Die Akte Theo van Gogh – Ein Mord zwingt eine ganze Gesellschaft zum Nachdenken


I. Einführung

Theo van Gogh im Jahr 2004
Theo van Gogh im Jahr 2004, Quelle: Thomas Kist/cc-by-sa

Ein einzelner Mord zwang die Niederlande über ihre Einwanderungspolitik, über ihr Verhältnis zu den im Land befindlichen Minderheiten, aber auch über sich selber nachzudenken. Der gewaltsame Tod des Regisseurs Theo van Gogh hat das Land in einen Schockzustand versetzt. Ärger noch als noch zwei Jahre zuvor, als ein verrückter Tierschützer den Populisten Pim Fortuyn umbrachte. Lange Zeit hatten die Niederländer die Tat vom 2. November 2004 – begangen von einem fanatisierten moslemischen Niederländer marokkanischer Herkunft – nicht verarbeitet. Die Stimmung war und ist angespannt. In den Tagen nach dem Mord zeigte eine Serie von Anschlägen auf Schulen, Moscheen und Kirchen wie die Wut die in der Bevölkerung lodert. Die politische Klasse sucht noch nach Antworten, mit denen sie sich den Herausforderungen der drohenden offenen Spaltung der Gesellschaft stellen soll. Der Bürger dagegen wendet sich einmal mehr denjenigen zu, die auf drängende Fragen einfach scheinende Lösungen zu bieten haben – den Populisten.

Ermordung auf offener Straße

Am Morgen des 2. November 2004 ist der Regisseur Theo van Gogh mit seinem Fahrrad auf dem Weg zu einem Frühstückscafé. Der dichte Verkehr in der Amsterdamer Linnaeusstraat zwingt den 47-Jährigen, der eigentlich kein großer Freund strenger Regeln ist, an einem Zebrastreifen abzusteigen. Dort spricht ihn Mohammed Bouyeri an, der dem schwergewichtigen Künstler ebenfalls per Fahrrad gefolgt war. Ohne weitere Vorwarnung zieht der 26-jährige Niederländer marokkanischer Herkunft ein Messer und sticht auf sein Opfer ein. Van Gogh geht zu Boden.
Mohammed Bouyeri holt aus seinem Rucksack eine Pistole und schießt mindestens fünf Mal. Anschließend bleibt er bei seinem Opfer stehen und beschimpft – wenn man den Zeugenaussagen, aus denen diese Ereignisse rekonstruiert sind, glaubt – den Sterbenden, der offenbar noch „Gnade, Gnade. Nicht tun!“ fleht. Vergebens. Mohammed Bouyeri holt ein weiteres Messer heraus, mit dem er seinem Opfer die Kehle durchschneidet, bevor er es dem Toten in den Bauch rammt. Um den Griff des Messers ist ein Brief gewickelt, in dem – so ergeben spätere Untersuchungen – in arabischer Sprache eine Morddrohung gegen die liberalkonservative Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali niedergeschrieben ist.

Schweigen nach Verhaftung

Ein Passant, der bei den Schüssen leicht verletzt wurde, hatte sich unterdessen in Sicherheit gebracht und die Polizei informiert. Diese treibt Mohammed Bouyeri in die Flucht. Bis in den ungefähr 200 Meter entfernten Oosterpark kann Mohammed Bouyeri fliehen. Dort stellen ihn die Beamten. Es kommt zur Schießerei, bei der zwei Beamte nur deshalb nicht schwerer verletzt werden, weil sie schusssichere Westen tragen. Mohammed Bouyeri wird im Bein getroffen und verhaftet. Nach der Tat befand sich der 26-Jährige lange Zeit in einem Krankenhaus in Polizeigewahrsam – und schwieg.

Um den brutalen, beinahe ritualhaften Mord zu verstehen, ist es notwendig sich mit den einzelnen Beteiligten genauer zu beschäftigen. Dazu gehören neben dem Opfer, Theo van Gogh, dem Täter Mohammed Bouyeri insbesondere auch Ayaan Hirsi Ali, die in gewisser Weise ein Bindeglied zwischen beiden herstellt.

Autor: Jan Kanter
Erstellt: Dezember 2004
Aktualisiert: Februar 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Buruma, Ian: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh, München 2007.

Mak, Geert: Der Mord an Theo van Gogh: Geschichte einer moralischen Panik, Frankfurt a.M. 2005.

Scharathow, Wiebke: Diskurs – Macht – Fremdheit. Gesellschaftliche Polarisierungstendenzen und die mediale Konstruktion von „Fremdheit“. Die niederländische Debatte nach dem Mord an Theo van Gogh, Oldenburg 2007.

Links

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Weitere Informationen in unserem Dossier Das Phantom Fortuyn

Weitere Informationen in unserem Dossier Migration und Integration

Weitere Informationen in unserem Dossier Innere Sicherheit und Kriminalität

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Weitere Informationen in unserem Dossier Die Kabinette unter Jan Peter Balkenende

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