Deutschland-/Niederlandebild
I. Einführung
Bis zum heutigen Tag gelten die deutsch-niederländischen Beziehungen in politisch-psychologischer Hinsicht als „mühsam“, „problematisch“ und „schwierig“. Deutsche Botschafter, die sich auf den Wechsel nach Den Haag vorbereiten, lesen in ihren Instruktionen regelmäßig über die tiefen Wunden, die die Jahre 1940-45 in den Niederlanden hinterlassen haben und über die Notwendigkeit, im Umgang mit den Niederländern taktvoll und geduldig zu sein. Und tatsächlich kostet es wenig Mühe, eine lange Liste der Spannungen und Zwischenfälle aufzustellen, die auf eine belastete psychologische Beziehung seit Kriegsende hindeuten.
Um nur einige zu nennen:
- Als 1954 Deutsche erstmals wieder ohne Visum in die Niederlande einreisen durften und viele Tausende während der Gedenktage des 4. und 5. Mai (Ehrung der Toten des Zweiten Weltkrieges und Befreiungstag) die blühenden Blumenfelder besuchten, wurden sie von Flugblättern mit der Aufschrift „Deutsche nicht erwünscht“ willkommen geheißen.
- 1965 verlobte sich Prinzessin Beatrix mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg, und auch dies gab Anlass zur Mobilisierung antideutscher Gefühle. Im Jahr der Hochzeit (1966) kochten außerdem die Emotionen hoch in der Debatte über die Ansiedlung eines NATO-Hauptquartiers in den Niederlanden (Brunssum in Limburg), das unter dem Oberbefehl des ehemaligen hohen Wehrmachtsoffiziers Johann Adolf Graf von Kielmansegg stehen sollte.
- 1979 wurde dem damaligen deutschen Oppositionsführer Helmut Kohl in der ZDF-Sendung „Bürger fragen, Politiker antworten“ von einem niederländischen Publikum vorgeworfen, dass die Bundesrepublik durch die so genannten „Berufsverbote“ und eine harte Antiterrorpolitik einem Polizeistaat zuähneln beginne. Die Reaktionen auf diese Sendung waren in Deutschlandnicht weniger scharf und emotional als die Fragen an Kohl, und in der deutschen Presse erschienen Leserbriefe mit dem Tenor, dass „die Holländer ... noch nie unsere Freunde gewesen (sind)“.[1]
- 1988 schien bei der Fußballeuropameisterschaft der niederländische Sieg über die deutsche Mannschaft im Halbfinale wichtiger als das gewonnene Endspiel gegen die Sowjetunion, und im feiernden Amsterdam konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Niederländer Jahrzehnte nach 1945 den Zweiten Weltkrieg aus eigener Kraft für sich entschieden hätten.
- Schließlich veröffentlichte in den frühen neunziger Jahren das Institut Clingendael die Ergebnisse einer Umfrage unter niederländischen Jugendlichen, aus denen man schlussfolgern konnte, dass eine Mehrheit von ihnen negativ über Deutschland und die Deutschen dachte. Der Spiegel kommentierte: „Die Wunden der Vergangenheit wollen nicht vernarben. Im Gegenteil. Der Moffenhaat, der Hass auf die Deutschen gewinnt wieder an Boden.“ [2]
Zweifellos hat die Besatzungszeit dem niederländischen Bild von Deutschland und den Deutschen lange ihren Stempel aufgedrückt. So rational und nüchtern die Politik gegenüber Deutschland auf vielen Gebieten (im Bereich der bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen, der europäischen Zusammenarbeit, NATO) auch war, so verbargen sich dahinter doch Empfindlichkeiten bzw. ein Wahrnehmungsmuster, in dem negative Stereotypen, Vorurteile und anfänglich auch Feindbilder eine wichtige Rolle spielten. Gleichzeitig ist jedoch auch festzustellen, dass nach 1945 allmählich auch Raum für ein differenzierteres und günstigeres Deutschlandbild entstand und dass die Normalisierung auf politisch-psychologischer Ebene eine viel positivere Entwicklung zeigte als die oben genannten Beispiele von Zwischenfällen und Spannungen vermuten lassen. Vergleicht man die niederländische Wahrnehmung der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren mit der der neunziger Jahre, dann ist aus dem früheren Partner aus Notwendigkeit schon lange ein Partner aus Überzeugung geworden, mit einer viel gepriesenen demokratischen Bilanz.
