Religion und Kirche in den Niederlanden


IV. Geschichte und Entwicklung

Der Protestantismus in den Niederlanden hat eine lange Geschichte. Der intensive Handel brachte nicht nur zahlreiche Handelsgüter ins Land sondern auch Reformationsgedanken. Thesen der Reformatoren wie Luther, Erasmus und Calvin fassten bei den freigeistigen Niederländern schnell Fuß. So wurde das Land bald Zufluchtsort für viele verfolgte Protestanten, die während der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert aus dem spanisch beherrschten Flandern flohen.

Vergeblich versuchte Kaiser Karl V. die reformatorischen Kräfte zu bezwingen. Im Jahr 1522 schickte er seine Inquisition und in den folgenden 30 Jahren mussten rund 30.000 Menschen wegen ihres protestantischen Glaubens sterben. Die Kontroversen mit dem Katholizismus, ein Erbe der Habsburger und Spanier, waren immer eng mit dem politischen Geschehen verbunden. Die heutige politische Ordnung der Niederlande entwickelte sich in der letzten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Religion spielte eine wesentliche Rolle in vielen Territorialkämpfen im Norden Frankreichs und dem Westen des Reiches, deren Gebiete die Habsburger Familie während des 15. bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts für sich eingenommen hatte.

In der Reformationszeit entwickelten sich unterschiedliche christlichen Gemeinschaften. So gab es in den Niederlanden die Anabaptisten auch polemisch Wiedertäufer genannt. Sie lehnten die Kindertaufe als unbiblisch ab und tauften stattdessen nur Erwachsene. Die Taufe sollte ein bewusst vollzogener Bekenntnisakt sein. Die Anabaptisten werden dem spiritualistischen Flügel der Reformation zugerechnet. Die niederländischen Anabaptisten wurden von den Predigten des Melchior Hoffman in 1530 stark beeinflusst. Die Gemeinde war bis über die Grenzen aktiv bis nach Deutschland, wo die Anabaptisten stark an der Revolution im Täufer-Reich Münster im 16. Jahrhundert beteiligt waren. Die Täufer-Gemeinschaften wurden von Anfang an oft grausam verfolgt. Dies galt auch für die Gläubigen, die auf den Pfaden von Menno Simons wandelten, daraus gründeten sich die Mennoniten. Weiter gibt es noch die Hutterer. Heute lebt das Täufertum noch in verschiedenen Gemeinschaften weiter, z.B. den Amischen.

Die niederländischen Protestanten waren stark beeinflusst durch Calvin aus der Schweiz, aber auch andere Reformatoren konnten ihren Einfluss geltend machen: der Heidelberger Katechismus wurde 1563 ins Niederländische übersetzt und bis 1585 mindestens sechzig Mal neu gedruckt. [1]

Religiöse Landkarte der Niederlande

Ein Flame in Haarlem

Lieven de Key ist einer der Flamen, die im 16. Jahrhundert aus dem spanisch besetzten Gebieten nach Haarlem floh. 1593 kam er in die Stadt, wo er alsbald zum Stadtarchitekten berufen wurde. Viele Gebäude um den „Grote Markt“ wurden von ihm betreut. Dazu zählt auch das Rathaus der Stadt Haarlem und Arbeiten and der berühmten Sint Bavokerk.

Um 1560 brach eine Revolte aus gegen die zentralistische Politik der Brüssler Regierung von Habsburg Niederlande. Zwanzig Jahre später hatte sich der Norden der Niederlande politisch abgespalten und stand mit seiner Reformation den südlichen Provinzen von Habsburg Niederlande, und damit den spanischen Truppen gegenüber. Nach der Ermordung von Wilhelm von Oranien 1584 behaupteten die Nördlichen Niederlande ihre Unabhängigkeit im Waffenstillstand von 1609 - 1621.

