Literatur - Kurzbeitrag



Kunst des Erzählens - Deutscher Journalist als Hörbuch-Pionier in den Niederlanden

Die in Deutschland stark verwurzelte Hörspielkultur "schwappt" über die Grenze in die Niederlande. Der Dresdner Journalist Gunter Neumann hat das deutsche "Vorlesernetz" in einer niederländischen Version auf den Markt gebracht. Eine interessante Ergänzung zum Radio, nicht nur für Niederländisch-Schüler.

Von Harlingen aus bietet "www.voorlezer.net" gesprochene Literatur kostenlos zum Herunterladen an. „Wir sind die ersten und die einzigen, die Audios in einer solchen Bandbreite gratis verteilen“, sagt Initiator Neumann. Jede literarische Form, vom Gedicht bis zum Roman, ist vertreten – inzwischen fast 50 Stunden Unterhaltung für die Ohren.

Während in Deutschland ein gutes Hörbuch durchaus als geschätztes Geburtstagsgeschenk oder Dankeschön-Präsent gilt, ist gesprochene Literatur in den Niederlanden eher ein Nischenprodukt für Blinde oder Kinder. Doch das ändert sich zusehends. Das zur Zeit noch beschränkte niederländische Hörbuchangebot wächst schnell. „Hörbücher und Hörspiele waren hier lange tot gesagt, auch von den Radiosendern kommt wenig,“ stellt der frühere MDR-Journalist Neumann fest. 1985 begann der heutige Marktführer Rubinstein mit „Kassettenbüchern“. Inzwischen hat sich der Verlag darauf spezialisiert, Bücher von den Autoren selbst vorlesen zu lassen. Erst 2003 kam nennenswerte Konkurrenz vom Hörbuchproduzenten Nova Zembla.

Zauberwort 'gratis'

Um sich neben diesen zwei großen und einigen kleinen Mitspielern behaupten zu können, produziert www.voorlezer.net fast nur Stücke, deren Autoren seit mindestens 70 Jahren tot sind. "Dann brauchen wir keine Rechte mehr zu bezahlen", erklärt Neumann. Denn das vorläufig wichtigste Ziel des Dresdners ist: In den Niederlanden die Hemmschwelle bei Hörliteratur zu senken. Und das geht am einfachsten über das Zauberwort „gratis“. Der große Erfolg des digitalen mp3-Formats spielt ihm dabei in die Hände. Die Stücke sind leicht über das Internet zu liefern und passende Endgeräte sind weit verbreitet: einfache Mp3-Spieler, Navigationsgeräte im Auto, Computer und sogar Telefone.

Auch das Niederländische selbst hat sich schnell entwickelt und modernisiert. Der Sprachstil aus der Vorkriegszeit wird schnell als altertümlich erfahren, musste Gunter Neumann überrascht feststellen. „Eine Sprecherin kam ziemlich wütend zu mir und sagte, die Texte seien fürchterlich, die könne man nicht vorlesen! Dann habe ich ihr gesagt, 'Schreib es doch um!' und daraus ist eine originale und sehr originelle Nacherzählung von Bocaccio entstanden.“

Von null auf 25.000 Besucher

Neumann arbeitet mit einem Netzwerk ehrenamtlicher Sprecher, darunter Architekten, Busfahrer, Dichter, Sänger, Musiker, Hausfrauen und beginnende Schauspieler, die die Texte präsentieren. An der Qualität der Produktionen ist das nicht zu hören. „Wir suchen stets neue Sprecher, gerne auch mit regionalen Akzenten. Solche sprachlichen Färbungen machen das Angebot bunter“, so Neumann. Die Motivation der Teilnehmer reicht von der Liebe zur Literatur bis hin zur Hoffnung, dass www.voorlezer.net in den kommenden Jahren einen festen Platz auf dem niederländischen Hörbuchmarkt erobert.

„Potential gibt es bei rund 20 Millionen Muttersprachlern genug, das ist immerhin ein Fünftel des starken deutschen Marktes. Allein unsere große deutschsprachige Schwester www.vorlesernet.de hat jetzt monatlich 350.000 Besucher. Wir sind in einem halben Jahr von null auf über 25.000 Besucher im Monat gekommen“, zeigt sich Neumann zufrieden. Auch Fremdsprachler und Auslands-Niederländer nutzen das Portal. Ein Bremer bedankte sich im Gästebuch begeistert für diese zusätzliche Möglichkeit, Niederländisch zu lernen.

Besonderheit sind die Erzähler

Sobald www.voorlezer.net etabliert ist, soll das Portal parallel auch kommerzielle Produktionen verkaufen. „Das Angebot wird erweitert, das heißt, wir bereiten auch weiterhin viel Literatur zum kostenlosen Hören auf“, betont Neumann. Jetzt schon bietet das Hör-Portal mehr als nur längst bekannte Klassiker: „Eine große Besonderheit ist, dass wir mit Erzählern zusammenarbeiten. Das ist in Deutschland nicht so bekannt. Erzähler präsentieren in Schulen, auf Festivals oder in Cafés Geschichten spontan aus dem Kopf. Das geht von Indianergeschichten über die Spinne Anansi aus der surinamisch-afrikanischen Erzähltradition bis zu regionalen Geschichten aus Ameland und der Veluwe. Die Kunst des Erzählens ist in den Niederlanden stärker verankert als in Deutschland, da geht also auch wieder etwas zurück über die Grenze zu unserem Schwesterportal!“, freut sich Hörbuchpionier Neumann.

Autorin: Anneke Wardenbach
Erstellt: August 2006


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