Die Niederlande im Goldenen Zeitalter


V. Religiöse Pluriformität

Calvin
J. Calvin, Begründer des Calvinismus, Quelle: Hundred Greatest Men

Dies zeigte sich sehr deutlich auf dem Gebiet der Religionspolitik. Das 17. Jahrhundert war eine Epoche, in der Staaten damit rangen, welches Maß an religiöser Pluriformität sie zugestehen wollten. Zur Toleranz als Ideal bekannte sich fast niemandem, auch nicht in den Niederlanden. Dennoch entstand in manchen Teilen der Niederlande, vor allem in den Städten im Westen, eine tolerante Praxis. Verschiedene Faktoren waren dafür verantwortlich. Erstens war der Kalvinismus nicht sehr populär. Der orthodoxe Flügel der Evangelisch-Reformierten Kirche, der fast immer die Oberhand hatte, stellte hohe Anforderungen an die Mitglieder, Anforderungen, die nur eine Minderheit der Bevölkerung erfüllen wollte. [19] Die Kalvinisten waren untereinander gespalten, was ihre Position nicht eben stärker machte. Im Jahre 1618 kam es sogar zu einer echten Kirchenspaltung.[20] Der Niederländische Aufstand war unter anderem gegen die Inquisition gerichtet, und die Aufständischen waren fest entschlossen, selbst keine Kirchenpolizei einzuführen. Katholiken, Lutheraner, Mennoniten, sogar Juden durften sich in der Öffentlichkeit nicht zu erkennen geben, doch sie konnten immerhin in der Abgeschiedenheit ihrer eigenen Wohnung ihre abweichenden Auffassungen beibehalten. Die Regenten in den Handelsstädten im Westen waren außerdem davon überzeugt, dass eine strenge Religionspolitik „bad for business“ (schlecht fürs Geschäft) sei.

So konnten, durch ein Zusammenspiel von Faktoren, zumindest tolerante Praktiken entstehen. [21] Diese Praktiken erforderten von allen Parteien ein hohes Maß an sozialer Selbstbeherrschung. Das Beispiel der katholischen „Schlupfkirche“ demonstriert dieses hochsensible Spiel. Jan Hartman war als Bäckergeselle von Westfalen nach Amsterdam gezogen – nicht wegen des Glaubens, denn Hartman war katholisch. Seine Mission gelang, denn er wurde ein reicher Mann und kaufte 1661 eine stattliche Immobilie am Fluwelen Burgwal, dem heutigen Oudezijds Voorburgwal. Im ersten Stock ließ er einen hübschen „Saal“ mit Marmorböden anlegen, doch auf den darüberliegenden Etagen wurde eine richtige Kapelle eingebaut. Wahrscheinlich hatte er die Absicht, seinen Sohn Cornelis, der ein Priesterstudium absolvierte, dort später einmal die Messe lesen zu lassen. Daraus wurde jedoch nichts, denn nach seinem Tod im Jahr 1668 stellte sich heraus, dass das Haus als Pfand für eine misslungene finanzielle Transaktion gedient hatte. Ein protestantischer Anleger kaufte es auf einer Versteigerung – und vermietete es an die Katholiken! Die konnten dort weiterhin relativ ungestört ihre Messen abhalten, solange es nach außen hin nicht sichtbar war. [22] Priester mussten sich in Amsterdam im Rathaus registrieren lassen; mit der Polizei wurde ein festes Schmiergeld vereinbart, damit sie die illegalen Zusammenkünfte tolerierte. Allein in Amsterdam gab es im 17. Jahrhundert 28 katholische Schlupfkirchen. [23]


[19] A.Th. van Deursen: Mensen van klein vermogen. Het kopergeld van de zeventiende eeuw, Amsterdam 1991, S. 298.
[20] A.Th. van Deursen: Bavianen en slijkgeuzen. Kerk en kerkvolk ten tijde van Maurits en Oldenbarnevelt, Assen 1974.
[21] W.T.M. Frijhoff: Embodied belief. Ten essays on religious culture in Dutch history, Hilversum 2002; Judith Pollmann: Een andere weg naar God. De reformatie van Arnoldus Buchelius (1565-1641), Amsterdam 2000, bzw. auf Englisch: Religious choice in the Dutch Republic. The Reformation of Arnoldus Buchelius (1565-1641), Manchester 1999.
[22] Judith Pollmann: Amsterdam. Ons’ Lieve Heer op Solder. Paapse stoutigheden op de Wallen, in: Maarten Prak (Hrsg.): Plaatsen van Herinnering, Bd. 2, Amsterdam 2006, S. 297-307. Aus europäischer Perspektive: Benjamin J. Kaplan: Divided by faith. Religious conflict and the practice of toleration in early modern Europe, Cambridge Ma. 2007, insbesondere Kap. 7.
[23] Zu den Katholiken auch: Charles H. Parker: Faith on the margins. Catholics and Catholicism in the Dutch Golden Age, Cambridge Ma. 2008.

Autor: Marteen Prak
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Deursen, A.Th. van: Mensen van klein vermogen. Het kopergeld van de zeventiende eeuw, Amsterdam 1991.

Deursen, A.Th. van: Bavianen en slijkgeuzen. Kerk en kerkvolk ten tijde van Maurits en Oldenbarnevelt, Assen 1974.

Frijhoff, W.T.M.: Embodied belief. Ten essays on religious culture in Dutch history, Hilversum 2002.

Pollmann, Judith: Een andere weg naar God. De reformatie van Arnoldus Buchelius (1565-1641), Amsterdam 2000.

Pollmann, Judith: Amsterdam. Ons’ Lieve Heer op Solder. Paapse stoutigheden op de Wallen, in: Maarten Prak (Hrsg.): Plaatsen van Herinnering, Bd. 2, Amsterdam 2006, S. 297-307.

Kaplan, Benjamin J.: Divided by faith. Religious conflict and the practice of toleration in early modern Europe, Cambridge Ma. 2007.

Parker, Charles H.: Faith on the margins. Catholics and Catholicism in the Dutch Golden Age, Cambridge Ma. 2008.

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