Die Niederlande im Goldenen Zeitalter


I. Einführung

Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert eine Besonderheit. [1] Das ergibt sich aus zahllosen Hinweisen. Ich möchte mich auf zwei Beispiele beschränken: das eine aus dem 17. Jahrhundert selbst, das andere aus der jetzigen Zeit. Erstes Beispiel: Im Frühjahr des Jahres 1673 erschien in England ein Buch, verfasst von Sir William Temple, dem ehemaligen Botschafter in Den Haag. Temples Observations upon the United Provinces of the Netherlands war eine Art „Handbuch Niederlandekunde“ für die Engländer, die sich zu diesem Zeitpunkt im Krieg mit den Niederlanden befanden. Die Niederlande hatten in England zu jener Zeit keine unbedingt gute Presse. Vor diesem Hintergrund war Temples Buch bemerkenswert, da es von einem großen Verständnis für die niederländischen Verhältnisse zeugte und mit viel Sympathie geschrieben worden war. Auf der ersten Seite seines Buchs nannte Temple die Niederländer „the envy of some, the fear of others, and the wonder of all their neighbours“ (den Neid so mancher, die Furcht anderer und das Wunder all ihrer Nachbarn). [2] Zweites Beispiel: Im 21. Jahrhundert gibt es noch immer Anlass zu diesem Erstaunen. Man denke nur an die Kunstgeschichte. Rembrandt ist eine Berühmtheit, Hals und Vermeer stehen ihm in puncto Bekanntheit nach. Das Werk Vermeers wurde noch vor gar nicht langer Zeit zum Gegenstand eines erfolgreichen historischen Romans sowie eines Kinohits. Das konnte geschehen, weil es einen Bezugsrahmen gibt: Kein allgemeines Kunstmuseum kann ohne einen Saal mit den niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts auskommen.

Nachtwache
Nachtwache von Rembrandt, Quelle: Nederland in Beelden 2008

Solche Besonderheiten waren selbstredend auch Historikern aufgefallen. Dennoch schenken die meisten Geschichtsbüchern über diese Epoche den Ereignissen und Persönlichkeiten – den Kriegen, den Friedensverträgen, den aufeinanderfolgenden Leitfiguren der Niederländischen Republik – mehr Aufmerksamkeit als der Gesellschaft, die bereits die Zeitgenossen in Erstaunen versetzte und uns heute immer noch Verwunderung abverlangt. Gerade aus diesem Grund möchte deshalb heute einmal etwas bei den gesellschaftlichen Strukturen der Republik des 17. Jahrhunderts verweilen. Wenn Historiker die Strukturen diskutieren, tun sie dies meist in Begrifflichkeiten der Moderne. Doch was meinen wir genau, wenn wir sagen, dass die Niederlande in seinem Goldenen Zeitalter eine „moderne“ Gesellschaft war, und trifft dieser Begriff eigentlich auf alle Teile der niederländischen Gesellschaft jener Tage zu? Solche Fragen sind historisch relevant, doch ich hoffe, am Ende dieses Vortrags zeigen zu können, dass sie auch Lehren für unsere aktuellen Aufgaben enthalten.

Die ganze Idee der Moderne hat durch die Modernisierungstheorie wissenschaftliches Ansehen erlangt. Es ist eine Theorie, die diesen Namen eigentlich nicht verdient, denn eine Theorie hat einen prognostizierenden Wert, während die Modernisierungstheorie einen stark tautologischen Charakter aufweist: Etwas ist modern, weil es modern ist… Die Theorie hat den weiteren Nachteil, dass sie den Prozess der Modernisierung zu sehr als Einheit auffasst. Wie wir sehen werden, können Gesellschaften in manchen Bereichen modern und in anderen zugleich traditionell sein. Wenn wir diese Einwände allerdings einmal beiseite schieben, hat die Modernisierungstheorie uns auch einige nützliche Instrumente zu bieten: auf der einen Seite eine Reihe von Kriterien, an denen sich Modernität festmachen lässt, auf der anderen Seite die Ermunterung, in Vergleichen zu denken – Modernität impliziert auch Tradition, eine Gesellschaft ist modern im Vergleich zu traditionellen Gesellschaften. Wenn alle Gesellschaften modern sind, verliert der Begriff seinen Wert. Wenn wir diese Ideen auf die Niederländische Republik des 17. Jahrhunderts beziehen, liefert uns dies ein handliches Programm für meinen Vortrag, der also im Wesentlichen einen kurzen Überblick über eine Gesellschaft während ihrer Blütezeit bietet.


[1] Der nachfolgende Beitrag ist eine Bearbeitung von Maarten Prak: The Golden Age, in: Emmeline Besamusca und Jaap Verheul (Hrsg.): Discovering the Dutch. On Culture and Society of the Netherlands, Amsterdam 2010, S. 97-107. Sehr viel ausführlicher über die im vorliegenden Aufsatz angeschnittene Thematik ist ders.: Gouden eeuw. Het raadsel van de Republiek, Nijmegen 2002, bzw., auf Englisch, The Dutch Republic in the Seventeenth century, Cambridge 2005. Übersetzung: Gerd Busse
[2] George Clark (Hrsg.): William Temple. Observations upon the United Provinces of the Netherlands, Oxford 1972, S. 1.

Autor: Maarten Prak
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Prak, Maarten: The Golden Age, in: Emmeline Besamusca und Jaap Verheul (Hrsg.): Discovering the Dutch. On Culture and Society of the Netherlands, Amsterdam 2010, S. 97-107.

Prak, Maarten: Gouden eeuw. Het raadsel van de Republiek, Nijmegen 2002.

George Clark (Hrsg.): William Temple. Observations upon the United Provinces of the Netherlands, Oxford 1972.

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