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Sylvia Maria Kristel

* Utrecht, 28. September 1952 - †Amsterdam, 17. Oktober 2012 - Schauspielerin

Sylvia Kristel
Sylvia Kristel als Miss TV Europe, 1973. Quelle: NA (926-2274)

Sylvia Kristel wurde Anfang der 1970er als Erotikfilm-Darstellerin Emmanuelle weltberühmt. Das lag jedoch nicht an ihrem schauspielerischen Können. In Hollywoord scheiterte sie und geriet in eine Abwärtsspirale aus Alkohol und Kokain.Nach einer privaten Insolvenz in den 1990ern schaffte sie es zu Beginn des neuen Jahrhunderts dann endlich, die Kritiker mit einer Rolle in einem Theaterstück zu überzeugen. 2012 starb Kristel an Speiseröhrenkrebs.

Slvia Kristel war die Nichte des bekannten niederländischen Swing-Orchesterleiter John Kristel. Sie genoss eine katholische Erziehung und wuchs gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Marianne bei ihren Eltern in Utrecht auf. Kristels Vater war Eigentümer des Hotel du Commerce auf dem Bahnhofsplatz von Utrecht, wo die Familie damals auch lebte und die beiden Kinder aufwuchsen. Sylvias Mutter liebte ihren Ehemann Erzählungen zufolge sehr und so war der Schock umso größer, als dieser sie plötzlich und ohne vorheriges Anzeichnen für eine andere Frau verließ. Sylvia Kristel war damals 14 Jahre alt. Gegenüber der Tageszeitung Trouw beschrieb sie ihre Jugendzeit 1973 dann auch als „tief unglücklich“.

Kristel besuchte ein katholisches Mädcheninternat, welches sie ohne Abschluss verließ, um als Sekretärin zu arbeiten. Als sie 17 war wuchs bei ihr der Wunsch, Fotomodell zu werden. Durch einen Werbespot für einen Tampon erlangte sie erste Berühmtheit und sie trat erfolgreich bei mehreren Misswahlen an. Am 4. Januar 1973 schließlich gewinnt sie den Titel Miss TV Europe. Als Preis winkte ein Mercedes 350 SL Cabrio, welches Sylvia Kristel auf der Automesse in Amsterdam überreicht wurde. Über ihren Eintritt in die Filmwelt existiert eine Anekdote, die der Produzent Pim de la Parra in seiner Biographie verbreitete. Demnach soll die damals noch keine 20 Jahre alte Sylvia bei der erfolgreichen Scorpio Filmproduktion angerufen und sich mit Filmemacher De La Parra verbinden haben lassen. Kristel kam schnell zur Sache als sie Pim de la Parra am Apparat hatte und ihn fragte: „Warum entdeckst Du mich nicht?“. Alles andere ist Geschichte: Sylvia Kristel durfte vorbeikommen, sie machte Eindruck und spielte anschließend einige kleine Rollen in niederländischen Produktionen wie etwa „Frank & Eva“ oder „Naakt over de schutting“ (beide 1973).

Dem frühen Verlust des Vaters schrieb Kristel später ihre Vorliebe für ältere Männer zu. Anfang der 1970er Jahre war sie so mit dem 27 Jahre älteren belgischen Schriftsteller Hugo Claus zusammen, mit dem sie von 1974 bis 1978 in Paris lebte und von dem sie 1975 einen Sohn namens Arthur bekam. Durch ihren einsetzenden Ruhm war Kristel jedoch sehr oft nicht zuhause und so übernahmen ihre Mutter und Schwester die Erziehung des Kindes. Sylvia Kristel nahm für ihn eher die Rolle einer Tante ein. Die Beziehung zu Claus entwickelte sich in den folgenden Jahren von einer Liebes- zu einer Freundschaftsbeziehung. Verheiratet war Sylvia Kristel zweimal. Das erste Mal war es 1982 eine Las Vegas-Ehe mit dem amerikanischen Geschäftsmann Alan Turner, die noch im selben Jahr wieder geschieden wurde. Das zweite Mal ging die den Bund der Ehe 1986 mit dem Franzosen Philippe Blot ein, mit dem sie insgesamt drei weniger erfolgreiche Filme drehte. Auch diese Ehe wurde 1991 geschieden.

