Die Akte Theo van Gogh



VIII. Rückblick: Die Niederlande nach dem Van Gogh-Mord


Amsterdam, am 2. November 2004: Ein Mann fährt morgens auf dem Fahrrad durch belebte Straßen zur Arbeit. Er ist Mitte Vierzig und ziemlich dick. Ein 26-Jähriger lauert ihm auf offener Straße auf und schießt ihm acht Kugeln in den Leib. Als der dicke Mann am Boden liegt, schneidet der 26-Jährige ihm in aller Ruhe mit einem großen Krummmesser die Kehle durch. Dann rammt er es mit einem Brief in den Bauch. Kurz darauf schießt er auf Polizisten, die versuchen, ihn festzunehmen. Er will als Märtyrer sterben, doch den Gefallen tut ihm die Polizei nicht.

Der Mörder: Moslemextremist Mohammed Bouyeri, in den Niederlanden aufgewachsen. Er sitzt für den Rest seines Lebens im Knast und bereut nichts.
Das Opfer:
Der niederländische Meinungs- und Filmemacher Theo van Gogh, der laut, schlagfertig und durchaus frech radikale Islamisten kritisierte.

Tod des Hofnarren

Sagen was man denkt – und das in einer unverblümten Sprache, durchsetzt mit Beleidigungen. Der niederländische Politiker Pim Fortuyn tat es. Und der Filmemacher Theo van Gogh tat es auch. Beide wurden ermordet. Wegen ihrer Denkbilder und weil sie sie laut hinausposaunten. Zwei Tage vor seinem gewaltsamen Tod war Theo van Gogh frech wie immer. Ob er keine Angst habe, ein Idiot könnte ihm etwas antun, fragte der Reporter Rob Muntz, selbst ein Enfant Terrible des niederländischen Fernsehens:

Muntz: Glaubst du nicht, dass so ein Idiot aufsteht und...

Van Gogh: Noooo, kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube nicht an das Gute im Menschen, sondern an meine Arroganz! Die hat so eine Ausstrahlung – die Kugel bekomme ich nicht, denke ich.

Muntz: ...dass sie dich abschießen. Van Gogh ist unverwundbar?

Van Gogh: Man sagt doch „der Typ ist der Dorftrottel, warum sollen wir den abknallen?“

Drohungen hatte Theo van Gogh zuvor mehrfach erhalten. Besonders wegen des Kurzfilms Submission, den er zusammen mit der Frauenrechtlerin und harten Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali gedreht hatte. In dem Kurzfilm Submission beten Frauen zu Allah und klagen über misshandelnde Männer. Teilweise sind unter durchsichtigen Schleiern ihre Brüste sichtbar, auf der Haut stehen Koranverse geschrieben. Dass sich bestimmte Gruppen Moslems daran stören würden, war Theo van Gogh durchaus klar – aber kein Grund, den Film nicht zu machen. Angst vor gewalttätigen Moslems, die er schon seit Jahren gerne „Ziegenficker“ nannte, ließ er nicht gelten. „Mal ehrlich, es gibt reichlich Moslems, die nicht bereit sind, abzudrücken“, sagte er in seinem letzten Radiointerview, „Aber wenn wir allesamt Angst haben vor dieser fünften Kolonne der Ziegenficker, wie ich sie immer nenne, dann ist die Debatte schnell vorbei!“ Zwei Tage später war es für Van Gogh wirklich vorbei. Dieses Interview hatte der Fernsehjournalist Rob Muntz geführt. Drei Jahre später ist bei ihm die Luft raus. Wie Van Gogh als satirischer Kritiker mit einer ziemlich großen Klappe, hatte auch Muntz selbst schon mehrfach seine Programme vor Gericht verteidigen müssen – unter anderem weil strenge Christen sich beleidigt fühlten. Erfolgreich gekämpft für die Meinungsfreiheit, sagt er, doch die Atmosphäre in den Niederlanden habe sich verändert, so Muntz: „Das Lachen ist uns vergangen. In Holland sind die Leute, die vorher Hofnarr waren, die Humor brachten, nicht mehr da. Weggegangen. Sie werden nicht mehr gewürdigt und nicht mehr eingeladen.“

