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Willem Mengelberg

*Utrecht, 28. März 1871 - † Zuort, 22. März 1951 - Dirigent

Willem Mengelberg
Willem Mengelberg, Quelle: Wikimedia Commons

Fast 50 Jahre lang war Joseph Wilhelm Mengelberg Dirigent des Concertgebouworkest in Amsterdam. Mit seinem Stil und seiner Art prägte er es ganz entscheidend und leistete einen großen Beitrag zur Entwicklung des herausragenden Niveaus des Orchesters. Mengelberg selbst wurde regelrecht verehrt, fiel jedoch durch seine naive Haltung gegenüber den Deutschen und aufgrund seiner Dirigententätigkeit in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs bei den Niederländern in Ungnade und geriet lange Zeit in Vergessenheit. Erst dank Riccardo Chailly, Dirigent des KCO von 1988 bis 2004, wurden Mengelbergs Verdienste für die niederländische Musiklandschaft und sein musikalisches Erbe wieder gewürdigt.

Joseph Wilhelm Mengelberg wurde am 28. März 1871 in Utrecht geboren. Seine Eltern stammten aus Deutschland, hatten sich aber bereits vor seiner Geburt in Utrecht niedergelassen. Dort erhielt er schon früh Klavierstunden und sang in einem Knabenchor. Er hatte das Glück in eine musikalische Familie hineingeboren worden zu sein, sodass sein außergewöhnliches Talent, sein großes musikalisches Interesse und seine Entwicklung entsprechend gefördert und unterstützt werden konnten. Mengelbergs Mutter war selbst eine hervorragende Pianistin und sein Vater besuchte regelmäßig die Stadtkonzerte in Utrecht. Auch später saß er bei den Konzerten seines Sohnes gerne in der ersten Reihe.

Willem Mengelberg entschied sich für ein Musikstudium am Konservatorium in Köln, der Geburtsstadt seines Vaters. Am Konservatorium erhielt Mengelberg unter anderem Unterricht in Komposition, Chor- und Orchesterdirigat und Klavierspiel und verließ Köln nach drei Jahren mit drei ersten Preisen in eben diesen Fächern. Anschließend wurde er in Luzern Musikdirektor mit einem vielfältigen Aufgabengebiet. Er hatte sowohl die Leitung über das Orchester als auch über verschiedene Chöre, gab Unterricht und begleitete Musiker und Sänger gerne selbst auf dem Klavier. Alle Ensembles, deren Leitung er übernahm, konnten ihr musikalisches und technisches Niveau in überraschend kurzer Zeit verbessern.

Werdegang in Amsterdam

Als 1895 die Anfrage aus Amsterdam kam, ob er sich vorstellen könne, die Nachfolge von Willem Kes als Dirigent des Concertgebouworkest anzutreten, zog es Mengelberg von der Schweiz zurück in die Niederlande. Die Schweiz blieb allerdings seine zweite Heimat. Durch den Bau eines Chalets bei Val Sinestra sollte sich Mengelberg dort im Jahr 1915 einen Rückzugs- und Erholungsort errichten, wo er aber auch gerne Gäste empfing.

Im Alter von 24 Jahren übernahm Willem Mengelberg die Leitung über das Concertgebouworkest und hatte aufgrund seines Alters zunächst mit einem Autoritätsproblem gegenüber den Musikern zu kämpfen. Gegenüber der Leitung des Concertgebouw konnte er seine Vorstellungen jedoch sehr deutlich machen und so auch Verträge mit verbesserten oder besonders guten Konditionen herausschlagen. Auch in späteren Jahren hatten Verhandlungen, beispielsweise über sein Gehalt, oft die für ihn gewünschten Folgen.

Relativ schnell konnte Mengelberg durch Ausbreitung von Instrumentengruppen und die Anschaffung neuer Instrumente den Gesamtklang des Concertgebouworkest verbessern. Er forderte viel, auch von sich selbst, legte sehr viel Wert auf technische Präzision und gutes Zusammenspiel und überließ nichts dem Zufall. Alles musste zu 100 Prozent vorbereitet sein. Da er durch die Amsterdamer Kritiker überwiegend positiv aufgenommen wurde, entwickelte sich seine Popularität rasch und mit seiner Reputation stieg auch das Ansehen des Concertgebouworkest. Mengelberg wurde immer mehr zu einer Person des öffentlichen Lebens und war bald auch denjenigen ein Begriff, die nicht zu den Besuchern des Concertgebouw gehörten.

