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Johannes Vermeer

*Delft, 31. Oktober 1632- †Delft, 15. Dezember 1675 - Maler

Das Mädchen mit der Perle
Das Mädchen mit der Perle (1665) von Jan Vermeer, Quelle: ZENO
Johannes Vermeer gilt schon seit langem als einer der berühmtesten Vertreter des niederländischen 'gouden eeuw' in der Malerei. Seiner Person und auch seinen Gemälden haftet eine geheimnisumwitterte Aura an. In dieser Hinsicht hat die erste große Vermeer-Ausstellung vor 10 Jahren im Mauritshuis in Den Haag mit dem aufschlussreichen Begleitkatalog viel Klarheit gebracht. Andererseits hat gerade diese Ausstellung mit massivem Merchandising die Gemälde Vermeers - besonders das  Meisje met de Parel als Signet der Werkschau - in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Einen weiteren Schub erhielt die Malerei und das Leben Vermeers durch den 2004 produzierten Film mit ebendiesem Gemäldetitel.

Einige gesicherte Lebensdaten des Malers sind den Archiven zu entnehmen, vieles bleibt trotzdem auch heute noch im Dunkeln, denn Vermeer hinterließ keine Korrespondenz, keine Notizen, kein Tagebuch. Wir wissen nicht, wann Jan Vermeer seine Malerlaufbahn begann, bei wem er in die Lehre ging, ob er im Ausland war, ob er Delft je verlassen hat und wie es mit Kontakten zu seinen Künstlerkollegen bestellt war. Wir wissen, dass er Gerard ter Borch gekannt hat, da beide Künstler zusammen in Delft bei der Unterzeichnung einer eidesstattlichen Erklärung als Zeugen zugegen waren. Es ist auch kein Selbstportrait des Malers erhalten, obwohl es einmal eines gegeben haben muss. Johannes Vermeer kam in jedem Fall bereits in früher Jugend mit der Kunst in Kontakt, denn sein Vater war nicht nur Seidenweber, sondern auch Inhaber eines Gasthauses und eines Kunsthandels, den Jan später übernahm.

Jan Vermeer wurde am 31. Oktober 1632 in Delft getauft. Er war das zweite Kind und einziger Sohn seiner Eltern Reynier Jansz. und Digna Baltens. Leonaert Bramer und Carel Fabritius, beide angesehene Delfter Künstler, sind als mögliche Lehrer Vermeers in Betracht gezogen worden. Dass er eine ordentliche Ausbildung zum Maler absolviert haben muss, wird an seinem Eintritt als Malermeister in der Delfter St. Lukas Gilde am 29. Dezember 1653 ersichtlich, denn die Statuten der Gilde verlangten dies. Verschiedentlich wurde er als Kunstsachverständiger zu Rate gezogen, wenn es galt zweifelhafte Kunstwerke besonders italienischer Herkunft zu identifizieren. Am 5. April 1653 heiratete Vermeer Catharina Bolnes aus Delft. Catharinas Mutter, Maria Thins, eine wohlhabende, geschiedene Katholikin, war anfangs gegen die Heirat, legte bis zur Trauung selbst aber doch keinen Widerspruch gegen die Verbindung ein. Obwohl die Eheleute vermutlich vierzehn Kinder hatten, sind nur acht namentlich bekannt. Vermeer konvertierte schließlich zum Katholizismus. In den Jahren 1662 bis 1663 und 1670 bis 1671 wurde er zum Vorsteher der St. Lukasgilde gewählt. Sein Talent wurde bereits von Zeitgenossen sehr gerühmt, dennoch sind keine Mäzene oder Auftraggeber bekannt. Trotz der Erbschaften von Schwester und Mutter, trotz hohen künstlerischen Ansehens in der Stadt hatte Vermeer bis zu seinem Tode finanzielle Schwierigkeiten. Begraben am 15. Dezember 1675 in der Oude Kerk in Delft, hinterließ der Künstler elf Kinder. Vermeers künstlerisches Oeuvre ist klein; nur fünfunddreißig Gemälde gelten heute als gesichert. Unter anderem führten in der modernen Wahrnehmung des Künstlers das relativ überschaubare Gesamtwerk und die nebulöse Biographie zu einem recht hohen Bekanntheitsgrad fast aller erhaltenen Gemälde. Es ist daher recht schwierig, die 'berühmtesten' auszuwählen.

