Die Geschichte der niederlande 1940-1945


X. Der Februarstreik in den Niederlanden 1941*

Am 25. Februar 1941 kam es in den Niederlanden zu einem kurzen und heftigen Protest gegen die anti-jüdischen Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht. Nach gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden, die zur willkürlichen Verhaftung von ungefähr 400 jüdischen Männern im Alter vom 20 bis 35 Jahren geführt hatten, legten Tausende Amsterdamer ihre Arbeit nieder. In vielen städtischen Betrieben wurde gestreikt, der Straßenbahnverkehr kam weitgehend zum Erliegen und viele Geschäfte schlossen. Amsterdam war das Zentrum des Streiks, aber auch in einigen anderen Städten (u.a. Zaandam, Haarlem und Utrecht) kam es zu Arbeitsunterbrechungen. Von den Ereignissen völlig überrascht, griffen die Besatzer hart durch. Es gab Tote und Verletzte, und es wurde mit der Verhaftung von weiteren 300 Juden gedroht, wenn der Streik in den zweiten Tag gehe. So wurde dem Protest am nächsten Tag mit Gewalt und Drohungen ein Ende bereitet.

Dockwerker
Kranzniederlegung am "Dokwerker" 1982, Quelle: NA ( 932-0061)

Zur Erinnerung an den Streik beschloss Königin Wilhelmina 1946, dem Wappen der Stadt Amsterdam die Worte „Heldhaftig. Vastberaden. Barmhartig“ (Heldenhaft. Entschlossen. Barmherzig) hinzuzufügen, und seit der Befreiung im Mai 1945 findet in Amsterdam jedes Jahr am 25. Februar eine Gedenkfeier statt. Im Jahr 1952 enthüllte Königin Juliana das Denkmal „De Dokwerker“ (Der Dockarbeiter), das – immer noch eines der bekanntesten Kriegsdenkmäler – die Heroik des Widerstandes treffend verkörpert.

Zu einem wirklich nationalen Symbol niederländischen Widerstandes gegen das deutsche Besatzungsregime und die Judenverfolgung wurden der Februarstreik und das Amsterdamer Denkmal jedoch nicht. Zunächst entbrannte im aufkommenden Kalten Krieg schon bald ein erbitterter Konflikt zwischen Kommunisten und Nicht-Kommunisten über die Frage, wer diese Widerstandstat für sich reklamieren könne, ein Konflikt, der sogar so eskalierte, dass in den 1950er Jahren am jährlich stattfindenden Gedenktag am Denkmal immer zwei Zusammenkünfte abgehalten wurden: eine, auf der die Kommunisten die ganze Ehre für sich beanspruchten, und eine, die gerade die Spontaneität und die breite allgemeine Unterstützung betonte. Obgleich sich die Schärfe dieses Streits allmählich abschwächte, wurde er erst nach dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1991 endgültig beigelegt. Daneben fällt auf, dass in diesem Streit um das Gedenken die jüdischen Opfer lange außer Betracht blieben und dass für viele Juden die jährliche Gedenkfeier ein realitätsfernes Spektakel blieb. Verwunderlich ist das nicht: während es bei dem Gedenken um die Helden ging, wussten die überlebenden Opfer, dass sie letztlich wenig Unterstützung seitens der nicht-jüdischen Bevölkerung erhalten hatten. Von den ca. 140.000 Juden, die 1940 in den Niederlanden lebten, kamen ungefähr 102.000 in den Vernichtungslagern um, und das waren 75 % aller Juden in den Niederlanden, ein Prozentsatz, der viel höher liegt als beispielsweise in Frankreich (25 %) oder Belgien (40 %). Nachdem im Sommer 1942 die Deportationen aus den Niederlanden begonnen hatten, konnten die Besatzer im September jenes Jahres zufrieden feststellen, dass die anti-jüdischen Maßnahmen unter der Bevölkerung „vor allem Mitleid“ hervorgerufen hatten, dass es aber „zu keinerlei Handlungen“ gekommen sei.

Dies alles bedeutet jedoch nicht, dass der Februar-Streik in der Geschichte der Besatzungsjahre von 1940 bis 1945 kein bedeutsamer Moment gewesen sei. Auch wenn der Protest nur kurz war und keinen Erfolg hatte, war und bleibt er ein mutiger Akt des Widerstandes, an dem Tausende sich beteiligt haben. Außerdem beendete er die erste Phase der Besatzungszeit, in der das Leben für viele nicht-jüdische Niederländer noch relativ normal geblieben war.

