ARCHIV - Niederländische Museenlandschaft
XIII. Grenzgänger zwischen Kleve und Nijmegen
Interview mit Drs. Guido de Werd, Leiter des Museums Kurhaus Kleve
„Ein
Museum ist immer so gut, wie seine besten Stücke“, sagt Guido de Werd.
Er muss es wissen, denn seit 1976 leitet der Niederländer das Museum
Kurhaus Kleve. So erfolgreich, dass das Haus 2004 von der deutschen
Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA als erstes
Museum überhaupt für sein hervorragendes Ausstellungsprogramm zum
„Museum des Jahres“ gekürt worden ist. Jetzt, drei Jahre später, feiert
man mit der Revue-Ausstellung zehnjähriges Jubiläum des am 18. April
1997 in seinem heutigen Zustand eröffneten, ehemaligen Kurhauses. Grund
genug, um auch mal auf die Laufbahn seines Leiters, zurückzublicken.
Ganitta: Herr
de Werd, als Sie – damals noch als Assistent der alten Museumsleitung -
in Deutschland zu arbeiten anfingen, waren Sie ein junger Spund von 27
Jahren. Sie haben seinerzeit völliges Neuland betreten, sowohl in Bezug
auf den Job als Leiter eines Museums, als auch in Bezug auf Kleve. Was
war damals die größte Herausforderung?
De Werd: Das Ausland! Das
war noch das Fremde. Sie können sich das nicht vorstellen. Als ich
anfing, in Kleve zu arbeiten, 1972, da war die Grenze noch schwer
bewacht. Nijmegen, Kleve, da war ja noch nicht viel damals. Ein
schmaler Weg, die alte Bahn. Man war alleine. Ich fuhr morgens um
viertel vor 9 zu Hause weg, und zwischen Nijmegen und Kleve begegnete
man einem Auto, wenn´s hoch kam auch mal zwei. Da war kein
Grenzverkehr. Da war Niemandsland. Die Länder lebten 27 Jahre nach dem
2. Weltkrieg noch sehr viel mehr mit dem Rücken gegeneinander als heute.
Ganitta:
Sie haben als Niederländer beinahe Ihre gesamte berufliche Entwicklung
in Deutschland erfahren. Kommt Ihnen die hiesige Arbeitsweise entgegen,
oder fühlen Sie sich manchmal gebremst in Ihrem Tun?
De Werd:
Wenn man so lange an einem Ort wirkt, hat man natürlich Freiräume
geschaffen, dass man auch arbeiten kann, sonst würde man irgendwann das
Weite suchen. Ich kann natürlich nicht sagen, ob ich, wenn ich in
Holland gearbeitet hätte, früher oder später an Grenzen gestoßen wäre.
Auf alle Fälle ist die deutsche Verwaltungsstruktur sehr hierarchisch
im Denken. In den Niederlanden gab es auch viel früher schon die
Delegation von Verantwortung und Kompetenz in die unteren Ebenen. Schon
in den 70er Jahren unterlagen viele holländische Museen nicht dem
Beigeordneten für Kultur; sie hatten ihr eigenes Budget, ihren eigenen
Vorstand, ihr eigenes Kuratorium - natürlich finanziell von der Stadt
gespeist, aber sie waren relativ unabhängig von ihr. Dieses
selbstständige Denken ist Jahrzehnte später erst hier angekommen. Das
ist ein großer Unterschied. Man ist natürlich manchmal gehindert durch
Kameralistik und andere solcher Dinge. Aber das bringt das System einer
städtischen Einrichtung mit sich. Ich kann nicht sagen, dass ich mich
dadurch habe bremsen lassen.
Ganitta: Nun eine typische
Klischeefrage, Herr de Werd: Deutsche gelten als förmlich, Niederländer
als diskutierwütig. Können Sie das bestätigen?
De Werd: Doch
natürlich, Niederländer diskutieren gerne. Die Deutschen haben ja keine
ausgeprägte Sitzungskultur. In den Niederlanden wird allerdings auch –
meiner Ansicht nach - sehr viel mehr Zeit in sehr vielen Sitzungen –
vertan. Für Entscheidungen, die zum Beispiel von einer Person getroffen
werden könnten, besteht in Holland immer Diskussionsbedarf; da muss man
viel mehr rechtfertigen und vermitteln. Alles wird beraten. Das ist
das, was die Niederländer overlegcultuur nennen.
Ganitta:
Waren auch schon niederländische Künstler im Museum Kurhaus vertreten
bzw. war auch schon mal eine deutsch-niederländische
Gemeinschaftsausstellung geplant?
