Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


VII. Bühne der Welt

Das Theater

Das Theater erfüllte in der frühen Neuzeit, nicht nur in den Niederlanden, die Rolle eines wichtigen Mediums, das relativ breite Bevölkerungsschichten erreichen konnte. In diesem Zusammenhang gesehen stand es in Konkurrenz zu einem anderen, bedeutenden (Massen-)Medium – den Predigten in den Kirchen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass insbesondere die calvinistische Geistlichkeit in den Niederlanden während des gesamten Jahrhunderts versucht, diesen Konkurrenten auszuschalten. Theaterspielen gilt – unter anderem wegen des damit verbundenen Verkleidens der Schauspieler, das biblischen Geboten widerspricht – als gottlos. Ungeachtet dessen erfreute sich das Theater einer großen Beliebtheit. Seine Wurzeln reichen zurück zu den mittelalterlichen Passions- und Osterspielen.

Niederländisches Theater: ‚Rederijkerei’

Vondel, Joost van den
J. van den Vondel, Quelle: Philips Koninck

Eine wichtige niederländische Tradition war die "Rederijkerei". Bei den sogenannten „Redekammern“ handelte es sich um Amateurvereinigungen, die die Dichtkunst ausübten und wo auch selbstverfasste Theaterstücke zur Aufführung kamen. Viele bekannte Dramenautoren, wie Bredero, Hooft oder Vondel waren übrigens selbst für kürzere oder längere Zeit Mitglied in einer „Redekammer“.

Anfang des siebzehnten Jahrhunderts bestanden daher verschiedene Theaterformen nebeneinander. Es existierten noch lange die herkömmlichen "Redekammern", fahrende Theatertruppen, häufig aus England, spielten nicht nur in den größeren Städten sondern auch in ländlicheren Gebieten für ein breites Publikum. Und schließlich war eine Tradition des professionellen niederländischen Theaters entstanden, die 1638 mit der Eröffnung des Amsterdamer Stadttheaters – der "Schouwburg" – einen festen Platz im öffentlichen Leben erhielt.

Das Amsterdamer Stadttheater ‚Schouwburg’

Das von Jacob van Campen (1595-1657) erbaute Gebäude im klassischen Stil konnten etwa eintausend Besucher fassen, wobei etwa die Hälfte sich allerdings mit Stehplätzen begnügen musste. Gespielt wurde zweimal pro Woche, montags und donnerstags. Die Vorstellung begann um vier Uhr nachmittags, und es standen jeweils zwei Stücke – meist ein tragisches und ein komisches – auf dem Programm. Die Verbindung von Tragik und Komik war dabei nicht allein ein Tribut an den Publikumsgeschmack, sondern diente einer als wichtig angesehenen Wiederherstellung des harmonischen, inneren Gleichgewichts beim Zuschauer.

Wie das Publikum auf die Stücke insgesamt reagierte, ist eine interessante, mangels ausführlicher zeitgenössischer Berichte jedoch sehr schwer zu beantwortende Frage. In jedem Fall diente das Theater auch als Entspannungsort, wo man wichtige Personen treffen oder selbst gesehen werden konnte, Kontakte zum anderen Geschlecht knüpfte oder einfach, bei Bier, Orangen und Nüssen, die Geselligkeit genoss. Der Eintritt für einen Stehplatz betrug etwa ein Viertel des Tageslohns eines geschulten Arbeiters, so dass man davon ausgehen kann, dass die soziale Struktur der Besucher relativ breit angelegt war. Man folgte den Vorstellungen auch nicht still, sondern setzte während der Aufführung begonnene Gespräche fort oder mischte sich lautstark in die Dramenhandlung ein. Erst im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts verschwanden diese Gewohnheiten langsam.