Nach dem Schock des Angriffs vom 10. Mai 1940 und der raschen Kapitulation am 14. Mai hatte die niederländische Bevölkerung sich ohne viel Murren auf die neue Realität eingestellt, die durch das anfangs gemäßigte Auftreten der deutschen Besatzer nicht so schlimm ausfiel wie befürchtet. Mit noch vergleichsweise sanfter Hand versuchten die Besatzer, die Niederlande mit der deutschen Kriegswirtschaft zu verzahnen und die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Auch wenn nur eine kleine Minderheit Sympathie für die Besatzer empfand, hatten die Deutschen im ersten Besatzungsjahr 1940 dennoch keinen Grund, unzufrieden zu sein. Die Bevölkerung passte sich an, der Widerstand blieb schwach, Kontinuität in der Verwaltung schien gesichert, und die wirtschaftliche Ausbeutung war erfolgreich in Gang gesetzt worden. Allerdings meinte Arthur Seyss-Inquart, der während der gesamten Besatzungszeit Reichskommissar für die besetzen niederländischen Gebiete war und 1946 in Nürnberg zum Tode verurteilt wurde, in  einem Bericht an Hitler, die Niederländer seien unbequem: „Man muss sehr viel mit ihnen verhandeln, wenn sie nein sagen, heißt das noch nicht definitiv nein, wenn sie ja sagen, überdenken sie die Angelegenheit noch lange Zeit.“ Aber, fügte er beruhigend hinzu:„Letztlich tun sie doch was man will.“

Aus deutscher Perspektive erfolgreich waren auch die ersten antijüdischen Maßnahmen verlaufen, da sie ebenfalls kaum auf nennenswerten Widerstand gestoßen waren. Bereits im Sommer 1940 war deutlich geworden, dass die Besatzer auf eine gesellschaftliche und ökonomische Isolierung der Juden zusteuerten. Die erste Maßnahme hierzu stammt vom 1. Juli 1940, als die Juden vom Luftschutz ausgeschlossen wurden, worauf schon bald das Verbot des rituellen Schlachtens folgte. Ernster wurde die Lage ab Ende August 1940, als Seyss-Inquarts Reichskommissariat die Anweisung erteilte, dass in der niederländischen Beamtenschaft keine Juden mehr angenommen oder befördert werden dürften. Von dieser Maßnahme war es kein großer Schritt mehr zur Entlassung aller Juden aus dem öffentlichen Dienst. Diese Maßnahme wurde im Oktober 1940 eingeleitet, als alle Niederländer, die im Staatsdienst arbeiteten, eine Erklärung unterschreiben mussten, ob sie „Arier“ oder „voll“ oder „halb“ Jude waren. Auch wenn sich an einigen Orten Protest regte, reichten nahezu alle zweihunderttausend Beamte das betreffende Formular ein, und im November 1940 wurden 2000 Personen entlassen. An einigen Orten zeigten nichtjüdische Kollegen ihre Solidarität. Berühmt geworden ist die flammende Protestrede des Leidener Hochschullehrers und Dekans der juristischen Fakultät, R.P. Cleveringa, von Ende November 1940, die einem entlassenen Kollegen gewidmet war. In Leiden und Delft traten Studenten in den Streik, und auch in Wageningen meldeten sie sich zu Wort. Die Reaktion der Besatzer war hart und deutlich: Cleveringa, dessen Rede sehr schnell in vervielfältigter Form ihren Weg ins Land hinaus fand, wurde verhaftet und acht Monate gefangen gehalten. Die Universitäten in Delft und Leiden wurden geschlossen.