Sexsymbol und Weltstar

Weltweite Bekanntheit erlangte Sylvia Kristel mit ihrer Hauptrolle in dem erotischen Spielfilmklassiker „Emmanuelle“, der 1974 in die Kinos kam. Trotz der ihr attestierten nur mäßigen Schauspielkunst wurde Kristel zu einem Weltstar, einer „Ikone“, wie die französische Tageszeitung Le Monde sie in einem Nachruf nach ihrem Tod nannte. Obwohl sie ihrem großen Erfolg mit ihrer Rolle in „Emmanuelle“ in den 1970er Jahren niemals nur annähernd wieder erreicht hat, ist Sylvia Kristel für viele bis zum heutigen Tag ein Begriff geblieben. Von vielen wurde sie bis zu ihrem Tod als „Sexbombe“ gesehen und auch selbst sagte sie zeitlebens über sich, dass sie ihre Bekanntheit nicht ihrem Durchbruch als Schauspielerin, sondern dem Durchbruch ihres Körpers zu verdanken hatte.

Kristel war aber auch Vorbild für eine ganze Generation und mit vielen ihrer Rollen in den 1970er Jahren hat sie einen entscheidenden Beitrag für die sexuelle Revolution und „Frauenbefreiung“ geleistet. „Emmanuelle“, war der erste Film, der als eine Art „Qualitätsporno“ in die regulären Lichtspielhäuser kam und den Männer wie Frauen gleichermaßen besuchten. Er basiert auf erotischen Erinnerungen, die von der franko-asiatischen Schriftstellerin Marayat Roulet Andriane verfasst wurden und noch in den 1960er Jahren unter den Ladentischen verkauft wurden – eine Fantasie über eine brave Diplomatenfrau und ihr sexuelles Erwachen im Milieu von Bangkok. Buch und Film zeigten neben einer freieren Sexualität auch eine neue Form des Hedonismus. Auf dem Originalfilmplakat las sich dies so: „Ein Film, der Sie nicht schlecht über ein angenehmes Gefühl denken lässt“.

Emmanuelle

Der Film, dem Kristel ihre Berühmtheit verdankt, zog nach seiner Premiere weltweit 300 Millionen Besucher in die Kinos. Bis zum heutigen Tag wurden 650 Millionen Dollar mit dem Film eingespielt. Es wird erzählt, dass in Spanien, in dem das Abspielen des Films nicht erlaubt war, Busreisen in Kinos im benachbarten Ausland angeboten wurden. In Japan sollen weibliche Besucher bei den Sexszenen, in denen Kristel als Emmanuelle die Initiative ergriff ihren Partner rittlings unter sich ließ, lautstark applaudiert haben. Direkt verzaubert waren unter vielen anderen auch die Zuschauer in England und den USA. Der bekannte US-Filmkritiker Roger Ebert schrieb seinerzeit über Kristel: „Sie projiziert eine gewisse Verletzlichkeit, welche die Szenen erfolgreich sein lässt. Die meisten Schauspielerinnen in gleichartigen Filmen agieren wie in einem Zeichentrickfilm, aber sie ist wirklich präsent.“

Reich geworden ist Sylvia Kristel mit ihrer ersten Rolle in „Emmanuelle“ jedoch nicht automatisch, denn niemand glaubte seinerzeit an einen derartigen Erfolg des Filmes. Aus diesem Grund hatte Kristels damaliger Freund Hugo Claus ihr damals auch versucht, die Bedenken, die sie hatte, als ihr das Drehbuch angeboten wurde, auszureden: „Thailand, das ist schön, wir waren niemals da und überhaupt wird der Film niemals in den Niederlanden laufen, so dass sich deine Mutter schämen müsste“. Hätte Sylvia Kristel gewusst, dass es anders kommen sollte, hätte sie den Film vielleicht gar nicht gedreht. Auf jeden Fall hätte sie sich aber für eine Gewinnbeteiligung an den Einspielergebnissen des Films entschieden und nicht wie sie es tat für 6.000 Dollar in bar.

