Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


XII. Bürgerliches Drama

Voltaire
Voltaire, Quelle: Catherine Lusurier

Auch auf der niederländischen Bühne brechen sich die neuen Werte der Aufklärung und eines aufstrebenden Bürgertums Bahn. Zunächst regieren in den Schauspielen die Gesetze des Französischen Klassizismus. Es wurden zahlreiche französische Stücke von Corneille (1606-1689), Racine (1639-1699) oder später Voltaire (1694-1778) aufgeführt. Auch das zeitgenössische niederländische Theater folgte zunächst weiter den Regeln des Klassizismus: Helden von hohem Stand, der antiken Geschichte, Mythologie oder der vaterländischen Historie entnommen, durften auf der Bühne ihre hochtrabenden Empfindungen in tönenden Versen aussprechen. Schauspielerpersönlichkeiten wie der Amsterdamer Jan Punt (1711-1780), der in der Rolle des Achilles glänzte, brachten das Publikum schier zur Raserei. Es wurde erzählt, eine Zuschauerin, die durch sein Spiel völlig das Band mit der Realität verloren habe, sei dem Wahnsinn verfallen, als ihr nicht erlaubt wurde, „Achilles“ auf der Bühne vor seinen Gegnern zu warnen.

Neue Themen des Theater: das bürgerliche Leben

Obwohl sich das gloriose Theater noch lange Zeit hielt, kamen doch nach der Jahrhundertmitte Stimmen auf, die dem gewöhnlichen, bürgerlichen Leben auf der Bühne einen Platz einräumen wollten. Nicht mehr die Helden einer fernen Vergangenheit, sondern Zeitgenossen sollten den Zuschauer rühren. Einer der Theoretiker des neuen „Sittendramas“, Cornelius van Engelen (1722-1793), forderte vehement ein Abweichen von den herkömmlichen dramatischen Regeln. Große Gefühle ließen sich seiner Meinung nach auch durch scheinbar alltägliche Handlungen erwecken, die gewöhnliche Menschen in erster Linie in ihrer privaten Umgebung zeigten. Die Familie wird daher zu einem Hauptfeld der Handlung in den neuen, bürgerlichen Stücken. Ziel ist es, die Zuschauer zu rühren und ihr Herz für Emotionen – insbesondere des Mitleids – empfänglich zu machen. In seinen theoretischen Konzepten verarbeitete das bürgerliche Schauspiel in den Niederlanden damit Anregungen von unter anderem D. Diderot (1713-1784) und G.E. Lessing (1729-1781).

Das „bürgerliche Theater“ spiegelt die literarische Entwicklung des niederländischen Aufklärungszeitalters in wichtigen Teilen wider. Wie in den moralischen Wochenschriften werden dem Zuschauer auch hier bekannte Menschentypen vor Augen geführt: schamlose Kaufleute, die ihren Nächsten bedenkenlos in den Ruin stürzen, korrupte Beamte, seelenlose Modenarren, die alles nachäffen, was über die französische Grenze kommt, mitleidlose Konventikler, deren Christentum ihr Herz nicht erreicht hat. Und immer wieder edle Seelen, die die von den Menschenfeinden gefährdete Harmonie der bürgerlichen Verhältnisse ins Gleichgewicht zu bringen wissen. In diesem Sinne besteht auch ein Zusammenhang zur empfindsamen Literatur und zum „Sittenroman“. Das Anliegen aller dieser Gattungen ist es, den Lesern oder Zuschauern durch Rührung edle Gefühle wie Mitleid und Menschenfreundlichkeit einzupflanzen, um sie schließlich zu besseren Gliedern der Gemeinschaft zu erziehen.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

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