Geert Wilders: Vom konservativen Liberalen zum Nationalpopulisten


I. Einführung

Geert Wilders
Geert Wilders in der Zweiten Kammer, Quelle: PVV

Die Behauptung, Geert Wilders beschäftige die Gemüter in den Niederlanden in den letzten Jahren, ist eine Untertreibung. „Dieser Mann hat sich zu einer nationalen Obsession ausgewachsen“, behauptete der Journalist Bas Heijne im September 2009 in seiner Kolumne im NRC Handelsblad. Zu diesem Schluss kam Heijne, nachdem er alle niederländischen Zeitungen nach Artikeln über den Vorsitzenden der Partij voor de Vrijheid (PVV) durchsucht hatte. „Geert Wilders verliert in der einen Woche in den Umfragen an Popularität, in der nächsten Woche gewinnt er wieder ein paar Prozentpunkte. Einmal ähnelt er Hitler, dann plötzlich wieder überhaupt nicht. Geert Wilders hasst den Islam angeblich allein schon aufgrund seiner indonesischen Vorfahren, einen Tag später hasst er ihn, weil er irgendwann einmal drei Monate lang in Israel Apfelsinen gepflückt hat.“[1]

Wer den Namen Geert Wilders in einer Zeitungsdatenbank wie Lexis Nexis eintippt, sieht Heijnes Behauptung sofort bestätigt. Man wird förmlich von Artikeln über Wilders und seine Partei überrollt. Ein Vergleich der großen landesweiten Zeitungen in den Niederlanden zeigt, dass kein einziger Politiker, mit Ausnahme von Jan Peter Balkenende und US-Präsident Barack Obama, seit 2007 so oft genannt wurde wie Geert Wilders (vgl. Tabelle 1) Sogar in der Auslandsberichterstattung ist er allgegenwärtig. So taucht seit dem Bundestagswahlkampf von 2009 auch in der deutschen Politik und Öffentlichkeit immer wieder die Frage auf, ob bald ‚ein deutscher Wilders‘ für Furore sorgen könne.

Tabelle 1: Nennung von Politikern in Tageszeitungen
Eigene Erhebung der Zahl der Artikel in den Tageszeitungen NRC Handelsblad, Trouw, de Volkskrant, Telegraaf, Algemeen Dagblad, Spits, Metro, Dag, in denen eine der Personen genannt wird, Quelle: Lexis Nexis

2007 2008
2009
Geert Wilders 1.799 2.509 2.362
Rita Verdonk
1.152 1.419 549
Wouter Bos
1.754 2.013 1.942
Mark Rutte
845 526 584
Jan Peter Balkenende
4.091 4.138 4.474
Nicolas Sarcozy
1.701 2.118 1.419
Barack Obama
4.500 5.711 6.701

Diese Aufmerksamkeit hing zunächst natürlich mit Wilders’ eindrucksvollen Gewinnen in Wahlumfragen zusammen (ab Ende 2008 zwischen 15 und 20 Prozent). Bei den Europawahlen im Juni 2009 ließen sich diese Umfragewerte in faktische Stimmengewinne ummünzen: Seine PVV erzielte fast 17 Prozent der Stimmen und avancierte damit zur zweitgrößten politischen Kraft. Im Vorfeld der Parlamentswahlen vom 9. Juni 2010 schien die PVV den Demographen zufolge ihren Zenit überschritten zu haben. Keine der Prognosen traf jedoch ein: Fast 1,5 Millionen Niederländer (oder 15,5 % der Wählerschaft) entschieden sich für die PVV, die schließlich zur drittstärksten Fraktion im Parlament wurde.

Die Aufmerksamkeit der Medien ist auch das Resultat spektakulärer Aktionen und Vorschläge, mit denen Wilders vor seinem niederländischen Publikum immer wieder aufs Neue aufwartet. Beispiele hierfür sind sein Anti-Islam-Film Fitna, die Rechtsstreitigkeiten in den Niederlanden und Großbritannien, das erboste Verlassen des Parlamentssaals während einer Debatte, der Vorschlag, eine Steuer auf Kopftücher einzuführen (die sogenannte kopvoddentaks – wörtlich übersetzt „Kopf-Lumpen-Abgabe“) oder seine Forderung, die Kosten der Zuwanderung zu berechnen.

