Die Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts[1]


I. Einführung

Die Nachtwache
Die Nachtwache (1642) von Rembrandt, Quelle: ZENO

Selbst heute, im 21. Jahrhundert, fallen den meisten Europäern, wenn sie an die niederländische Kunst denken, trotz Theo van Doesburg, Piet Mondriaan und anderen Vertretern der niederländischen Moderne, zuerst die Hervorbringungen des 17. Jahrhunderts ein. Dies nicht ohne Grund. Die Spuren dieses goldenen Zeitalters (Gouden Eeuw) haben sich nicht nur tief in das kulturelle Gedächtnis der niederländischen Gesellschaft eingegraben, sondern sind in den meisten namhaften Museen dieser Welt unübersehbar, und nicht nur dort. Als tausendfach verwertbare Objekte des Merchandizing haben sich zahlreiche Motive der niederländischen und flämischen Malerei sehr erfolgreich in die heutige Zeit und in heutige Sehgewohnheiten gebrannt. "Het meisje met de parel" von Vermeer, Rembrandts Selbtsportraits oder die sogenannte Nachtwache, Jan Steens Genreszenen, Jacob van Ruisdaels "Windmühle in der Landschaft" und Rubens' "Raub der Sabinerinnen" können als wenige Beispiele gelten für die Bilder, die wir uns meist problemlos vor unser geistiges Auge holen können, weil sie auch heute noch zu den am meisten reproduzierten Bildmotiven der niederländischen Kunst gehören.

Wie kommt es, dass eine einzige Epoche der Kunstgeschichte uns im Hinblick auf die Niederlande so sehr prägt? Nun, es liegt nicht zuletzt an der Epoche selbst, aber auch an den frühen deutschen Kunsthistorikern, die die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts für so genial hielten -die pastose, rauhe Pinselführung Rembrandts und Vermeers oder Frans Hals' beispielsweise wurde nicht selten als Vorgriff des sehr viel späteren Impressionismus gedeutet, was zwar historisch gesehen Unsinn ist, dem Bekanntheitsgrad der Kunst jedoch keinen Abbruch getan hat.

Ansonsten steuert nicht nur unsere Wahrnehmung den Bekanntheitsgrad der Kunst, den wesentlichen Beitrag haben vielmehr die Künstler selbst geleistet, und dies zunächst einmal rein quantitativ. Wie ist dies zu verstehen? Der Reichtum, den der internationale Handel u.a. durch die Vereinigte Ostindische Handelskompanie ('Vereenigde Oostindische Compagnie', gegründet 1602) in die Niederlande brachte, war praktisch die Lebensgrundlage für fast alle Künstler im 17. Jahrhundert. Durch das wachsende gesellschaftliche Ansehen der Kaufleute und Händler, also einer gehobenen bürgerlichen Schicht, wuchs auch das Bedürfnis genau dieser gesellschaftlichen Schichten, ihren Status zu repräsentieren, und zwar auf genau die gleiche Weise, wie es in Adel und Hochadel längst üblich war. Portratis beispielsweise sollten den gesellschaftlichen Rang der eigenen Person darstellen, wenn sie ihn nicht gar erhöhten. Dieser ins Unerhörte wachsende Reichtum der Niederländer hatte auf längere Sicht zur Folge, dass es in den Niederländern eine bessere 'Kunstversorgung' der Bevölkerung gab, als irgendwo sonst in Europa.

Bedeutender Wirtschaftsfaktor

Der verlorene Sohn
Der verlorene Sohn (1623) von Gerard van Honthorst, Quelle: ZENO

Die Kunst, besonders die Malerei, wurde zusammen mit ihren neuen Auftraggebern, den Kaufleuten, ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Und den schon damals gültigen Gesetzen der 'freien Marktwirtschaft' folgend, wurde das 'Dienstleistungsgewerbe Kunst' immer differenzierter, d.h. es bildeten sich Fachbetriebe für bestimmte Gattungen der Malerei aus und gleichzeitig entstanden Bildgattungen, deren Motive für die Malerei damals Neuland waren, wie z.B. die Landschaftsmalerei und das Genre (Sittengemälde). Auch stilistisch wurde die Kunstlandschaft immer vielfältiger, so dass ein Auftraggeber sich in der Erwartung einer bestimmten Malweise, sei es z.B. der flämisch-italienischen (z.B. Rubens, Jacob Jordaens, Anthonis van Dyck, oder die sog. 'Utrechter Caravaggisten') oder der holländischen Schule (z.B. Rembrandt und seine Werkstatt, später auch Vermeer) einer bestimmten Werkstatt und einem bestimmten Meister zuwenden konnte. Außerdem gab es bereits versierte Händler, denen die Maler ihre Bilder in Kommission gaben, so dass der Kauf eines Gemäldes nicht mehr unbedingt den direkten Kontakt des Käufers zum Künstler erforderte.

