Das Mediensystem der Niederlande


X. 1945-1988: Von Familienmedien und Privatisierung


1945-1960: Radio und Fernsehen als Familienmedien

Bis die Vereine den ursprünglichen Sendebetrieb wieder aufnehmen konnten, dauerte es zwei Jahre. In diesen Radio lwurde wieder einmal die Idee eines nationalen Senders erwogen und wieder verworfen, während der vorübergehende Sendebetrieb von der Stichting Radio Nederland übernommen wurde. Und als sie den Betrieb aufnahmen, geschah dies unter der Bedingung der Politik, von nun an enger zusammenzuarbeiten. So entstand die Nederlandse Radio Unie (NRU). Hier wurden zum ersten Mal die Verwaltung der Einrichtung und technischen Ausrüstung, der Plattenbibliothek und des Runfunkorchesters und- chors zusammengefasst. Die von den Besatzern eingeführte Rundfunkgebühr blieb.

Nun beginnt die Blütezeit des Radios. Immerhin haben im Jahr 1949 fast anderthalb Millionen Niederländer ihr eigenes Empfangsgerät, die Zahl der Mitglieder in den Sendervereinen wächst ständig. In das Programm werden nun vermehrt Unterhaltungselemente eingebaut, leichte Musik gespielt. Das Radio wird zum abendlichen Familienmedium.

Nederland1 geht auf Sendung

Als 1951 die erste TV-Sendung über den Äther geht, sehen die Sendervereine auch hier schnell Möglichkeiten, ihren Einflussbereich zu erweitern. Sie bauten die Nederlandse Televisie Stichting (NTS) auf, die ein Radio mgemeinschaftliches Programm produzieren sollte und Anlagen und Personal für alle verwaltete - Nederland 1 war geboren. Bis es zum ernsten Konkurrenten fürs Radio wurde, dauerte es noch ein ganzes Jahrzehnt. Denn 1951 hatten gerade einmal 500 Haushalte einen Fernseher. Da das Medium noch so neu war, wurden viele Radio-Formate wie ‚AVROS’s Bonte Dinsdagavondtrein’ einfach kopiert. Für Spontanität war wenig Platz, denn alles wurde live gesendet und erforderte deshalb gründliche Vorplanung. Aber: anders als beim Radio setzten die TV-Macher bewusst auf Unterhaltung als wichtigen Teil des Programms. Berühmt wurden Satiresendungen wie „Zo is het toevallig ook nog’s een keer“ oder „Farce Majeure“. Den Status Massenmedium erreichte die NTS 1961 mit der Spendensendung „Open het dorp“, nach der Millionen Niederländer für den Bau eines Dorfes für Behinderte spendeten.

1960-1988: Der Kampf gegen Privatsender

Das Jahr 1960 ist für die niederländische Rundfunkgeschichte ein ganz maßgebliches. Denn damals begann die Geschichte des privaten Rundfunks. Und diese hat(te) auf Form und Inhalt des öffentlichen Rundfunks großen Einfluss. 1960 startete der Piratensender Radio Veronica seinen Betrieb auf einem vor Scheveningen liegenden Schiff - in exterritorialen Gewässern, so dass der Gesetzgeber machtlos war. Sogar Werbung war auf diese Weise möglich. Mit seiner Konzentration auf Popmusik, der Einführung von Moderatoren und horizontaler Programmierung (jeden Tag um dieselbe Zeit dasselbe Programm) wurde Veronica bald zum beliebtesten Radioprogramm. Andere Piratensender, auch im TV-Bereich, imitierten das Erfolgsrezept. Staat und öffentlicher Rundfunk waren gezwungen zu reagieren, wollten sie dem öffentlichenSystem nicht die Existenzberechtigung absprechen.

Radio v1964 ging zunächst Nederland 2 auf Sendung. Ein Jahr später Radio Hilversum 3, der ausschließlich Popmusik sendete. Schließlich begann ein neuer Streit um die Form des öffentlichen Rundfunks - über den 1965 sogar ein Kabinett zerbrach.  Wieder wurde um die Frage gestritten, ob kommerzielle Sender nicht doch legalisiert werden sollten.

Zeit des Übergangs

Das neue Kabinett unter Ministerpräsident Cals entschied dagegen und erarbeitete eine Übergangsregelung, deren Regeln noch heute in Kraft sind. Zum einen wurde der Status eines Sendervereins aufgrund seiner Mitgliederzahl festgelegt, zum anderen öffnete sich das System für andere Gruppen, die selbst Sender gründen wollten. Einige Mitarbeiter der Piratensender gründeten daraufhin 1966 die Televisie Radio Omroep Stichting (TROS), die von Anfang an und bis heute auf Entertainment setzte. Der Verein gab sogar dem Phänomen der Programmverflachung einen Namen: vertrossing.

1967 trat schließlich das erste Rundfunkgesetz überhaupt inkraft. Von nun an durften die Sender Werbemittel erwerben. Diese Aufgabe übernahm die Stichting Ether Reclame (STER), die es auch heute noch gibt. Die NRU und die NTS wurden zur Nederlandse Omroep Stichting (NOS) zusammengefügt, um Verwaltungskosten zu senken. Darüber hinaus etablierte der Produktionsteil der NOS sich schnell als Nachrichten- und Sportsender - auch das ist bis heute so geblieben.

Im Zuge der Öffnung für größere Vielfalt im öffentlichen Rundfunk stoßen 1970 der Evangelische Omroep (EO), 1973 Veronica, das sich für die Existenz in der Legalität entschieden hat, dazu. 1979 erhalten die Radiowellen ihre eigene Farbe, d.h. ein festes Profil; das heutige Radio 1  z.B. wird zum Info-Sender mit leichter Musik, Bis 1988 wuchs das System auf fünf landesweite Radiowellen und einen dritten TV-Sender, Nederland 3.

Der Verdienst der Piratensender

Aus heutiger Perspektive kann man den Einfluss der Piratensender gar nicht hoch genug einschätzen. Sie zwangen das öffentliche Rundfunksystem zur Modernisierung und die Sendervereine zur Öffnung hin zur Allgemeinheit. Sie gaben den wesentlichen Anstoß zur "Entsäulung" des Rundfunks. Natürlich gibt es da noch viele andere Faktoren, Säkularisierung, neue politische Bewegungen etc. Der Verdienst der Piratensender - und auch der von TROS - war, dass sie die Pop- und Jugendkultur als gesellschaftlich einflussreichen Faktor ernst nahmen und etablierten - eine Entwicklung, die die anderen Sendervereine verschliefen.

Autoren: Silke Merten und Online-Redaktion
Erstellt:
August 2005
Aktualisiert: Juni 2008


Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Nld. Medienaufsichtsbehörde Commissariaat voor de Media

Nld. öffentliche Rundfunkgesellschaft Nederlands Publiek Omroep

Zuständig für Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Stichting Ether Reclame (STER)

Nld. Rundfunkfond Mediafonds

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bardoel, J. : Media in Nederland. Feiten en structuren. Groningen 1997.

Personen

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