Die Niederlande im Goldenen Zeitalter

II. Wirtschaftlicher Wohlstand


Beginnen wir mit der Ökonomie, damals wie heute das unentbehrliche Element einer erfolgreichen Gesellschaft. Zudem ist es ein Bereich, in dem es relativ einfach ist, Tradition und Moderne voneinander zu trennen: In einer traditionellen Gesellschaft arbeiten die meisten Menschen in der Landwirtschaft und Fischerei, in der modernen Gesellschaft dominiert die Industrie und gegenwärtig immer häufiger auch der Dienstleistungssektor. Leider haben wir für das 17. Jahrhundert keine zuverlässigen Informationen über die Erwerbstätigkeit, doch wir wissen einiges über die Verstädterung. Und in den Städten arbeiteten die meisten Menschen in der Industrie und den Dienstleistungen, auf dem flachen Land eher – aber nicht ausschließlich – in der Landwirtschaft.

Allegorie op de bloei van de Nederlandse visserij
Gemälde Allegorie op de bloei van de Nederlandse visserij na de Tweede Engelse Zeeoorlog, Quelle: Willem Eversdijck

Für drei westeuropäische Länder sind die Daten ausreichend, um etwas über die wirtschaftliche Struktur sagen zu können; sie sind in der untenstehenden Tabelle aufgeführt. Zwei Dinge fallen darin sofort auf. Erstens: In allen Ländern arbeitete ein beträchtlicher Anteil der Landbevölkerung in nicht agrarischen Berufen. Zwischen den Ländern waren die Unterschiede in diesem Punkt eher klein (letzte Spalte). Zweitens: Große Unterschiede gab es dagegen bei der Verteilung zwischen agrarischer und städtischer Arbeit. In England und Frankreich war im Jahre 1700 noch stets mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, und die städtischen Berufe waren in der Minderheit. In den Niederlanden hielten sich Landarbeiter und städtische Arbeiter in der Industrie und im Dienstleistungsbereich die Waage. Die Niederlande hatten noch keine „moderne“ Ökonomie – dafür war der Prozentsatz der in der Landwirtschaft tätigen Erwerbsbevölkerung zu hoch. Doch die niederländische Wirtschaft war durchaus moderner als die in den Nachbarländern.[3]

Prozentuale Verteilung der Erwerbsarbeit in England, Frankreich und der Niederländischen Republik im Jahre 1700
Quelle: E.A. Wrigley: Urban growth and agricultural change. England and the continent in the early modern period, in: ders., People, cities and wealth. The transformation of traditional society (Oxford, 1987), Tabellen 4, 8, und 9.
Land agrarisch Stadt Land nicht agrarisch
England 55 17 28
Frankreich 63 11 26
Niederlande 40 39 21

Bereits vor 1600 hatten niederländische Kaufleute beträchtlichen Anteil am europäischen Handel, vor allem mit Norddeutschland und dem Ostseegebiet, von wo aus Getreide importiert wurde. Um 1600 herum weitete sich dieses Handelsnetzwerk stark aus, nach Südeuropa, aber auch und vor allem in die außereuropäischen Gebiete. Im Jahre 1602 wurde die VOC, die Niederländische Ostindien-Kompanie, gegründet, die das Monopol auf den gesamten niederländischen Handel östlich des Kaps der Guten Hoffnung erhielt. Überall in Asien errichtete die VOC Handelsstationen. [4] Gegen Ende des 17. Jahrhunderts arbeiteten ungefähr 25.000 Menschen für die VOC, darunter viele Deutsche. Einer von ihnen war Isaac Sunderman aus Langenberg in Westfalen. Er landete 1692 zunächst in Amsterdam, wo sich, wie er später schrieb, „alle, die in Deutschland keine Arbeit finden“, sammelten. [5] Sunderman sollte sechs Jahre in Ostindien bleiben, und als er nach seiner Rückkehr keine Arbeit finden konnte, musterte er im Jahre 1700 erneut bei der VOC an. 1710 kehrte er wieder in die Niederlande zurück und hatte genügend gespart, um sich in Deventer in ein Gasthuis, eine Art Altenpflegeheim, einzukaufen, wo er 1723 starb.

Im Westen waren die Niederländer weniger erfolgreich. Kolonien in Brasilien und Nordamerika gingen im 17. Jahrhundert bereits wieder verloren. Lediglich eine Handvoll Karibikinseln und Suriname blieben weiterhin Teil des niederländischen kolonialen Imperiums. [6] Dieser internationale Handel hatte Rückwirkungen auf die Industrie. Ein schönes Beispiel sind die Delfter Fayencen. [7] Dank des kolonialen Handels waren europäische Konsumenten abhängig geworden, nicht nur von Tee, Kaffee und Tabak, sondern auch von chinesischem Porzellan. [8] Dessen Einfuhr kam jedoch gegen Mitte des 17. Jahrhunderts aufgrund innenpolitischer Probleme in China ins Stocken. Die Europäer entdeckten das Geheimnis des Porzellans erst im 18. Jahrhundert; bis dahin mussten sie sich mit Substituten wie dem Delfter Blau behelfen. Das erwies sich jedoch als so erfolgreich, dass chinesische Hersteller in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ihrerseits begannen, holländische Motive zu produzieren, um den Delftern auf ihrem eigenen Terrain Konkurrenz zu machen.


[3] Jan de Vries, Ad van der Woude: The first modern economy. Success, failure and perseverance of the Dutch economy 1500-1815, Cambridge 1997, bzw. auf Niederländisch Nederland 1500-1815. De eerste ronde van moderne economische groei, Amsterdam 1995.
[4] Femme Gaastra: Geschiedenis van de VOC, Zutphen 2003, bzw. auf Englisch The Dutch East India Company. Expansion and decline, Zutphen, 2003.
[5] Roelof van Gelder: Het Oost-Indisch avontuur. Duitsers in dienst van de VOC, Nijmegen 1997, S. 133.
[6] Henk den Heijer: Geschiedenis van de WIC, Zutphen 2002; Johannes Postma/ Victor Enthoven (Hrsg.): Riches from Atlantic commerce. Dutch Transatlantic trade and shipping 1585-1817, Leiden 2003.
[7] Christine Lahaussios/ Jan-Daan van Dam: Delfts aardewerk, Amsterdam 2008 (Fr..: Delft faience)
[8] Robert Finlay: The pilgrim art. Cultures of porcelain in world history, Berkeley 2010.

Autor: Maarten Prak
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vries, Jan de/ Woude, Ad van der: Nederland 1500-1815. De eerste ronde van moderne economische groei, Amsterdam 1995.

Gaastra, Femme: Geschiedenis van de VOC, Zutphen 2003.

Gelder, Roelof van: Het Oost-Indisch avontuur. Duitsers in dienst van de VOC, Nijmegen 1997.

Heijer, Henk den: Geschiedenis van de WIC, Zutphen 2002.

Postma, Johannes/ Enthoven, Victor (Hrsg.): Riches from Atlantic commerce. Dutch Transatlantic trade and shipping 1585-1817, Leiden 2003.

Lahaussios, Christine/ Dam, Jan-Daan van: Delfts aardewerk, Amsterdam 2008.

Finlay, Robert: The pilgrim art. Cultures of porcelain in world history, Berkeley 2010.

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