Ziel dieses Beitrages ist es, die Entwicklung der niederländisch-deutschen politisch-psychologischen Beziehungen seit 1945 aufzuzeigen. Bei einer derartigen Analyse ergeben sich drei Probleme, die die Präsentation „harter“ Fakten erschweren.
- Untersucht man die tatsächlich betriebene Politik, kann man durchgängig über konkrete Interessen und Beschlüsse sprechen und auf der Grundlage objektivierbarer Quellen „die“ niederländische Politik feststellen. Dagegen ist die erste Schwierigkeit, die sich bei der Untersuchung der politisch-psychologischen Beziehung stellt. dass die Quellen vergleichsweise eindeutige Aussagen nicht zulassen. Die Meinungsbildung unter Diplomaten, Politikern und Journalisten rechtfertigt nur Rückschlüsse auf Beobachter, die sich allein aus beruflichen Gründen mit Deutschland beschäftigen. Die Auffassungen innerhalb dieser Gruppe, die man als „außenpolitische Elite“ umschreiben kann, können Hinweise auf eine Charakterisierung des allgemeinen gesellschaftlichen Klimas geben, aber sie können nicht ohne weiteres mit der öffentlichen Meinung gleichgesetzt werden. Dasselbe gilt, wenn man andere Quellen wie die Belletristik, Spielfilme oder Schulbücher in die Untersuchung einbezieht. Variierend von nuancierten zu vereinfachten Schwarz-Weiß-Bildern, spiegeln auch diese Quellen zweifellos vorhandene niederländische Deutschlandbilder wider, aber die Frage nach ihrer Repräsentativität lässt sich nicht exakt beantworten.
Die einzigen „harten“ Fakten über die niederländische Haltung gegenüber Deutschland liefern die Ergebnisse von Meinungsumfragen. Allerdings suggerieren sie ein größeres Maß an Genauigkeit und Zuverlässigkeit, als sie in Wirklichkeit bieten. Es ist schließlich bekannt, dass die Fragestellung und mo-ralische Vorstellungen darüber, was man denken oder nicht denken „darf“, die Ergebnisse solcher Forschungen in erheblichem Maß mitbestimmen. Demnach können Meinungsumfragen höchstens als Indikator für eine bestimmte Stimmung oder deren Entwicklung dienen. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass man auf der Grundlage des vorhandenen Quellenmaterials zwar viele "Bilder" Deutschlands und der Deutschen zusammentragen kann, aber dass stets große Vorsicht bei verallgemeinernden Aussagen geboten ist. - Aus diesem ersten Problem ergibt sich - und dies ist der zweite Punkt -, dass man stets von niederländischen Deutschlandbildern sprechen muss. So verführerisch es auch ist, „das“ niederländische Deutschlandbild zu zeichnen, so sehr muss man sich ständig vor Augen halten, dass es sich dabei um eine Vereinfachung handelt und dass viele Bilder und Meinungen gleichzeitig existieren. Sie hängen nicht nur von Art und Ausmaß der Beziehung des Beobachters zu Deutschland ab, sondern auch von seinem persönlichen, ideologischen und regionalen Hintergrund. Die Komplexität dieser Bilder wird noch zusätzlich dadurch verstärkt, dass sich negative Stereotypen und sachlich fundierte Meinungsbildung auch in einer Person nicht ausschließen müssen. Ein niederländischer Unternehmer kann z. B. aufgrund seiner eigenen Erfahrung die ökonomische Zuverlässigkeit seiner deutschen Partner rühmen, aber ansonsten „die“ Deutschen ais Kollektiv äußerst klischeehaft und negativ bewerten. Die Existenz vieler Deutschlandbilder zur selben Zeit ruft selbstverständlich die Frage hervor, welche von ihnen nun bestimmend sind, aber Kriterien, um dies festzustellen, sind intersubjektiv kaum überprüfbar.