Seine Bilder sind in der Regel weder signiert noch datiert, man kann sie nur aufgrund stilistischer Untersuchungen identifizieren und in eine vermutete Reihenfolge ihrer Entstehung bringen. Es zeigt sich, dass Vermeer zu Anfang seiner Malerlaufbahn noch in mehreren Bildgattungen 'zuhause' war, abgesehen vom Portrait und vom Stilleben. Er malte mythologische und religiöse Themen, wie Diana und ihre Nymphen oder Christus im Haus von Maria und Martha. Diese sind kompositorisch und technisch zunächst am Utrechter Caravaggismus orientiert. Es gibt wenige Landschaften und Straßenansichten von ihm. Später, etwa um 1659-1660, spezialisierte er sich zunehmend auf das Genre, obwohl man im Falle Vermeers eher von Figurenbildern oder Interieurs sprechen müsste, denn überdeutliche moralische Belehrungen wie in den typischeren Genrebildern der anderen Genremaler sind hier nicht zu finden. Es entsteht vielmehr der Eindruck, als nutze Jan Vermeer die Gattung des Genre nur als Folie für seine eigenen, fast allegorischen Figurenanordnungen, die einer definitorischen Form bedürfen (siehe Die Malkunst) Die in Innenräumen dargestellten Szenen bilden ebenfalls nicht die Realität ab - vielmehr handelt es sich um idealisierte Inszenierungen mit meditativem Charakter. Trotz genau berechneter Raumperspektive wirken die Darstellungen nie illusionistisch, sondern eher als ein Nebeneinander von Farben. Als technisches Hilfsmittel benutzte der Maler die 'camera obscura'. In manchen Bildern scheint es, als behandle Vermeer die Beziehung der dargestellten Figuren zueinander oder der einzelnen Figur zur Umgebung wie das Arrangement eines Stillebens. Meist verwendet er klare Farben mit weiß abgestuft, so dass selbst die dunkleren Gemälde von kühlem Licht bestimmt sind. Den Bildaufbau bestimmende Lichtkompositionen wie bei Van Dyck beispielsweise, spielen bei Vermeers Bildern eine untergeordnete Rolle. Er setzt vielmehr gelegentlich sehr effektvolle kleine Lichtreflexe, die Stoffe und das Inkarnat der Figuren sehr lebendig werden lassen. Raumwirkung erzeugt er in den Interieurs ab etwa 1660 mit dem charakteristischen schwarz weißen Fliesenfußboden.

Das Gemälde, das später den Titel Die Malkunst erhielt, ist ein typisches Beispiel für die präzise konzipierte Komposition der Vermeerschen Figurenbilder. Ein zurückgeschlagener schwerer Brokatvorhang gibt den Blick in ein von links erhelltes Maleratelier frei. Die Lehne eines Stuhls fixiert dabei den Vorhang, wobei die Sitzfläche sich perspektivisch verjüngend in die Tiefe des Raumes führt, genauer, auf die Rückenansicht eines vor der Staffelei arbeitenden Malers. Seine dunkle Bekleidung und die roten auffälligen Strümpfe verorten ihn gleichzeitig im dunkleren Vordergrund und in der farbigeren Bildtiefe. Der Maler befindet sich also am Übergang zwischen der Welt des Betrachters und seines eigenen Bildes, einer Vision. Wir können dem Maler im Arbeitsprozess über die Schulter blicken und erkennen, dass er gerade erst mit dem Farbauftrag begonnen hat. Was genau er sieht bzw. malt können wir nur ahnen, denn es sind keine Konturen des Bildes zu erkennen. An der leichten Kopfdrehung der Malerfigur lässt sich nur ablesen, dass er wohl in die Richtung der blau bekleideten, lorbeerbekränzten Dame mit Buch und Posaune sieht, die vor einer Landkarte posiert, die die 17 niederländischen Provinzen vor ihrer Teilung zeigt. Diese Dame, der im Gemälde die Funktion der Künstlermuse zukommt, ist mit ihren Attributen als Klio, als Muse der Geschichte gekennzeichnet, womit sich der Maler selbst nicht nur die Rolle des Visionärs sondern auch des Chronisten zuschreibt. Auf dem Tisch links ist mit Buch, liegender Gips- oder Tonmaske, Tuch und losen Blättern ein Vanitas-Stilleben arrangiert, das sowohl an die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens gemahnt, zugleich aber die Macht der Malerei betont, die diese Gegenstände zumindest für Augenblicke dem Vergehen entreißen kann.

