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Gerd Arntz

*Remscheid, 11. Dezember 1900 - †Den Haag, 4. Dezember 1988 - deutsch-niederländischer Graphiker und Maler, einer der Väter des modernen Piktogramms

Gerd Arntz
Gerd Arntz 1931 bei der Arbeit an der Isotype „arbeitslos“ in seinem Wiener Atelier, Quelle: Collection Gerd Arntz/Arntz heirs

Gerhard Arntz wurde im Dezember 1900 in der von Kleineisenindustrie geprägten Stadt Remscheid als zweites Kind geboren. Seine Familie war dem protestantisch-wilhelminischen Bürgertum zuzurechnen und besaß eine Fabrik, die Maschinenmesser und Feilen herstellte; andere Familienangehörige waren Kaufleute. Trotz seiner vom Pazifismus überzeugten und sozial engagierten Mutter konnte sich Arntz für den Nationalismus und Militarismus des Kaiserreichs begeistern. Mit siebzehn kam er während seines Militärdienstes bei der Feldartillerie in Wesel, mit linksgerichteten, revolutionären Soldaten- und Arbeitergruppen in Berührung. Nach dem Ende des Krieges begann er eine Ausbildung zum Metalldreher in der väterlichen Fabrik mit dem Ziel, diese als einziger Sohn zu übernehmen. Dort sammelte er Erfahrungen über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Industriearbeiter, die – wie auch seine Kontakte zu den Arbeitern und Soldaten während seiner Militärzeit – sein späteres künstlerisches Werk prägten. Aufgrund einiger kleinerer Arbeitsunfälle und der Fürsprache eines Onkels durfte Arntz seine Lehre zugunsten einer Ausbildung zum Zeichenlehrer abbrechen.

Im Herbst 1919 ging Arntz an die Düsseldorfer Kunstschule und traf auf die dort tonangebenden linken Kreise Das Junge Rheinland und den Aktivistenbund. Für seine Entwicklung zum Graphiker war die Begegnung mit der Kölner Gruppe stupid entscheidend. Ihr gehörten Heinrich und Angelika Hoerle, Franz Wilhelm Seiwert, Anton Räderscheidt und Maria Hegemann an, die bis heute als bedeutendste Vertreter des Politischen Konstruktivismus in Deutschland gelten.

Aufgrund seiner Ausdrucksfähigkeit war der Kunstdruck ein bevorzugtes Mittel der deutschen Expressionisten. Arntz entdeckte besonders den Holzschnitt für sich. Es entstanden erste, noch deutlich vom Drastischen, Wilden des Expressionismus beeinflusste Werke.

Der Wunsch nach einem Beruf, mit dem in den unsicheren, von Armut und sozialen Unruhen geprägten Nachkriegszeiten ein Familienleben bestritten werden konnte – Arntz hatte auf der Kunsthochschule seine spätere Frau Agnes Thubeauville kennengelernt – ließ ihn 1922 in Hagen eine Buchhändlerlehre beginnen. Nach deren erfolgreichem Abschluss zog er mit seiner Frau jedoch zurück nach Düsseldorf, um sich dort von neuem seiner Graphik zu widmen. 1925 übernahm er das Atelier des Malers Otto Dix.

Inspiriert von deutschen Holzschnitten des 16. Jahrhunderts, griechischer Vasenmalerei, japanischen Drucken, mitteleuropäischer Volkskunst sowie dem Werk des französischen Malers Fernand Léger, aber genauso von seinen Freunden und Kollegen Hoerle und Seiwert, wandte sich Arntz einer gesellschaftsbezogenen, figürlichen, stark auf Vereinfachung angelegten, in Schwarz-Weiß gehaltenen Bildsprache zu. Bald entwickelte er eine eigenständige Ausdrucksweise. Sein Ziel war eine „Darstellung des sozialen Milieus oder, um genauer zu sein, eine Darstellung der Menschen, aufgeteilt nach Rang und Stand in der Gesellschaft unserer Zeit und ihrer städtischen und technischen Umgebung.“[1] Obwohl seine Arbeiten auf den ersten Blick Objektivität ausstrahlten, bekannte sich Arntz mit ihnen klar zur Solidarität mit der Arbeiterschaft und gegen Militarismus, Nationalismus und ungebremsten Kapitalismus.

