Literatur im 17. und 18. Jahrhundert


VI. Literatur zur moralischen Belehrung

Im bisher Gesagten wurden verschiedene Funktionen der Renaissanceliteratur angesprochen. Sie diente der gelehrten, geistreichen Unterhaltung, einer tieferen Erkenntnis der Welt, verschaffte religiöse Erbauung, Freude und Trost zu wichtigen persönlichen Ereignissen. Eine Bestimmung frühneuzeitlicher Literatur wird jedoch von den Autoren immer wieder herausgehoben – die der (moralischen) Belehrung des Lesepublikums. Diese allgemeine Funktion der Renaissanceliteratur ist ganz besonders mit dem Namen des seeländischen Emblematikers und Moralisten Jacob Cats (1577-1660) verbunden. Er war übrigens der im damaligen Deutschland am stärksten rezipierte niederländische Literat.

Jacob Cats

Jacob Cats

Jacob Cats, der als ausgebildeter Jurist verschiedene staatliche Funktionen innehatte, bis er 1636 das Amt des Ratspensionärs erhielt, welches er bis zum Jahre 1651 bekleidete, stellte sich zum Ziel, seinem Vaterlande nicht nur auf dem politischen, sondern auch dem moralisch-didaktischen Feld zu dienen. Seine Schriften bieten Gelehrten und Ungelehrten gleichermaßen Vergnügen, denn sie greifen auf die humanistischen Traditionen, biblische und antike Quellen sowie Werke zahlreicher europäischer Autoren zurück und sind doch zugleich auch für weniger gebildete Leser verständlich. Neben seinem Emblembuch Sinne- en minnebeelden (1618 und 1627- siehe Emblematik ) veröffentlichte er unter anderem eine umfangreiche Sammlung von europäischen Sprichwörtern und Sentenzen unter dem Titel "Spiegel van den ouden en nieuwen tyt" (Spiegel der alten und neuen Zeit ,1632) sowie die Versnovellensammlung "Trouringh" (Trauring,1637), die das bei ihm immer wiederkehrende Liebes- und Ehemotiv zum Gegenstand hat.

Sein populärstes Werk, das sich ebenfalls mit diesem Thema auseinandersetzte, war das 1625 erschienene Buch "Houwelick" (Ehe). Das Buch wurde zwischen 1625 und 1655, so behauptete Cats' Verleger, 50.000 Mal verkauft. Kaum ein Haushalt in den Niederlanden, der es sich einigermaßen leisten konnte, verzichtete auf den Besitz dieses Ratgebers. Das Werk umfasst den Lebenszyklus der Frau als Mädchen, Jungfrau, Braut, Ehegattin, Mutter und Witwe, eingebettet in die Abfolge der Jahreszeiten, was den natürlichen Kreislauf der menschlichen Lebensfolge unterstreicht. Bemerkenswert ist, dass Cats nicht nur die Pflichten des weiblichen Geschlechts, sondern auch die der Männer ausführlich beschreibt. Ziel ist die ideale Ehe als Grundpfeiler der Gesellschaft und die Erweckung und Erziehung einer gesunden Nachkommenschaft. Cats' Ratschläge besitzen dabei einen durchaus praktischen Charakter, wenn er etwa Schwangeren die richtige Kleidung und eine angemessene Diät vorhält. Berühmt geworden ist sein Plädoyer für das Stillen von Säuglingen durch die leibliche Mutter: "Eén die haar kinders baart, is moeder voor een deel; / Maar die haar kinders zoogt, is moeder in 't geheel." ("Eine Frau, die ihre Kinder zur Welt bringt, ist bereits teilweise Mutter, erst eine Frau jedoch die ihre Kinder stillt, ist dies vollständig.") Zu den männlichen Pflichten gehört die Erziehung der Frau und der Kinder zu guten Christen und Bürgern, eine beherrschte Art, Zurückhaltung bei Alkohol und allzu feurigem Liebesspiel sowie die eheliche Treue, auch auf Geschäftsreisen. Generationen von Niederländern sind mit dieser ehelichen Ethik aufgewachsen, deren grundlegende Werte bis ins neunzehnte Jahrhundert galten.

