Die Niederlande im Goldenen Zeitalter


VII. Ausblick: Die Modernität der Vereinigten Niederlande

In mancherlei Hinsicht war die Republik der Vereinigten Niederlande des 17. Jahrhunderts ihren Konkurrenten voraus. Die wirtschaftliche Struktur war diversifizierter und dadurch dynamischer, wie schon an der Verteilung der Arbeit und der wirtschaftlichen Wachstumszahlen gezeigt wurde. Dank des wirtschaftlichen Wachstums zogen vor allem die westlichen Regionen an der Nordseeküste sehr viel Immigranten an – nicht zuletzt auch aus Westfalen –, die ihrerseits wiederum zum Wirtschaftswachstum beitrugen. Diese Injektion menschlichen Kapitals sorgte auch für eine Expansion des Städtesystems der Republik, das von einem dichten Netzwerk aus wirtschaftlichen Zentren gekennzeichnet war. Städtische Eliten, die bereits im Mittelalter eine wichtige gesellschaftliche Kraft darstellten, konnten dank des Aufstands ihren Einfluss auf die Gesellschaft verstärken. Bürgerliche Institutionen, wie die Gilden, die Bürgergarden und die Armenfürsorge schufen zugleich einen stabilen Rahmen in einer sich rasch wandelnden Umgebung. Eine starke bürgerliche Infrastruktur versetzte den Staat in die Lage, auf effektive Weise die finanziellen Mittel zu mobilisieren, die nötig waren, um aus der Republik eine Großmacht zu machen, das heißt, einen militärischen Apparat auf die Beine zu stellen, der dabei behilflich sein konnte, den weltweiten Handel der Republik zu sichern und auszubauen. Ein wichtiges Element des herrschenden bürgerlichen Regimes waren die religiösen Freiheiten. Sie waren in vielerlei Hinsicht beschränkt, aber im Vergleich zur Situation in vielen anderen Ländern dennoch real genug. Die Republik bildete dadurch einen Anziehungspunkt für religiöse Minderheiten. Das menschliche und kulturelle Kapital, dass sie mitbrachten, war ein wichtiger Bestandteil der Erfolgsformel des Goldenen Zeitalters. Umfangreiche Investitionen in die Hochschulen boten niederländischen Studenten Zugang zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Blüte der niederländischen Malerei sind Zeugnis der kreativen Dynamik, die so freigesetzt wurde.

Es war einer Kombination aus langfristigen Trends und kurzfristigen Ereignissen zu verdanken, dass die Niederlande sich in die Gesellschaft europäischer Regionen einfügen konnten, die die Weltwirtschaft vorantrieben. Bereits im Mittelalter gehörten die Lage Landen neben Italien zu den dynamischsten Regionen Europas. Hollands Erfolg lag zum Teil auch in einer Verlagerung der Dynamik in Richtung Norden begründet. Schon im Mittelalter bildeten die Niederlande eine verhältnismäßig „moderne“ Gesellschaft. Doch der Erfolg des 17. Jahrhunderts beruhte auch auf einer ausgesprochen „unmodernen“ Staatsform, in der die Weberschen Merkmale der Zentralisierung und der Bürokratisierung bemerkenswert unterentwickelt waren. Modernität kam, mit anderen Worten, nicht als Gesamtpaket, sondern stückchenenweise.

Dieser „modulare“ Charakter der Modernisierung sowie die spezifische Kombination aus Faktoren, die im 17. Jahrhundert erfolgreich war, hat auch gegenwärtig noch Relevanz. Natürlich sind die Umstände heute anders als vor 400 Jahren. Doch die Aspekte, die ich behandelt habe, sind noch stets höchst aktuell. Allein schon aus diesem Grunde ist die Geschichte des Goldenen Zeitalters in den Niederlanden die Mühe des Studiums noch immer mehr als wert.

Autor: Marteen Prak
Erstellt: Juni 2010


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