Das Deutschland-/Niederlandebild


I. Einführung

Angela Merkel und Mark Rutte bei den deutsch-niederländischen Regierungskonsultationen 2013 in Kleve
Angela Merkel und Mark Rutte bei den deutsch-niederländischen Regierungskonsultationen 2013 in Kleve, Quelle: Tim Mäkelburg/NiederlandeNet/cc-by-nc-sa

Seit einiger Zeit ist in den deutsch-niederländischen Beziehungen eine Entspannung wahrnehmbar, die vor dem Hintergrund der lang anhaltenden Nachwirkungen der Besatzungszeit ebenso erfreut wie verwundert. Mehr als je zuvor besuchen sich Deutsche und Niederländer auf Dienstreisen und touristischen Ausflügen und auch als Freunde. Sie arbeiten öfter als früher im Nachbarland oder gehen dort zur Universität oder Fachhochschule. Die Wirtschaftsbeziehungen waren nie besser und sind für beiden Seiten ungemein wichtig – wenn auch für die Niederlande noch etwas bedeutsamer als für Deutschland. Die Politiker beider Nachbarländer arbeiten häufig zusammen, mal um die bilateralen Verbindungen zu pflegen, mal zur Vorbereitung der zahllosen Brüsseler Verhandlungsrunden – ziehen sie in den Gremien der Europäischen Union doch oft am selben Strang.

In den vergangenen Jahren wird diese neue Nachbarschaft auch regelmäßig öffentlich gefeiert, so zum Beispiel als am 23. Mai 2013 in Kleve die ersten deutsch-niederländischen Regierungskonsultationen stattfanden. Auch die Tatsache, dass gut ein Jahr später, am 30. August 2014, in Maastricht anlässlich der Feierlichkeiten „200 Jahre Königreich der Niederlande“, Bundespräsident Joachim Gauck neben den Staatsoberhäuptern aus Belgien und Luxemburg nicht nur als einer der Hauptgäste eingeladen worden war, sondern dass er auch als Hauptredner auftrat, sollte der neu gefundenen Nähe der Nachbarländer Ausdruck verleihen – und mit den wohl gewählten Worten gelang Gauck diese Aufgabe auch meisterhaft.[1]

Befreiungstag 2012: Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck zusammen mit dem niederländischen König Willem-Alexander bei den nationalen Feierlichkeiten in Breda

Bereits 2012 war es auch eine Rede von Gauck gewesen, die einen Durchbruch im gemeinsamen deutsch-niederländischen Umgang mit der ehemaligen Besatzungsgeschichte und der NS-Vergangenheit markierte. Bei der nationalen Feier zur Befreiung 1945 in der Grote Kerk in Breda am 5. Mai 2012 hielt Bundepräsident Gauck eine ausgewogene Rede mit dem Titel „Befreiung feiern – Verantwortung leben.“ Auf der einen Seite erinnerte er dabei ausführlich an die belastete Vergangenheit, in der Deutschland und die Niederlande Feinde gewesen waren, auf der anderen Seite schlug er die Brücke zu einer gemeinsamen Zukunft in Europa und dem „Feuer der Freiheit“, das für die europäische Einigung von Anfang an, nach dem Zweiten Weltkrieg, „ein bestimmendes Element“ gewesen sei.[2] Dass zum ersten Mal ein deutscher Würdenträger so sichtbar an dieser zentralen Gedenkfeier teilnahm, und dabei so gute Worte fand, unterstrich den gemeinsamen Weg, den die beiden Länder seit 1945 zurückgelegt hatten.

Denn wie viel schwieriger gestaltete sich das deutsch-niederländische Miteinander noch vor 20 oder 25 Jahren. Noch Mitte der 1990er Jahre galten die deutsch-niederländischen Beziehungen in politisch-psychologischer Hinsicht als „mühsam“, „problematisch“ und „schwierig“. Deutsche Botschafter, die sich auf den Wechsel nach Den Haag vorbereiteten, lasen in ihren Instruktionen regelmäßig über die tiefen Wunden, die die Jahre 1940 bis 1945 in den Niederlanden hinterlassen hatten und über die Notwendigkeit, im Umgang mit den Niederländern taktvoll und geduldig zu sein. Und tatsächlich kostet es wenig Mühe, eine lange Liste der Spannungen und Zwischenfälle aufzustellen, die auf eine belastete psychologische Beziehung seit Kriegsende hindeuten; wenn sie auch gefühlt weit hinter uns liegen.

