Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


IX. Das literarische Leben in der Republik

Baruch de Spinoza
Baruch de Spinoza, Quelle: Herzog-August-Bibliothek

Der hier zu besprechende Zeitraum wird innerhalb der europäischen Geistesgeschichte auch als Zeitalter der Aufklärung betrachtet. Die Niederländische Republik spielte allgemein bei der Verbreitung aufklärerischen Denkens in Europa eine herausragende Rolle. Auf Grund der relativ großen Toleranz in Religionsfragen waren die zwischen 1680 und 1750 in der Republik tätigen Verlage wichtige Lieferanten von Aufklärungsliteratur in verschiedenen europäischen Sprachen. In den Niederlanden hatten so wichtige Wegbereiter des aufgeklärten Zeitalters wie René Descartes (1596-1650) und Baruch de Spinoza (1632-1677) gewirkt. Ende des 17. Jahrhunderts konnte Pierre Bayle (1647-1706), der in Rotterdam lebte, hier seine Gelehrtenzeitschrift "Nouvelles de la République des Lettres" (1684-87) sowie auch sein Hauptwerk, "Dictionnaire historique et critique" (1697), veröffentlichen. Mit dem "Dictionnaire", einer Sammlung von Lebensbeschreibungen historischer Persönlichkeiten, deren Wirken er im Sinne aufklärerischer Ideale analysiert, wurde Bayle zu einem bedeutenden Pionier der kritischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts.

Die niederländische Aufklärung

Dennoch unterschied sich die niederländische Aufklärung wesentlich von ihrer französischen Schwester. Sieht man einmal von der in akademischen Kreisen geführten Diskussion um die Verarbeitung des Cartesianismus auf philosophischem, theologischem und naturwissenschaftlichem Gebiet ab, so war die niederländische Aufklärung eher bemüht, im Sinne einer moralischen Erneuerung der Gesellschaft zu wirken. Es wurde daran gearbeitet, einen Kompromiss zwischen Vernunft und Religion zu finden. Von nahezu allen Autoren wird die Bedeutung der christlichen Ethik für das individuelle Leben wie den gesellschaftlichen Fortschritt hervorgehoben. Der etwa für die französische Aufklärung so kennzeichnende Antiklerikalismus fehlt demnach in der niederländischen Diskussion nahezu völlig. Unter dem Eindruck der sinkenden Bedeutung der Republik auf ökonomischem und politischem Gebiet konzentrieren sich die Intellektuellen auf eine Analyse des moralischen Verfalls der Gesellschaft als Ursache für deren Niedergang. Man propagiert die Rückkehr zu Werten, die man im „Goldenen Zeitalter“ verkörpert sah. Darunter wurde eine vaterländische Moral verstanden, die sich am Allgemeinwohl und nicht am reinen Gewinnstreben ausrichten sollte. Die Förderung des nationalen Handels und der nationalen Warenproduktion gegenüber einer einseitigen Orientierung auf das Ausland war ebenso wichtig wie eine gewisse Partizipation des (gebildeten) Bürgertums an den politischen Angelegenheiten. Die in diesem Zusammenhang verkündete Aufklärungsbotschaft sah eine Vervollkommnung des Menschen durch Vernunft und Religion vor. Um dies zu erreichen, gründete man zahlreiche Reformgemeinschaften, die unter anderem der Verbesserung der Bildung dienen sollten.

Reformgemeinschaften = kulturelle Vereinigungen = Genossenschaften

Es entstand bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein dichtes Netzwerk an kulturellen Vereinigungen. Ein großer Teil des gesellschaftlichen, kulturellen und auch politischen Lebens spielte sich im Schoße solcher Genossenschaften ab, die nicht nur im städtischen Milieu, sondern sogar in ländlichen Gegenden gegründet wurden. Diese Lesegesellschaften, Freimaurerlogen, literarische Sozietäten und naturwissenschaftlichen Vereine hielten öffentliche Lesungen ab, organisierten Lesebibliotheken und Lesezirkel, führten Theaterstücke auf, schrieben Preisfragen zu allgemeininteressierenden, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen oder literarischen Fragen aus, publizierten Werke ihrer Mitglieder oder engagierten sich auf dem Gebiet der Allgemein- und Volksbildung.