Die junge niederländische Republik endete erst 1648 ihren Krieg mit den Spaniern und den Süd-Niederlanden. Formal erhielten sie ihre Unabhängigkeit im Westfälischen Frieden. Dies bedeutete die Loslösung der Niederlande vom Heiligen Römischen Reich. So kamen nördliche Teile von Flandern, Brabant und Limburg (Maastricht) zur Republik der Niederlande hinzu. Die Provinzen wurden mit ihrer vorwiegend katholischen Bevölkerung als „Generalitätslande“ verwaltet.

Die religiöse Landkarte der Niederlande mit den traditionell katholischen Provinzen Twente, Brabant und Limburg und dem protestantischen Provinzen Nord- und Südholland, Utrecht und Teilen von Friesland entstand zwischen 1600 und 1625. Bis heute spricht man vom so genannten „protestantischen Gürtel“.

Arminius und Gomarus

Als es Anfang des 17. Jahrhunderts zu einem Glaubensstreit kommt zwischen zwei Theologieprofessoren an der Universität Leiden, Arminius und Gomarus, entstehen die Arminianer auch Remonstranten genannt. Sie spalten sich von der reformierten Kirche der Niederlande ab. Hintergrund war, dass der reformierter Pfarrer und Professor Jakob Arminius die Prädestinationslehre Calvins strikt ablehnte und die menschliche Willensfreiheit und den Vorrang der Bibel vor kirchlichen Bekenntnissen betonte.

Die Anhänger von Gomarus nutzten die Synode von Dordrecht, um 1618/19 den Glaubenssatz der Prädestination anzuerkennen. Dies war die Grundlage für alle weiteren Entwicklungen die dann im Verlauf des 17. Jahrhunderts folgten. Die religiöse Ordnung der Niederländischen Republik stabilisierte einen konfessionellen Staat. Ausschlaggebend für die religiöse Landschaft waren die Jahre 1590 bis 1620. Die militärischen und politischen Ereignisse dieser Jahre resultierten in der Entstehung von drei klar differenzierten Gebieten, jedes mit seiner eigenen religiös-politischen Ordnung. In einem Streifen gleich hinter den Frontlinien zwischen den Republikanern und den königlichen Truppen, vom Südwesten bis zum Nordosten weitergehend bis zur Mitte der heutigen Niederlande, hatten die Katholiken keine Möglichkeiten sich in irgendeiner Form zu reorganisieren. (vgl. protestantischer Gürtel)

Religiöse Zugehörigkeit und gesellschaftliche Ordnung

Die Macht lag in den Händen der Reformierten Kirche. Sie hatte ein Monopol auf öffentliche Meinungsäußerungen und religiöse Manifestationen. Sie wurde dabei kräftig von den politischen Kräften im Land unterstützt, vor allem finanziell. Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften hatten keine Chance an öffentliche Gelder zu gelangen. Jedoch ging der Einfluss der Reformierten Kirch nicht so weit, dass sie den Menschen vorschrieb, wann sie im Gottesdienst zu kommen hatten oder es andere rituelle Verpflichtungen gab. Heiraten konnte man auf dem Standesamt auch ohne den Segen der Kirche. Sogar die Taufe war nicht verpflichtend, allerdings war es üblich, dass die meisten Niederländer ihre Kinder taufen ließen. Wer etwas auf sich hielt und eine gesellschaftliche Position bekleiden wollte, wurde Mitglied der Reformierten Kirche.

Ein Phänomen, welches bis heute die Niederländer prägt, war die Duldung der Zugehörigkeit zu anderen religiösen Gruppen. Die Gläubigen bekamen allerdings einen geringeren sozialen Status. So gab es in den Städten Amsterdam und Leiden Kirchen unterschiedlicher Glaubensrichtungen: Reformierte, Lutheraner, Juden, Mennoniten, Arminianer und Katholiken. Sie alle trugen zur lokalen Politik bei. Wobei es zur Politik gehörte, dass die Reformierte Staatskirche in der Öffentlichkeit selbstverständlich präsenter war, als die „geduldeten Abweichler“.

Die gesellschaftlich hierarchische Ordnung war eng an die religiöse Zugehörigkeit gebunden. So war es den „hinterhältigen“ Katholiken untersagt in die Öffentlichkeit zu treten. Ideologisch folgte die Reformierte Staatskirche streng den Regeln der Synode von Dordrecht und fadenscheinige theologische Debatten, die tief von der politischen Macht beeinflusst waren.