Um nur einige zu nennen:

  • Als 1954 Deutsche erstmals wieder ohne Visum in die Niederlande einreisen durften und viele Tausende während der Gedenktage des 4. und 5. Mai (Ehrung der Toten des Zweiten Weltkrieges und Befreiungstag) die blühenden Blumenfelder besuchten, wurden sie von Flugblättern mit der Aufschrift „Deutsche nicht erwünscht“ willkommen geheißen.
  • 1965 verlobte sich Prinzessin Beatrix mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg, und auch dies gab Anlass zur Mobilisierung antideutscher Gefühle. Im Jahr der Hochzeit (1966) kochten außerdem die Emotionen in der Debatte über die Ansiedlung eines NATO-Hauptquartiers in den Niederlanden (Brunssum in Limburg) hoch, das unter dem Oberbefehl des ehemaligen hohen Wehrmachtsoffiziers Johann Adolf Graf von Kielmansegg stehen sollte.
  • 1979 wurde dem damaligen deutschen Oppositionsführer Helmut Kohl in der ZDF-Sendung „Bürger fragen, Politiker antworten“ von einem niederländischen Publikum vorgeworfen, dass die Bundesrepublik durch die so genannten „Berufsverbote“ und eine harte Antiterrorpolitik einem Polizeistaat zu ähneln beginne. Die Reaktionen auf diese Sendung waren in Deutschland nicht weniger scharf und emotional als die Fragen an Kohl, und in der deutschen Presse erschienen Leserbriefe mit dem Tenor, dass „die Holländer [...] noch nie unsere Freunde gewesen [sind]“[3]
  • 1988 schien bei der Fußballeuropameisterschaft der niederländische Sieg über die deutsche Mannschaft im Halbfinale wichtiger als das gewonnene Endspiel gegen die Sowjetunion, und im feiernden Amsterdam konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Niederländer Jahrzehnte nach 1945 den Zweiten Weltkrieg aus eigener Kraft für sich entschieden hatten.
  • 1993, schließlich, veröffentlichte das Institut Clingendael die Ergebnisse einer Umfrage unter niederländischen Jugendlichen, aus denen man schlussfolgern konnte, dass eine Mehrheit von ihnen negativ über Deutschland und die Deutschen dachte. Der Spiegel kommentierte: „Die Wunden der Vergangenheit wollen nicht vernarben. Im Gegenteil. Der Moffenhaat, der Hass auf die Deutschen gewinnt wieder an Boden.[4]

Zweifellos hat die Besatzungszeit dem niederländischen Bild von Deutschland und den Deutschen lange ihren Stempel aufgedrückt. So rational und nüchtern die Politik gegenüber Deutschland auf vielen Gebieten (im Bereich der bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen, der europäischen Zusammenarbeit, NATO) auch war, so verbargen sich dahinter doch Empfindlichkeiten bzw. ein Wahrnehmungsmuster, in dem negative Stereotypen, Vorurteile und anfänglich auch Feindbilder eine wichtige Rolle spielten. Gleichzeitig ist jedoch auch festzustellen, dass nach 1945 allmählich auch Raum für ein differenzierteres und günstigeres Deutschlandbild entstand und dass die Normalisierung auf politisch-psychologischer Ebene eine viel positivere Entwicklung zeigte als die oben genannten Beispiele von Zwischenfällen und Spannungen vermuten lassen. Vergleicht man die niederländische Wahrnehmung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren mit der der 1990er Jahre, dann ist aus dem früheren Partner aus Notwendigkeit schon lange ein Partner aus Überzeugung geworden, mit einer viel gepriesenen demokratischen Bilanz.

Ziel dieses Beitrages ist es, die Entwicklung der niederländisch-deutschen politisch-psychologischen Beziehungen seit 1945 aufzuzeigen. Bei einer derartigen Analyse ergeben sich drei Probleme, die die Präsentation „harter“ Fakten erschweren.

