Das Mediensystem der Niederlande
VII. Printmedien auf einen Blick (Zeitungen u. Magazine)
Algemeen Dagblad (AD)
Das jüngste der landesweiten Blätter erschien 1946 zum ersten Mal und wurde schnell nach dem 'Telegraaf' zum auflagestärksten Blatt. Für die damalige Zeit ungewöhnlich: die Redaktion führte eine strikte Trennung von Nachricht und Kommentar ein. Man kann das AD als 'Familienzeitung' der Niederlande beschreiben: es ist Service-orientiert, griffig geschrieben, berichtet aber ausführlicher als De Telegraaf und liegt politisch rechts von der Mitte. Um das Jahr 2000 verlor es wegen massiver Änderungen in Layout und Inhalt viele Leser, doch inzwischen hat sich die Auflage wieder auf ca 280.000 gesteigert. Nun stehen wieder große Veränderungen bevor: im August 2005 soll das AD mit sieben süd-westlichen Regionalzeitungen in einer neuen Randstad-Zeitung aufgehen. Sie soll im Tabloid-Format erscheinen. Ihr zukünftiger Name ist noch unbekannt. Geplant sind 20 Ausgaben, davon 19 regionale und eine landesweite.
Zur Zeit sitzt das AD in Rotterdam, sein Verlagshaus ist PCM Uitgevers (NV).
Algemeen Nederlands Persbureau BV (ANP)
Pro Jahr veröffentlicht die wichtigste Presseagentur der Niederlande etwa 160.000 Meldungen und 600.000 Fotos. Außerdem versorft es täglich 30 Radios mit Nachrichten. Es ist Eigentum von verschiedenen Medienkonzernen, NPM Capital, den großen niederländischen Verlagshäusern PCM Uitgevers, Wegener und Telegraaf Holdingmaatschappij, sowie anderen kleinen Verlagen. ANP wurde 1934 von der Vereinigung Nederlandse Dagblad Pers (NDP) gegründet.
NRC Handelsblad
Wie der Titel verrät, handelt es sich bei der Zeitung mit deutlich liberaler Haltung eigentlich um zwei Zeitungen: den Nieuwe Rotterdamse Courant und das Algemeen Handelsblad (hrsg. in Amsterdam). Sie fusionierten 1970. Beide waren über ein Jahrhundert lang erfolgreich und selbständig gewesen und hatten dementsprechend Mühe, eine gemeinsame Identität zu finden. Nach der Fusion ging die Auflage erst einmal nach unten, bis 1974 sank sie auf 88.000 Stück. Inzwischen liegt sie wieder bei ca. 256.000 Stück. Sie richtet sich an Leser mit höherer Bildung und verwendet vor allem ihre Wochenendbeilagen auf politische Analyse. Auch berichtet sie mehr aus dem Ausland als die anderen Tageszeitungen .
NRC Handelsblad erscheint in der Woche nachmittags und samstags morgens. Wie alle landesweiten Zeitungen außer De Telegraaf ist es Eigentum von PCM Uitgervers (NV). Sein Sitz ist Rotterdam.
Het Parool
'Het Parool' hat sich zu der Amsterdamer Stadtzeitung entwickelt, nicht zuletzt durch seinen ausführlichen Lokalteil. Dafür wird sie in anderen Städten kaum gelesen, auch weil sie im Vergleich mit der Volkskrant und co. keinen Schwerpunkt auf politische Berichte und Analysen legt. Dabei begann es 1941 als landesweites illegales Wochenblatt und brachte es unter der deutschen Besatzung zu einer Auflage von 60.000 Stück. Von allen hier beschriebenen Zeitungen war Het Parool immer am deutlichsten links, d.h. sozialdemokratisch. In den 1960ern verschob sich die politische Färbung mehr zur Mitte. Lange hatte das Blatt mit finanziellen Problemen zu kämpfen, weshalb es 2003 wieder selbständig wurde. Vorher war PCM Uitgevers (NV) der Verlag gewesen. Es erscheint im Tabloid-Format und hat täglich an die 87.000 Leser.
