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Wouter Bos

*Vlaardingen, 14. Juli 1963 - niederländischer Politiker (PvdA)

Wouter Bos

Wouter Bos, Quelle: RVD/GFDL

„Es kann doch nicht sein, dass ein knackiger Hintern eine Wahl entscheidet.“ Dieser Satz, einer verzweifelten Mitarbeiterin im Wahlkampfteam der CDA zugesprochen, sagt fast alles über Wouter Bos. Der 40-Jährige war der Shooting-Star des Januar 2003, dem Monat in dem die vorgezogenen Neuwahlen zur zweiten Kammer des niederländischen Parlaments abgehalten wurden. Bos betrat die Bühne der niederländischen Politik zu einem für ihn außerordentlich günstigen Zeitpunkt. Seine Partei, die PvdA, dümpelte trotz des Scheiterns des politischen Gegners am Regierungsamt in den Umfragen auf für Sozialdemokraten deprimierend niedrigem Niveau. Die Parteiführung hatte sich noch nicht von dem Debakel Fortuyn im Mai 2002 erholt; Hinterbänkler führten einen beinahe lustlos wirkenden Kampf um die Rolle des Spitzenkandidaten.

In dieser Situation meldete sich Bos. Als politischer Neuling, keinem Parteiflügel ernsthaft verbunden, bekam er seine Chance. Nur wenige Wochen und zwei Fernsehdebatten später durften sich die Sozialdemokraten wieder Hoffnung machen, nach der Wahl vielleicht sogar die stärkste Fraktion im Parlament stellen zu dürfen. Bos Erfolgsrezept ist bislang einfach: Er ist jung, er sieht gut aus und er ist erfolgreich. Das brachte der ehemalige Shell-Manager während seiner Fernsehauftritte überzeugend „rüber“. Die Sozialdemokraten hatten ihren „Kennedy der Niederlande“ (So zumindest das Etikett, dass ihm ein mäßig kreativer Journalist alsbald anheftete).

Jungenhafter Charme und treuherziger Blick

Das geistige und politische Koordinatensystem blieb im Wahlkampf jedoch blass, so wie es bis zum Schluss häufig eher diffus war. Es reichte bisweilen, wenn er über Klapptürchen an den Aufgängen zu den Bahnsteigen als richtungsweisendes sicherheitspolitisches Konzept referierte: Der Wähler mochte ihn trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb. Der Seiteneinsteiger in die Politik überzeugt mit einem jungenhaften Charme. Er wirkt beinahe so, als hätte ein Trendscout ihn beim Frühstück im Café de Jaren angesprochen, ob er sich nicht vorstellen könne, eben mal Politik zu machen. Das unverkrampfte, die Distanz zum graubetuchten Establishment, wirkte dabei echt, nicht wie eine Attitüde. Bos war hinreichend hip, um die Jugend anzusprechen, solide genug, die Alten nicht zu verprellen und hatte seine größte Anhängerschaft vermutlich unter den Niederländerinnen. Vor allem sie fing er wohl mit seinem treuherzigen Blick ein. Der funktionierte in Wahlkampfdebatten genau so wie im kleinen Kreis, wenn er mit Journalist(inn)en plauderte.

Wouter Bos war kein Berufspolitiker, was nicht heißt, dass er nicht ehrgeizig war. Für den Shell-Konzern arbeitete der studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaftler unter anderem in Bukarest, London und Hongkong, kannte also die große weite Welt, ebenso wie die Gassen des eher kleinbürgerlichen Amsterdam-Nord, wo er lebte. Ähnlich zielstrebig wie im Beruf betrieber auch seine politische Karriere. Seit 1998 war er Abgeordneter in der zweiten Kammer, von 2000 bis 2002 war er Staatssekretär im Finanzministerium; kein Job der Glanz bringt, aber einer, der zum Verständnis eines Staatswesens und des politischen Geschäftes Einblicke gewährt, wie kaum ein anderer.

Als er als Spitzenkandidat für die PvdA einstieg, gelobte er, keine Ambitionen auf ein Regierungsamt zu haben, sondern die Fraktion führen zu wollen. Er hielt beim Wähler Wort, obwohl ihn – angesichts der damals in die Höhe schießenden Umfragewerte – die Suche nach einem geeigneten Ministerpräsidentenkandidaten einige Mühe kostete.

Vizepremier und Finanzminister

Nach vier Jahren Opposition wollte Bos 2007 dann doch ein Amt und er wurde im Kabinett Balkenende IV Vizepremier und Finanzminister. Der internationalen Finanzkrise begegnete er so wohlüberlegt, dass er 2008 sowohl von der parlamentarischen Presse als auch von den Parlamentariern zum Politiker des Jahres gewählt wurde.

Über Jahre hinaus bekannt bleiben wird Bos außerdem aufgrund der nach ihm benannten Bos-Steuer, offiziell: houdbaarheidsbijdrage. Diese sieht vor, dass jeder Rentner der nach 1945 geboren ist und neben der Basisrente (AOW) eine ergänzende Rente von 18.000 Euro oder mehr im Jahr zur Verfügung hat, Beiträge in die AOW-Rentenkasse einzahlen muss.

Am 12. März 2010 erklärte Wouter Bos, dass er sich aus der Politik zurückziehen werde, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Er arbeitete zunächst für eine Unternehmensberatung im Gesundheitssektor, inzwischen ist er Aufsichtsratsvorsitzender des VU Medisch Centrum.

Autor: Jan Kanter
Erstellt: Mai 2004
Aktualisiert: Juli 2015, Onlineredaktion


Links

Wichtige politische Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Dossier Die Kabinette unter Jan Peter Balkenende

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Politik finden Sie unter Bibliographie

Bos, Wouter: Dit land kan zoveel beter, Amsterdam 2005.

Bos, Wouter: Wat Wouter wil, Amsterdam 2006.


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