Niederlande nach 1945: Politik und politische Kultur


II. Phase 1: Wiederaufbau im Konsens 1945-1958


In dieser Periode fanden die Niederlande schnell zu ihre Vorkriegsstabilität zurück und in einem versäulten System vollzog sich ein 'dutch miracle' mit schnellem Wirtschaftswachstum und Modernisierung. Im Bewusstsein vieler Zeitgenossen konnte von einer grundlegender Trennlinie zur Vorkriegszeit gesprochen worden. Die Vorkriegszeit stand für Stillstand, Konservatismus und Isolation, die Nachkriegszeit für Dynamik, Modernisierung und Aufnahme in die Pax Americana. Historiker haben allerdings mehrfach darauf hingewiesen, dass erst in den 1960er Jahren wesentliche politische und politisch-kulturelle Veränderungen stattfanden und dass der Wiederaufbau nach 1945 in hohem Maße im Stil und Geist der Vorkriegszeit vollzogen wurde. Einvernehmen besteht jedoch darüber, dass die Wiederaufbauphase mit dem Bruch in der Regierungszusammenarbeit zwischen den der beiden größten Parteien - der sozialdemokratischen PvdA und der katholischen KVP - 1958 zu Ende ging.

Die Jahre 1945–1958 bildeten eine Periode, die sowohl Kontinuität mit den Vorkriegsjahren als auch deutliche Brüche erkennen ließ. Nach der Befreiung von 1945 blieb die politische Erneuerung aus, die Versäulung wurde nicht durchbrochen und beinahe alle früheren politischen Parteien kehrten auf die Bühne zurück. Die Vorkriegseliten steckten erneut Linien ab, die versäulten Anhängerschaften folgten ihnen obrigkeitstreu und die Niederlande wurden – genauso wie vor 1940 – gemäß den Regeln regiert, die der Politikwissenschaftler Arend Lijphart später Befriedungsdemokratie nennen sollte. So gesehen dominierte Kontinuität und die im kollektiven historischen Bewusstsein immer wieder hervorgehobene Trennlinie zwischen ‚vor‘ und ‚nach‘ dem Krieg scheint eher auf die traumatische Erfahrung der Besatzungsjahre als auf tatsächliche politische und gesellschaftliche Veränderungen hinzuweisen.

Neue Wege

Dennoch schlugen die Niederländer auf vielen Gebieten neue Wege, die unter der Regie der versäulten Eliten geebnet wurden, ein. Im Gegensatz zu den Vorkriegsjahren erhielt der Staat eine wesentliche Rolle in den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Man baute einen Sozialstaat auf, wobei die für die Nachkriegsniederlande so charakteristischen Verhandlungen zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und dem Staat eine zentrale Rolle spielten. Der dafür entwickelte Konsens war neu und stand in scharfem Kontrast zu den Klassengegensätzen, die in den 30er Jahren noch dominiert hatten. Die Sozialdemokratie, gemäßigt und kompromissbereit, war bis zur politischen Macht vorgedrungen und auch das war neu in den Niederlanden. Sicherlich war ein Teil dieser Entwicklungen in den 30er Jahren schon vorbereitet worden, aber Krieg und Besatzung fungierten als Katalysator der Veränderungen, die sich nach 1945 tatsächlich vollzogen.
Dynamische Entwicklungen

Zum Teil ging es bei diesen Nachkriegsveränderungen nicht um einen selbstständig und bewusst gewählten Kurs, sondern um Reaktionen auf externe Entwicklungen, wobei der niederländische Spielraum gering war. Das Ende des Kolonialreichs in Asien vollzog sich unvermeidlich und die Dynamik des Kalten Krieges legte die Linien der Außenpolitik weitgehend fest. Auch auf wirtschaftlicher Ebene wurde die Richtung von den Tatsachen bestimmt: Nur die Vereinigten Staaten waren in der Lage, den Niederlanden bei der Reparatur der Kriegsschäden und bei der Lösung der großen finanziellen Probleme zu helfen. So wurden die Niederlande in die Pax Americana aufgenommen und damit gingen große Veränderungen einher. Modernisierung, Kapazitätserhöhung, Technik und Effizienz; die Baken wurden versetzt und dabei war die politisch-geistige Ausrichtugn auf die Vereinigten Staaten richtungsweisend. Die Schnelligkeit, mit der sich diese Entwicklung vollzog, war hoch und ebenso schnell wurde die Zeit von ‚vor‘ dem Krieg Geschichte. Die aktive Außenpolitik - und auch die gewann Gestalt innerhalb der Pax Americana – war ebenfalls neu und bereitete der Neutralitätspolitik der Vorkriegszeit endgültig ein Ende. So gesehen ging die Periode 1945–1958 mit vielen dynamischen Entwicklungen einher und hinter der versäulten Kontinuität fanden eine Reihe von Veränderungen statt, die sich in den 60er Jahren dann voll entfalteten.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: März 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

Wielenga, Friso / Taute, Ilona (Hrsg.): Länderbericht Niederlande. Geschichte -Wirtschaft - Gesellschaft, Bonn 2004.

Lademacher, Horst: Die Niederlande. Politische Kultur zwischen Individualität und Anpassung, Berlin 1993.

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