De Telegraaf
Eine wirtschaftlich erfolgreiche Zeitung war 'De Telegraaf' schon immer. Mit einer Berichterstattung, die manchmal ins Sensationelle abgleitet, hatte der frühe Telegraaf aber wenig gemeinsam. Besitzer H.M.C. Holdert ging es darum, ein möglichst neutrales, d.h. keinem Glauben und keiner Politik verpflichtetes Blatt zu schaffen.
1893 erblickte 'De Telegraaf' das Licht des Zeitungsmarktes. Sein Erfolgsrezept wurden kurze Berichte und Fotografie als Ergänzung zu den Berichten. Im Zweiten Weltkrieg war er das auflagenstärkste legale Blatt, nicht zuletzt, weil Holderts Sohn Hakkie mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete. Erst 1949 durfte er seine Arbeit wieder aufnehmen - und wurde bald wieder zur erfolgreichsten Zeitung der Niederlande. Bis heute ist das so geblieben: an die 730.000 Exemplare werden täglich abonniert bzw. gekauft. Seit März 2004 erscheint er auch sonntags.
De Telegraaf nimmt eine politisch konservative, manchmal auch populistische Position ein. Ein Beispiel dafür ist die Titelzeile zum Mord an Theo van Gogh: "Afgeslacht!" (Abgeschlachtet!) Vom Format der britischen Regenbogenpresse ist er aber weit entfernt. Im Vergleich zu den anderen Tageszeitungen widmet er sich mehr bunten Themen und Servicebeilagen, seine Artikel sind kürzer, seine Sprache einfacher. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Berichterstattung über das Königshaus.
Herausgegeben wird De Telegraaf von der Holdingmaatschappij De Telegraaf (NV), seinen Sitz hat er in Amsterdam.
De Trouw
Zu ihrem Titel kam die Zeitung durch ihre Treue (trouw) zum Königshaus und dem politischen System vor der deutschen Besatzung. 1943 hatten sich ihre Gründer vom ebenfalls illegalen 'Vrij Nederland' getrennt, weil es ihnen zu wenig religiös motiviert schien. 'Trouw' erschien von nun an als eine der größten konservativ-protestantischen Zeitungen des Landes. Diese Lebensanschauung prägt Trouw bis heute. Keine andere Zeitung hat eine tägliche Beilage (De Verdieping), die sich so ausführlich mit Gesellschaftsanalyse beschäftigt. Auch Religion ist ein fester und regelmäßiger Bestandteil der Trouw-Themen. Gut 108.000 Leser wissen das täglich zu schätzen. Neben Het Parool ist sie die einzige Zeitung, die im Tabloid-Format erscheint. Verlagshaus ist PCM Uitgevers (NV), Sitz: Amsterdam.
De Volkskrant
Die "Volkszeitung" ist im Vergleich zu den anderen landesweiten Tageszeitungen der Niederlande noch jung. Sie begann als katholisch gefärbte Arbeiter-Wochenzeitung und wuchs schnell zur Tageszeitung heran. Ihre erste Ausgabe erschien 1919 in Den Bosch, über Utrecht gelangten Redaktion und Verlag schließlich 1945 nach Amsterdam. Unter der deutschen Besatzung wurde sie 1941 wie alle Zeitungen gleichgeschaltet - was die Leser nicht tolerierten. 95% kündigten das Abonnement, die Zeitung musste schließen. Nach dem zweiten Weltkrieg schnell wieder etabliert, weichte ihr streng katholisches Weltbild zugunsten eines progressiv-linken auf. Heute schwenkt die Volkskrant wieder leicht nach rechts aus. Ihrer Glaubwürdigkeit bei den Lesern hat das keinen Abbruch getan, sie konkurriert mit dem AD um Platz 2 unter den meistverkauften landesweiten Tageszeitungen. Ihre Auflage liegt bei 308.000 Exemplaren. Wie das NRC Handelsblad räumt sie in ihrer Wochenendbeilage politischen Hintergründen viel Platz ein, richtet sich aber auch an weniger gut gebildete Leser. Ihr Verlagshaus ist PCM Uitgevers (NV), ansässig ist sie in Amsterdam.
