Die Niederlande im Goldenen Zeitalter


IV. Lokale Autonomie

Im Mittelalter gehörten die Territorien, die im 17. Jahrhundert die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen bilden sollten, allesamt zum Heiligen Römischen Reich. Sie verhielten sich wie unabhängige Staaten, die von Grafen (Holland und Zeeland), Herzögen (Gelre), Bischöfen (Utrecht und Overijssel) oder einer Versammlung des Adels und der Städte (Friesland und Groningen) regiert wurden und den Kaiser nur deshalb über sich duldeten, weil er weit weg war. Doch mit dem Aufstieg der Burgunder in den Lage Landen – dem Gebiet der heutigen Benelux-Staaten – begann sich dies zu ändern. Mit Hilfe strategischer Hochzeiten gelang es den Herzögen von Burgund, während des 14. und 15. Jahrhunderts eine beträchtliche Zahl von Territorien in den Lage Landen zu erwerben, unter ihnen auch Holland und Zeeland. Erst nachdem sie im Jahre 1477 von den Habsburgern abgelöst worden waren, wurden unter der Herrschaft Karls V. auch die anderen Teile einverleibt. Karl schuf einen Protostaat innerhalb des Reichsverbunds, mit Brüssel als Regierungssitz. Versuche, von Brüssel aus die Reformation zu bekämpfen, führten in Verbindung mit Klagen über die Zentralisierung der Verwaltung schon bald zu starkem Widerstand und schließlich zum Niederländischen Aufstand, der 1566 ausbrach und erst mit dem Frieden von Münster im Jahre 1648 enden sollte, in dem Spanien die Republik der Vereinigten Niederlande als unabhängigen Staat anerkannte.

Westfälischer Frieden
Gemälde des Westfälischen Friedens in Münster 1648, Quelle: Gerard ter Borch (II)

Da die Inspiration für den Aufstand vor allem aus den regionalen und lokalen Privilegien resultierte, bildeten sie auch die Leitprinzipien des staatlichen Systems, das die Aufständischen allmählich zusammenbastelten. [13] Die Republik wurde demzufolge ein Staat, der dem Zweck der Außenpolitik diente, und hier vor allem in ihrer eher gewalttätigen Form. Die Generalstaaten – als allgemeine Ständeversammlung und wichtigste gemeinsame Institution der Sieben Vereinigten Provinzen, die darin ebenfalls jeweils eine Stimme hatten, waren mit der Außenpolitik und der Aufsicht über die Armee und die Flotte betraut. Innenpolitische Angelegenheiten fielen in den Zuständigkeitsbereich der provinzialen Ständeversammlungen; die Provinzen hatten ihr eigenes politisches System, ihre eigenen Gesetze, ihre eigene politische Kultur und Tradition, usw.

Auf dem Papier waren alle Provinzen gleich. In der Praxis war Holland die bei weitestem wichtigste, wenn auch nur deshalb, weil diese eine Provinz um einiges mehr zum Budget der Generalstaaten beitrug als alle anderen Provinzen zusammen. [14] Holland konnte unerwünschte Entscheidungen dadurch blockieren, hatte jedoch sicherlich nicht immer die Macht, die anderen Provinzen zu etwas zu zwingen. Teilweise kam dies dadurch, dass Holland oft intern gespalten war. Teilweise war dies jedoch auch eine Folge der Zusammenarbeit zwischen den anderen Provinzen, meist unter der Führung des Statthalters.
Der Statthalter war ein Überbleibsel aus der Habsburger Zeit. Damals waren Wilhelm von Oranien und seine Statthalterkollegen als Vertreter Karls V. eingesetzt worden, um während dessen Abwesenheit die Regierungsgeschäfte in den Provinzen wahrzunehmen. Wilhelm von Oranien hatte sich an die Spitze des Aufstands gestellt und war zum unbestrittenen Führer herangereift. Darum war es unmöglich gewesen, seine faktisch überflüssige Funktion eines Statthalters aufzuheben, auch weil die aufständischen Provinzen ihm zwar sehr dankbar, aber dennoch nicht bereit waren, ihm eine höhere Funktion anzubieten, aus der Furcht heraus, sich einen neuen Despoten ins Haus zu holen. [15] Dass diese Furcht nicht ganz unberechtigt war, zeigte sich bei verschiedenen gewalttätigen Konfrontationen zwischen Holland und den Oranje-Statthaltern 1618, 1650 und 1672.

