D-NL: Europapolitische Beziehungen
I. Einführung: Wohlverstandenes Eigeninteresse

Anlässlich der Entgegennahme des Internationalen Karlspreises im Mai 1996 in Aachen verwies Königin Beatrix der Niederlande auf den Fortschritt Europas in der zweiten Jahrhunderthälfte: „Deutschland und die Niederlande gehören beide zu den Gründerstaaten der Europäischen Gemeinschaft. [...] Die Umstände, in denen sich unser Erdteil vor einem halben Jahrhundert befand, als das Abenteuer des Nachkriegseuropas begann, waren unendlich viel schlechter als die, in denen wir uns heute befinden. Das zurückliegende halbe Jahrhundert von Frieden, Stabilität und wachsendem Wohlstand haben wir vornehmlich einer konsequenten und vorausschauenden Politik europäischer Zusammenarbeit und Integration zu verdanken.” Mit diesen Worten fasste sie zusammen, was die Gründerväter Europas nach dem Zweiten Weltkrieg im Sinn gehabt hatten: Europa so zu strukturieren, dass die Schrecken zweier Weltkriege für immer der Vergangenheit angehören konnten. „Frieden und Stabilität” zu erreichen ist zweifellos der zentrale Gedanke des europäischen Integrationsprozesses. Der „wachsende Wohlstand” war dabei sicherlich nicht unwichtig, doch eher Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel lautete: Nie wieder Krieg.
Die Gründer Europas dürfen zufrieden sein. In weiten Teilen Europas, mit Ausnahme des Balkans und des Kaukasus, hat seit 1945 kein Krieg mehr gewütet; die Zusammenarbeit hat sich verstärkt, das Vertrauen ist gewachsen. Wie viele Probleme in der Zukunft noch auftauchen werden – zum Beipiel bei der EU-Osterweiterung –, so lässt sich doch feststellen, dass in den letzten fünfzig Jahren auf diesem außerordentlich komplizierten Kontinent erstaunlich viel zu Stande gebracht wurde.
Schaukeln zwischen Ost und West
Letzteres gilt nicht zuletzt für die Deutsche Frage, die Kernfrage der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der europäische Integrationsprozess hat sich als ein erfolgreiches Unternehmen erwiesen, mit dem einer Zahl von Dilemmas, die mit der Deutschen Frage zusammenhingen, ein Ende gesetzt wurde, zum Beispiel dem „Schaukeln” zwischen Ost und West und den ewigen Grenzfragen (Polen, Tschechien und andere). Erstmals in der Geschichte ist Deutschland heute von neun befreundeten Nachbarländern umgeben, eine Situation, die eine günstige Perspektive für die Zukunft bietet. Deutschland hat sich zu einer stabilen Demokratie in einem stabilisierten Teil Europas entwickelt.
Autoren: Maarten C. Brands und Patrick G.C. Dassen
Erstellt: Februar 2007
Literatur
Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie
Brands, Maarten C. / Dassen, Patrick G.C.: Wohlverstandenes Eigeninteresse - Die Bedeutung Europas für Deutschland und die Niederlande, in: Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 132 bis 143.
Personen
Links
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