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Hans van Manen

* Nieuwer-Amstel, 11. Juli 1932 – Balletttänzer, Choreograf

Hans Van Manen
Hans van Manen wird auch der „Modriaan des Tanzes“ genannt: Die Choreografien des früheren Balletttänzers setzen auch heute noch Maßstäbe, Quelle: NBTC

International gehört Hans van Manen zu den gefeiertsten zeitgenössischen Choreografen. Mit seinen 80 Jahren kann der Großmeister des internationalen Tanzes auf ein umfassendes Gesamtwerk zurückblicken. Als einer der bedeutendsten Erneuerer des klassischen Balletts ist er dafür zu Recht mit zahlreichen Preisen geehrt worden. „Ich könnte weder in der niederländischen Malerei, noch in der Poesie, dem Theater oder der Musik jemanden benennen, der – so wie im Tanz – an einsamer Spitze steht wie Hans van Manen“, sagte der im Juli 2012 – nur wenige Tage vor Van Manens 80. Geburtstag – verstorbene niederländische Schriftsteller und Dichter Gerrit Komrij über ihn. Ein besseres Kompliment konnte er dem Grandseigneur des Tanzes nicht machen.

Geboren 1932 in Nieuwer-Amstel bei Amstelveen, aufgewachsen während des Krieges, führte ein Umweg über eine Lehre zum Maskenbildner den damals 19-Jährigen zum Tanz - zu spät eigentlich, um als Tänzer zu reüssieren. Doch Van Manen glaubte an sein Talent: „Ich konnte mich ungeheuer schnell um die eigene Achse drehen“, sagte er in einem Zeitungsinterview, „damit kann man viel erreichen“. Er sollte Recht behalten.

1951 begann seine Karriere als Tänzer bei der berühmten Sonia Gaskell-Compagnie. Nach ersten Engagements beim Nederlands Opera Ballet, wo auch seine erste bedeutende Choreografie entstand (Feestgericht, 1957), ging er ein paar Jahre zur Roland Petit Compagnie nach Paris. 1960 schließlich begann die Zusammenarbeit mit dem Nederlands Dans Theater (NDT) in Den Haag, bei dem er zunächst Tänzer war (bis 1963), dann Choreograf und schließlich dessen Künstlerischer Leiter (1961-1971). 1973 wechselte er zum Niederländischen Nationalballett (Het Nationale Ballet) nach Amsterdam. Ab 1988 war er als Hauschoreograf erneut dem NDT verbunden, bevor er 2003 in dieser Funktion zum Niederländischen Nationalballett zurückkehrte. Bis heute kreiert er Ballette für verschiedene Ensembles im In- und Ausland. Auch für das seit 40 Jahren in Arnheim ansässige Jugendtanztheater Introdans schuf er viele Choreografien.

Werk

Sein Werk umfasst gut 130 Stücke, von denen jedes einzelne seine unverwechselbare Handschrift trägt: Seine klassizistische, aus der Musik entwickelte Tanzsprache konnte sich von seinem Vorbild George Balanchine emanzipieren. Männer und Frauen agieren gleichberechtigt, ihr (erotisches) Mit- und Gegeneinander formuliert Van Manen in klarer Körpersprache. Seine Choreografien handeln von Beziehungen, die oft „nicht süß“ sind, aber immer „voller Spannung“. Gleichwohl sind seine Themen abstrakt: „Tanz stellt Tanz dar“, so Van Manen, der den Menschen Ausdruck vermitteln will, nicht jedoch Geschichten.

Als einer der ersten Choreografen überhaupt hatte sich Hans van Manen mit den neuen Medien beschäftigt, und das Ergebnis – das Stück Live von 1979 – setzt auch heute noch Maßstäbe. Überhaupt erlebte so manches Arrangement von ihm auch nach Jahren noch ein Comeback auf der Bühne.

Strukturelle Klarheit, schlichte Eleganz und raffinierte Einfachheit nach dem ‚Weniger ist mehr‘-Prinzip sind die zentralen Elemente seiner Choreografien, was ihm den Beinamen „Mondriaan des Tanzes“ eingetragen hat. „Alles was überflüssig ist, lasse ich weg. Ich habe immer weniger nötig, um mehr zu machen“, sagte der geborene Calvinist im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Die Fülle in der Reduktion – das ist das Besondere im Werk des Holländers Van Manen. Auch in der Wahl seiner Garderobe kommt dieser puristische Stil zum Tragen, wenn er im Prada- oder Armani-Outfit im Studio erscheint.  

In seinen Ballett-Kombinationen aus modernem und klassischem Tanz, wartet er zuweilen mit theatralischen Ausdrucksformen wie Laufen, Rennen oder auch dem Rauchen einer Zigarette auf. Bei alledem zieht sich zumeist die Verbindung aus Humor und Musikalität wie ein roter Faden durch seine Arrangements. Ob Klassik oder  Moderne, Jazz oder Pop – für alles findet Van Manen eine Form. Im Gegensatz zu früher allerdings, als er die Musik im Vorfeld genau studierte, vertraut er jetzt mehr der Improvisation. Nur die, so der Meister, sei der Erneuerung dienlich.

