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Simon Johannes Carmiggelt

*Den Haag, 07. Oktober 1913 – Amsterdam, 30. November 1987 - Journalist

Simon Carmiggelt
Simon Carmiggelt, Quelle: NA (119-0275)
Der größte Zwerg von Holland. Simon Carmiggelt hat die Amsterdamer Zeitung Het Parool groß gemacht.


Simon Carmiggelt hatte eine Vorliebe für einfache, etwas schmuddelige Kneipen. In die setzte er sich schon morgens und hielt Ausschau nach interessanten Menschen: Leute, die ihre Seele auf der Zunge führten, die etwas zu erzählen hatten. Er unterhielt sich mit ihnen über dies und jenes, über Gott und die Welt. Notierte einiges in seinen Block, vieles auch nicht. Anschließend ging er nach Hause und schrieb alles auf. Maximal 540 Wörter, denn das machte 110 Zeilen für das Amsterdamer Abendblatt Het Parool. Abgeschlossen mit dem Pseudonym: Kronkel. Sechs Mal die Woche, 37 Jahre lang, immer Seite drei, oben links. Simon Carmiggelt: das war am Ende Het Parool, und Het Parool, das war Simon Carmiggelt. Vor kurzem musste die traditionsreiche Zeitung bekannt geben, dass sie kurz vor dem Aus steht. Verleger PCM hat sich zurückgezogen.

Zu Carmiggelts Zeiten wäre das undenkbar gewesen. Über drei Jahrzehnte war er der meistgelesene Kolumnist der Niederlande. Carmiggelt (1913 - 1987) war „ein großer Schreiber kleiner Geschichten“, wie seine Biografen Sylvia Witteman und Thomas van den Bergh ihn charakterisieren. Und die kleinen Geschichten, die man nur als „Kronkel“ kannte, machten Het Parool zu einer Art Kultblatt. Im Amsterdamer Volksmund soll es geheißen haben: „Het Parool, die Zeitung, die immer so viel Papier um seine Kronkel setzt.“

Mit Selbstironie und Sinn für wehmütig-komische Geschichten füllte Carmiggelt sein Tagewerk. Er erzählte in seinen „Stückchen“, wie er die Glossen selbst geringschätzte, häufig von skurrilen Erlebnissen, von seiner Frau und seinen Enkelkindern. Oft sind ihm die Zeilen leicht von der Hand gegangen. Er brachte seine Personen mit allem in Zusammenhang, was ihm täglich bei seinen langen Schlendertouren durch die Stadt begegnete. Und formte daraus einen komischen Helden: einen Underdog, einen trotteligen Ehemann und Vater, der so durch sein Leben schlurft. Das „Ich“ seiner Geschichten war Opfer humorvoller Situationen. Eine Art literarischer Slapstick. Hollands Mr. Bean der 50er Jahre.

Aber es gab nicht wenige Tage, da quälten ihn die paar Zeilen. Er war Alkoholiker, mit dem Hang zu starken Getränken. Cognac und Whisky gehörten dazu. Sie machten ihn fröhlich, aber auch zornig. Als Stammgast vieler Kneipen wurde er oft zur Sperrstunde vor die Tür gesetzt. In einem Kronkel frotzelte er: „Die Abstinenten haben ja Recht. Aber nur die Alkoholiker wissen warum.“

Carmiggelt gehörte zum Amsterdamer Stadtbild. Rinus Ferdinandusse, Journalist bei Vrij Nederland: „Der schiefe Gang, die wehende Regenjacke, die, alt oder neu, niemals passen wollte. Der verhaltene Gruß, die traurigen Augen. Gott sei Dank hat er alles aufgeschrieben, was er gesehen hat.“ Und das tat er von jungen Jahren an. Carmiggelt war ein unbekannter Journalist der Zeitung Vooruit, als er 1936 für die Rubrik „Kleinigkeiten“ Glossen schrieb. Es wurde zu seiner großen Leidenschaft. Nach dem Krieg machte er bei der Widerstandszeitung Het Parool weiter - sein Leben lang.

Obwohl er ein wahrer Meister kleiner Beschreibungen war, wurde er von literarischen Kritikern lange nicht beachtet. Auch Carmiggelt selbst hielt sich bescheiden zurück. Aber hinter dieser Bescheidenheit versteckte sich eine raffinierte literarische Technik: „Ich lüge die Wahrheit“, hat er mal gesagt. Und heute, gut zwanzig Jahre nach seinem letzten Kronkel, gehören die gut 3000 „Stückchen“ zur niederländischen Literaturgeschichte, verlegt in kleinen Büchlein, zu tausenden verkauft. Das Bekannteste ist sicherlich „Honderd dwaasheden“ - Hundert Dummheiten. 1961 bekam er den Constantijn-Huygens-Preis. Kommentar Carmiggelt: „Ich fühle mich als der größte Zwerg von Holland.“

Der Mann mit den traurigen Augen verkörperte so etwas wie den typischen Niederländer der Nachkriegszeit: Lang und dünn, bescheiden und mit Sinn für Humor, Familienmensch und knauserig, aufrecht und arbeitsam. Witteman und van den Bergh zeichnen aber auch ein anderes Bild: „Er war nicht der gelassene Mann, als der er sich ausgab. Er hatte Zweifel, Verlangen und viele Schwächen. Das machte ihn interessant.“

In seinem letzten Kronkel, das am 8. Oktober 1983 erschien, schrieb er unnachahmlich: „Manchmal denke ich: ich höre auf. Aber dann höre ich doch nicht auf. Ich glaube, man muss dann aufhören, wenn man nicht mehr denkt: Ich höre auf. Aber, dann hört man ja nicht mehr auf.“ Das wünscht man auch „seiner“ Zeitung Het Parool: Nie aufhören.

Autor:  Andreas Gebbink
Erschienen: NRZ, 01. Oktober 2002


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Literatur

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Gelder, Henk van: Geen Kronkel, geen Bralleput, Amsterdam 2000.


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