Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


III. Emblematik

Ein Genre, dessen Entstehung direkt mit der Renaissanceliteratur verbunden werden kann, ist die Emblematik. Ein Emblem oder Sinnbild ist die dreiteilige Einheit eines Mottos (inscriptio pictura subscriptio), wobei die in der Pictura dargestellten Dinge mehr bedeuten als es zunächst den Anschein hat. So kann zum Beispiel die kleine Raupe, die sich später in einen Schmetterling umwandelt, einerseits ein Sinnbild sein für den einfältigen Menschen, der durch die Kraft der Liebe ganz verändert und verwandelt wird. Andererseits für den armen Wurm, der aus einer sozial niedrigen Position zu einem Ehrenamte gekommen ist. Sein schönes Schmetterlingskleid betört zwar die Welt, seine Raupenabkunft verrät aber der Umstand, daß er an allem gefräßig nagt und mit keinem Profit zufrieden ist. Drittens steht die in einen Schmetterling veränderte Raupe für die Erneuerung, die der Erdenwurm Mensch durch Gottes Hilfe erlangen kann – auf den Flügeln des Glaubens erhebt er sich über die Erde.

Entstehung und Verbreitung

Seite aus Jacob Cats Monita amoris virginei
Seite aus J. Cats "Monita amoris virginei", Quelle: vermutlich J. Gerritsz Swelinck

Als Schöpfer des Genres gilt der Italiener Andrea Alciato (1492-1550), dessen "Emblematum liber" (Emblembuch) 1531 erschien. Zahlreiche niederländische Dichter haben sich mit der Emblematik beschäftigt und mit Hilfe dieses Genres wiederum Einfluss auf die europäische, vor allem auch die deutsche Literatur ausgeübt. Besonders stark vertreten war in den Niederlanden die ethisch-moralisierende Liebesemblematik. Auch hier kann Daniel Heinsius als einer der Gründerväter gelten. Seine 1601 erschienene Sammlung "Quaeris quid sit amor" (Du fragst, was Liebe sei ; spätere Drucke unter dem Titel "Emblemata amatoria" ), die lateinische und niederländische Poesie enthält, inspirierte zahlreiche andere Dichter, sich nun ihrerseits mit diesem Genre auseinanderzusetzen. Die 1611 bei dem bekannten Amsterdamer Drucker Willem Janszoon Blaeu (1571-1638) erschienene Sammlung P.C. Hoofts, "Emblemata amatoria" (Liebesemblemata), vereinigt dreißig besonders schön ausgeführte bildliche Darstellungen mit lateinischen, französischen und niederländischen Mottos. Gelehrsamkeit und Allgemeingütigkeit des Genres lassen sich daran ablesen.

Das ethisch – moralisierende Emblem nach Jacob Cats

Eine besondere Variante des ethisch-moralisierenden Emblems lieferte Jacob Cats mit seinen "Sinne- en minnebeelden" (Sinn- und Liebesbilder; 1618 erste Ausgabe unter dem Titel "Proteus"; neue Edition 1627). Cats deutet die selben bildlichen Darstellungen auf drei verschiedene Weisen: für die Jugend als Liebesemblematik, für das mittlere Lebensalter als Anspielung auf angepasstes gesellschaftliches Verhalten und für das Greisenalter als Hinweis auf religiöse Themen. Die Sammlung beginnt beispielsweise mit dem Bild eines reich gekleideten Paares, das auf einem Fischmarkt einen Aal beobachtet, der sich, obwohl er bereits in Stücke gehackt ist, dennoch nach allen Seiten windet. Daran wird folgende Erklärung geknüpft (zitiert wird eine deutsche Übersetzung von 1710): 1. In Liebesangelegenheiten: „Das Theil / vom Gantzen abgenommen / Will gern zum Gantzen wieder kommen“ – wie die Teile des Aals streben auch Liebende nach (Wieder-)Vereinigung. 2. Gesellschaftliche Regeln - unangemessene Liebeslust des Alters: „Der Alten Löffeley / Ist lauter Fantasey“ – wenn sich ältere Herren noch in Liebeslust winden und nach Genuss streben, wird sich bald zeigen, dass der Reiz lauter Wahn war, denn sie stehen schon mit einem Bein im Grabe. 3. Die geistliche Deutung: „Schweig und duld’ im Leyden / Das du nicht kanst meiden“ – Der Aal windet sich umsonst, er muss doch sterben. So auch der Mensch, wer unwillig leidet, leidet noch größeren Schmerz, besser ist es, sein Kreuz geduldig zu tragen.

Typisch Niederländisch: das realistische Emblem

Ein typisch niederländisches Subgenre ist das sogenannte "realistische" Emblem, als dessen Vater der dichtende Kaufmann Roemer Visscher (1547-1620) gilt. In seiner Sammlung "Sinne-poppen" (Sinnfiguren; 1614) benutzt er viele Darstellungen, die ein gewisses Lokalkolorit enthalten und damit als Gegenstände des (niederländischen) Alltags zu erkennen sind, wie etwa ein Kompass, Tulpen, ein Bierfass oder ein Wetterhahn, es fehlen auch nicht die modisch gekleidete junge Frau oder der Schlittschuhläufer. Visscher präsentiert damit eine für jeden nachvollziehbare Wirklichkeit und knüpft daran seine moralischen Betrachtungen, die sich vor allem mit dem Familienleben, dem gesellschaftlichen Status und dem Erwerb und der Mehrung von Besitz beschäftigen. Der Gegensatz zum Gelehrtenemblem mit seinen literarischen Anspielungen und der Zurschaustellung von spitzfindiger Bücherkenntnis ist groß. Bei Visscher wird die Emblematik zur Alltagskunst – Gegenstände des alltäglichen Daseins müssen zu Wahrheiten über eben dieses Leben führen.

Sehr bekannt geworden ist auch Jan Luyken (1649-1712) mit seinem Emblembuch "Spiegel van 't menschelyk bedryf" (Spiegel des menschlichen Handelns, 1694). Luyken, der seine Dichterkarriere mit amouröser Poesie begonnen hatte, wendete sich bald geistlichen Dingen zu und bekannte sich in seinen Werken zu einem verinnerlichten Christentum. In seiner Sammlung unterlegt er einhundert verschiedenen Gewerken einen geistlichen Sinn. Als Beispiel sei der Hersteller von Schiffspumpen genannt. Das Motto lautet: „Die niet te grond wil gaan, / Diend hand aan ‚t werck te slaan – Wer nicht untergehen will, muss hart arbeiten“. Wie die Schiffspumpe das Wasser, das ins Schiff durch ein Leck eingedrungen ist, wieder herausdrückt, so muss auch der Mensch im Schiff des Lebens die Eitelkeit, die er gelegentlich trinkt, ständig aus sich selbst wieder herausarbeiten. Bis heute genießt diese Sammlung eine große Popularität, sie wird unter anderem immer wieder zur Illustration der frühneuzeitlichen Arbeitskultur benutzt. Darin zeigt sich auch, dass die Emblemata grundlegendes über die Denkweise der Renaissance und ihre Art, die Welt zu sehen, verraten. Sie wurden daher unter anderem auch für die Enträtselung zahlreicher barocker Gemälde und anderer Kunstgegenstände eingesetzt.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

Personen

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Weitere Informationen in unserem Dossier Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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