Debatte über Meinungsfreiheit entbrannt

Spätestens seit dem Mord an Theo van Gogh hat das niederländische Kabinett unter Premier Jan Peter Balkenende dem Moslemextremismus den Krieg erklärt. Gleichzeitig ist mit Blick auf die multikulturelle Gesellschaft in den Niederlanden eine anhaltende Debatte über das Grundrecht der Meinungsfreiheit und seine Grenzen entbrannt. Theo van Gogh selbst hatte wenig mit Zurückhaltung am Hut. Politische Korrektheit nannte er in seinen Kolumnen „eine Krankheit“.
Der Kabarettist Hans Teeuwen erinnert sich: „Darum waren wir auch befreundet. Er hatte einen großen Mund. Wenn er Scheinheiligkeit spürte, war er immer der Erste, der dazu etwas sagte. Auch wenn jeder sagte: „Ja, du hast Recht, aber besser wäre es doch, das nicht zu sagen“. Es war nicht sein Stil, dann vorsichtig zu sein. Die brutale Mordreaktion auf diesen Stil hat die Niederlande aufgeschreckt. Drei Jahre nach dem Mord beobachtet Kabarettist Hans Teeuwen einen Trend zur Selbstzensur. „Das ist im Kopf“, sagt Hans Teeuwen, „weil ein Mord geschehen ist. Und außerdem noch Bedrohungen und die dänische Kartoon-Kontroverse kamen. Man weiß, dass man ein gewisses Risiko eingeht, wenn man sich über den Islam äußert. Da ist man vorsichtig, ob man will oder nicht. Man ist ängstlicher geworden.“

Denkmal für Theo van Gogh

Im März 2007 wurde in Amsterdam ein Denkmal für Theo van Gogh feierlich enthüllt. Hier sang Hans Teeuwen fast trotzig ein Lied auf das Freie Wort, das nur so strotzte von Gotteslästerungen und Frechheiten. Ein klares Statement für ein Monument, das „Der Schrei“ heißt:

„Das freie Wort“

deutsche Übersetzung des Liedes von Hans Teeuwen:


Setz Gott auf'n Pott, steck dir den Propheten in den Arsch und tanze für das freie Wort.
Wirst du dann totgeschossen, hast du dieses Lied genossen.
Der eine wird vertrieben, am and'ren ist es Mord;
hip hip hurra, das freie Wort!

Christenhunde, Ziegenficker, alle machen mit.
Jesus und Mohammed auf der öffentlich'n Toilett.
Nein, ich darf nicht verletzen, oh, Entschuldigung viel Mal,
Zur Strafe lasse ich mir einen blasen – von den Mädels von Halal.

Das freie Wort geht nicht verloren, selbst wenn dir Kugeln fliegen um die Ohren.
Doch wenn mich so ein Bart erschießen will, hoff ich, dass er nicht trifft.
Denn ich bin ein Lebemann, nicht Selbstmordterrorist.
Du bist schwieriger zu treffen, wenn du bist schön schlank,
in diesem Sinn schuldet dicker Theo letztendlich doch sich selbst den Dank.

 

Echte Debatte oder Mediendebatte?

Das Van-Gogh-Denkmal heißt „Der Schrei“. Und das Wort „schreien“ zieht sich wie ein roter Faden durch die niederländische Debatte. Darf man „Ziegenficker“ sagen? Für Hans Teeuwen ist das keine Frage, er findet den Begriff unschuldig wie „Spaghettifresser“ für Italiener: „Allein das Wort zeigt schon Sinn für Humor!“ findet der Kabarettist und freut sich über die Vorlage, die diese Frage bildet: „Natürlich ficken die keine Ziegen... Also nicht alle!“, schmunzelt er. „Da wird schon einer dabei sein. Ich habe auch mal... aber es war nur ein Mal und ich war sehr einsam...“. Dann wird Teeuwen wieder ernst: „Ich glaube, dass ist ziemlich unschuldig. Und wenn er Ziegenficker gesagt hatte, war es immer, wenn er über gewalttätige Fundamentalisten gesprochen hat. Nicht alle Moslems. Nein! Das war immer in Referenz zu Fundamentalisten, gewalttätigen Fundamentalisten. Als Schimpfwort! Ja! kann man die nicht beschimpfen, die Bombenleger usw.? Natürlich, man kann auch Nazis beschimpfen, oder Pol Pot. Das sind schlimme Leute, die soll man beschimpfen!“