Diese Konfrontationen waren die direkte Folge der sehr unklaren Aufteilung politischer Zuständigkeiten in der Republik. Die Statthalter hatten eine – nur unzureichend definierte – politische Rolle und waren zugleich Oberbefehlshaber der Armee und der Flotte. Um die Verantwortlichkeiten adäquat auszuüben, waren sie jedoch von den Provinzen abhängig, und häufig von den Städten in diesen Provinzen. Im Jahre 1638 erklärte François van Aerssen, Vertrauter des Statthalters Frederik Hendrik, dies dem französischen Gesandten in Den Haag folgendermaßen: „Der Prinz von Oranje ist an andere Umstände gebunden als der König [von Frankreich], der lediglich seinen Willen kundzutun braucht. Denn hier braucht man Geld, um seine Ideen umzusetzen, und das kommt nur langsam… Zwischen einer Vielzahl von Interessen und Auffassungen muss Seine Hoheit Rat einholen und die Dinge zu einem guten Ende bringen. Das ist ohne große Uneinigkeit und viel Zeitverlust nicht möglich.“ [16]

Das politische System ist von vielen Historikern als ein Relikt aus der Vergangenheit abgetan worden. Und in der Tat, im 17. Jahrhundert war es völlig normal, auf Privilegien aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu pochen, um einen bestimmten Standpunkt zu untermauern. Doch auch eine andere Sichtweise ist möglich. Im 17. Jahrhundert waren Staaten vor allem Kriegsmaschinen. Die Republik war eine sehr effiziente Kriegsmaschine, die eine bemerkenswert große Armee auf die Beine stellen konnte. Um diese Armee zu finanzieren, wurden die höchsten Steuern in ganz Europa erhoben. Außerdem machten staatliche Einheiten in den Niederlanden hohe Schulden zu auffallend niedrigen Zinsen. [17] Keine griechischen Verhältnisse in den Niederlanden! Es deutet alles darauf hin, dass zu einer Zeit, in der andere europäische Länder in Bürgerkriege verstrickt waren, die Republik einen effizienten Staat hatte, vielleicht sogar dank der weitreichenden Dezentralisierung und des Mangels an Bürokratie. Diese Handicaps wurden durch ein politisches System mehr als wettgemacht, das Politiker durch die starke Stimme lokaler Interessen dazu zwang, sich fortwährend Rechenschaft über die Motive ihrer Bürger abzulegen. [18]


[13] James D. Tracy: The founding of the Dutch Republic. War, finance, and politics in Holland 1572-1588, Oxford 2008.
[14] J.L. Price: Holland and the Dutch Republic in the seventeenth century. The politics of particularism, Oxford 1994.
[15] Über die Statthalter: Herbert H. Rowen: The Princes of Orange. The stadholders of the Dutch Republic, Cambridge 1988 und Olaf Mörke: „Stadholder“ oder „Staetholder“? Die Funktion des Hauses Oranien und seines Hofes in der politische Kultur der Republik der Vereinigten Niederlande im 17. Jahrhundert, in: Niederlande-Studien, Bd. 11, Münster 1997. Über Wilhelm von Oranien: Olaf Mörke: Wilhelm von Oranien (1533-1584). Fürst und “Vater” der Republik, Stuttgart 2007.
[16] Archives, ou correspondance inédite de la Maison d’Orange-Nassau, Hg. von G. Groen van Prinsterer, 2. Serie, Bd. iii (Utrecht, 1859), S. 114-5.
[17] Wantje Fritschy: A “financial revolution” reconsidered; public finance in Holland during the Dutch Revolt, 1568-1648, in: Economic History Review 56 (2003), S. 57-89; Marjolein ’t Hart: The merits of a financial revolution. Public finance, 1550-1700, in: Marjolein ’t Hart, Joost Jonker, Jan Luiten van Zanden (Hg.): A financial history of the Netherlands, Cambridge 1997, S. 11-36.
[18] Jan Luiten van Zanden, Maarten Prak: Towards an economic interpretation of citizenship. The Dutch Republic between medieval communes and modern nation-states, in: European Review of Economic History 10 (2006), S. 111-45.

Autor: Marteen Prak
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Tracy, James D.: The founding of the Dutch Republic. War, finance, and politics in Holland 1572-1588, Oxford 2008.

Price, J.L. : Holland and the Dutch Republic in the seventeenth century. The politics of particularism, Oxford 1994.

Rowen, Herbert H. : The Princes of Orange. The stadholders of the Dutch Republic, Cambridge 1988.

Mörke, Olaf : „Stadholder“ oder „Staetholder“? Die Funktion des Hauses Oranien und seines Hofes in der politische Kultur der Republik der Vereinigten Niederlande im 17. Jahrhundert, in: Niederlande-Studien, Bd. 11, Münster 1997.

Mörke, Olaf: Wilhelm von Oranien (1533-1584). Fürst und “Vater” der Republik, Stuttgart 2007.

Fritschy, Wantje: A “financial revolution” reconsidered. Public finance in Holland during the Dutch Revolt 1568-1648, in: Economic History Review 56 (2003), S. 57-89.

’t Hart, Marjolein: The merits of a financial revolution. Public finance 1550-1700, in: Marjolein ’t Hart, Joost Jonker, Jan Luiten van Zanden (Hrsg.): A financial history of the Netherlands, Cambridge 1997, S. 11-36.

Zanden, Jan Luiten van/ Prak, Maarten: Towards an economic interpretation of citizenship. The Dutch Republic between medieval communes and modern nation-states, in: European Review of Economic History 10 (2006), S. 111-45.

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