Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


IV. Religiöse Lyrik

Statenbijbel
Statenvertaling von 1637 , Quelle: Nederlands Bijbel Genootschap

Die religiösen Verhältnisse in der niederländischen Republik waren vielgestaltig. Einerseits galt sie in ganz Europa als Hort des (calvinistischen) Protestantismus. An der 1575 gegründeten Universität Leiden, deren Errichtung eine direkte Folge des Achtzigjährigen Krieges war, studierte die protestantische Jugend Europas. Der Freiheitskampf der Niederländer gegen das spanisch-habsburgische Imperium, so meinten viele, habe in erster Linie auch der Gewissensfreiheit als Freiheit des protestantischen Bekenntnisses gegolten. Die calvinistische Kirche genoss staatlichen Schutz und Privilegierung, um ein Regierungsamt zu erhalten musste man dieser "publieke kerk" angehören.

Andererseits lebten in den Niederlanden zahlreiche andere protestantische Gemeinschaften wie die Lutheraner oder die Mennoniten. Ferner gab es einen bedeutenden katholischen Bevölkerungsanteil und wurde, trotz des offiziellen Verbots der Messe, das katholische religiöse Leben im Verborgenen durchgeführt. Schließlich gehörten viele Menschen keiner der offiziellen christlichen Kirchen an, sondern übten ihr Christentum im Stillen aus, offen für ein sehr persönliches Glaubenserlebnis.

Stellung und Akzeptanz der religiösen Lyrik

Religiöse Lektüre und Literatur mit religiösem Einschlag gehörte zu den am weitesten verbreiteten literarischen Genres der niederländischen Renaissance. Das Wort Gottes, die Psalmen, Katechismusausgaben, geistliche Lieder, Erbauungsschriften, religiöse Emblematabücher wie das bekannte "Het masker van de wereld afgetrokken" (Der Welt die Maske abgenommen) des südniederländischen Jesuiten Adriaen Poirters (1605-1674), Exempelsammlungen und Heiligenleben waren in nahezu allen Bevölkerungsschichten zu finden und wurden im Familien- und Freundeskreis, aber auch auf Reisen und in Stunden der Gefahr gelesen. Zur Hinrichtung verurteilte Delinquenten trösteten sich bisweilen mit der Psalmlektüre und die Schiffe der Vereinigten Ostindischen Compagnie, die die Gewässer Südostasiens bereiste, pflegten Bibeln, Katechismen und Psalmbücher an Bord zu nehmen, um den Matrosen einen angemessenen geistlichen Zeitvertreib zu bieten und die Moral der Mannschaft zu stärken, wenn Seenot, Krankheit und Tod drohten. Für die niederländischen Reformierten spielte die Bibellektüre eine ganz besondere Rolle. Die Synode von Dordrecht (1618-1619), die die calvinistischen Glaubenswahrheiten aufs Neue ins Bewusstsein gerufen hatte, beschloß, eine Bibelübersetzung aus den Originalsprachen anfertigen zu lassen. Die Staten-Generaal erteilten einer Gruppe von Gelehrten im Jahre 1619 den Auftrag dazu, weshalb die im Jahre 1637 schließlich erschienene Übersetzung den Namen "Statenbijbel" trägt. Diese Bibel, geschrieben in der "Sprache Kanaas", wie das feierliche Niederländisch der Übersetzung genannt wurde, spielte für die reformierten Familien eine ganz besondere Rolle. Sie war das Zentrum des häuslichen Lebens, man pflegte nach den Mahlzeiten, zu Festtagen oder vor wichtigen Ereignissen daraus vorzulesen und trug so die biblischen Geschichten in den Alltag hinein.

Bedeutende Schriftsteller der religiösen Lyrik

Religiöse Lyrik wurde von den meisten Schriftstellern der niederländischen Renaissance verfasst, denn gerade das religiöse Erleben, das tiefe Eindringen in die Glaubenswahrheiten, war ein emotionales Ereignis, das immer wieder Anlass zu literarischer Bearbeitung bot. Ein reformierter Dichter war der Pfarrer und Theologiedozent Jacobus Revius (1586-1658), der übrigens als Übersetzungsrevisor für das Alte Testament auch an der Statenbijbel mitgearbeitet hatte. In seinen 1630 erschienenen

"Over-Ysselsche sangen en dichten" (Overijsselsche Gesänge und Gedichte) verarbeitet er biblische Themen, die von der Schöpfungsgeschichte bis zum jüngsten Gericht reichen. Die Sammlung enthält übrigens auch weltliche Poeme. Eines der bekanntesten Stücke aus diesem Buch ist das Sonett

"Hy droech onse smerten" (Er trug unsere Schmerzen), das die neutestamentliche Schilderung der Kreuzigung Christi auf den zeitgenössischen Sünder überträgt: Ich bin es, o Herr, der Kreuzholz, Strick, Nagel und Speer für dich war, ich habe dir die Dornenkrone aufgesetzt, denn all das geschah ja um meiner Sünden willen.

Der Utrechter Predikant Jodocus van Lodensteyn (1620-1677) war ein Anhänger jener pietistischen Gruppe innerhalb der reformierten Kirche, die als "Nadere Reformatie" ("Nähere Reformation") bezeichnet wird. Es ging den Vertretern dieser Richtung um eine Reformation, die nicht in den Werken Luthers, Calvins oder den Beschlüssen der Dordrechter Synode allein zu finden war, sondern die in das alltägliche Leben des Gläubigen hineinstrahlte. Sie sollte innerlich für die Gemeindeglieder erlebbar sein und eine Heiligung des Lebenswandels bewirken. Lodensteyn, der selbst ein zurückgezogenes und asketisches Dasein führte, veröffentlichte seine Dichtwerke in der Sammlung "Uyt-spanningen" (Erquickungen, 1676). Der Gedichtband wurde in pietistischen Kreisen lange Zeit als Liederbuch genutzt, und man erzählte sich Geschichten über Gläubige, die mit Lodensteins Versen auf den Lippen gestorben waren:

Hoog! omhoog! mijn ziel, naar boven!
Hier beneden is het niet:
't Rechte leven, lieven, loven,
Is maar waar men Jezus ziet.
(Auf! Herauf! Meine Seele, nach oben! / Hier unten ist es nicht: / Das rechte Leben, Lieben, Loben/ Ist nur wo man Jesus sieht.)

Zu den Autoren katholischer, religiöser Lyrik gehörte Joannes Stalpart van der Wiele (1579-1630). Nach einer anfänglichen Karriere als Advokat in Den Haag hatte er in Löwen, Frankreich und Rom Theologie studiert, war zum Priester geweiht und promoviert worden. Im Jahre 1611 kehrte er nach Holland zurück und wurde Erzpriester für Delft und Rotterdam. Seine Werke strahlen den Geist der Gegenreformation aus, für die er in seiner pastoralen Arbeit tätig war. Besonders bekannt wurde seine Liedersammlung "Gulde-jaer Ons Heeren Jesu Christi" (Goldenes Jahr unseres Herrn Jesu Christi , 1628), die Lieder zum kirchlichen Jahres- und Festkalender enthält.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

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Weitere Informationen in unserem Dossier Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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