ESSEN IN DEN NIEDERLANDEN


XI. Lange Spezial - Frikandel

Frikandel
Frikandel, Quelle: Knott/Fliegner

Vor 50 Jahren wurde die holländische Frikandel erfunden: Sie ist lang und dünn, würzig und fettig. Serviert wird sie in einem Plastikschälchen mit ordentlich Mayo und Ketschup oben drauf und natürlich gehört eine kräftige Portion Zwiebeln dazu. Kein kulinarischer Hochgenuss, aber eine Frikandel-Spezial muss jeder Niederländer mindestens einmal in seinem Leben gegessen haben, genauso wie Matjes und Muntendrop. Ein Sündenfall für zwischendurch, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert.

Oder besser gesagt nicht feiert. Denn das Jubiläum der Fritteusen-Frikandel wird nur stillschweigend zur Kenntnis genommen. Und dabei ist sie doch so urholländisch. Dort, wo die Belgier die Bulette und die Deutschen die Bratwurst haben, dort haben die Niederländer ihre Frikandel. Eine Mischwurst ohne Pelle, außen braun und innen hell, etwas labbrig in der Hand und 100 Gramm schwer.

Bernard Goethals würde seine „Lange” natürlich poetischer umschreiben. Aber er ist ja auch Betriebsleiter der größten Frikandellen-Fabrik in Nord-West-Europa, der Firma Beckers im belgischen Bocholt. 1,5 Millionen Fleischrollen kullern hier täglich vom Band, werden gekocht und gefroren, verpackt und verkauft. Sie sind bestimmt für den belgischen, deutschen und niederländischen Markt. Die Frikandel hat Beckers groß gemacht und der Werbespruch „Lekkers van Beckers” kennt in Holland jedes Kind.

Aber beginnen wir bei den Ursprüngen. Dordrecht 1954. Der Fleischergeselle Gerrit de Vries hatte eine geniale Idee. Es sollte doch möglich sein eine Wurst für die Fritteuse zu erschaffen, ohne eine Pelle, die im heißen Fett platzt, ideal für die Pommesbude. Gerrit de Vries hat experimentiert, den Fleischwolf gedreht und Würstchen geformt. Und heraus kam die erste Frikandel, ganz ohne Darm.

Wie sich später herausstellte, ein Kassenschlager. Aber irgendwie verstand es de Vries nicht, seine Erfindung zu vermarkten. Denn heute wird die Frikandel mit Jan Bekkers in Verbindung gebracht, der vier Jahre später, 1958, in dem Hühnerstall seines Vaters in Deurne bei Venlo ebenfalls eine Knackwurst ohne Darm erfand. Die er übrigens zum ersten Mal Frikandel nannte, mit einem „n” in der Mitte, und seit dem heißt sie im Niederländischen nicht mehr Frikadel.

Seit Erfindung der Frikandel steht die Frage im Raum: Was steckt drin? Die wildesten Spekulationen machen die Runde: Schlachtabfälle, Kuheuter, Rinderaugen und vor allem Fett, ganz viel Fett. Bernard Goethals von Beckers schafft geduldig Vorurteile aus der Welt: „In unserer Frikandel befinden sich zu 45 Prozent Hühnerfleisch, 20 Prozent Schweinefleisch, 5 Prozent Pferdefleisch, 15 Prozent Wasser, zehn Prozent Paniermehl und fünf Prozent Bouillon. Das war's.” Natürlich werden nicht die Filetstücke verarbeitet. Aber Schlachtabfälle seien es auch nicht. „Und unsere Wurst hat nur 20 Prozent Fett. Gehacktes aus dem Supermarkt hat einen Fettanteil von 25 Prozent”, sagt Goethals. Aber eine Frikandel gibt's ja nicht ohne, sondern nur mit Mayo und mit Ketschup. Und ganz sicherlich werden auch Geschmacksverstärker und Emulgatoren verarbeitet.

Der Besucher der Fabrik bekommt von den Fleischzutaten nur wenig zu sehen. In riesigen Kübeln wird eine Fleischpaste aufbewahrt, die undefinierbar ist und eine unwirklich rosa Farbe hat. Der Fleischberg wartet darauf, Einlass in die 20 Meter lange Produktionsstraße zu finden und geformt zu werden. Bernard Goethals erklärt: „Die nackten Fleischrollen durchlaufen ein 90 Grad heißes Wasserbecken und werden anschließend eine halbe Stunde lang tiefgefroren.” Danach sind sie fertig für die Verpackung. Beckers produziert für verschiedene Marken. Einen Lagerbestand gibt es nicht. Innerhalb von zwei Stunden ist aus den angelieferten Fleischbeständen die Frikandel gezaubert.

Auch nach 50 Jahren ist die holländische Frikandel das meistverkaufte Produkt in der Pommesbude, trotz diverser Partysnacks, die der braunen Bulette Konkurrenz machen. Bernhard Goethals: „Die Frikandel ist unschlagbar”.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
2004


Links

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Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Communicatie Bureau Hoep & Partners/ RIVM: Ons eten gemeten, Gezonde voeding en veilig voedsel in Nederland, Bilthoven 2004. Onlineversion

Born, Wina: Het volkomen vleesboek, Amsterdam 1969.

Venetië, Mariska van: Alles wat u beslist over Nederland moet weten, Amsterdam 2004.

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