Die Niederlande veränderten sich unter französischer Besetzung im Jahre1795. So wurde die Republik der Niederlande umgeformt in einen modernen Staat nach französischem Vorbild. Nach dem Fall von Napoleon, übernahm das Königreich der Niederlande die neue nationale Bürokratie. Dies hatte auch entscheidenden Einfluss auf die Kirchen in den Niederlanden, denn ihnen kam jetzt die Aufgabe zu, einen Staat mit Bürgern zu bilden. Es wurden groß angelegte Bildungsmaßnahmen unternommen. Das Christentum diente nun zur Volkserziehung und war eine moralische Überzeugung, die jedes Individuum erhalten konnte und offen in der Öffentlichkeit verbreitet werden sollte.

Trennung von Staat und Kirche

1796 kam dann die entscheidende Trennung von Staat und Kirche. Von nun an waren alle religiösen Gruppen gleich. Der Hauptgrund hierfür war, dass die politische Elite hoffte, dass alle Kirche ihren Schäflein zur inneren Frömmigkeit und bürgerlichen Verantwortung erziehen würde. Dies war der erstrebenswerte Grundsatz eines moralischen Lebens in den Niederlanden in jener Zeit.

Die neue Auslegung des Protestantismus legitimierte den Niederländischen Staat, seine Bürger und Bürgerinnen als Objekte auf dem moralischen Prüfstein zu betrachten. Religion wird als Instrument von Staatenbildung gesehen, mit dem Ziel moralische mündige Bürger zu erziehen.

Doch die Calvinisten in den Niederlanden planten weiter und so kam es 1834 zur einer Abspaltung in der ehemaligen Reformierten Staatskirche. Hier entstand, was bis heute die zwei grundlegenden protestantischen Kirchen in den Niederlanden trennt, die Reformierten und die so Evangelisch-Reformierten. Die „Abtrünnigen“ waren sechs von beinah 1500 Ministern, sie wollten zu den strengen Lehren Calvins zurück. Obwohl die Bewegung konsequent verfolgt wurde von der damaligen niederländischen Regierung folgten ihr bis in die 1880er Jahre rund 4-5% aller Niederländer.

Diese Polarisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte eine neue geographische Struktur zur Folge. Es teilte die niederländischen Provinzen einerseits in das Lager von orthodoxen andrerseits in das der liberalen Protestanten ein. Fortan standen sich nicht mehr die Protestanten und die Katholiken gegenüber sondern nun waren es die Protestanten aufgeteilt in orthodox und liberal. Diese Signifikanz besteht bis heute und bestimmt das Bild der religiösen Landschaft in den Niederlanden.

Abraham Kuyper

Abraham Kuyper war nicht nur Theologe und orthodoxer Minister sondern wurde später auch Journalist und Politiker. Er mischte mit seinen Theorien eifrig im Geschehen dieses protestantischen Konflikts mit. Er beschrieb die niederländische Geschichte, als einen fortwährenden Kampf zwischen den Prinzipien des Katholizismus, Kalvinismus und liberalen Humanismus. Kuyper gründete 1886 mit seinen Anhängern die neo-kalvinistische Kirche „Gerefomeerde Kerken in Nederland“ und vernichtete damit die Einheit der protestantischen Kirche. Die Konsequenzen sind bis heute in den Niederlanden deutlich spürbar.

Die "Versäulung"

Eine weit reichende Folge dieser Abspaltung war die Umstrukturierung des niederländischen Schulsystems. Kuyper berief sich auf seine Theorie der drei unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in den Niederlanden. Um sein Ziel zu erreichen, verbündete er sich mit den Katholiken und begründete, warum es wünschenswert sei, für jede dieser Gruppen eine eigene Form der Erziehung zu haben und somit eine eigene Schule. Eine so genannte „Versäulung“ fand statt. Jede Gruppierung bildete eine Säule und gemeinsam formte sich das Königreich der Niederlande.

