Die Niederlande im Goldenen Zeitalter


III. Städte und ihre Immigranten

Die Gesellschaften im Europa der frühen Moderne wurden noch stark vom flachen Land beherrscht. Im Jahre 1700 lebten weniger als zehn Prozent der Europäer in einer Stadt mit einer nennenswerten Größe (definiert als ein Ort mit mindestens 10.000 Einwohnern). Dabei gab es starke regionale Unterschiede hinsichtlich der Prozentsätze. In Polen und Skandinavien lagen sie weit unter dem Durchschnitt, in Deutschland etwas darunter und in den Lage Landen – also dem Gebiet der heutigen Benelux-Staaten – weit darüber. [9] Zum Teil gab es einen ursächlichen Zusammenhang: Die Landbevölkerung in Polen, Norwegen und Deutschland zog im 17. Jahrhundert nicht in deutsche, sondern in niederländische Städte, [10] die dank dieser Immigration ein starkes Wachstum erlebten. Vor allem Amsterdam profitierte hiervon. Im Jahre 1580 lebten dort vielleicht 30.000 Menschen, 1622 bereits mehr als 100.000 und gegen Ende des Jahrhunderts waren es mehr als 200.000.

Karte von Amsterdam 	  1538
Karte von Amsterdam um 1538 (Cornelis Anthonisz.), Quelle: Amsterdams Historisch Museum/cc-by-sa

Diese Migranten kamen aus allen Himmelsrichtungen: Protestanten aus den Habsburger Niederlanden (dem heutigen Belgien), Juden aus Spanien und Portugal und später auch aus den Shtetln Mitteleuropas, doch während des 17. Jahrhunderts waren die deutschen Migranten bei weitem in der Mehrheit. Wir sind soeben schon Isaac Sunderman aus Westfalen begegnet.

Sozialer Wandel bestand in der Republik also aus einer Kombination von Urbanisierung und Immigration. Das hatte natürlich wieder andere Folgen. Die soziale Ungleichheit nahm zu, da die reichen Milieus stärker vom wirtschaftlichen Wohlstand profitierten als die ärmeren. Doch die Armen profitierten ebenfalls davon, indem die Beschäftigung zunahm und die niederländischen Mittelschichten bereit waren, ein kleines Stück ihres Wohlstands mit den weniger Glücklichen zu teilen. Wie bereits William Temple schrieb: „Charity seems to be very national among them“, Wohltätigkeit ist eine nationale Eigenschaft. [11] Die Expansion der städtischen Armenfürsorge, die als eine der freigebigsten der damaligen Zeit galt, trug zweifellos viel zu der relativ problemlosen Integration der zahlreichen Migrantengruppen bei. [12]

Die Städte, vor allem in den Küstenprovinzen, stellten nicht nur zahlenmäßig ein dominantes Element der Gesellschaft dar, sondern sie prägten auch die Politik und die Kultur.
Während in den meisten europäischen Ländern der Adel den Ton angab, lag in der Republik die Macht fest in Händen einer bürgerlichen Elite. Ihre Häuser prunkten entlang der Grachten, die häufig speziell für sie angelegt worden waren. Dort zeigten sie ihre von Rembrandt und dessen Kollegen gemalten Porträts, besprachen geschäftliche Transaktionen und legten die politische Richtung für die Zukunft fest. Durch ihre starke Position in den Stadtverwaltungen konnten sie einen großen Einfluss auf den politischen Entscheidungsprozess ausüben.


[9] Jan de Vries: European urbanization 1500-1800, London 1984, S. 39 (Tabelle 3.7).
[10] Erika Kuijpers: Migrantenstad. Immigratie en sociale verhoudingen in 17e-eeuws Amsterdam, Hilversum 2005; Jelle van Lottum: Across the North Sea. The impact of the Dutch Republic on international labour migration, c. 1550-1850, Amsterdam 2007.
[11] Temple, wie Anm. 2, S. 88.
[12] Maarten Prak: The carrot and the stick. Social control and poor relief in the DutchRepublic, sixteenth to eighteenth centuries, in: Heinz Schilling, unter Mitarbeit von Lars Behrisch (Hrsg.): Institutioonen, Instrumente und Akteure sozialer Kontrolle und Disziplinierung im frühneuzeitlichen Europa (Ius Commune, Sonderheft 127), Frankfurt/Main 1999, S. 149-166.

Autor: Marteen Prak
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Vries, Jan de: European urbanization 1500-1800, London 1984.

Kuijpers, Erika : Migrantenstad. Immigratie en sociale verhoudingen in 17e-eeuws Amsterdam, Hilversum 2005.

Lottum, Jelle van: Across the North Sea. The impact of the Dutch Republic on international labour migration, c. 1550-1850, Amsterdam 2007.

Clark, George (Hrsg.): William Temple. Observations upon the United Provinces of the Netherlands, Oxford 1972.

Prak, Maarten: The carrot and the stick. Social control and poor relief in the Dutch Republic, sixteenth to eighteenth centuries, in: Heinz Schilling, unter Mitarbeit von Lars Behrisch (Hrsg.): Institutioonen, Instrumente und Akteure sozialer Kontrolle und Disziplinierung im frühneuzeitlichen Europa, Frankfurt/Main 1999, S. 149-166.

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