Constantijn Huygens

Constantijn Huygens (1596-1687) war zweifellos eine der Schlüsselfiguren der niederländischen Renaissance. Als Kind hatte er, der aus einer begüterten südniederländischen Familie stammte, eine sehr sorgfältige Ausbildung genossen, deren pädagogische Stärken er später in seiner Autobiographie rühmte. Sprachen, Literatur und Musik standen dabei im Mittelpunkt, bereits mit elf Jahren verfasste Huygens lateinische Gedichte, mit sechzehn schrieb er französische Verse und erst mit über zwanzig Jahren wandte er sich dichterisch auch seiner niederländischen Muttersprache zu. Da er gleichzeitig verschiedene bildende Künste aktiv ausübte und auch eine profunde naturwissenschaftliche Kenntnis besaß, kann er als uomo universale als umfassend Gebildeter im Renaissanceverständnis, beschrieben werden. Nicht zufällig wurde sein Sohn Christiaan Huygens einer der bekanntesten niederländischen Naturwissenschaftler des siebzehnten Jahrhunderts.

Seit 1625 war Constantijn Huygens Sekretär Friedrich Heinrichs von Oranie, er diente ihm und den späteren Statthaltern in dieser Funktion und anderen diplomatischen Missionen. Zum Kreis der Elite in den Niederlanden gehörend – er wurde in Großbritannien und in Frankreich in den Ritterstand erhoben - setzte er sich stets auch politisch für das Haus Oranien ein. Kritik an dessen Auftreten, wie sie etwa von Vondel geübt wurde, war ihm fremd. Als bekennender Calvinist schrieb er tief empfundene religiöse Poesie und versagte sich manchen Seitenhieb auf den katholischen Volksteil nicht.

Huygens verfaßte neben zahlreichen anderen Dichtungen hunderte Epigramme und verschiedene andere Werke, in denen er mit den Sitten seiner Zeitgenossen auf humanistisch-satirische Weise ins Gericht ging. Seine 1624 veröffentlichten "Zedeprinten" (Sittenbilder) etwa enthalten die bündigen Porträts verschiedener niederländischer Volkstypen. 1621 erschien sein erstes großes niederländisches Gedicht "Batava Tempe, dat is 't Voor-hout van 's-Gravenhage" (Niederländisches Tempe, das ist das Voorhout in Den Haag ). In diesem Lobsang auf das "Voorhout", eine Lindenallee in Den Haag, fehlt die moralische Kritik am Auftreten mancher Zeitgenossen, besonders der eleganten Damen, die durch diese Anlage flanieren, nicht. Ein Jahr danach veröffentlichte er Costelick Mal (Teure Narrheit ), worin Huygens die Modegrillen seiner Zeit aufs Korn nimmt. Der Autor widmete dieses Gedicht Jacob Cats, dem er sich besonders verbunden fühlte.

Autorin: Bettina Noak
Erstellt:
August 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kloek, J. / Mijnhardt, W.: 1800: Blauwdrukken voor een samenleving, Den Haag 2001.

Konst, J.: Fortuna, Fatum en Providentia Dei in de Nederlandse tragedie 1600-1720, Hilversum 2003.

Noak, B.: Politische Auffassungen im niederländischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts, Münster u.a. 2002.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur, een geschiedenis, Groningen 1993.

Schenkeveld-van der Dussen, M.A. (Hrsg.): Nederlandse literatuur in de tijd van Rembrandt, Utrecht 1994.

Smits-Veldt, M.B.: Het Nederlandse renaissancetoneel, Utrecht 1991.

Stipriaan, R. van: Het volle leven. Nederlandse literatuur en cultuur ten tijde van de Republiek, Amsterdam 2002.

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Weitere Informationen in unserem Dossier Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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