ARCHIV - Niederländische Museenlandschaft


VII. Van Abbe Museum

Abel Cahen bleibt auf einmal stehen. „Warten Sie mal. Hier, hier ist das nicht toll?“ Er steht inmitten eines Licht durchfluteten Gangs und blickt aus dem Fenster. Er zeigt nach draußen, dort ist ein schiefer Turm zu sehen. Sein Turm. Abel Cahen hat zwei lange Jahre an ihm gebaut und damit das neue Wahrzeichen des Van Abbe-Museums in Eindhoven geschaffen. Ein avantgardistischer Tempel für moderne Kunst.

Zu sehen sind hier junge Nachwuchskünstler und moderne Klassiker: Pablo Picasso , vcWassily Kandinsky , Piet Mondriaan , El Lissitzky , Karel Appel , Rodney Graham , Joseph Beuys . Das sind große Namen und gute Gründe, nach Eindhoven zu fahren. Sicherlich. Aber das, was Abel Cahen da erschaffen hat, gibt der Kunst erst den passenden Rahmen. Ist selbst Kunst geworden. „Meine Architektur ist intellektuell und kunstorientiert“, sagt er und betont, dass für ihn Architektur erst dann interessant wird, wenn sie abweicht von der Norm.

Was er damit meint, ist in Eindhoven eindrucksvoll zu sehen. Dem denkmalgeschützten, älteren Teil des Museums, erbaut von A. Kropholler im Jahr 1933, hat Cahen einen vier Mal größeren Neubau angeheftet. Von außen betrachtet passen der rote Backsteinbau und der graue Anbau nicht zusammen. Die Bauelemente wirken wie zwei voneinander getrennte Museen. Man muss hineingehen, um die schlichte Schönheit und Einheit der Cahen’schen Schöpfung zu erkennen.

Glanzstück des Neubaus ist ganz ohne Zweifel Abels Turm. Er ist Ausstellungsmittelpunkt, hier treffen alle Museumsräume zusammen. Der 26 Meter hohe Turm wirkt durch die Wahl des grauen, glitzernden Materials futuristisch und bietet mit seinen großen, hellen Räumen den modernen, abstrakten Kunstwerken und Installationen einen idealen Hintergrund. „Architektur und Kunst gehen hier eine Symbiose ein“, sagt Museumsmitarbeiterin Anja Frieling.

Recht hat sie. Überall im Museum sind Kunstinstallationen versteckt oder offenkundig sichtbar: Das drahtlose Telefon auf der Balustrade, der Arbeitskeller, in dem das ganze Jahr über Nachwuchskünstler bei lauter Musik arbeiten, ein kleiner Roboter, der die Besucher verfolgt. Moderne Kunst wird hier erlebt und gelebt.

Die kunstinteressierten Niederlande sind von dem neuen Van Abbe-Museum fasziniert. Die Gazetten des Landes übertrumpfen sich mit ganzseitigen Artikeln. Lob und Respekt für den Architekten überall. Eindhoven, so ist man sich einig, kennt man jetzt in Europa nicht allein durch Philipps. Die Stadt hat ein neues Wahrzeichen bekommen. Ein teures Wahrzeichen gleichwohl: 27,5 Millionen Euro Baukosten.

Das Lob ist Balsam für Abel Cahen. Denn es gab nicht wenige Momente, da hätte er alles hinwerfen können. „Dieses Gebäude war eine so ungeheure Kraftanstrengung“, sagt er, es überstieg alle seine bisherigen Werke. „Bei allem was schief gegangen ist, bekam ich die Schuld. Die Budgetüberschreitung, die Planung und so weiter. Ich habe mich hier manchmal wirklich mies gefühlt.“ Die gesamte Verantwortung lag bei Cahen. Die Eindhovener Bevölkerung war lange Zeit skeptisch. Die hohen Kosten schreckten ab.

Alles nahm ein gutes Ende. Das Van Abbe-Museum öffnete pünktlich am 19. Januar. Und zeigt jetzt, was es hat. „Over wij/About we“ zeigt eine Rundumschau des Van Abbe-Archivs. „Bislang hatten wir für eine so umfangreiche Ausstellung einfach keinen Platz“, sagt Anja Frieling und schaut auf eine raumgreifende Installation von Joseph Beuys. Titel: “Voglie vedere i miei montagne.” Der Niederrheiner hat es 1971 für das Van Abbe-Museum gefertigt und ist jetzt Teil der Dauerausstellung.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Januar 2005


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