Das Mediensystem der Niederlande
II. Historische Entwicklung der Presselandschaft
Niederländer sind treue Zeitungsleser. Sie wechseln nur selten das Blatt und lassen es sich am liebsten nach Hause bringen. Der Straßenverkauf macht nur einen kleinen Teil des Marktanteils aus. Auch die Magazine, egal ob im Bereich Gesundheit, Lifestyle oder Politik, profitieren von der allgemeinen Leselust und haben eine Gesamtauflage von über 5 Millionen Exemplaren, die Zeitschriften der Rundfunkvereine nicht mit eingerechnet. Die wichtigsten Zentren der Schriftmedien sind Amsterdam, Rotterdam und Den Haag.
Die historische Entwicklung der Presselandschaft: 17. - Ende 19. Jahrhundert
Wann genau in den Niederlanden die erste Zeitung erschien, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Fest steht dass sie sich aus handgeschriebenen Nachrichtenbriefen und gedruckten Flugblättern entwickelt hat - vor allem in Handelszentren wie Amsterdam war man auf Informationen, besonders Wirtschaftsnachrichten und politische Neuigkeiten aus anderen Ländern angewiesen. Und so ist der in Amsterdam erschienene "Courante uyt Italien, Duytsland & c." wohl das erste Blatt, das die wesentlichen Merkmale einer Zeitung (regelmäßiges Erscheinen, Aktualität, nicht spezialisierte Information und Publizität, d.h. für alle erhältlich) auf sich vereint. Die ältesten Exemplare gehen auf das Jahr 1618 zurück. Bei diesem wie auch bei anderen Blättern fällt ins Auge, wie schon damals Notwendigkeiten von Zeitungsmachern wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg einer Zeitung waren. So brachte der Herausgeber der Zeitung aCourante, van Hilten, zwei Ausgaben heraus, eine donnerstags, eine samstags, um in punkto Aktualität seiner Konkurrenz voraus zu sein. Die entwickelte sich bemerkenswert schnell. In Amsterdam, in Haarlem, Den Haag, Utrecht, Rotterdam, Arnhem, Delft und Leiden entstanden noch im selben Jahrhundert die ersten Zeitungen, darunter auch Blätter französischer, spanischer und jüdischer Religionsflüchtlinge. Obwohl die Zahl der Leser klein war - Schulen gab es noch nicht - stieg die Zahl der Ausgaben mancher Blätter bis auf drei pro Woche. Von Pressefreiheit konnte allerdings noch keine Rede sein. Immerhin konnten Herausgeber nur mit Erlaubnis ihres Stadtmagistrats oder Landesfürsten ihre Arbeit tun - und mussten dafür auch noch eine Gebühr zahlen. Staatliche Autoritäten übten präventive Zensur aus, was sich vor allem darin abzeichnete, dass die Zeitungen hauptsächlich Nachrichten aus dem Ausland, z. B. Berichte vom 30jährigen Krieg, meldeten. Trotzdem sind zahlreiche Fälle vermeldet, in denen Verbote umgangen oder schlichtweg ignoriert wurden. Frankreich zum Beispiel waren die Zeitungen der in den Niederlanden lebenden Hugenotten ein Dorn im Auge. Daraufhin verboten die Staten van Holland sämtliche französischen Zeitungen - doch eine von ihnen in Leiden setzte ihre Arbeit fort, ohne strafrechtliche Konsequenzen.
Erste Veränderungen
Erste politische Auseinandersetzungen mit und in der Presse fanden erst Ende des 18. Jahrhunderts statt. Im Zuge der Aufklärung gründeten Angehörige von Bürgertum und niederem Adel Blätter, in denen sie gegen die Royalisten polemisierten. Zum ersten Mal entstand das, was man heute als 'opiniebladen', Meinungsblätter bezeichnen würde. Diesen Anfängen einer unabhängigen Presse machte der Adel durch auflagenstarke Propagandablätter und Strafverfolgung ein Ende. Nun begann für die Presse eine dunkle Zeit. Vor allem unter Loudewijk Napoléon wurde sie strenger Zensur unterworfen. Zwar versprach Artikel 16 der Verfassung von 1798 das Recht auf freie Meinungsäußerung, doch praktisch waren die Zeitungen mundtot. Sie mussten ihre Nachrichten sogar zweisprachig publizieren. Offene Kritik konnte mit hohen Geldstrafen, Gefängnis und Auspeitschen geahndet werden. Hinzu kam eine Steuer ('dagbladzegel') auf jede verkaufte Ausgabe, die Kosten für Anzeigen wurden durch die Autoritäten angehoben. Auch als Willem I die Herrschaft 1813 übernahm, änderte sich nicht viel für die Publizisten. Erst die Diskussion um die Unabhängigkeit Belgiens belebte ein offeneres Klima, Liberale und Konservative stritten in ihren Organen um die mögliche Abspaltung des Südens. Nach 1830 begann ein Emanzipationsprozess in den Niederlanden, der auch die Entwicklung der Presselandschaft prägte: das Bürgertum wuchs und verlangte Mitspracherechte, die bisher zurückhaltenden Katholiken schalteten sich in politische Diskussionen ein.
Auf dem Weg zur echten Pressefreiheit
Zwei entscheidende Jahre des 19. Jahrhunderts sind 1848 und 1869. 1848 wurde die Pressefreiheit endgültig Teil der Verfassung und des öffentlichen Lebens, 1869 wurde die Zeitungssteuer abgeschafft. Zusammen mit der Einführung der Schulfreiheit (1848) bildeten sie das Fundament für die Geburt der Zeitung als Massenmedium. Rotterdam, Amsterdam und Den Haag wuchsen zu den wichtigsten Pressezentren heran und sind es bis heute geblieben. Doch auch in den Städten außerhalb der heutigen Randstad, Groningen, Leiden, Leeuwarden, Haarlem etc., wuchs eine politisch vielstimmige Presselandschaft.
Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt: August 2005
Aktualisiert: Juni 2008
Literatur
Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie
Bardoel, J. : Media in Nederland. Feiten en structuren. Groningen 1997.
Baschwitz, K.: De krant door alle tijden. Amsterdam 1949.
Schneider, M.: De Nederlandse krant. van ‚nieuwstydinghe’ tot dagblad. Barn 1978.
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