Der Ton ist härter geworden, konstatiert Mourad Taimounti, spätestens seit dem 11. September 2001. Der 27-jährige Marokkaner ist geborener Amsterdamer und hat jahrelang für die Christdemokraten im Stadtrat gesessen. „Menschen haben immer mehr gebrüllt“, sagt Mourad Taimounti, „bis so ein Gefühl entstand, dass der Islam an allem Schuld sei und dass wir Ausländer uns nicht integrieren. Aber das hat zum Glück nachgelassen.“ Er ärgert sich vor allem über die vielen Verallgemeinerungen. Inzwischen ist die Debatte als solche für sein Gefühl eine Mediendebatte geworden. „Das Klima hat sich verändert, definitiv. Aber wenn ich hier in der Nachbarschaft frage, „Was denkst du über Theo van Gogh?“ Dann wird wohl jeder dasselbe sagen: „Redest du immer noch darüber? Das Thema ist für mich längst abgeschlossen. Es sind fast nur noch Journalisten, die darüber reden!“, sagt Taimounti. Im Kielsog der Anschläge vom 11. September rückte das Stichwort „Islam“ noch einmal weiter in den Mittelpunkt der Wahrnehmung in den Niederlanden, als sich herausstellte, das der Van-Gogh-Mörder Mohammed Bouyeri ein radikaler Moslem ist – und aus Amsterdam stammt. Die Frage nach dem Umgang mit radikalen Islamisten und der Integration der dreiviertelmillionen Moslems im Land beschäftigt die Medien seither sehr intensiv. So haben zum Beispiel drei junge muslimische Frauen, die „Meiden van Halal“ ihre eigene Talkshow bekommen. Sie tragen Kopftücher in den niederländischen Nationalfarben und stellen aus ihrer eigenen Sicht Fragen zu Integration und Multikulti.

Das Thema „Islam“ zieht in den Niederlanden. Auch im Parlament. Dort sieht der Politiker Geert Wilders im Islam die Wurzel allen Übels und würde am liebsten alle Moslems des Landes verweisen. Mit solchen Parolen hat er bei den Wahlen auf Anhieb neun von 150 Sitzen gewonnen. Andere radikale Exzesse, zum Beispiel von extrem Rechts bleiben vergleichsweise unbeachtet. Dabei verursachen einer neuen Studie zufolge Rechtsextreme in den Niederlanden dreimal so viel gewalttätige Übergriffe wie Moslemextremisten.

Toleranzmodell neu definieren

Das holländische Toleranzmodell nach dem Motto „Tu was du willst, solange ich es nicht sehe!“ funktioniert nicht mehr, oder hat vielleicht nie funktioniert. „Viele Leute stimmen für eine rechtsextremistische Partei“, beobachtet Kabarettist Hans Teeuwen. „Die Freiheitspartei ruft nach Maßnahmen, ‚Schluss jetzt, müssen wir härter sein!’, weil wir zu lange geglaubt haben, dass es die Härte der Welt und die Kriminalität bei uns nicht gibt. Aber da haben wir uns geirrt, wir haben Kriminalität hier und wir haben Intoleranz hier und wir haben jetzt auch Gewalt. Wir hatten zwei politische Morde. Jetzt müssen wir uns als Gesellschaft neu definieren.“

Die Regierung Balkenende hat ein eigenes Ministerium für „Wohnen, Stadtteile und Integration“. Ministerin Ella Vogelaar (von 2007–2008 im Amt) von den Sozialdemokraten (PvdA) wies auf drei Katalysatoren hin, die die niederländische Debatte verändert haben: Der 11. September 2001 und die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh: „Diese drei Geschehnisse haben den Niederlanden einen Spiegel vorgehalten. Darin sahen wir, dass unsere so genannte Toleranz, auf die wir so stolz waren, vielleicht eher Gleichgültigkeit als echte Toleranz war.“ Vogelaar möchte als Ministerin das Wir-Ihr-Gefühl durchbrechen, sagt sie: „Es wird immer noch zu scharf polarisiert. Aber langsam sehe ich ein besseres Klima entstehen, in dem Menschen zunehmend nach den verbindenden Elementen für unsere Gesellschaft suchen und versuchen, Wege zu finden, für eine neue Zukunft der Niederlande mit ihrer so vielseitig zusammengesetzten Bevölkerung“, erläuterte die Ministerin im Dezember 2007 am Rande einer Konferenz mit dem viel sagenden Titel: „An der Vermeidung vorbei – Trends innerhalb des Islams in den Niederlanden“.

