Haftpflichtversicherungen auszugleichen, aber auch dies ist nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Hausgeburt#Geschichte
[2] Gamperl, E./Ludwig, K.: Hausgeburten versus Klinik. Entbindung de luxe, in: taz.de vom 15. Juli 2012, Onlineversion.
[3] Lenzen-Schulte, Martina: Warnung vor der Hausgeburt, in: faz.net vom 20. Dezember 2011, Onlineversion.
[4] GKV-Spitzenverband: Wenn Hebammen Geburtshäuser leiten, stimmt die Qualität – Erstmals vergleichende Studie zwischen klinischer und außerklinischer Geburt, Onlineversion.
[5] QUAG: Grundlegende Informationen zur Datenerfassung außerklinischer Geburten, Onlineversion.
[6] Christine Eckert: Zu Hause geboren in Holland, Onlineversion.
[7] Hebammenpraxis Dortmund: Hausgeburt – eine natürliche und ganz persönliche Aufgabe, Onlineversion.
[8] NaturalChildbirth.org: Study on Expectations of Labor Pain, Onlineversion.
[9] Hetzel, Helmut: Holland sucht dringend Hebammen, in: nrz vom 3. Juli 2008, Onlineversion.

Autorin: Friederike Lorenz
Erstellt:  Februar 2013


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Frauke Lippens: Hausgeburt. Entscheidungshilfe und Vorbereitung. 2007.

Links

Wichtige Links im Bereich Soziales finden Sie unter Institutionen

Koninklijk Nederlandse Organisatie van Verloskundigen KNOV

Deutscher HebammenVerband e.V. HebammenVerband

Schwangerschaftsberatung (dt) Pro Familia

Hilfe bei ungewollter Schwangerschaft und nach einer Abtreibung (nl) Er is hulp

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Soziales Personen A-Z


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2015 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: