Die Niederlande im Goldenen Zeitalter


VI. Wissensdurst & Aufblühen der Künste

Religiöse Pluriformität half auch dabei, den intellektuellen Raum für die stürmischen philosophischen und wissenschaftlichen Entwicklungen in dieser Epoche zu schaffen. Wissen wurde in der Republik hoch geschätzt. In Amsterdam konnten 64 Prozent der erwachsenen Männer ihren Namen schreiben, bei den Frauen waren es 40 Prozent. Da viele Menschen lesen und schreiben konnten, gab es einen großen Markt für das gedruckte Wort. Niederländische Verleger konnten von ihrem Heimatmarkt aus eine ganze Reihe europäischer Märkte bedienen. Oft druckten sie ausländische Werke, die anderswo verboten waren.

Christiaan Huygens
Christiaan Huygens (1671), Quelle: Caspar Netscher

Manche Intellektuellen gingen jedoch nicht nur mit ihrem Werk, sondern gleich selbst in die Niederlande. René Descartes war vielleicht der berühmteste Immigrant, der zum Ruhm der niederländischen Wissenschaft in dieser Periode beitrug. Seine wichtigsten Werke wurden in den Niederlanden geschrieben. Andere Beispiele sind Christiaan Huygens, Entdecker der Saturnringe und Erfinder der Pendeluhr; er war der Sohn von Immigranten aus den Spanischen Niederlanden; Baruch de Spinozas Eltern waren einige Jahre vor seiner Geburt von Portugal nach Amsterdam gezogen.

Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass die niederländische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts Innovationen aus dem Ausland offen gegenüberstand. [24] Sehr viel neues Wissen bildete sich auch dank des Handelsnetzwerks. Schiffe führten aus fernen Ländern unbekannte Pflanzen- und Tiersorten ein, an denen neue Forschung betrieben werden konnte. [25] Die berühmteste Nutzung einer solchen gerade erst eingeführten Art ist die Tulpe, die ursprünglich aus dem Nahen Osten stammte und gegen Ende des 16. Jahrhunderts im Botanischen Garten der Universität von Leiden gezüchtet wurde, sich jedoch im 17. Jahrhundert zu einem kommerziellen Gewächs entwickelte. [26]

Der Staat förderte die Wissensgesellschaft mit beträchtlichen Investitionen in das Hochschulwesen. Bis 1575 gab es keine einzige Universität in der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, 1650 verfügte jede Provinz (außer Zeeland) über eine oder mehrere Hochschuleinrichtungen. [27] Bekannte Professoren wurden mit lukrativen Angeboten aus dem Ausland abgeworben. Auch viele ausländische Studenten kamen an niederländische Universitäten. [28]

Aufblühen der Künste

Dieselben Faktoren spielten auch eine große Rolle im Aufblühen der Künste während des 17. Jahrhunderts. [29] In den nördlichen Niederlanden, also in dem Teil der die Niederländische Republik bildete, hatte man auf diesem Gebiet keine so große Tradition wie in den südlichen Niederlanden, wo zunächst Gent und Brügge, und anschließend im 16. Jahrhundert Antwerpen Kunstmetropolen von europäischem Rang gewesen waren. Die ersten Anläufe zu einer Belebung der Malerei und der Architektur kamen im Norden deshalb nicht zufällig von Immigranten aus dem Süden, und diese Milieus spielten auch im Weiteren eine große Rolle. [30] In Antwerpen hatte die Malerei bereits eine starke kommerzielle Entwicklung durchgemacht. [31] Während des 17. Jahrhunderts setzte sich diese Entwicklung in Holland weiter fort.