Metro und Sp!ts, de Pers und DAG
Screenshot MetroAm Morgen des 21. Juni 1999 nahm eine kleine Revolution in der Medienlandschaft ihren Anfang. An Kiosken, im Eingangsbereich und auf Bahnsteigen von Bahnhöfen waren zwei Gratis-Zeitungen erhältlich: Metro und Sp!ts. Erstes ist ein Produkt des schwedischen Konzerns Metro International/Modern Times Group, das zweite wird vom Telegraaf-Konzern herausgegeben. (Metro erscheint auch in anderen europäischen Ländern mit einer landeseigenen Ausgabe.)
Beide werden zum Großteil mit Meldungen von ANP bestückt. Ziel ist es, den Leser in 20 Minuten über die wichtigsten Themen des Tages zu informieren. Zusammen brachten es die Gratisblätter 2004 auf eine Auflage von ca. 650.000 Stück.
Metro und Sp!ts sind nicht der erste Versuch einer Gratis-Zeitung, aber der bisher erfolgreichste. Vor allem bei jungen Lesern laufen sie den alteingesessenen Zeitungen den Rang ab. Deren Umsatz im losen Verkauf ging fast um ein Viertel zurück. Sie haben bisher keine wirksame Gegenstrategie entwickelt. Ihre Hochglanzbeilagen haben die Jugendlichen nicht zurückholen können.
Kurzer Abriss über die regionalen Zeitungen
Über Jahrhunderte hinweg hat eine starke Bindung zwischen den Niederländern und ihren Regionalzeitungen bestanden. Fünf und mehr Titel in einer Region waren keine Seltenheit. Doch im Zuge der Konzentrationstendenzen war es gerade dieser Sektor, der am meisten unter Leserschwund und Fusionen gelitten hat. Heute ist in einer Region meist nur noch eine einzige Zeitung erhältlich. Die Gesamtauflage der Regionalzeitungen sank zwischen 1981 und 2004 um fast 600.000 Stück. Den Großteil des Marktes teilen sich die drei großen Zeitungshäuser. Der Telegraaf-Konzern verfügt über 6 Titel, Wegener NV über 10 Titel, wobei letzterer nun mit PCM Uitgevers (3 Titel) fusioniert. Wirtschaftlich unabhängige Redaktionen gibt es kaum noch. Zu ihnen gehört das Friesch Dagblad.
Die auflagenstärksten regionalen Blätter mit Auflagen über 100.000 Stück sind: BN De Stem, Brabants Dagblad, Dagblad De Limburger, Dagblad van het Noorden, Eindhovens Dagblad, de Gelderlander, der Leeuwaarder Courant, Noordhollands Dagblad, de Stentor und der Twentsche Courant Tubantia. Insgesamt werden in den Niederlanden 24 Regionalzeitungen herausgegeben.
Elsevier
Von den Meinungsmagazinen (opiniebladen) ist Elsevier das wirtschaftlich erfolgreichste: seine wöchentliche Auflage beträgt ca. 135.000. Herausgegeben wird es vom Verlagshaus Reed-Elsevier. Als das Magazin 1945 zum ersten Mal in den Verkauf ging, hieß sie noch "Elseviers Weekblad". Von Beginn an nahm es einen politisch konservativen Standpunkt ein, sprach sich in den 50er Jahren zum Beispiel klar gegen die Unabhängigkeit Indonesiens aus. 1985 erlebte es die entscheidende Layout-Veränderung zum Hochglanzmagazin und verlor den Nebentitel "Weekblad". Konservativ und gleichzeitig wirtschaftsliberal ist das Blatt geblieben. Thematisch befasst es sich aber, wie "Der Spiegel" in Deutschland, mit allem, was die Gesellschaft bewegt, Wissenschaft, Sport, Kultur etc., hat aber auch Seiten für Buntes und Klatschgeschichten.
Zu seinen bekanntesten Autoren zählen Leon de Winter, W.F. Hermans und Cees Nooteboom. Sogar Pim Fortuyn schrieb einige Jahre für das Magazin.