Jeder Maler suchte sich also, um es einmal in heutigem Wirtschaftsjargon auszudrücken, mit seiner Werkstatt, seinem Unternehmen also, eine Nische im Wirtschaftszweig der Kunstbranche. Die erfolgreichen Betriebe und ihre Meister, wie z.B. Van Dyck, Rembrandt, Rubens und Vermeer, erwarben sich sehr bald gesellschaftliches Renommee. Dadurch, dass sie ihren Auftraggebern durch ihre Arbeit zu mehr Ansehen verhelfen konnten, erhielten sie Zutritt zu gesellschaftlichen Kreisen, die ihnen noch wenige Jahre zuvor auf immer verschlossen geblieben wären. Hinzu kam, dass sich auch der Wert eines Gemäldes an sich veränderte: Es kam den Auftraggebern nicht mehr nur ausschließlich darauf an, ein bestimmtes Motiv auf ihrem Bild vorzufinden, sei es ein Portrait, eine Landschaft oder eine Historien- und Bibelszene, sondern es wurde entscheidend, von wem das Bild gemalt worden war. Einen 'echten' Rembrand oder Frans Hals im Hause zu haben konnte dem eigenen Prestige deutlich dienlicher sein als ein anderes gut gemaltes Bild eines unbekannteren Künstlers. Diese Haltung der Kunst und ihren Schöpfern gegenüber mag dem heutigen 'art consultant' und dem aufmerksamen Beobachter der aktuellen Kunstszene und ihrer Mäzene seltsam vertraut vorkommen, sie war aber im 17. Jahrhundert absolut neu und zeugt vom radikalen gesellschaftlichen Aufstieg des Kunstschaffenden.

Die 'niederländische' Malerei - und die 'niederländischen' Staatsgrenzen

Die Zentren der Kunstproduktion lagen zum einen im Norden, d.h. in und um Haarlem und Utrecht, zum anderen im Süden, d.h. in und um Antwerpen.
Die Arbeiten, die aus dieser 'Kunstfabrik' Niederlande heute noch erhalten sind, stellen zahlenmäßig noch immer ein überwältigendes Konvolut dar. Natürlich ist nicht alles aus den weltweit erhaltenen Beständen von übermäßiger Qualität, aber es leuchtet ein, dass ein übermäßiger Kunstausstoß schon rein statistisch überdurchschnittlich viele Meisterwerke hervorbringen muss. Von ihnen soll hier die Rede sein.

Was man jedoch heute unter 'niederländischer Malerei' des 17. Jahrhunderts versteht, ist nicht mit den heutigen Staatsgrenzen der Niederlande überein zu bringen und bedarf daher einer Erläuterung. Politisch gesehen gehörten die ehemaligen südlichen Niederlande, das heutige belgische Flandern, seit dem Westfälischen Frieden von 1648 zu den spanischen Niederlanden, d.h. sie unterstanden der spanischen Krone, im Gegensatz zu den nördlichen Niederlanden, die mit ihren sieben Provinzen nunmehr eine unabhängige Republik darstellten.

Der Raub der Töchter des Leukippos
Der Raub der Töchter des Leukippos (um 1618-1620) von Peter Paul Rubens, Quelle: ZENO

War diese Trennung politisch und religiös schon lange spürbar und auch wirksam, so war sie künstlerisch zunächst eigentlich bedeutungslos. Die Folgen dieser politischen und staatlichen Trennung wirkten sich nur sehr bedingt auf das Kunstschaffen der beiden Regionen aus. Die Unterschiede, die allerdings bemerkenswert sind, sind die unterschiedlichen 'Schichten' der Auftraggeber. Sind diese in den spanisch-habsburgischen und katholischen Niederlanden nach wie vor überwiegend bei Herrschern, Fürsten, Adel und der Kirche zu finden, sind es in den republikanischen vereinigten Niederlanden die Städte, Kommunen und die reichen Kaufleute. Bei beiden Schichten wird der Kunst aber eine repräsentative und prestigeerhöhende Funktion beigemessen, so dass sich in beiden Regionen tendenziell höchstens Unterschiede in der Motivwahl für die Bilder erkennen lassen. Heroische Bildmotive, wie z.B. Szenen aus der griechischen und römischen Mythologie (z.B. 'Der Raub der Töchter des Leukippos' von Rubens), sowie prächtige Altartafeln werden daher überwiegend in Flandern produziert, da auch die Auftraggeber diese 'hohen' und 'heroischen' Kunstgattungen für sich selbst für angemessen hielten. Bürgerliche Auftraggeber wie sie im Norden den Markt dominierten, erkannten sich eher etwas niedriger stehende Bildmotive zu, wie Portraits, Interieurs, Stilleben und das Genre. Trotzdem finden sich natürlich alle Bildgattungen generell dies- und jenseits der Grenze.

Stilistische Unterschiede, die politisch oder 'staatlich' motiviert wären, lassen sich eigentlich nicht feststellen. Viele Künstler aus Flandern waren - oft aus religiösen Gründen - nach Holland gekommen, einige holländische Künstler waren nach Flandern gegangen, beide Seiten arbeiteten auch für Auftraggeber der jeweils anderen Grenzseite. Die gegenseitige künstlerische Beeinflussung jedenfalls ist lange unübersehbar, auch wenn sie sich teilweise darin äußert, dass der eine Meister sich gezielt vom benachbarten Konkurrenten jenseits der Grenze absetzen möchte. Dass man sich in den rapide wachsenden Werkstätten dies- und jenseits der Grenze aber argwöhnisch als Konkurrenz beäugte, ist nun aber ein Indiz für die künstlerische Irrelevanz der staatlichen und politischen Trennung. Immerhin war die Sprache auf beiden Seiten der Grenze dieselbe, und so ist es auch heute unvermeidlich, Künstler und Meister wie Peter Paul Rubens mit seiner Werkstatt in Antwerpen, sowie viele andere flämische Künstler in eine kurze Betrachtung der niederländischen Kunst einzubeziehen.

Küchenstillleben in einem Bauernhaus
Küchenstillleben in einem Bauernhaus (1642) von Willem Kalf, Quelle: ZENO

Der wachsende Reichtum der Künstler bescherte den Kunstschaffenden einerseits eine bis dato ungekannte künstlerische Freiheit, andererseits aber auch eine gewisse thematische und stilistische Festlegung. Freiheit deshalb, weil sie sich aus der Fülle der Aufträge diejenigen aussuchen konnten, die ihnen am meisten zusagten oder bei denen sie selbst das meiste Mitspracherecht hatten. Legte ein Auftraggeber besonderen Wert darauf, sein Bild bei einem bestimmten Maler fertigen zu lassen, so konnte dieser mit seinen eigenen künstlerischen und auch finanziellen Vorstellungen einen gewissen Druck ausüben. Dies gilt natürlich nicht pauschal für jede Beziehung zwischen Maler und Auftraggeber, beleuchtet aber dennoch das veränderte Selbstverständnis des Künstlers als Person zur 'Künstlerpersönlichkeit' und dessen Auswirkungen auf die Kunstproduktion allgemein (siehe auch Portrait und Rembrandt). Eine gewisse thematische Festlegung war wegen der oft erforderlichen Spezialisierung (Fachmaler) nötig, sie hatte weniger künstlerische als wirtschaftliche Ursachen, denn auch das thematische und motivische 'Profil' einer Werkstatt wollte geschärft sein.


[1] Dieses Dossier kann lediglich einen ganz groben Überblick über die Kunst des 'Gouden Eeuw' geben. Es ist als Einführung für ein Laienpublikum gedacht und kann daher wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen. Es können und sollen nicht annähernd alle Künstler dieser überwältigenden Kunstepoche genannt werden. Dieses Kapitel mit seinen Unterrubriken ist im Idealfall als eine Art Sammlung der markantesten Eckpfeiler zu betrachten. Wer sich vertiefend mit dem Thema beschäftigen möchte, sei auf das Literaturverzeichnis und die Linksammlung verwiesen.

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt:
Juni 2005


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bernt, Walther: Die Niederländischen Maler und Zeichner des 17. Jahrhunderts, 5 Bände, München 1980.

Haak, Rob: Das goldene Zeitalter der holländischen Malerei, Köln 1996.

Klessmann, Rüdiger: Holländische Malerei des 17. Jahrhunderts, Bilderhefte der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz H11/12, Berlin 1984.

Lessing, Erich: Die Niederlande. Die Geschichte in den Bildern ihrer Maler. Mit Beiträgen von Karl Schütz und Georg Kugler, München 1985.

Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte Bildarchiv Foto Marburg

Staatliches Projekt zur Digitalisierung des kulturellen Erbes der Niederlande Het geheugen van Nederland

Linksammlung diverser Bilddatenbanken im Bereich Kunst Kunsthistorisches Institut der FU Berlin

Virtuelles Museum und Datenbank europäischer Maler und Bildhauer (1100-1850) Web Gallery of Art


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