Das Mediensystem der Niederlande


XII. Ständiger Umbruch und neue Formate

 
Seitdem RTL4 (1989 noch RTL Veronique) in den Niederlanden auf Sendung ging, hat sich für den öffentlichen Rundfunk alles verändert. Binnen eines Jahres war der Sender Marktführer, der öffentliche Rundfunk hielt nur noch einen Anteil von 50%, der im Laufe der 90er Jahre sogar noch weiter sank, da noch mehr Privatsender den Betrieb aufnahmen. Ab 1992 konnten sie das nun sogar in den Niederlanden selbst. 2001 waren die wichtigsten RTL5 (1993), SBS6, Net5 und The Music Factory (TMF) (1995). Veronica verließ im selben Jahr das öffentliche System und tat sich mit RTL zusammen. Zwei Spartensender, TV10 und Sport7, scheiterten.

Jeder dieser Sender hat sein eigenes, unverwechselbares Profil, z.B. produziert RTL viele Spiel- und Quizformate, sowie Seifenopern und das sehr erfolgreiche "RTL Boulevard", während SBS6 Hollywood-Blockbuster zeigt und auf Reality-Formate setzt. Auch im Radiobereich funktionierte die Strategie, wenn auch durch die Bestimmung der Musikfarbe - Classic FM ist bis heute der größte Konkurrent von Radio 4. Radio 538 rivalisiert mit dem öffentlichen 3FM im Bereich Popmusik. Mit einer solchen Profilbildung haben sich die Öffentlichen lange schwer getan, zu lähmend war der Schock über den Verlust der marktführenden Position. Eine mögliche dritte Sparte im audiovisuellen System hat allerdings nie Fuß fassen können: Pay-TV-Sender. Das Angebot, sich ihr eigenes Fernsehen maßschneidern zu können, hat die Niederländer nicht überzeugen können. Bei einer solchen Vielfalt an Formaten und Sendern ist dies nicht erstaunlich.
Erfolgsgründe

Dass die privaten Sender zu einem solchen Erfolg wurden, verdanken sie - auch wenn viele öffentliche Radio cProgrammacher das nicht wahrhaben wollen - dem Einfallsreichtum ihrer Mitarbeiter. Die Geschwindigkeit, mit der diese neue Formate erdachten und produzierten, ging weit über die ihrer Kollegen bei den Öffentlichen hinaus. (Eine Entwicklung, die sich in den letzten 7, 8 Jahren normalisiert hat.) Motor waren wie so oft John de Mol und Joop van den Ende. Die bis heute erfolgreichsten und einflussreichsten TV-Produzenten in den Niederlanden schufen mit ihrer Firma Endemol die Voraussetzungen für den Erfolg von RTL und Co. Sie setzten auf leichte Unterhaltung und auf Schaulust, oft auch Sensationslust der Zuschauer. Dies geht von Seifenopern wie Goede Tijden, Slechte Tijden über Reality-TV wie Notruf bis hin zu Spielshows (Familienduell). Und natürlich Big Brother; das Fernsehexperiment, das konsequent mit dem ungeschriebenen Gesetz brach, dem Gefilmten ein Mindestmaß an Privatsphäre zuzugestehen. Zehn Menschen in einem mit Kameras bestückten Container, Zuschauer, die die Unbeliebtesten von ihnen herauswählen können - das sprengte die Grenzen des guten Geschmacks und löste europaweit eine Big Brother-Hysterie wie auch eine umfassende Diskussion über Ethik von Medienmachern aus. Wenn jetzt auch der Boom vorbei ist, Variationen des Big Brother-Konzeptes ziehen noch immer ein großes Publikum an. Aber es scheint auch eine Grenze erreicht worden zu sein, eine europäische Variante der amerikanischen Jerry-Springer-Show zum Beispiel, in der es regelmäßig zu Prügeleien kommt, wurde nie realisiert.

Vielleicht kann auch der sensationsgierigste Zuschauer nur ein bestimmtes Maß an Sensation ertragen.

Gegenstrategie der Rundfunkvereine

Wie reagierten die Verantwortlichen von AVRO, NCRV und Co? Unter dem Konkurrenzdruck entstanden erste Pläne zu einer Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Sendervereinen. Zudem wurde in der ersten Ergänzung zum Mediengesetz 1991 zum ersten Mal festgelegt, welche Vereine auf welchem Netz senden sollten: AVRO, KRO und NCRV auf Nederland 1, Veronica, TROS und EO auf Nederland 2, VPRO und VARA (später auch NPS und RVU) auf Nederland 3. Damit war der erste Schritt zur stärkeren Profilierung getan.

Außerdem war den öffentlichen Sendern nun erlaubt, mehr Werbung zu zeigen und seit den Sechzigern stieg zum ersten Mal die Rundfunkgebühr, auf 25 Gulden. Ab 1995 setzte die Politik auf mehr Liberalisierung - zum ersten Mal wurden an alle Sender fünfjährige Konzessionen vergeben. 1998 wurden die Leitungsgremien des öffentlichen Systems neu strukturiert: jeder Radio- und Fernsehsender bekam einen Netzadministrator, der Rundfunkrat machte einem kleinen Verwaltungsrat aus nur drei Mitgliedern Platz. Damit verloren die Sendervereine endgültig ihre Vormachtstellung, behielten über Aufsichtsräte aber Kontroll- und Mitspracherechte auf den neuen Entscheidungsebenen. Die NOS wurde 1995 erneut aufgeteilt. Ein Teil ihres Personals ging auf in der Nederlandse Programma Stichting (NPS), welche sich auf Jugend- und Minderheitenprogramme auf Nederland 3 spezialisiert.

Ein Konzessionsgesetz aus dem Jahre 1998 gewährt den Bestand des öffentlichen Systems bis 2010, wobei nach fünf Jahren die Lizenz für die Sendervereine (außer für die NOS, die 10 Jahre senden darf), von einem unabhängigen Gremium geprüft werden soll. Sendezeitenquoten für Information/Bildung bzw. Kultur wurden heraufgesetzt: 35% für die erste, 25% für die zweite Sparte. Der Bereich Unterhaltung darf eine Quote von 25% nicht übersteigen. Schließlich noch ein organisatorisches Detail. Seit dem Jahr 2000 gibt es keine Rundfunkgebühr mehr. Sie wird nun über die Steuern eingezogen.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2008


Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Nld. Medienaufsichtsbehörde Commissariaat voor de Media

Nld. öffentliche Rundfunkgesellschaft Nederlands Publiek Omroep

Zuständig für Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Stichting Ether Reclame (STER)

Nld. Rundfunkfond Mediafonds

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bardoel, J. : Media in Nederland. Feiten en structuren. Groningen 1997.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Kultur Personen A-Z


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2013 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: nlnet@uni-muenster.de