Der junge Amsterdamer Moslem Mourad Taimounti wünscht sich jetzt ebenso eine differenziertere Diskussion mit konkreten konstruktiven Beiträgen. „Ich vermisse eine nuancierte Sachlichkeit: Zum Beispiel bei den Problemen mit marokkanischen Jugendlichen. Ja, die haben wir. Aber wenn wir genau hinsehen wird klar, der Islam spielt da keine zentrale Rolle: Diese Jungs sind kaum muslimisch-religiös, diese Gruppe ist just besonders verwestlicht! Ich möchte fragen: Wie lösen wir das Problem. Ohne ständig beleidigt zu sein und ohne so zu tun, als habe man unbegrenzt das Recht, drauf los zu schreien. Damit stößt man ab, anstatt zusammen zu führen.“

Taimountis Kritik: Wer eine besondere Tribüne hat, um seine Meinung zu äußern, zum Beispiel die Zeitung, oder den Film, der habe auch eine besondere Verantwortung dafür, fundierte und nuancierte Aussagen zu machen und konstruktiv zur Debatte beizutragen. „Kabarettisten wie Hans Teeuwen sehe ich immer wieder gerne, ich finde das witzig. Und häufig denke ich, „Junge, Junge, das geht echt zu weit!“ Aber es macht trotzdem Spaß. Wo die Grenze ist? In dem Moment, wo ich dieselben Formulierungen nicht als Kabarettist, nicht als Witz, sondern als ernsthafte Botschaft bringe, muss man aufpassen. Sonst entstehen Vorurteile und Abstand,“ sagt Taimounti.

Wo ist die Grenze?

Der Mord an Theo van Gogh hat die Niederlande erschüttert. Doch die Frage, ob Van Gogh vielleicht zu weit gegangen sei mit seinen Aussagen, ist für dessen Freund, den Kabarettisten Hans Teeuwen, ein grundsätzlicher Fehler. Denn die Gewalt – egal unter welchem Namen – ist das Problem, nicht das freie Wort, sagt er: „Genau hier geht es schief! Wenn Leute sagen man dürfe niemanden ermorden – ABER... Dieses Aber ist ein sehr sehr großer Fehler!“.

Hans Teeuwen sitzt in einem der Räume von Collumn Productions, jener Produktionsfirma, für die auch Theo van Gogh gearbeitet hat. Sämtliche Ironie und Verspieltheit fällt von dem jungen Komiker ab, als er weiterspricht: „Wenn man in einer freien Gesellschaft lebt, muss man akzeptieren, dass man mit Leuten konfrontiert wird, die Dinge sagen, die einem nicht gefallen. Man braucht auch diese Leute in einer freien Gesellschaft. Leute, die sich nicht konformieren, mit Nichts. Für Ayaan Hirsi Ali gilt genau dasselbe. Natürlich, das sind Leute, die sind egozentrisch, die lassen sich durch nichts und durch niemanden erzählen, was sie nicht tun sollen. Und das sind die Ersten, die bemerken, dass die Freiheit in Bedrohung ist. Denn sie brauchen die Freiheit, weil sie so eigensinnig sind. Die könnten nicht funktionieren in einer Diktatur. In dem Moment, in dem das spüren, gehen sie auf die Hinterbeine. Theo war auch so!“. Hans Teeuwen schmunzelt, wird wieder Kabarettist. „Vielleicht bin ich auch so. Aber ich bin witzig, also bin ich noch nicht ermordet worden. So lange die Leute lachen, kann ich leben!“, ruft er – und lacht.

Autor: Anneke Wardenbach
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Buruma, Ian: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh, München 2007.

Mak, Geert: Der Mord an Theo van Gogh: Geschichte einer moralischen Panik, Frankfurt a.M. 2005.

Scharathow, Wiebke: Diskurs – Macht – Fremdheit. Gesellschaftliche Polarisierungstendenzen und die mediale Konstruktion von „Fremdheit“. Die niederländische Debatte nach dem Mord an Theo van Gogh, Oldenburg 2007.

Links

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Weitere Informationen in unserem Dossier Das Phantom Fortuyn

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Weitere Informationen in unserem Dossier Innere Sicherheit und Kriminalität

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