Vor allem im Spätherbst 2009 gab es überdies, wie im obigen Zitat von Heijne deutlich wird, viele Versuche, Wilders mit einem Etikett zu versehen: Ist er vielleicht rechtsextrem? Ist er ein Nationalist, ein Faschist, ein Populist vielleicht? Jede Etikettierung führte zu starken, ebenfalls in den Medien breitgetretenen Gegenreaktionen, nicht zuletzt durch Wilders selbst, der sich auf diese Art wiederum der nötigen Aufmerksamkeit durch die Medien rückversichern konnte. Ein Kommentator der Tageszeitung NRC Handelsblad rief deshalb in einem Leitartikel dazu auf, von allen sinnlosen Qualifizierungen abzusehen. „Eine Partei mit verwerflichen Ansichten sollte nicht mittels Etikettierungen bekämpft werden, sondern mittels Argumenten“, so das NRC Handelsblad.[2]

Die NRC-Handelsblad-Redaktion verlangt damit das Unmögliche, denn jeder Versuch der Deutung birgt ein gewisses Maß an Etikettierung. Dies lässt sich auch an genanntem Kommentar illustrieren: In einem Satz wirft die Zeitung der PVV einerseits verwerfliche Ansichten vor, andererseits fordert sie, Etikettierungen zu vermeiden. Die Frage lautet vielmehr, ob die Qualifizierung fundiert und so neutral wie möglich motiviert ist, wobei der Qualifizierung eine Definition vorangeht und nicht nur nach Bestätigung, sondern auch nach Widerlegung gesucht wird. Darüber hinaus ist es für die Beurteilung von Politikern und Parteien – vor allem, wenn sie noch neu sind – wünschenswert, herauszuarbeiten, wonach sie sich richten, was ihre Grundwerte sind und welche Entwicklungen in der Zukunft von ihnen erwartet werden können. Vergleiche mit Parteien und Bewegungen der Gegenwart und der Vergangenheit können hierbei helfen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es darüber hinaus relevant zu untersuchen, ob der Erfolg eines Newcomers auf in anderen Ländern bereits bewährten Rezepten basiert, oder aber ob man es wirklich mit etwas Neuem zu tun hat, das vielleicht auch anderswo in Europa erfolgreich sein kann. Als Beispiel in der europäischen Populismusdiskussion lässt sich die Debatte um den mittlerweile verstorbenen Österreicher Jörg Haider anführen.


[1] Heijne, B.: Pulp, in: NRC Handelsblad vom 5. September 2009.
[2] o.A.: PVV en extreem-rechts, in: NRC Handelsblad vom 4. November 2009.

Autor: Koen Vossen
Erschienen in: Wielenga, Friso/Hartleb, Florian (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster 2011, S. 77-103 (Verlagsinfo).


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Blok, A./Melle, J. van: Veel gekker kan het niet worden. Het eerste boek over Geert Wilders, Hilversum 2008.

Davidović, Marija et al. (Hrsg.): Het extreemrechtse en discriminatoire gehalte van de PVV, in: Donselaar, J./Rodriques, P.R. (Hrsg.): Monitor Racisme & Extremisme, achtste rapportage Monitor Racisme (2008), Amsterdam, S. 167–199.

Mudde, Cas: A Fortuynist Foreign Policy, in: Schori Liang, Christina (Hrsg.): Europe for the Europeans: The Foreign and Security Policy of the Populist Radical Right, Aldershot 2007, S. 209–221.

Vossen, Koen: Populism in the Netherlands after Fortuyn: Rita Verdonk and Geert Wilders compared, in: Perspectives on European Politics and Society Nr. 1, Jg. 11 (2010), S. 22–38.

Wielenga, Friso/Hartleb, Florian (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, Münster 2011. Verlagsinfo

Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Vom Poldermodell zum Populismus

Weitere Informationen in unserem Dossier Parlamentswahlen 2010

Weitere Informationen in unserem Dossier Das Phantom Fortuyn

Weitere Informationen in unserem Dossier Die Akte Theo van Gogh

Persönliche Website von Geert Wilders

Website der Partei PVV

Biographische Angaben auf der Homepage des Parlaments

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Politik Personen A-Z


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2015 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: