ARCHIV Kultur - Kurzbeitrag
Stimm-Abgabe - Adinda Filippow singt im Amsterdamer Kammerchor
Wenn
es vorbei ist, fangen sie oft an zu kreischen. Schließen die Tür hinter
sich und lassen sich gehen. Spannung entladen! Puuuh, geschafft.
Kammerchorsänger sind hinterher doch nicht immer so beherrscht, wie sie
vorher tun. Hinterher heißt: Nach dem Konzert. Dann, wenn sie
eineinhalb Stunden Dauerkonzentration hinter sich gebracht haben, und
die Stimmbänder gequält. Adinda Filippow macht das fast jede Woche. Die
Dame aus Huisberden in der Gemeinde Bedburg-Hau im Kreis Kleve singt
beim Niederländischen Kammerchor in Amsterdam, auf Weltniveau. Und wenn
alles gestimmt hat, es richtig gut war, dann lässt auch sie sich mal
gehen. Bald beendet Filippow ihre Karriere nach 28 Jahren. Die letzte
Saison beginnt.
8 Uhr. Adinda Filippow steigt ins Auto. Gut zwei
Stunden, dann ist sie vom kleinen Huisberden ins große Amsterdam
gefahren. Jeden Tag Stau. Daran hat sie sich zwar nicht gewöhnt, aber
sie nimmt es hin. „Ich möchte hier nicht weg. Es ist so schön ruhig“,
sagt die sympathische Niederländerin, die seit acht Jahren am
Niederrhein lebt. Um 10 Uhr ist Probe. Und heute beginnt für die
Sopranistin wieder der Alltag. Franz Schubert und Robert Schumann
werden einstudiert. In der nächsten Woche muss schon alles sitzen,
Auftritt in Utrecht. „Wir sind Profis. Da lernt man, schnell zu üben,
auch wenn es nur eine Woche ist.“
Filippows Stimme ist zart, sie
spricht leise. Hektik scheint ihr fremd. Das gemütliche Haus in
Huisberden ist erfüllt von angenehmer Klaviermusik. Draußen zwitschern
die Spatzen, und ab und an dringt diese herrliche Stimme durch. Die
Tonleiter kletternd. „An meiner Stimme habe ich nie viel arbeiten
müssen.“ Eine Stimme von Gottes Gnaden.
Die Proben sind keine
Herausforderung mehr, sondern Arbeit. Und die muss gemacht werden.
Gesungen hat sie schon alles. Bach rauf und runter, Mozart , Schubert ,
Ravel . In den frühen 70er Jahren waren es mal kleinere Opern, danach
viele Soli. Und der Kammerchor. „Wer Musik studiert, der will natürlich
als Solist auftreten und sich nicht im Chor einordnen“, sagt Filippow.
Aber sie hat sich gerne arrangiert, denn als Solistin fühlte sie sich
nicht wohl: „Es herrscht großer Druck. Alle schauen auf einen. Aber,
der Kammerchor ist auch ein Instrument an sich. Etwas ganz anderes
eben.“
Angefangen hat ihre Karriere in den 70ern. Damals hat sie
am Konservatorium in Amsterdam studiert und ist blutjung und
freiberuflich als „Schnabbel“, wie das im Niederländischen so schön
heißt, unter die Sänger gegangen. Hat im Quartett gesungen und
aufregende Zeiten erlebt. Heute glaubt Filippow das besondere Etwas in
einem Konzert immer weniger spüren zu können. „Ein Konzert ist dann
gut, wenn die Stimmung stimmt. Es muss nicht perfekt sein, es muss
Atmosphäre herrschen“. Und Atmosphäre sei in hektischen Zeiten immer
schwerer zu vermitteln. Gleichwohl, der Kammerchor erfährt Zuspruch:
„Vielleicht suchen die Leute auch Zuflucht und Entspannung bei uns.“
Der
Niederländische Kammerchor hat Weltruf. Und Filippow gehört zu den
Erfahrenen in der Gruppe. Sie hat schon alles gesehen, ist in fast
jedem europäischen Land aufgetreten, in Japan, Kanada, Israel, Los
Angeles und natürlich in der Carnaby Hall in New York, der Traum eines
jeden Sängers. Hat mit berühmten Dirigenten und Sängern gearbeitet,
darunter Dietrich Fischer Dieskau oder Eric Ericson. Die Reihe ließe
sich fortsetzen. Aber die Adinda Filippow macht nicht den Eindruck,
dass sie sich damit brüstet. Nur wer fragt, bekommt Antwort. Aber dann
erzählt sie gerne. Von der Hochzeit von Willem-Alexander und Maxima.
Dass sie zusammen eine CD eingespielt haben und während der Hochzeit
die passende Kirchenmusik gespielt und den legendären Tango „Adios
Nonino“, den sich die Thronfolgerin so gewünscht hatte. Unvergesslich
auch der Auftritt auf dem Toten Meer. Die Zuhörer saßen am Strand, die
Sänger standen auf einem Floß im Wasser. Starker Wind kam auf und
machte das Konzert zur Farce: „Die Leute verstanden nichts,
irgendwelche Soldaten schipperten zu uns, hielten krampfhaft die
Notenständer fest und wir sangen weiter. Das war unmöglich, aber
lustig.“
Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: November 2004
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