ARCHIV - Niederländische Museenlandschaft


IX. Zeig mir wie du wohnst - Openluchtmuseum Arnheim


Das Haus gefällt durch Geschichtsbetrachtung aus einem anderem Blickwinkel. Ausgezeichnet!
So hat er also bis vor ein paar Jahren gewohnt, der holländische Staatssekretär für Kulturangelegenheiten Cees van Leeuwen: ein historisches Bauernhaus, rote Backsteine, Baujahr 1640, mit großem Wohnzimmer und wenigen Büchern, eine große braune Couch in der Mitte und eine offene Küche in der Nähe zum Flur. Nichts Pompöses, nichts Teures, schlicht und doch interessant. Im Wohnzimmer von Cees van Leeuwen sieht es so aus, wie es vermutlich bei tausend anderen Holländern zu Hause auch aussieht. Nur, dass das Wohnzimmer der Familie van Leeuwen jetzt im Openluchtmuseum in Arnheim zur Schau gestellt wird - ein modernes Stück Geschichte im Freilichtmuseum.

Wer durch die Räume des Hauses geht, durch das helle Schlafzimmer mit dem großen Doppelbett, durch die Zimmer der beiden Kinder, mit den Legokisten, Puppen und Kinderkrimskrams auf dem Fußboden, der erlebt lebendige Geschichte. Die Zahnpasta im Bad, das Nivea-Shampoo in der Dusche, ja selbst das Toilettenpapier - alles gehört in unsere Zeit und vermittelt doch etwas Historisches: So lebten die Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Zersägen, abbtragen und wieder aufbauen

Das denkmalgeschützte Haus von Cees van Leeuwen, das 2003 dem Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke HSL-Zuid in Hoogmade weichen musste, wurde im Openluchtmuseum Arnheim originalgetreu wieder aufgebaut. "Wir haben alle Mauern in große Stücke zersägt und dann hierher gebracht", erklärt Museumsmitarbeiterin Caroline Berkhof den imposanten Umzug. Die Einrichtung des Hauses entspricht dem letzten Interieur des Staatssekretärs und seiner Familie, kurz bevor sie das Gebäude verlassen mussten. "Das Haus ist ein Zeitdokument", sagt Caroline Berkhof, die froh ist, den Bauernhof vor einem Abriss bewahrt zu haben.

Das Haus der van Leeuwens ist nur eine interessante Neuheit, die das "neue" Openluchtmuseum Arnheim zu bieten hat. Im Mai 2005 wurde das Haus vomEuropean Museum Forum (EMF) mit der Auszeichnung "Europäisches Museum des Jahres" bedacht. Das Openluchtmuseum, welches seit 1912 besteht, habe es geschafft, sich zu erneuern, ohne den ursprünglichen Charakter des Hauses zu zerstören, hieß es in der Laudatio.

Spiegel der multikulturellen Gesellschaft der Niederlande

So stehen auf dem 44 Hektar großen Areal auch heute noch die gut 90 Bauernhäuser und Windmühlen zentral, die den Besucher durch die Jahrhunderte niederländischen Landlebens führen. Aber neue gesellschaftliche Fragestellungen bedingen neue historische Interpretationen: etwa die Integrationsprobleme der ersten Ausländer.

Mit der Ankunft der indonesischen Molukker in den 50er Jahren begannen für die Niederlande die ersten Integrationsprobleme. Am 21. März 1951 schicktenholländischen Kolonialisten 12 000 Soldaten von der indonesischen Insel Ambon nach Holland. Es waren gut ausgebildete Militärs, von denen die Niederländer fürchteten, dass sie sich an einem Aufstand der Molukker in Indonesien beteiligen könnten und damit die langjährige niederländische Kolonialmacht gefährdeten. Aus "Vorsorge" schickte man die Menschen ins fremde Europa - unter dem Vorwand, sie würden hier nur "auf Zeit" stationiert. Tatsächlich kamen die Molukker nie mehr zurück in ihre Heimat.

Untergebracht wurden die Menschen in kleinen miefigen Holzbaracken, unter anderem in Lage Mierde, einem Dorf in der Provinz Noord-Brabant. Die Brabanter Baracken, in denen von 1957 bis 1962 18 Molukker-Familien untergebracht wurden, sind im Freilichtmuseum wieder aufgebaut worden. "Die Ankunft der Molukker war in den Niederlanden der Beginn einer multikulturellen Gesellschaft", sagt Caroline Berkhof. "Später kamen Surinamer, Türken und Marokkaner. Alle brachten ihre Kultur mit in den Westen und veränderten die Niederlande auf ihre Weise.
Sonderaustellung "Spaarstation Dingenliefde"

"Sehenswert im "neuen" Openluchtmuseum ist auch die Sonderausstellung "Spaarstation Dingenliefde". Eine Präsentation über Sammeln, Sparen und Aufbewahren. Zu sehen ist die private Sammlung eines Bankdirektors, der in seinem Arbeitsleben 13 000 unterschiedliche Spardosen gesammelt hat. Auch der Hausrat einer Familie aus drei Generationen wird gezeigt.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
November 2006


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