De Werd: 1999 hatten wir hier
die Schau „Zugluft“ mit niederländischen und deutschen Künstlern. Vor
eineinhalb Jahren lief eine Schau mit dem niederländischen Maler Jan
Andriesse. Der ist jetzt auch in der Jubiläumsschau zu sehen. Das ist
ein Künstler, der in Holland wenig gezeigt wird. Aber das passt genau
ins Konzept, denn das, was wir nicht machen wollen, ist, die Künstler,
die in Holland gefeiert werden, drei Kilometer hinter der Grenze noch
mal zu zeigen. Dafür ist unser Publikum zu deutsch-niederländisch.
Ganitta: Wie hoch ist denn der Anteil der niederländischen Besucher? Und was tun Sie, um diesen noch zu erhöhen?
De
Werd: Die Hälfte unserer Besucher kommt jetzt schon aus den
Niederlanden. Unser Bestreben als Haus in der Grenzregion war es immer,
gleichermaßen deutsche wie niederländische Besucher anzusprechen.
Ganitta:
Gibt es einen Austausch bzw. Kooperationen mit niederländischen Museen
- einmal abgesehen vom Amsterdamer Rijksmuseum, das jetzt mit einem
Teil seiner mittelalterlichen Skulpturensammlung im dritten Jahr zu
Gast ist?
De Werd: Auf dem Terrain der zeitgenössischen Kunst
fühlen wir uns sehr mit der Stiftung De Pont in Tilburg verwandt. Hier
gibt es auch intensive Kontakte.
Ganitta: Rund 50
Ausstellungen sind seit der Eröffnung des Museums vor zehn Jahren
realisiert worden, mit einem klaren Schwerpunkt auf der
zeitgenössischen Kunst. Große Namen waren dabei wie Richard Long, Mark
Tansey oder Stephan Balkenhol. Wie sehen Sie das Kurhaus heute
innerhalb der Museumslandschaft positioniert?
De Werd: Wir sind
ein kleines, kommunales Museum einer Stadt mit weniger als 50 000
Einwohnern. Und es gibt nur ganz wenige Städte in Deutschland, die bei
dieser Größe ein solches Museum haben. Für Kleve ist dieses Museum in
diesem Ambiente inmitten der Parkanlagen, die der preußische
Statthalter Johann Moritz errichten ließ, ein Gottesgeschenk. Durch uns
existiert Kleve in den überregionalen Feuilletons. Das wissen die
Stadtväter aber auch. - In dem Reigen der niederrheinischen Museen wie
Mönchengladbach, Krefeld, Duisburg, Moyland, Nijmegen und Arnhem hat
unser Haus seinen ganz eigenen Akzent. Das, was wir hier machen, ist
qualitativ sehr hoch stehend und dadurch hat das Museum auch sein
starkes Profil bekommen. Nehmen wir Giuseppe Penone zum Beispiel, der
gerade hier ausgestellt hat: Der Künstler hatte vor zweieinhalb Jahren
eine große Übersichtsschau im Centre Pompidou. Bei uns hatte er mit
1900 Quadratmetern sogar noch weniger Raum zur Verfügung, was auch eine
Chance ist für eine erlesene Präsentation. Offensichtlich hat Penone
das auch so gesehen, denn er hat uns klipp und klar gesagt: Meine
Ausstellung in Kleve war viel besser für mein Werk, als die Schau im
Centre Pompidou.
Ganitta: Um auf Ihre erste Antwort
zurückzukommen: Das Ausland ist Ihnen inzwischen heimisch geworden.
Trotzdem sind Sie Pendler zwischen den Welten. Auch heute noch fahren
Sie jeden Tag zwischen Nijmegen und Kleve hin und her. Hat es Sie nie
gejuckt, auch Ihren Wohnsitz in Kleve zu nehmen?
De Werd: Ich
habe nichts gegen einen Wohnsitz in Kleve. Natürlich habe ich geflucht,
wenn Glatteis war. Aber 20 Kilometer sind ja fast nichts. Letztlich ist
es ja eine Sache der Geisteshaltung. Wenn Sie mit einer Sache verbunden
sind, ist es ja ganz egal, wo Sie wohnen, in Kleve oder Nijmegen. Ich
bin Tag und Nacht – meistens vor Ort - mit dem Museum beschäftigt
gewesen. Wenn Sie dann ein Haus haben, direkt in der Nijmegener
Unterstadt, 30 Meter vom Fluss, und abends nach Hause fahren, über das
Waalufer und dann unter der Brücke durch, dann ist das wie ein
Befreiungsschlag. Man sieht die Weite des Flusses, den Himmel und die
Möven und fragt sich: Wofür tauschst du das? Das ist ein so wunderbares
Gefühl und das habe ich beibehalten.
Autor: Claudia Ganitta
Erstellt: Mai 2007
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