Denn das war eine Entscheidung, die sich rächen sollte. Zwar erlangte Kristel etwa durch zahlreiche Engagements von bedeutenden französischen Eliteregisseuren wie Claude Chabrol, Alain Robbe-Grillet oder Roger Vadim einen finanziellen Grundstock, der ihr ein Leben in Glamour erlaubte: Für die niederländische Presse war Sylvia Kristel mit ihren vielen Affären rund um die verschiedenen Filmsets, ihrer teuren Kleidung, einem eigenen Chauffeur, eigener PR-Dame und eigenem Friseur seinerzeit dann auch eine besondere Attraktion. Bei der Auswahl der Drehbücher erwies Kristel trotzdem aber keine glückliche Hand. Mit auch aus diesem Grund wagte sie Ende der 1970er Jahre den Schritt, gemeinsam mit dem britischen Schauspieler Ian McShane nach Los Angeles zu ziehen, um es in Hollywood zu versuchen. Dort konnte sie jedoch nie Erfolg feiern und bewegte sich von einem zum nächsten Kassenflop. Anfang der 1980er Jahre dann geriet sie in eine Abwärtsspirale aus Alkohol, Kokain und Chaos. Alkohol trank Kristel auch an den Filmsets; das vor allem aus Unsicherheit über ihre eigenen Fähigkeiten als Schauspielerin. Das sie oftmals betrunken war, konnte ihrem Schauspiel nicht förderlich sein und so kam es – nicht zuletzt auch wegen ihres starken niederländischen Akzents – dazu, dass ihre Stimme im Nachhinein sehr oft nachsynchronisiert wurde.

Persönliche Krise

Die Abwärtsspirale endete mit einer privaten Insolvenz in den 1990er Jahren. Grund dafür war das gescheiterte Filmprojekt ihres damaligen Ehemanns, dem wenig erfolgreichen Regisseur Philippe Blot, der sich als Produzent versuchte und damit kläglich scheiterte. Sylvia Kristel bürgte damals für die Finanzierung des gefloppten Films und verlor all ihr Geld und all ihre Habe. Selbst die Wohnung in Utrecht, die sie für ihre Mutter gekauft hatte, musste verkauft werden. Es folgen die Scheidung und die Rückkehr nach Europa. Bis zuletzt, so bedauert es die französische Tageszeitung La Libération, hat sie „nie den Tsunami bezwingen können, der von ihr einen Weltstar machte als sie 22 war. Dadurch schaute sie eine Leben lang mit ambivalenten Gefühlen auf die Rolle der Emmanuelle zurück“.

Sylvia Kristel sah ihre schauspielerische Karriere und ihre Rolle als internationales Sexsymbol in ihren letzten Jahren sehr pragmatisch: So ein Image verliere man nie mehr, so Kristel und „deshalb habe ich beschlossen, dafür dankbar zu sein“. Der Regisseur Michiel van Erp, der im Jahr 2007 eine Dokumentation über Sylvia Kristel drehte, drückte es ähnlich aus: „Sie hat es nie als ein Problem empfunden, dass das Emmanuelle-Image an ihr kleben blieb. Mit Emmanuelle hat sie ihren großen Ruhm bekommen und täusche dich nicht: sie war in der ganzen Welt berühmt; auch in ihrem späteren Leben noch. Sie war darauf stolz.“ Tatsächlich ist Sylvia Kristel nie wirklich von ihrer großen Rolle weggekommen. So drehte sie nach „Emmanuelle“ mit dem zweiten (1975) und dritten (1977) Teil noch zwei Fortsetzungen des Kassenknüllers. Für den Zweiten Teil betrug ihre Gage diesmal 100.000 Dollar. Von den insgesamt 58 Spielfilmen, die Kristel drehte, waren viele mit ihrem großen Erfolg von 1974 vergleichbar. So etwa „Lady Chatterley’s Lover“ 1981 oder „Mata Hari“ 1985, in denen sie ähnliche Rollen wie in „Emmanuelle“ spiele.

Erfolg bei den Kritikern konnte Sylvia Kristel jedoch noch im Jahr 2000 erreichen, als sie kurz vor der Entdeckung ihrer Krebserkrankung positive Kritiken für ihre Rolle in einem Theaterstück bekam. 2001 kommt dann die Diagnose Kehlkopfkrebs, 2003 die Nachricht, dass sich Metastasen in der Lunge gebildet haben. Im Juli 2012 kam ein Schlaganfall dazu und wenige Monate später starb Kristel an Speiseröhrenkrebs im Bett ihrer Amsterdamer Wohnung.

Autor: Tim Mäkelburg
Erstellt: Oktober 2012


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