1917 endeten die politischen Konflikte zwischen liberalen und konfessionellen Parteien, mit dem Ergebnis, dass das einheitliche Wahlrecht eingeführt wurde und alle drei Grundschularten, katholische, öffentliche und protestantische von der Regierung gleichberechtigt finanziert wurden. Die Einführung des einheitlichen Wahlrechts hatte zur Folge, dass über die nächsten 50 Jahre die Christdemokraten mehr als die Hälfte der Wählerstimmen erhielt.

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war die Zugehörigkeit zu einer Religion ein weitaus wichtigerer Aspekt, als die Gesellschaftsklasse oder Region aus der man stammte. Religion war Synonym mit einer sozialen Identität. Das gesamte moderne Leben war vom Christentum beeinflusst: Schulen und Universitäten, Zeitungen und Magazine, politische Parteien, Vereinigungen und kulturelle Einrichtungen, Sport und Kulturereignisse, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen. Das Christentum wurde zu einer Ideologie. Man wurde als Katholik oder orthodoxer Protestant geboren.

Die "Entsäulung" und der moderne säkulare Staat

Erst in den 1960er Jahren wurde dieses Konzept von Religion in Form seiner gesellschaftlichen Versäulung ins Wanken gebracht. Obwohl in den frühen 1960 er Jahren die Niederländer noch zu den meisten Kirchgängern in Europa zählen, rund 80% gaben in einer Umfrage an, dass sie zu einer Kirchengemeinde gehören, ändert sich dies im Verlauf der nächsten Jahre.

Den Niederländern geht es besser in einem modernen Wohlfahrtsstaat und dies bringt eine soziale und moralische Einheit mit sich. Dies dient als Erklärung für ein bekanntes Phänomen, welches nicht nur in den Niederlanden zu beobachten ist, sondern überall in Europa. Immer weniger Menschen fühlen sich einer Kirche oder Religion zugehörig. Gleichzeitig haben sich in den 1970er Jahren in den Niederlanden radikale Gruppen neu organisiert. Dazu gehören die orthodoxen Calvinisten, die sich damals während der Abspaltung 1834 nicht Kuyper angeschlossen hatten. Heute formen sie eine streng religiöse Gruppe, die aber keine gesellschaftliche „Säule“ mehr bildet. Sie leben in einer Art Ghetto und schirmen sich vom Rest der Welt bewusst ab. Niemand darf von den Medien Gebrauch machen, sie geben keine Interviews und folgen strengen religiösen Regeln. Gemeinden dieser im Volksmund genannten „Schwarzstrümpfe“ gibt es unter anderem noch in Giessendam in der Nähe von Rotterdam, oder oben im Norden in Urk. Sonntags sieht man vorwiegend schwarz gekleidete Menschen zur Kirche gehen. Frauen müssen Röcke tragen.
Viele Jugendliche versuchen aus diesen restriktiven Gemeinden auszubrechen und versuchen neuen Halt in anderen Kirchen zu finden.

In nur 30 Jahren gab es in den Niederlanden eine weit reichende Umwälzung: vom Land mit den meisten Kirchgängern in Europa wurde es der weit fortgeschrittenste säkularisierte Staat Europas. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gibt an weder einer Religion noch einer Kirche anzugehören. Diese Tendenz hält bis in die Gegenwart an. [2]


[1] Quelle: Peter van Rooden, Protestantism in the Netherlands to the present day
[2] Quelle:  Peter van Rooden, Secularization, Dechristianization and Rechristianization in the Netherlands

Autorin: Andréa Vermeer
Erstellt:
Juni 2005


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Rooden, Peter van: Protestantism in the Netherlands to the Present Day, in: Alister E. McGrath, Darren C. Marks (Hrsg.): The Blackwell Companion to Protestantism, London 2003, S.147-155.

Rooden, Peter van: Secularization and Dechristianization in the Netherlands, in: Hartmut Lehmann (Hrsg.): Dechristianisierung und Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa und in Nordamerika. Bilanz und Perspektiven der Forschung, Göttingen 1997, S. 131-153.

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