Das Repertoire, welches Mengelberg mit dem Concertgebouworkest erarbeitete, stützte sich unter anderem auf die Werke von Richard Strauss und Gustav Mahler. Mit beiden verband Mengelberg eine enge Freundschaft und er setzte sich sehr für die Aufführung ihrer Werke ein. Aber auch Werke zeitgenössischer niederländischer Komponisten kamen unter Mengelberg zur Aufführung. Zudem begründete er die niederländische Tradition der Matthäus-Passion.

Im Jahr 1889 lernte Willem Mengelberg seine zukünftige Frau Tilly Wübbe kennen, deren Familie auch aus Deutschland stammte. Nach ihrer Verlobung am 8. Mai 1900, folgte am 5. Juli die Hochzeit, die von vielen Schaulustigen begleitet wurde. Tilly Wübbe war ihrem Mann immer eine zuverlässige Stütze und hielt sich dabei diskret im Hintergrund. Ihr Tod im Jahre 1943 war ein unvorstellbarer Verlust für ihn.

Wachsende Ambitionen und internationale Erfolge

Neben dem Concertgebouworkest übernahm Willem Mengelberg unter anderem auch die Leitung des Toonkunstkoor und führte hier ein strenges Probensystem ein. Fortan mussten die Sänger zunächst ein Vorsingen absolvieren, ihre Partituren zum Üben mit nach Hause nehmen und zwei Proben statt einer pro Woche absolvieren. Der Anspruch Mengelbergs war, dass der Toonkunstkoor unter den Chören denselben Platz einnehmen sollte wie das Concertgebouworkest unter den Orchestern.

Mengelberg übernahm viele Gastdirigate, die ihn unter anderem nach Deutschland, Österreich, England, Russland, Italien und Frankreich führten. In Frankfurt übernahm er für viele Jahre die Leitung über die Konzerte der Frankfurter Museumsgesellschaft und konnte auch hier eine Verbesserung des musikalischen und technischen Niveaus erreichen sowie das Frankfurter Musikleben enorm bereichern. Nachdem er 1920 seinen Vertrag in Frankfurt nicht verlängert hatte, übernahm er einige Gastdirigate in den Vereinigten Staaten, blieb jedoch dem Concertgebouworkest auch weiterhin treu. Seine internationalen Erfolge wurden von der nationalen Presse ganz genau verfolgt, sodass er auch in seiner Heimat großen Ruhm erlangte, gerade in den Jahren in denen er eher eine internationale als eine nationale Persönlichkeit war.

Mengelberg und Deutschland

Während des zweiten Weltkriegs trat Mengelberg weiterhin in Deutschland auf und distanzierte sich nie öffentlich vom Nationalsozialismus. Er war der naiven Überzeugung, dass Musik ebenso wie die Sonne allen Menschen zur Verfügung stünde und gerade in schwierigen Zeiten Halt bieten könnte. Seine Haltung stieß auf Unverständnis und verärgerte die niederländische Bevölkerung, da er sich dadurch in den Dienst der feindlichen Kulturpropaganda stellte. So berichteten deutsche Medien, dass Mengelberg gemeinsam mit führenden deutschen Nationalsozialisten Champagner getrunken habe als die Niederlande kapitulierten. Dies wurde von Mengelberg vehement dementiert und stellte sich im Nachhinein auch als unwahr heraus, jedoch konnte dies seinen Ruf nicht wiederherstellen.

Der Centrale Ereraad verurteilte Mengelberg am 2. Juli 1945 zu einem lebenslangen Berufsverbot, das allerdings später in ein Berufsverbot für die Dauer von 5 Jahren umgewandelt wurde. Mengelberg zog sich daraufhin in sein Schweizer Chalet zurück und stand nie wieder vor einem Orchester. Auch in seine niederländische Heimat konnte er nicht mehr zurückkehren. Er verstarb am 22. März 1951, ein paar Wochen bevor er wieder hätte dirigieren dürfen, und wurde neben seiner Frau auf dem Kirchfriedhof in Luzern beigesetzt.

Autorin: Marie Wolf-Eichbaum
Erstellt: Juli 2012


Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Offizielle Homepage Koninklijk Concertgebouworkest

Homepage der Willem Mengelberg Vereniging

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Kultur finden Sie unter Bibliographie

Frits Zwart (Hrsg.): Willem Mengelberg 1871-1951, Aus dem Leben und Werk eines gefeierten und umstrittenen Dirigenten und Komponisten, Münster 2006. Onlineversion

Frits Zwart: Willem Mengelberg (1871-1951), Een biografie 1871-1920, Amsterdam 1999.


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