- Schließlich - und dies ist das dritte Problem - stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Aussagen über „den“ Deutschen. „Nationalcharaktere werden erfunden, weil man sie benötigt“[3], hat Hermannn von der Dunk festgestellt und hat damit auf den Dualismus verwiesen, der diesen Begriff kennzeichnet. Einerseits bestehen aufgrund von Geschichte und Kultur Unterschiede zwischen den Völkern, aber andererseits kann man diese Unterschiede nicht objektiv unter dem statischen Begriff des Nationalcharakters fassen, da man so der vielseitigen Wirklichkeit Gewalt antut. Dennoch verwendet man zur selben Zeit nationale Eigenschaften, die „immer einen wahren Kern haben"[4], um diese plurale Wirklichkeit benennen und sich ein Bild von ihr machen zu können. Über die Entstehung solcher Bilder ist wenig bekannt, aber wir wissen immerhin, dass sie sich durch ein hohes Maß an Kontinuität auszeichnen. Hinsichtlich der Bildformung gilt ganz allgemein, dass die menschliche Wahrnehmung Ereignisse oft so filtert, dass nur die Elemente wahrgenommen werden, die vorhandene Bilder bestätigen. Diese selektive Wahrnehmung verhindert unangenehmen Widerspruch und reproduziert den gewünschten interpretativen Halt.[5] Ein solches Muster in der Wahrnehmung anderer Völker bietet außerdem die Möglichkeit, die Unterschiede zur eigenen Nation zu akzentuieren und so die eigene Identität zu bekräftigen. So darf man schlussfolgern, dass solche Bilder für den Betrachter eine spezifische Funktion erfüllen und dass die Kluft zwischen Bild und Wirklichkeit sehr groß sein kann.
Das heißt: Aussagen von Niederländern über Deutschland und die Deutschen sagen möglicherweise mehr über den niederländischen Betrachter und seine Wahrnehmung als über die deutsche Wirklichkeit aus. Dass diese Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit je nach Betrachter sehr unterschiedlich sein kann - der eine wird aus welchen Gründen auch immer eher eine „objektive“ Meinungsbildung anstreben als der andere -, unterstreicht umso mehr, dass es „das“ niederländische Deutschlandbild nicht gibt. Stattdessen muss man sich stets um die Wiedergabe verschiedener Deutschlandbilder und ihrer Funktionen bemühen.
[1] Vgl. Wielenga, F.: Die Niederlande und Deutschland: zwei unbekannte Nachbarn, in: Internationale Schulbuchforschung 5 (1983), Nr. 2, S. 145ff.
[2]Frau Antje in den Wechseljahren, in: Der Spiegel, 28. 2. 1994, S. 181.
[3]Dunk, H.W. von der: Die Niederlande und Deutschland. Randvermerke zu einer Nachbarschaft, in: Die Niederlande. Korrespondenten berichten, Zürich 1980, S. 131.
[4]Vgl. Koch-Hillebrecht, M.: Das Deutschenbild. Gegenwart, Geschichte, Psychologie, München 1977, S. 154ff.
[5]Vgl. Flohr, A.K.: Nationenbilder: Nationale Vorurteile und Feindbilder, in: Müller, B./Wielenga, F. (Hrsg. ) Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden, Münster 1995, S. 31ff.
Autor: Friso Wielenga
Erschienen in: Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000. S. 55–85.
Literatur
Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie
Wielenga, Friso: Zwischen Annäherung und Distanz - Niederländer und Deutsche seit 1945, in: Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000. S. 55–85.
Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000. Onlineversion
Wielenga, Friso: Die Niederlande: Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.
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