Seine Stücke stehen auf der Agenda aller namhaften Compagnien in Europa, Kanada und den USA. In Deutschland war er in den neunziger Jahren häufig beim Stuttgarter Ballett zu Gast. Auch im Repertoire des Bayerischen Staatsballetts finden sich eine Reihe seiner Meisterwerke, darunter das eigens für die Münchner geschaffene Duett Nacht. Und schließlich verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper am Rhein. Dort bilden Hans van Manens Choreografien bereits seit den 1970er Jahren immer wieder Schwerpunkte im Spielplan des Hauses. Auch mit dem heutigen Ballettdirektor Martin Schläpfer, dem er seine Choreografien gerne anvertraut, verbindet Van Manen eine rege Zusammenarbeit, wie zuletzt bei den Stücken Frank Bridge Variations, Compositie, Two, Solo, Kleines Requiem und Without Words. In seiner eigenen Arbeit lässt sich Schläpfer immer wieder von seinem Vorbild inspirieren: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Van Manen oder seine Kunst denke (...). Er und sein Werk sind integriert in meinem Dasein so wie Bach im Leben eines jeden ernst zu nehmenden Musikers.“

Auszeichnungen

1991 erhielt der „Meister des Weglassens“ den Sonia Gaskell Preis für sein Gesamtwerk und den Preis für Choreografie des Dänischen Theaters. Seit 1992 ist er Offizier des Ritterordens von Oranien-Nassau. 1993 erhielt er in Anerkennung seiner weltweiten Verdienste und seines langjährigen Einflusses auf den Deutschen Tanz den renommierten Deutschen Tanzpreis, 1996 ehrte ihn die niederländische Menschenrechtsorganisation COC mit der Bob Angelo Medaille für „die Art und Weise, in der er Männer und Frauen, menschliche Beziehungen und Sexualität in seinen Balletten und in seinen Fotos portraitiert, (...) die treffend mit dem Wort ‚befreiend‘ beschrieben werden kann“. 1997 erhielt er den Gino Tani International Prize in der Kategorie Tanz. 1998 widmete ihm das Edinburgh Dance Festival eine große Retrospektive, die mit der Verleihung des Herald Angel Awards ihren Höhepunkt fand. 2000 kam zu seinen zahlreichen Würdigungen der Erasmus-Preis für seine Verdienste um den niederländischen Tanz hinzu. In der Laudatio war zu lesen: „In den 70er und 80er Jahren entwickelte sich Hans van Manen zu einem Botschafter des niederländischen Tanzes: seine Kreationen haben ihren ‚Exportwert‘ innerhalb der internationalen künstlerischen Beziehungen hinreichend bewiesen.“

2004 wurde ihm als erstem Choreografen überhaupt der Musikpreis der Stadt Duisburg verliehen. Im Bolschoi Theater Moskau erhielt er den Prix Benois de la Danse für sein Lebenswerk. Ein Jahr später wurde er mit dem Grand Pas Award bedacht. 2007 ehrte Amsterdam den Künstler zu dessen 75. Geburtstag mit der Ernennung zum Commandeur in de Orde van de Nederlandse Leeuw -  eine Auszeichnung, mit der seit dem 19. Jahrhundert die größten niederländischen Künstler geehrt werden. Rund um die Feierlichkeiten widmete man ihm ein dreiwöchiges Hans van Manen-Festival.

80. Geburtstag

Neben seiner Arbeit als Choreograf hat sich Van Manen, der seit knapp 40 Jahren mit dem Videomeister und Mitglied des Künstlerischen Teams beim Nationalballett, Henk van Dijk, zusammen und seit 2002 mit ihm verheiratet ist, auch einen Namen als Fotograf gemacht. 2003 gründete er darüber hinaus die Stiftung Hans van Manen, die im Sinne der Bewahrung von Kulturgut, Tanzfilme sowie aufwändige Kostüme und Dekors aus früheren Produktionen für die Nachwelt archiviert und sicherstellt.  

In diesem Jahr wurde Van Manen aus Anlass seines 80. Geburtstags am 11. Juli bei diversen Anlässen im In- und Ausland gebührend gefeiert. Auch in Deutschland ehrte man ihn mit einer großen Gala im Baden-Badener Festspielhaus. Und an der Deutschen Oper am Rhein hatte sich Ballettdirektor Martin Schläpfer etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Bei mehreren  Vorstellungen im Juni tanzte er erstmals wieder nach 20 Jahren der tänzerischen Abstinenz im Pas de Deux die Rolle des Old Man, in dem aus den 90er Jahren stammenden Van Manen-Stück The Old Man and Me. Mit viel Freude, Hochachtung und Demut, habe er sich darauf eingelassen, sagte der 50-Jährige über sein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk für den Niederländer, der die Ballettkunst des 21. Jahrhunderts so entscheidend mitgeprägt hat.

Autorin: Cornelia Ganitta
Erstellt: Januar 2013


Links

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Homepage der Hans van Manen Stiftung Stichting Hans van Manen

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Kultur finden Sie unter Bibliographie


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