Entwicklungszusammenarbeit seit 1945


X. Die späte Unabhängigkeit von Suriname

Unabhängigkeit Surinam 1975
Unterzeichnung der Unabhängigkeit Surinams, (1975), Quelle: NA (928-3023)

Suriname war auf die politische und vor allem die wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht gut vorbereitet. Deswegen kam die Entwicklungshilfe der Niederlande nach 1975 einer „interstaatlichen Alimentation“ gleich. Im schlechten Sinn allerdings: staatlicher Dirigismus auf surinamesischer Seite wurde gefördert von sogenanntem donor-driven planning, d. h. die Programmierung in den Niederlanden hatte Vorrang vor den tatsächlichen Entwicklungsbedürfnissen auf nationaler Ebene in Suriname. Die Entwicklungshilfe floss sogar in den regulären Haushalt Surinames ein, damit finanzierte der Staat den Straßenbau, den öffentlichen Wohnungsbau, die Gesundheitsfürsorge und das Bildungssystem. Im Vierteljahrhundert von 1975 bis 2000 führten die Wechsel an der Staatsspitze in Suriname drei Mal dazu, dass die Niederlande ihre Entwicklungshilfe einfroren oder einstellten (1982-87 wegen des Militär-Regimes von Daysi Bouterse, 1991/92 nach dem sogenannten „Weihnachtsputsch“ des Militärs, 1997-2000 wegen des Konflikts über die Hilfskonditionen). Dabei waren sie als Teil der internationalen Gebergemeinde zumindest indirekt mitverantwortlich für einige der Fehlentwicklungen: Als die Militärs 1990 putschten, standen, ganz nach den damaligen Regeln der Weltbank, strenge Regeln und Prinzipien für die wirtschaftliche Umstrukturierung im Vordergrund. Von den Niederlanden gingen keine besonderen Impulse für Demokratisierung und nachhaltige Entwicklung aus, z.B. für die bessere Integration der afrikanischstämmigen Maroon-Bevölkerung in das von javanisch- und indischstämmigen Einwohnern dominierte Staatswesen.

Verdruss, Emotionalität, schwierige Umgangsformen

Der im Februar 2004 in seiner Endversion an das Parlament gegangene Bericht "Een belaste relatie. 25 jaar ontwikkelingssamenwerking Nederland – Suriname, 1975-2000", gemeinschaftlich verfasst von dem Wissenschaftler Dirk Kruijt aus Utrecht und der Ingenieurin Marion Maks aus Paramaribo, gibt wichtige Stichworte für die belasteten Entwicklungsbeziehungen zwischen den Niederlanden und Suriname: Verdruss, Emotionalität, schwierige Umgangsformen. Wie im Umgang mit Indonesien spielten postkoloniale Schuldgefühle und Geniertheit eine wichtige Rolle. Zusammengefasst lautete das Motto: Wir haben die Unabhängigkeit schlecht begleitet, aber jetzt machen wir das gut. Wie ein Sachverständiger es ausdrückte: Dies hat sich positiv auf das Volumen der Hilfe ausgewirkt und negativ auf die Nachhaltigkeit der Projekte. Die Notwendigkeit von Reformen war so eine empfindliche Materie. So empfiehlt der Bericht unter anderem, die Entwicklungshilfe zu versachlichen, Qualitätskriterien einzuführen und den Privatsektor stärker einzubeziehen.

Reguläres Partnerland

Heute arbeitet Ministerin Van Ardenne daran, dass Suriname ein reguläres Partnerland der niederländischen Entwicklungshilfe wird. Dem internationalen Trend folgend, ist in Suriname die sektorale Vorgehensweise eingeführt worden. Allmählich zeigt sich auch ein Mehrwert der postkolonialen Beziehungen darin, dass der niederländische Mittelstand engere Beziehungen zu seinem Widerpart in Suriname pflegt. Das historische Erbe – eine gemeinsame Sprache und ein verwandtes Rechtssystem – kann die Zusammenarbeit erleichtern. Der Bericht "Een belaste relatie" weist auf ungenutztes Potenzial hin: in der Sprach- und Kulturpolitik sind die Niederlande ihrem Ruf als wegweisendes Land noch nicht gerecht geworden, und die Expertise der surinamesisch-stämmigen Bevölkerung in den Niederlanden wird noch nicht ausreichend genutzt.

Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Dezember 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Everts, Ph.P. (Hrsg.): Controversies at Home. Domestic Factors in the Foreign Policy of the Netherlands. Dordrecht/Boston/Lancaster 1985.

Hoebink, P.: Of Merchants and Ministers. A Short History of the Foreign Aid Programme of the Netherlands, in: Schuurman, F.J. (Hrsg.): Current Issues in Development Studies. Global Aspects of Agency and Structure, Saarbrücken 1994, 125-156.

Reef, J.: Die Niederlande im internationalen System. Fallstudien zum Einfluss eines Kleinstaates, Münster 1995.

Baehr, P.R.: Problems of Aid Conditionality. The Netherlands and Indonesia, in: Third World Quarterly 18 (1997), 363-376.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Jan Tinbergen

Links

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Weitere Informationen in unserem Dossier Niederländische Antillen und Surinam


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