De Groener Amsterdammer
Der kuriose Titel ergab sich aus der Farbe des Papiers: in den ersten Jahren wurde der 'Amsterdammer' auf grünem Papier gedruckt. Gegründet wurde er 1877 und behauptet sich seitdem als eigenständiges Magazin, mehr schlecht als recht, denn der Bedrijsfonds voor de Pers hat mehrmals mit Krediten das Überleben des Blattes sichern müssen.Politisch lässt er sich links einordnen. Einen großen Teil seiner Seiten, weitaus mehr als die anderen hier beschriebenen Magazine, widmet der 'Amsterdammer' der politischen Analyse und Essays. Auch in der Themenauswahl ist er internationaler als die anderen. Dass er nur eine kleine Auflage von 15.000 Exemplaren hat, ist wahrscheinlich seinem behäbigen Layout und dem Ruf des "Intellektuellenblattes" geschuldet. Es bleibt abzuwarten, ob "De Groene Amsterdammer" sich auf dem hart umkämpften Zeitschriftenmarkt behaupten wird.
Vrij Nederland
Wie der Name schon verrät, begann das Magazin sein Leben als Widerstandsblatt im Nationalsozialismus, damals als Tageszeitung. Seinen Ruf als linkes Blatt erwarb es sich in den 60ern, als es sich in politischen Diskussionen auf die Seite der "Neuen Linken" stellte. Anfang der 90er wandelte es sich zum Magazin und ist mit ca. 53.000 Exemplaren wöchentlich das zweiterfolgreichste der 'opiniebladen'.
In Aufmachung und Themenwahl liegt 'Vrij Nederland' zwischen Elsevier und De Groene Amsterdammer: nicht so poppig bunt wie das erste, nicht so tiefenanalytisch wie das zweite. Es bemüht sich vor allem um eine gesellschaftskritische Berichterstattung und Hintergrundgeschichten.
HP/De Tijd
Die Haagse Post und De Tijd, in einem früheren Leben Tageszeitungen, gingen 1990 unter wirtschaftlichem Druck zusammen. War das Magazin auch zuerst liberal, so hat es sich inzwischen zu einem zutiefst konservativen Medium entwickelt. Viel Aufsehen erregte seine Gegenkampagne zu einer TV-Doku-Serie über von Abschiebung bedrohten Asylbewerbern. HP/De Tijd zog die Recherchen über die ungerechtfertigte Abschiebung der 26.000 in Zweifel und wurde aus linken Kreisen mit dem Etikett "rechtsextremistisch" versehen. Den Schwerpunkt legt die Redaktion auf politische Hintergrundanalyse. An bunteren Themen kommt sie, wie auch die anderen Magazine, aber nicht ganz vorbei. Die Auflage des Magazins liegt bei ca. 39.000 Stück.
Lifestyle-Magazine und andere Zeitschriften
Im Vergleich zu den Tageszeitungen stehen die Zeitschriften gut da. Zwar ist die Auflage der meisten Titel in den letzten fünf Jahren zurückgegangen, aber nur wenige sind kleiner als 50.000 Stück, viele von ihnen verkaufen zwischen 100.000 und einer halben Million Exemplare pro Ausgabe. Weil sie weniger Information als ein Lebensgefühl verkaufen, ist die Bindung zu Lesern und vor allem Leserinnen höher als bei den Tageszeitungen. Das gilt insbesondere für die Lifestyle-Magazine wie Cosmopolitan, Glossy oder Avantgarde. Steigende Auflagen verbuchen auch Männermagazine (Man, Esquire, Men's Health) und Zeitschriften für Jugendliche (Donald Duck, Breaktout, Hitkrant). Dafür haben klassische Frauenblätter und Magazine mit Prominentengeschichten Leser verloren. Die größte Frauenzeitschrift Libelle erreicht aber immer noch eine Stückzahl von knapp 600.000.
Autoren: Silke Merten
Erstellt: August 2005
Links
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Literatur
Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie
Bardoel, J. : Media in Nederland. Feiten en structuren. Groningen 1997.
Baschwitz, K.: De krant door alle tijden. Amsterdam 1949.
Schneider, M.: De Nederlandse krant. van ‚nieuwstydinghe’ tot dagblad. Barn 1978.
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