  1. Untersucht man die tatsächlich betriebene Politik, kann man durchgängig über konkrete Interessen und Beschlüsse sprechen und auf der Grundlage objektivierbarer Quellen „die“ niederländische Politik feststellen. Dagegen ist die erste Schwierigkeit, die sich bei der Untersuchung der politisch-psychologischen Beziehung stellt, dass die Quellen vergleichsweise eindeutige Aussagen nicht zulassen. Die Meinungsbildung unter Diplomaten, Politikern und Journalisten rechtfertigt nur Rückschlüsse auf Beobachter, die sich allein aus beruflichen Gründen mit Deutschland beschäftigen. Die Auffassungen innerhalb dieser Gruppe, die man als „außenpolitische Elite“ umschreiben kann, können Hinweise auf eine Charakterisierung des allgemeinen gesellschaftlichen Klimas geben, aber sie können nicht ohne weiteres mit der öffentlichen Meinung gleichgesetzt werden. Dasselbe gilt, wenn man andere Quellen wie die Belletristik, Spielfilme oder Schulbücher in die Untersuchung einbezieht. Variierend von nuancierten zu vereinfachten Schwarz-Weiß-Bildern, spiegeln auch diese Quellen zweifellos vorhandene niederländische Deutschlandbilder wider, aber die Frage nach ihrer Repräsentativität lässt sich nicht exakt beantworten.
    Die einzigen „harten“ Fakten über die niederländische Haltung gegenüber Deutschland liefern die Ergebnisse von Meinungsumfragen. Allerdings suggerieren sie ein größeres Maß an Genauigkeit und Zuverlässigkeit, als sie in Wirklichkeit bieten. Es ist schließlich bekannt, dass die Fragestellung und moralische Vorstellungen darüber, was man denken oder nicht denken „darf“, die Ergebnisse solcher Forschungen in erheblichem Maß mitbestimmen. Demnach können Meinungsumfragen höchstens als Indikator für eine bestimmte Stimmung oder deren Entwicklung dienen. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass man auf der Grundlage des vorhandenen Quellenmaterials zwar viele „Bilder“ Deutschlands und der Deutschen zusammentragen kann, aber dass stets große Vorsicht bei verallgemeinernden Aussagen geboten ist.
  2. Aus diesem ersten Problem ergibt sich – und dies ist der zweite Punkt –, dass man stets von niederländischen Deutschlandbildern sprechen muss. So verführerisch das Zeichnen „des“ niederländischen Deutschlandbildes auch ist, so sehr muss man sich ständig vor Augen halten, dass es sich dabei um eine Vereinfachung handelt und dass viele Bilder und Meinungen gleichzeitig existieren. Sie hängen nicht nur von Art und Ausmaß der Beziehung des Beobachters zu Deutschland ab, sondern auch von seinem persönlichen, ideologischen und regionalen Hintergrund. Die Komplexität dieser Bilder wird noch dadurch zusätzlich verstärkt, dass sich negative Stereotypen und sachlich fundierte Meinungsbildung auch in einer Person nicht ausschließen müssen. Ein niederländischer Unternehmer kann zum Beispiel aufgrund seiner eigenen Erfahrung die ökonomische Zuverlässigkeit seiner deutschen Partner rühmen, aber ansonsten „die“ Deutschen als Kollektiv äußerst klischeehaft und negativ bewerten. Die Existenz vieler Deutschlandbilder zur selben Zeit ruft selbstverständlich die Frage hervor, welche von ihnen nun bestimmend sind, aber Kriterien, um dies festzustellen, sind intersubjektiv kaum überprüfbar.
  3. Schließlich – und dies ist das dritte Problem – stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Aussagen über „den“ Deutschen. „Nationalcharaktere werden erfunden, weil man sie benötigt“[5], hat Hermann von der Dunk festgestellt und hat damit auf den Dualismus verwiesen, der diesen Begriff kennzeichnet. Einerseits bestehen aufgrund von Geschichte und Kultur Unterschiede zwischen den Völkern, aber andererseits kann man diese Unterschiede nicht objektiv unter dem statischen Begriff des Nationalcharakters fassen, da man so der vielseitigen Wirklichkeit Gewalt antut. Dennoch verwendet man zur selben Zeit nationale Eigenschaften, die „immer einen wahren Kern haben“[6], um diese plurale Wirklichkeit benennen und sich ein Bild von ihr machen zu können. Über die Entstehung solcher Bilder ist wenig bekannt, aber wir wissen immerhin, dass sie sich durch ein hohes Maß an Kontinuität auszeichnen. Hinsichtlich der Bildformung gilt ganz allgemein, dass die menschliche Wahrnehmung Ereignisse oft so filtert, dass nur die Elemente wahrgenommen werden, die vorhandene Bilder bestätigen. Diese selektive Wahrnehmung verhindert unangenehmen Widerspruch und reproduziert den gewünschten interpretativen Halt.[7] Ein solches Muster in der Wahrnehmung anderer Völker bietet außerdem die Möglichkeit, die Unterschiede zur eigenen Nation zu akzentuieren und so die eigene Identität zu bekräftigen. So darf man schlussfolgern, dass solche Bilder für den Betrachter eine spezifische Funktion erfüllen und dass die Kluft zwischen Bild und Wirklichkeit sehr groß sein kann.

