Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


II. Renaissanceliteratur

Der Anfang der niederländischen Literatur

Daniel Heinsius
Daniel Heinsius, Quelle: unbekannt

Im Jahre 1616 erscheint die Gedichtsammlung "Nederduytsche poemata" des Humanisten Daniel Heinsius (1580-1655), der sich zuvor in erster Linie als neolateinischer Autor einen Namen gemacht hatte. Der vielbewunderte Leidener Gelehrte wandte sich damit ausdrücklich einer Dichtung in der Volkssprache zu, die das Erbe der antiken Dichtkunst aufnehmen und in der niederländischen Literatur umsetzen konnte. Er steht damit am Anfang einer Tradition, die auch auf die deutsche Dichtung des Barockzeitalters einen tiefgehenden Einfluss ausübte. So verrät etwa Martin Opitz' (1597-1639) "Buch von der deutschen Poeterey" (1624) den Einfluss des niederländischen Schriftstellers.

In Opitz' Teutschen Poemata (1624) – das Werk zeigt schon im Titel eine Übereinstimmung mit der Heinsiusschen Sammlung an – finden sich mehrere Gedichte, die direkt mit dem Oeuvre des niederländischen Dichters verbunden sind.

Das frühneuzeitliche Literaturverständnis

Die Geburt der niederländischen Literatur aus der neolateinischen Dichtung hat sich entscheidend auf die Auffassungen von der Dichtkunst im siebzehnten Jahrhundert ausgewirkt. Der von der Natur mit einer bestimmten poetischen Veranlagung begabte Schriftsteller muss sich, so war man damals der Meinung, vor allem am Beispiel der "Alten", der griechischen und lateinischen Dichter, schulen. Er muß im Idealfall eine klassische Schulbildung genossen und die Regeln der antiken Rhetorik in sich aufgenommen haben: Aristoteles (384-322 v.Chr), Cicero (106-43 v.Chr) und Quintilianus (ca. 35 – ca. 96 n.Chr)sind die immer wieder genannten Lehrer. Dichten als Kunst ist demnach etwas Erlernbares, eine Fähigkeit, die durch harte Arbeit erworben werden kann. Auf Ursprünglichkeit und Individualität wird demzufolge im frühneuzeitlichen Literaturverständnis viel weniger Wert gelegt als heute. Gerade die Nachfolge (imitatio) antiker oder berühmter zeitgenössischer Dichter gehört zum literarischen Spiel. Bestimmte Strukturen, Motive oder sprachliche Wendungen werden den Vorbildern entnommen und in neue Gedichte umgearbeitet. Dabei bleiben die Anlehnungen für Eingeweihte erkennbar, gerade dies macht den Reiz der literarischen Kommunikation aus.

Ziele, Vorbilder und Genres der niederländischen Dichtkunst

Ist die Nachfolge ein geachtetes Prinzip, so streben die besten Poeten dennoch danach, die antiken Vorbilder und ihre zeitgenössischen Kollegen zu übertreffen, die "aemulatio" – der Wetteifer mit den berühmten Lehrmeistern - wird das Ziel niederländischer Dichtkunst. Häufig liegt der höhere Wert der zeitgenössischen Dichtung in ihrem christlichen Gehalt – wo Vergil (70-19 v.Chr.) und Horaz (65-8 v.Chr.) ihren heidnisch-römischen Vorstellungen verhaftet blieben, da konnte der Renaissancedichter christliche Werte ansprechen und übertraf damit seine Vorbilder zumindest auf inhaltlichem Niveau. So war es etwa Joost van den Vondel (1587-1679) möglich, in seinem Epos Johannes de boetgezant (1662) mit der Figur Johannes des Täufers Vergils Äneas auszustechen. Der Ruhm des weltlichen römischen Reiches, als dessen Gründer Äneas angesehen wurde, war längst vergangen, der Wegbereiter Christi – Johannes – indes stand am Anfang einer Herrschaft, die in Ewigkeit Bestand hatte.

Jedoch nicht nur die antiken Dichter, auch andere Vorbilder wurden zu Inspiratoren der niederländischen Poesie. Der bewunderte Vater der Liebesdichtung war der Italiener Francesco Petrarca (1304-1374), der in seinem Sonettenzyklus für Laura die Schönheit dieser Angebeteten und den Liebesschmerz ihres Verehrers besang. Ein neues Genre, die petrarkistische Liebesdichtung, bemächtigte sich Europas. Auch niederländische Autoren wie Justus de Harduwijn (1582-1636) und P.C. Hooft (1581-1647) beschrieben ihre Angebetete im Stile Petrarcas: Ihr goldenes Haar, dessen Flechten den Geliebten gefangen halten, ihre strahlenden Augen, Spiegel einer edlen Seele, die das Liebesfeuer im Gemüt des Dichters entfachen, ihre rosenroten Lippen, die die ebenmäßigen, perlengleichen Zähne umschließen, ihre weiße Haut, ihre liebliche Stimme. Auf der anderen Seite steht der Geliebte, dessen Leben sich nur noch an der bewunderten Frau ausrichten kann, die er jedoch niemals völlig sein eigen nennen wird, seine Verzweiflung und dennoch sein Wunsch, dieses Liebes-Leid bis zum Ende zu ertragen. So viel Schmerz weckte bei manchen die Lachlust – es entsteht das Genre des antipetrarkistischen Gedichts. W.G. van Focquenbroch (1640-1670) beispielsweise beschreibt eine ganz andere Dame: Ihre schwarzen Augen sind wie ausgebrannte Kohlen in einem Misthaufen, ihr stinkender Atem kommt aus runzligem Munde, die Farbe ihrer Locken ähnelt dem, was Kinder in den Windeln hinterlassen, mit ihrer hängenden Nase und dem pockennarbigen Gesicht gleicht sie noch eher einem Affen als einem Menschen. Auch die kräftige Parodie war demnach Teil des literarischen Spiels.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

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