Eine andere typische Figurenkonstellation bei Vermeers Interieurs zeigt Mann und Frau in irgendeiner Form von Konversation, so auch das Berliner Gemälde Herr und Dame beim Wein von ca. 1660. In diesem Bild kommt den menschlichen Figuren anders als bei der Malkunst fast nur die Funktion eines Bildgegenstandes zu, sie beleben den Raum und vertiefen ihn in seiner Wirkung, da sie auch die Größenrelationen von Fenster, Mobiliar und Fußbodenmuster festlegen. Sie bringen vordergründig eine gewisse Bewegung in die Komposition, doch auch hier sind die Farbkompositionen so präzise austariert, dass es kaum vorstellbar ist, dass die Dame das Weinglas je wieder auf dem Tisch absetzen wird. Mit den Bildgegenständen Stuhl und Laute, Tisch mit Brokatdecke, dem leicht geöffneten Bleiglasfenster, Bank, Landschaftsgemälde, Fußbodenmuster und nicht zuletzt mit den Figuren gibt Vermeer dem Betrachter Anhaltspunkte für das Auge, dass er sich Schritt für Schritt die Raumtiefe der Komposition ertasten kann. So schafft Vermeer auch im bürgerlichen Ambiente eine beeindruckende Raumtiefe, die zuvor den imposanten Kircheninterieurs und Architekturbildern z.B. von Emmanuel de Witte und Pieter de Hooch vorbehalten waren.

Auf 'meditative' Tätigkeiten schließlich fokussiert Vermeer den Blick mit seinen einfigurigen Interieurs, die zumeist eine Frauenfigur - sei es eine reiche bürgerliche Dame oder eine Dienstmagd - vertieft in mehr oder weniger haushälterische Beschäftigung zeigen. Das eigentliche Motiv ist hier nicht der Raum oder die Raumwirkung, sondern die ästhetische Erhöhung einfacher Tätigkeiten durch wiederum präzise Anordnung von Farben. Bekannte Beispiele sind hier Die Spitzenklöpplerin (1665) und auch Das Milchmädchen (zw. 1658-1660). Die schlicht grau weiße Wand des Hintergrundes lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das detailfreudig gemalte Stilleben mit Brot, Wecken und Milchkrug auf dem Tisch im linken Vordergrund sowie auf die in ihre Tätigkeit des Milcheinschenkens vertiefte Magd im kühl kontrastierenden gelbblauen Kleid. Die Figur ist in leichter Untersicht gegeben, so dass sie etwas monumentalisiert wirkt. Die extrem verkürzte Wandflucht auf der linken Seite drängt das Mädchen noch weiter in den Vordergrund, so dass die hier vorgestellte Küchentätigkeit die gleiche Würde erhält wie das 'vornehmere' Briefeschreiben oder Musizieren höhergestellter Damen, die Vermeer in anderen Genreszenen dargestellt hat. 

Autorin: Beatrix Zumbült
Erstellt: Juni 2005


Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen befinden sich im Dossier Malerei des 17. Jahrhunderts

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Kultur finden Sie unter Bibliographie

Ausstellungskatalog: Von Frans Hals bis Vermeer, Meisterwerke holländischer Genremalerei, Gemäldegalerie Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1984.

Ausstellungskatalog: Johannes Vermeer, Mauritshuis, Den Haag; National Gallery of Art, Washington/Zwolle 1995.

Bailey, Anthony: Vermeer, Siedler Verlag 2002.

Westermann, Mariët: Johannes Vermeer, Zwolle 2004.


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