Gerbrand Adriaensz. Bredero

Die überaus reiche niederländische Dramenproduktion des siebzehnten Jahrhunderts lässt sich hier nur in einigen Höhepunkten darstellen. Gerbrand Adriaensz. Bredero (1585-1618), Sohn eines Schuhmachers, der in seinem Leben und seinen Werken seine Heimatstadt Amsterdam und deren Aufstieg zu einer europäischen Metropole verkörperte, verfasste neben einigen Tragikömodien eine Reihe von Lustspielen, die ihn zu einem der anerkanntesten Komödiendichter des siebzehnten Jahrhunderts werden ließen. Am berühmtesten ist wohl sein Stück "Spaanschen Brabander Jerolimo" (1617), das teilweise auf dem spanischen Schelmenroman "Lazarillo de Tormes" beruht. Bredero wollte darin, nach eigenem Bekunden, seinem Publikum ungeschminkt und anschaulich die Missstände der heutigen Zeit und der verdorbenen Welt vor Augen führen. Jerolimo, einem Brabanter Landstreicher, der sich als Edelmann ausgibt, gelingt es, die alteingesessenen Amsterdamer Bürger bei ihrem Geiz, ihrer Naivität und Doppelmoral zu packen und sie gründlich auszunehmen. Das Stück spielt etwa vierzig Jahre vor seinem Erscheinungsdatum, in einer Zeit, da Amsterdam erst begann, eine Weltstadt zu werden. Dies geschah unter anderem durch die Einwanderung zahlreicher südniederländischer Immigranten. Der Dialekt wie die Großmannssucht eines bestimmten Einwanderertyps wird im Stück ebenso verlacht wie die halbbäuerische Einfalt der noch weltunerfahrenen, aber gewinnsüchtigen Amsterdamer, deren "altholländische Ehrlichkeit" sich als Schein herausstellt. So konnten in Brederos Tagen sowohl die Nachkommen der Eingewanderten als auch die der alteingesessenen Amsterdamer über ihre Vorgänger lachen – Amsterdam hatte sich längst zu einer Metropole gewandelt, zu deren kultureller Entwicklung gerade die Südniederländer mit Wissen und Kapital viel beigetragen hatte.

Pieter Cornelisz. Hooft

Ein weiterer populärer Dichter war der Sohn eines Amsterdamer Bürgermeisters, Pieter Cornelisz. Hooft (1581-1647). Hooft, der selbst wichtige Verwaltungsfunktionen innehatte und schließlich sogar im Jahre 1639 vom französischen König Ludwig XIII. in den Adelsstand erhoben wurde, verkörperte den Typus des humanistischen Literaten, der die Dichtkunst als Beschäftigung seiner Mußestunden ansieht. Wie es dem renaissancistischen Ideal entsprach, beschäftigte er sich tiefgründig mit der antiken, insbesondere der lateinischen Literatur. Sein großes Vorbild, dem er durch das Prinzip der imitatio zu gleichen suchte, war der lateinische Historiker Tacitus (55-120), dessen Oeuvre Hooft zweiundfünfzig Mal gelesen und vollständig ins Niederländische übersetzt hatte. Ihm folgte er in seinem Hauptwerk nach, das ihm den Titel eines niederländischen Tacitus eintrug: den "Nederlandsche Historiën" (Niederländische Geschichte), die sich mit der Geschichte des niederländischen Aufstandes befassten.

In seinem Dramenwerk verarbeitete Hooft mythologische und nationale Stoffe. Seine Schauspiele zur nationalen Historie, "Geeraerdt van Velsen" (1613) und "Baeto" (1617, gedr. 1626) können mithin auch als Vorarbeiten zu seinem großen, historiographischen Werk angesehen werden. Neben Vondels "Gysbreght van Aemstel" (1637) war Hoofts "Geeraert van Velsen" eines der populärsten Stücke mit nationalhistorischem Inhalt. Beide Dramen schließen übrigens aneinander an, sie wurden im Amsterdamer Theater häufig auch an aufeinanderfolgenden Abenden aufgeführt.

Joost van den Vondel

Joost van den Vondel (1587-1679), Nachfahre südniederländischer Immigranten und Kaufmann, wird als der größte niederländische Dramatiker des siebzehnten Jahrhunderts und Schriftsteller von europäischem Rang angesehen. Er hinterließ ein beeindruckendes Oeuvre. Insgesamt publizierte er zweiunddreißig Trauerspiele, das heißt acht Übersetzungen bekannter klassischer Dramen und vierundzwanzig ursprüngliche, zum größten Teil biblische Tragödien. Vondels Werk ist zudem bemerkenswert, weil es in seiner Reifephase nach 1640 überwiegend auf dem klassischen griechischen Erbe basiert. Der Dichter ließ sich nicht allein von den Tragödien des Sophokles (496 v.Chr.-406 v.Chr.) oder Euripides (ca. 480 v.Chr.-406 v.Chr.) inspirieren, sondern strebte außerdem als erster eine möglichst getreue praktische Umsetzung der Dramenvorschriften des Aristoteles (384v.Chr.-322 v.Chr.) an. Vondel hat mit seinem Werk auch die deutsche Barockdramatik, insbesondere des Andreas Gryphius (1616-1664), stark beeinflusst.