Eine wichtige hier zu nennende Gesellschaft ist die 1784 in Edam ins Leben gerufene Maatschappij van Konsten en Wetenschappen tot nut van `t Algemeen, die in den verschiedenen Städten Unterabteilungen unterhielt und sich zum Beispiel mit der Volksbildung, der Ausbildung von Lehrkräften oder der Errichtung von Volksbibliotheken befasste. Dem Studium der niederländischen Sprache und Literatur sowie der vaterländischen Geschichte verschrieb sich die 1766 in Leiden gegründete "Maatschappij der Nederlandse Letterkunde" (Gesellschaft der Niederländischen Literaturwissenschaft) . Es existierten sehr breit orientierte Vereinigungen wie die 1777 in Amsterdam errichtete Gesellschaft "Felix Meritis" (Glücklich durch Verdienste), die in fünf Unterabteilungen – Handel, Naturwissenschaft, Literatur, Musik und Zeichenkunst – zur Ausbildung des gehobenen Bürgertums beitragen wollte. Schließlich sind zahlreiche Dichtervereinigungen zu nennen, etwa die Leidener Gesellschaft "Kunst Wordt Door Arbeid Verkregen" (Kunst wird durch Arbeit erlangt), deren programmatischer Titel bereits ihre Zielsetzung verrät.

Besondere Stellung: Gesellschaften für Naturwissenschaften

Mit den Naturwissenschaften befasste sich auch eine mit Hilfe eines Legats des Haarlemer Textilfabrikanten Pieter Teyler van der Hulst (1702-1778) gegründete Vereinigung, die sowohl das Studium der Theologie als auch der Naturwissenschaften beförderte und neben einer Bibliothek auch naturwissenschaftliche Objekte und Gerätschaften für Experimente zur Verfügung stellte.

Die Begeisterung für die Naturwissenschaften war unter den intellektuell interessierten Niederländern groß. Sie konnten auf eine beeindruckende Tradition naturwissenschaftlichen Forschens zurückblicken, die mit Namen wie Christiaan Huygens (1629-1695), Antonie van Leeuwenhoek (1632-1723) und Jan Swammerdam (1637-1680) bedeutende Spuren in der Geschichte der europäischen Naturwissenschaft hinterlassen hatte. Einen spezifischen Ausdruck fand dieses Interesse in der sogenannten Physikotheologie. Diese wissenschaftlich-religiöse Lehre trieb eine immer detailliertere Erkundung aller natürlichen Phänomene voran, aus deren reicher Varietät und kompliziertem Aufbau man den Beweis für Gottes Güte und Weisheit in der Schöpfung entnahm. Besonders bekannt ist in dieser Hinsicht der Zutphener Prediger und Naturgelehrte J.F. Martinet (1729-1795). Sein populärer, vierbändiger "Katechismus der natuur" (1777-1779) enthielt in der Form eines Gesprächs zwischen einem Lehrer und einem Schüler die wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Schöpfung und deren moralische Bedeutung für den Menschen. Behandelt wurden der Himmel, die Luft, die Erde, der Körper des Menschen, die Seele, schließlich Tiere, Vögel, Fische, Insekten und Pflanzen in ihrem Aufbau und ihren Eigenschaften. Überall begegnete dem Leser das Staunen über die Weisheit Gottes. Sogar die scheinbar unbedeutendsten Erscheinungen erhalten einen höheren Sinn. Selbst die Laus, so Martinet, habe eine wertvolle Funktion: Sie diene dazu, faule Menschen so lange zu piesacken, bis sie aktiv würden und sich selbst besser versorgten.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

Personen

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Weitere Informationen in unserem Dossier Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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