Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


XI. Empfindsamkeit und Bürgerlichkeit

Richtete sich das aufklärerische Denken vor allem an den Verstand des Menschen, der ja gerade "erleuchtet" werden sollte, so traten schon bald literarische Strömungen zutage, die insbesondere das Gefühl des Lesers erreichen wollten. Die empfindsame Richtung, die in Gedichten, insbesondere auch Romanzen, aber auch im neuentstehenden Briefroman ihren Ausdruck fand, hat wie andere neuere Gattungen europäische Einflüsse aufgenommen. In England taucht der Begriff des "Sentimentalen" zunächst bei E. Young (1683-1765) in dessen "Night thoughts", (1742-1745) und L. Sterne (1713-1768) in "A sentimental journey" (1768) auf. Besondere Bekanntheit genossen auch J.J. Rousseaus Roman "Julie ou la nouvelle Heloïse" (1761) sowie J.W. von Goethes (1749-1832) "Die Leiden des jungen Werthers" (1774).

Jacobus Bellamy

Jacobus Bellamy
Jacobus Bellamy, Quelle: Reinier Vinkeles

Einer der Dichter, bei dem sich die Empfänglichkeit für eine neue, eher gefühlsbetonte Poesie äußerte, war der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Jacobus Bellamy (1757-1786). Zunächst Bäckergeselle, konnte er seit 1782 dank der Unterstützung einiger Bürger seiner Geburtsstadt Vlissingen in Utrecht Theologie studieren. Im gleichen Jahr veröffentlichte er auch seine für die Erneuerung der niederländischen Dichtkunst bedeutende Sammlung "Gezangen mijner jeugd" (Gesänge meiner Jugend, 1782). Es handelt sich dabei um empfindsame Gedichte, deren Anlass unter anderem die (noch) unerfüllte Liebe zu einem Fillis genannten Mädchen – Bellamys späterer Frau – war. Mit der Zeitschrift "De poëtische spectator" (Der poetische Spectator, 1784-1786) wagte sich Bellamy auch auf das Feld der Literaturkritik, was sein ernsthaftes Bemühen zeigt, für eine Verbesserung der zeitgenössischen Literatur einzutreten. Sein früher Tod verhinderte nach allgemeiner Meinung die Weiterentwicklung einer erfolgreichen Dichterkarriere.

Rhijnvis Feith

Rhijnvis Feith (1753-1824) gilt mit seinen Briefromanen "Julia" (1783) sowie "Ferdinand en Constantia" 1785) als wichtigster Vertreter der niederländischen Empfindsamkeit. Feith, der sich selbst eines Lebens in Wohlstand und sozialem Erfolg erfreuen konnte, zeugt in seinen empfindsamen Werken von einer schwierigen Spannung zwischen der von der Gesellschaft geforderten Rationalität auf der einen und einem feiner entwickelten Gefühlsleben auf der anderen Seite. Der Autor, der sich auch theoretisch in seinen "Brieven over verscheidene onderwerpen" (Briefe über verschiedene Themen, 4 Bde., 1784-1789) zum Problem der sentimentalischen Dichtung äußert, sieht Gefühl und Verstand nicht als unüberbrückbare Gegensätze. Das allen Menschen angeborene Gefühl, welches allerdings nur die edelsten Gemüter zu wirklicher Vollkommenheit zu entwickeln vermögen, geht dem Verstand nur voraus. Es öffnet die Seele für die Empfindungen alles Großen und Schönen und bereitet damit der heilsamen Tätigkeit des Verstandes den Weg. Auf diese Weise versucht Feith zu einer Synthese von Verstand und Gefühl zu kommen.

Sein Roman "Julia" schildert die unglückliche Liebe der Titelheldin zum feinfühligen Eduard, die ihr von ihrem Vater verboten wird. Die Geliebten müssen sich trennen, was bei Julia eine lebensbedrohliche Gemütskrankheit hervorruft. Ihr Vater beschließt nun, der Heirat doch noch zuzustimmen – für die Tochter jedoch kommt dieser Sinneswandel zu spät – sie stirbt vor Kummer. Dem zurückgekehrten Eduard bleibt nichts weiter übrig, als seinerseits, weinend auf ihrem Grab, den Tod zu erwarten. Feiths anfänglicher Erfolg mit dem empfindsamen Genre hielt nicht lange an. Bald schon erschienen Parodien auf seine Werke.

Die Stellung der Frau

Einen wichtigen Platz in der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts nahmen die Frauen sowohl als Lesepublikum, Teilnehmerinnen an literarischen Salons, Hauskreisen und Vereinigungen aber auch als Autoren ein. Viele Schriften richteten sich gerade an junge Mädchen und Frauen, die für die bürgerliche Gesellschaft als Ehegattin und Mutter eine entscheidende Stütze darstellten. Ihrer Bildung und Erziehung widmete man sich daher in besonderem Maße. Hierzu eignete sich das neu entstandene Genre des bürgerlichen (Brief-)Romans in herausragender Weise. Es waren demzufolge auch zwei Autorinnen, Elisabeth Wolff-Bekker (1738-1804) und Agatha Deken (1741-1804) die mit ihrem umfangreichen Briefroman "Historie van mejuffrouw Sara Burgerhart" (Geschichte der Jungfer Sara Bürgerhart, 1782) das Genre des bürgerlichen Sittenromans in die niederländische Literatur einführten. Gleichzeitig zeugt das Werk von „Betje Wolff und Aagje Deken“ von einer der bekanntesten und fruchtbarsten literarischen Freundschaften der niederländischen Literaturgeschichte.

Der Roman handelt von dem jungen Bürgermädchen Sara, die das Haus ihrer unausstehlichen Tante verlässt und ein selbständiges Leben beginnen will, wobei ihr jedoch viele Schwierigkeiten begegnen. Erst verführt von einem nichtswürdigen Schurken, aus dessen Händen sie jedoch ihre Ehre retten kann, wird sie schließlich die Braut des vorbildlichen Hendrik Edeling, der sie in die geordnete bürgerliche Welt zurückführen darf. Die Affaire Sara Burgerhart wird im Roman von mehr als zwanzig Korrespondenten von allen Seiten durchleuchtet. Neben den didaktischen Zielen zur Erziehung junger Bürgermädchen verfolgten die Autorinnen noch andere Absichten. So wird der vaterländische Handel – im Gegensatz zur englischen und französischen Konkurrenz – verherrlicht und ein Christentum der praktischen Nächstenliebe gefordert. Diesen Gedanken griffen die Wolff und Deken auch in einem weiteren Briefroman, "Historie van den heer Willem Leevend" (Geschichte des Herrn Willem Leevend, 1784-1785), auf. Der Theologiestudent Willem Leevend, der sich zunächst vom Glauben abwendet, bekehrt sich in der Erzählung zu einem praktischen und toleranten Christentum und findet sein Glück in der Ehe. Interessant ist die Warnung gegen die empfindsame Literatur, die in diesem Buch ausgesprochen wird. Lotje Roulin, eine Figur, die sich ganz der Sentimentalität hingegeben hat, stirbt einen frühen Tod. Übertriebene Empfindsamkeit, so die Lehre, kann zur Zerstörung der Persönlichkeit führen.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

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Weitere Informationen in unserem Dossier Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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