Vondels dramatisches Oeuvre zeugt nicht nur von seinem ausgesprochenen Interesse für die Prinzipien der imitatio und aemulatio hinsichtlich der antiken Dramenvorschriften, sondern besitzt häufig auch einen aktuellen politischen Hintergrund, der in der niederländischen Öffentlichkeit zu heftigen Debatten führt. In seiner 1625 verfassten Tragödie "Palamedes oft Vermoorde onnooselheyd" (Palamedes oder Ermordete Unschuld) setzt er sich – in antiker Gewandung – mit der Hinrichtung des Ratspensionärs Johan van Oldenbarnevelt (1547-1618) auseinander. Vondel verteidigt den Ratspensionär als Sinnbild der Freiheit und klagt seine Richter– und damit auch den Statthalter Moritz von Oranien - der Tyrannei an. Der Druck wurde von der Amsterdamer Obrigkeit verboten, es erschienen jedoch sofort illegale Ausgaben. Vondel begriff, dass er sich politisch sehr weit vorgewagt hatte und tauchte für kurze Zeit unter. Er musste ein Gerichtsverfahren, Gefängnis oder schlimmeres befürchten. Schließlich blieb es bei einer Geldstrafe. Auch andere Stücke brachten Vondel in Konflikt mit der Obrigkeit, so seine 1646 erschienene Tragödie "Maria Stuart", in der der um 1640 zum Katholizismus übergetretene Dichter die schottische Königin als Märtyrerin und ihre protestantische Schwester Elisabeth von England als Gewaltherrscherin darstellte. Heftige Proteste des Amsterdamer reformierten Kirchenrates führten zu einer erneuten Geldstrafe, die Vondels Verleger für ihn bezahlte.

Seine vielleicht beeindruckendste Tragödie erschien im Jahre 1654. "Lucifer" ist die Geschichte des wegen seines Hochmutes aus dem Himmel verstoßenen Erzengels, der vom Lichtträger zum Herrn der Finsternis wird. Sechs Jahre arbeitete der Dichter an diesem einzigartigen Werk, in dem er Lucifers Aufstand gegen Gott und seine Bestrafung als einen tragischen Untergang schildert. Das Stück wurde – mit allerlei technischen Finessen und einem aufwendigen Himmeldekor – am Amsterdamer Stadttheater nur zweimal gespielt, dann mußte es wegen des Protestes des Kirchenrates abgesetzt werden. Ein Drama, das himmlische Figuren selbst auf die Bühne brachte, fand man dort gotteslästerlich. So zeigt Vondels Dichterschicksal auch die bisweilen schwierige Stellung des Theaters, das sich gegen die Angriffe der calvinistischen Geistlichkeit immer wieder zur Wehr setzen musste.

Jan Vos

Ein Erfolgsstück ganz anderer Art verfasste der Amsterdamer Glaser Jan Vos (1610-1667), der mit " 1641) eines der populärsten Dramen des siebzehnten Jahrhunderts auf die Bühne brachte. Vos war, im Gegensatz etwa zu Hooft und Vondel, kein klassisch-gelehrter Dichter. Er beherrschte ausschließlich seine Muttersprache und gehörte als Handwerker auch nicht dem gehobeneren Bürgertum an, von dem man sonst die Beschäftigung mit der Dichtkunst erwartete. Seine Freundschaft mit zahlreichen Malern und Poeten sowie seine große Belesenheit ließen ihn dennoch zu einem erfolgreichen Autor werden. Der Stoff seines Aran en Titus of Wraak en Weerwraak" (Aran und Titus oder Rache und Gegenrache, "Aran en Titus" rankt sich um den legendären römischen Feldherrn Titus Andronicus, dessen Schicksal übrigens auch Shakespeare (1564-1616) zu einer Tragödie inspiriert hatte. Vos' Stück ging am 30. September 1641 in Premiere und wurde danach unzählige Male aufgeführt. Begeisternd für das nach Sensation hungernde Publikum war nicht nur die blutige Geschichte voller grauenhafter Morde, sondern auch die technischen Möglichkeiten, mit denen sie auf der Amsterdamer Bühne in Szene gesetzt wurde. Viel „kunst en vliegwerk“ (Bühnentechnik) besaß eben auch einen großen Unterhaltungseffekt. Bemerkenswert ist, daß das Stück auch von renommierten Gelehrten wie dem Amsterdamer Professor und humanistischen Dichter Caspar Barlaeus (1584-1648) aufs höchste gelobt wurde, er sah es sieben Mal an und pries es in seiner Korrespondenz mit Huygens.

„Die Welt ist ein Theater“ hatte Vondel geschrieben. Auf der Amsterdamer Bühne kamen im „Goldenen Jahrhundert“ alle Merkmale zusammen, die die Faszination der damaligen niederländischen Literatur ausmachten. Sie orientierte sich an den antiken Klassikern, reagierte jedoch auch auf zeitgenössische Fragen und richtete sich auf die Unterhaltung und Belehrung des Publikums. Für einen großen Teil der Bürger war damit die Bühne ein Fenster zur Welt, das sie mit Vergangenheit und Gegenwart verband und manchmal einen Blick in die Zukunft riskieren ließ.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

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Weitere Informationen in unserem Dossier Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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