Haarlem war bereits im 16. Jahrhundert das bedeutendste Zentrum für bildende Kunst im Norden, doch auch dort setzte die Immigration einen kraftvollen Impuls. Als Karel van Mander, aus Flandern kommend, dort 1583 eintraf, musste er anfänglich seinen Lebensunterhalt mit dem Beschriften von Paketen und Säcken bestreiten. [32] Doch schon bald begann die Nachfrage nach Gemälden zu steigen. Weitere Immigranten trafen ein, unter anderem Frans Hals. Diese Maler waren erfolgreich, weil sie ihre Themen und ihren Stil einer neuen Gruppe von Kunden anpassten. [33] Anstelle der Kirche und des Adels, die zuvor die Nachfrage nach Kunst bestimmten, bildete nun das Bürgertum den wichtigsten Kundenkreis. Maler passten sich dem an, indem sie populäre Genres entwickelten, wie etwa Alltagszenen und Stadtansichten. Zudem bekamen sie Aufträge von bürgerlichen Organisationen wie zum Beispiel Gilden und Bürgergarden. Das berühmteste Gemälde des Goldenen Zeitalters, Rembrandts Nachtwache, war das Ergebnis eines solchen Auftrags. [34]


[24] Karel Davids: The rise and decline of Dutch technological leadership: Technology, economy and culture in the Netherlands 1350-1800, Leiden 2008, vor allem Bd. 2, Kap. 6.
[25] Harold Cook: Matters of exchange. Commerce, medicine, and science in the Dutch Golden Age
[26] Anne Goldgar: Tulipmania. Money, honor, and knowledge in the Dutch Golden Age, Chicago, 2007; André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts, Zwolle/Dresden 2004.
[27] Karel Davids: Amsterdam as a centre of learning in the Dutch golden age, c. 1580-1700, in: P.K. O’Brien et al. (Hrsg.): Urban achievement in early modern Europe. Golden ages in Antwerp, Amsterdam and London, Cambridge 2001, S. 309-311.
[28] W.Th.M. Frijhoff: La société Néerlandaise et ses gradués 1575-1814. Une recherche sérielle sur le statut des intellectuals à partir des registres universitaires, Amsterdam 1981.
[29] Bob Haak: Das Goldene Zeitalter der holländischen Malerei, Amsterdam 1996.
[30] Jan G.C.A. Briels: Vlaamse schilders en de dageraad van Hollands Gouden Eeuw 1585-1630, Antwerpen 1997.
[31] Filip Vermeylen: Painting for the market. Commercialization of art in Antwerp’s Golden Age (Studies in European Urban History, Bd. 2), Turnhout 2003.
[32] Marion Goosens: Schilders en de markt. Haarlem 1605-1635, Diss. Leiden 2001, S. 44.
[33] J. Michael Montias: Cost and value in Dutch seventeenth-century Dutch art, in: Art History 10 (1987), S. 455-66.
[34] E. Haverkamp-Begemann: Rembrandt. The Nightwatch, Princeton 1982.

Autor: Marteen Prak
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Davids, Karel: The rise and decline of Dutch technological leadership. Technology, economy and culture in the Netherlands 1350-1800, Leiden 2008.

Cook, Harold: Matters of exchange. Commerce, medicine, and science in the Dutch Golden Age, London 2007.

Goldgar, Anne: Tulipmania. Money, honor, and knowledge in the Dutch Golden Age, Chicago 2007.

Goes, André van der (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts, Zwolle/Dresden 2004.

Davids, Karel: Amsterdam as a centre of learning in the Dutch golden age, c. 1580-1700, in: P.K. O’Brien et al. (Hrsg.): Urban achievement in early modern Europe. Golden ages in Antwerp, Amsterdam and London, Cambridge 2001, S. 309-311.

Frijhoff, W.Th.M.: La société Néerlandaise et ses gradués 1575-1814. Une recherche sérielle sur le statut des intellectuals à partir des registres universitaires, Amsterdam 1981.

Haak, Bob: Das Goldene Zeitalter der holländischen Malerei, Amsterdam 1996.

Briels, Jan G.C.A.: Vlaamse schilders en de dageraad van Hollands Gouden Eeuw 1585-1630, Antwerpen 1997.

Vermeylen, Filip: Painting for the market. Commercialization of art in Antwerp’s Golden Age (Studies in European Urban History, Bd. 2), Turnhout 2003.

Goosens, Marion : Schilders en de markt. Haarlem 1605-1635, Leiden 2001.

Montias, J. Michael: Cost and value in Dutch seventeenth-century Dutch art, in: Art History 10 (1987), S. 455-66.

Haverkamp-Begemann, E.: Rembrandt. The Nightwatch, Princeton 1982.

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