Das heißt: Aussagen von Niederländern über Deutschland und die Deutschen sagen möglicherweise mehr über den niederländischen Betrachter und seine Wahrnehmung als über die deutsche Wirklichkeit aus. Dass diese Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit je nach Betrachter sehr unterschiedlich sein kann – der eine wird aus welchen Gründen auch immer eher eine „objektive“ Meinungsbildung anstreben als der andere –, unterstreicht umso mehr, dass es „das“ niederländische Deutschlandbild nicht gibt. Stattdessen muss man sich stets um die Wiedergabe verschiedener Deutschlandbilder und ihrer Funktionen bemühen.


[1] Gauck, Joachim: Rede anlässlich der Feier zu 200 Jahren Königreich der Niederlande am 30. August 2014 in Maastricht, Onlineversion.
[2] Gauck, Joachim: Befreiung feiern – Verantwortung leben, Rede anlässlich des niederländischen Befreiungstages am 5. Mai 2012 in Breda, Onlineversion;, sowie die gekürzte niederländische Übersetzung der Rede: Duitse president Gauck: februaristaking les voor nu, in: NRC Handelsblad vom 5. Mai 2012.
[3] Vgl. Wielenga, Friso: Die Niederlande und Deutschland: zwei unbekannte Nachbarn, in: Internationale Schulbuchforschung 5 (1983), Nr. 2, S. 145ff.
[4] Wiedemann, Erich: Frau Antje in den Wechseljahren, in: Der Spiegel vom 28. Februar 1994, S. 181, Onlineversion.
[5] Dunk, H.W. von der: Die Niederlande und Deutschland. Randvermerke zu einer Nachbarschaft, in: Die Niederlande. Korrespondenten berichten, Zürich 1980, S. 131.
[6] Vgl. Koch-Hillebrecht, M.: Das Deutschenbild. Gegenwart, Geschichte, Psychologie, München 1977, S. 154ff.
[7] Vgl. Flohr, A.K.: Nationenbilder: Nationale Vorurteile und Feindbilder, in: Müller, B./Wielenga, F. (Hrsg.) Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden, Münster 1995, S. 31ff.

Autor: Friso Wielenga
Erschienen in:
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000, S. 55–85.
Aktualisiert: August 2015, Jacco Pekelder, vgl. sein Buch Neue Nachbarschaft. Bildformung und Beziehungen seit 1990, Münster 2013.


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Pekelder, Jacco: Neue Nachbarschaft: Deutschland und die Niederlande, Bildformung und Beziehungen seit 1990, Münster 2013.

Wielenga, Friso: Zwischen Annäherung und Distanz - Niederländer und Deutsche seit 1945, in: Deutschland und seine Nachbarn, Hannover 2000. S. 55–85.

Wielenga, Friso: Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000. Onlineversion

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