Als im Frühjahr 1926 einige seiner Graphiken in der Düsseldorfer Gesundheitsausstellung zu sehen waren, war ein Besucher besonders von ihnen begeistert: der Wiener Nationalökonom und Historiker Otto Neurath. Neurath hatte 1924 das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum der Stadt Wien gegründet. Ihm ging es um die soziale Aufklärung und Verbesserung der Gesellschaft. Dazu hatte er eine eigene Methode entwickelt, die als Wiener Methode der Bildstatistik den theoretischen Grundstein des Piktogramms schaffte.

Neuraths Leistung bestand darin, gesellschaftliche und wirtschaftliche Sachverhalte nicht durch aus Kurven und Balken bestehende Graphiken darzustellen, sondern figürliche Symbole zu entwickeln, die weltweit von Menschen aller sozialen Schichten erkannt und verstanden werden konnten. Heute sind diese nach der Wiener Methode der Bildstatistik gestalteten Piktogramme aus Schul- und Fachbüchern, Zeitungen und dem Internet nicht mehr wegzudenken. Besondere Verwendung finden sie ferner als Leit- und Orientierungshilfen, auf Ge- und Verbotsschildern.

In Arntz sieht Neurath einen idealen Umsetzer seiner Ideen und bittet ihn, diese von nun an mit ihm weiterzuentwickeln. Nach einigen gemeinsamen Arbeiten übersiedelt Arntz im Januar 1929 nach Wien und tritt bei Neurath die Stelle des Graphischen Leiters an. Seine Arbeit dort wird eine ganze Richtung der angewandten Kunst prägen. Die Nachfrage nach den von ihm entworfenen Piktogrammen ist so groß, dass er zwei weitere Künstler, den Prager Augustin Tschickel und den Niederländer Peter Alma, hinzuzieht.

Ende 1931 eröffnete das Wiener Museum unter dem Namen Isostat eine Zweigstelle in Moskau. Arntz arbeitete mehrmals dort, vor allem an der Veranschaulichung des Fünfjahresplanes. Von den Ideen des Sozialismus überzeugt, entgingen ihm jedoch die negativen Auswirkungen der Kollektivierung der Landwirtschaft keineswegs. Auch stand er den von Stalin beauftragten „Säuberungen“ im Politik- und Kulturwesen äußerst kritisch gegenüber. Arntz glaubte an die Aufklärungskraft der Kunst, ihre Eingrenzung auf den sogenannten Sozialistischen Realismus hielt er allerdings für falsch. Enttäuscht kehrte er im Sommer 1933 nach Wien zurück – aus Furcht vor den Nationalsozialisten ohne Umweg über Deutschland. Doch auch in Wien veränderte sich die Gesellschaft völlig. Im Februar 1934 entstand nach der Niederschlagung eines Arbeiteraufstandes eine ständisch-konservative Republik. Die sozialdemokratische Partei sowie sämtliche „linke“ Vereine und Einrichtungen wurden verboten beziehungsweise geschlossen, darunter auch Neuraths Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum. Arntz emigrierte in die Niederlande.

Die Zeit in den Niederlanden

In Den Haag gab es mit dem Mundaneum-Institut ein Tochterunternehmen des Wiener Museums, wo Arntz arbeiten konnte. Bis 1940 entstanden etwa 1.140 Bildzeichen nach der Wiener Methode. Heute gelten sie als Fundament für eine internationale Bildsprache, der sogenannten International System of Typographic Picture Education (ISOTYPE).

Arntz schätzte die niederländische Gesellschaft aufgrund ihrer freiheitlichen, demokratischen Struktur. Sie ermöglichte ihm ein ungestörtes künstlerisches Schaffen und neue Inspirationen. So beschäftigte er sich mit den Werken der Gesellschaftstheoretiker Herman Gorter und Anton Pannekoek und konnte sich Zugang zur niederländischen Kunstszene verschaffen. Der Arbeidersraad von Amsterdam beauftragte ihn mit der Erstellung einer Serie von Linolschnitten, die vor dem Nationalsozialismus in Deutschland warnen sollten. Später verurteilte er mit weiteren Arbeiten den deutschen Luftangriff auf die spanische Stadt Guernika. 1934 schuf er den bis heute immer wieder abgedruckten Schnitt Das Dritte Reich. Als er ihn 1936 in Amsterdam auf der Ausstellung De Olympiade onder Dictatuur zeigte, wurde dieser, auf deutschen Einspruch hin, entfernt.

Vom Kriegsbeginn erschüttert flüchtete sich Arntz in die klassische Literatur. Nach Illustrationen zu den Metamorphosen Ovids nahm er sich Voltaires Candide vor. Letztere bebildern die 1956 in Amsterdam herausgegebene niederländische Übertragung von M.J. Premsela.

Die Besetzung der Niederlande im Mai 1940 geschah zu schnell, als dass Arntz und seine Familie ihre Fluchtgedanken umsetzen konnten. Seine Verhaftung befürchtend, vernichtete er alle ihn belastenden Arbeiten oder versteckte sie bei Freunden. Niederländische Bekannte ermöglichten ihm eine Anstellung im staatlichen Centraal Bureau voor de Statistiek. In den nächsten Jahren blieb er unbehelligt, seine künstlerische Arbeit unterbrach er jedoch.

1943 wurde Arntz von der Wehrmacht eingezogen und im Juni des folgenden Jahres als Fahrer an der Front in der Normandie eingesetzt. Im August 1944 ergab er sich in Paris der französischen Résistance und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Im April 1946 kehrte Arntz nach Den Haag zurück, wo er seine Arbeit als Bildstatistiker wieder aufnehmen durfte. Auch künstlerisch machte er dort weiter, wo er sie hatte ruhen lassen: mit den Illustrationen des Candide und der Metamorphosen. Erst Anfang der 1950er Jahre war er bereit, von neuem gesellschaftskritische Themen aufzugreifen. Die Welt sah er als Karussell, Karneval oder Zirkus. Das Politische war in seinen Arbeiten nur scheinbar verschwunden, die Kritik an den Kriegen und militärischen Konflikten wurde hintergründiger. In seinem Linolschnitt Luna Park verarbeitete er etwa die starken Spannungen zwischen Ost und West.

Arntz arbeitete alleine, das heißt, er schloss sich keiner Künstlergruppe an. Eine intensive Freundschaft zu seinem Kollegen M.C. Escher bestand aber bis zu dessen Tod im Jahre 1972. Ab 1949 beteiligte sich Arntz jährlich an den großen Ausstellungen für Graphik und Kunst in den Niederlanden, so am Nederlandse Kring van Grafici en Tekenaars im Amsterdamer Stedelijk Museum. In West- und Ostdeutschland begann man sich erst in den 1960er Jahren für ihn zu interessieren. Den Anfang machte 1966 die kleine Fränkische Galerie am Marientor in Nürnberg, vier Jahre später folgte eine Gemeinschaftsschau Den Haager Künstler im Malkasten in Düsseldorf. Durch sie wurde Arntz in der BRD wahrgenommen. In der DDR waren seine Werke erstmals 1978 im Haus der Kulturen in Neubrandenburg zu sehen. Im selben Jahr hingen sie auch in der vom Centre Pompidou in Paris gezeigten Ausstellung Berlin – Paris 1900-1933 neben den Arbeiten von Max Beckmann, Otto Dix, Paul Klee und Emil Nolde. Damit wurde Arntz endlich als der gewürdigt, der er war: als stilbildender Künstler europäischen Ranges.

Gerd Arntz starb am 4. Dezember 1988 kurz vor Vollendung seines 88. Lebensjahres in Den Haag. Sein Nachlass befindet sich heute größtenteils im Gemeentemuseum Den Haag. Wichtige Teile seiner Bibliothek und seines Nachlasses bewahrt das Historische Zentrum der Stadt Remscheid im Museum Haus Cleff auf. Einen guten Überblick über seine Piktogramme gibt die Seite www.gerdarntz.org.


[1] Gerd Arntz: Zeit unterm Messer, Köln 1988, S. 19.

Autor: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt:
Juli 2014


Links

Wichtige kulturelle Links finden Sie unter Institutionen

Hommage an Gerd Arntz Gerd Arntz Web Archive

Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Kultur finden Sie unter Bibliographie

Arntz, Gerd: Zeit unterm Messer. Holz- und Linolschnitte 1920-1970, Köln 1988.

Diedrichs, Urs: Gerd Arntz, Otto Neurath und die Folgen. Die Wiener Methode. Bildstatistiken und Piktogramme. In: Geschichte und Heimat, Mitteilungsblatt des Bergischen Geschichtsvereins, März 2007, S. 1-4.

Nenzel, Rüdiger (Hrsg.): Gerd Arntz (Monographie-Reihe Remscheider Künstler Bd. 2), Remscheid 1982.


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