Unterdessen hatte Ende Oktober 1940 auch die Registrierung jüdischer Unternehmen begonnen, auf die Anfang Januar 1941 die obligatorische Anmeldung aller Personen folgte, die „ganz oder teilweise jüdischen Blutes“ waren. Diese Aktion führte zu einer fast vollständigen Übersicht über die niederländischen und die in den Niederlanden lebenden ausländischen Juden. Ebenfalls Anfang 1941 nahm die physische Bedrohung von Juden und ihrem Eigentum zu. Mit gezielten Provokationen suchte die Besatzungsmacht, unterstützt von niederländischen Nationalsozialisten, die Konfrontation  mit Juden auf der Straße, in Cafés, Res-taurants usw. In Amsterdam formierten sich jüdische Rollkommandos, um sich gegen diese Gewalt zu schützen, und im Februar 1941 kam es zu einer großen Schlägerei, die zum Tode eines niederländischen Nationalsozialisten führte. Als Reaktion hierauf wurde das jüdische Viertel in der Hauptstadt hermetisch abgeriegelt. Einige Tage später hob man diese Isolierung zwar wieder auf, aber an den wichtigen Zufahrtsstraßen wurden Schilder mit der Aufschrift „Judenviertel/Joodse wijk“ aufgestellt, so dass ein „optisches Ghetto“ entstand, wie der Historiker Loe de Jong es genannt hat. Parallel zu diesen Einschüchterungsmaßnahmen wurde auf deutsche Initiative im Februar 1941 der Joodse Raad voor Amsterdam (Amsterdamer Judenrat) gegründet. Diese Einrichtung sollte die Juden bei der Besatzungsverwaltung repräsentieren und sich wenig später unfreiwillig zu einem Instrument der deutschen Verfolgungspolitik entwickeln.

Zur Eskalation kam es bei der Beerdigung des umgekommen niederländischen Nationalsozialisten einige Tage darauf, als eine deutsche Polizeieinheit in Amsterdam eine jüdische Eisdiele stürmte, die kurz zuvor schon Ziel von Verwüstungen und Provokationen gewesen war. In der Eisdiele verteidigte man sich mit Ammoniakgas, woraufhin Verhaftungen und harte Repressionsmaßnahmen erfolgten. Bei sehr gewalttätigen Razzien an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wurden die oben bereits genannten Verhaftungen durchgeführt und rund 400 junge Männer kurz darauf in das Konzentrationslager Buchenwald und dann nach Mauthausen deportiert. Einige Monate später wurde deutlich, dass sie nicht mehr am Leben waren, und seitdem war „Mauthausen“ unter den in den Niederlanden lebenden Juden das Synonym für einen raschen Tod.

Diese willkürliche Gewalt und die Verhaftung der jüdischen Männer, die von vielen Menschen in Amsterdam unmittelbar miterlebt worden waren, bildeten den Anlass für den Streik am 25. Februar 1941, der von Kommunisten begonnen, aber schon bald von vielen anderen unterstützt wurde. Dieser Protestakt war nicht der Anfang einer breit getragenen Widerstandsbewegung und beendete auch nicht die Anpassung an die Besatzungsrealität des ersten Kriegsjahres, denn der Streik ebbte ja rasch ab, und die Unterdrückung durch die Besatzer blieb wirkungsvoll. Trotzdem hatte sich etwas verändert. Nie zuvor waren die Besatzer so brutal aufgetreten, und nie zuvor waren die Gegensätze zwischen ihnen und einem großen Teil der Bevölkerung so deutlich sichtbar geworden. Die Mobilisierung der niederländischen Bevölkerung im deutschen Sinne auf freiwilliger Basis, so die Schlussfolgerung der Deutschen nach dem Februar-Streik, blieb hinter den Erwartungen zurück. Das bedeutete, dass aus deutscher Sicht für ein Einschwenken der Niederlande auf den national-sozialistischen Kurs der Druck erhöht werden musste. Wie ernst es den Besatzungsautoritäten damit war, zeigte sich kurz darauf, als die ersten Todesurteile gegen Widerstandskämpfer vollzogen wurden. Somit läutete der Streik von Ende Februar  1941 eine Phase zunehmender Unterdrückung und Konfrontation ein.

Umfangreich wurde der Widerstand jedoch erst ab dem Frühjahr 1943, als auch die nicht-jüdische niederländische Bevölkerung mehr und mehr die Folgen der Besatzungszeit zu spüren bekam. Zu Beginn der Deportationen im Sommer 1942 gab es von kirchlicher Seite einigen Protest und mehrere Tausend Niederländer haben Juden geholfen, sich zu verstecken. Es wird geschätzt, dass rund 24.000 Juden eine Untertauchadresse fanden, und dass hiervon 16.000 den Krieg überlebt haben. Die übrigen 8000 sind durch Verrat oder andere Umstände schließlich doch verhaftet und deportiert worden. Sehr umfangreich war die Hilfe also nicht, und für Juden war es viel schwieriger, ein Versteck zu finden als für Nicht-Juden. Als im letzten Kriegswinter 1944-1945 die Zahl der Untergetauchten insgesamt sogar auf etwa 350.000 Personen anstieg (WiderstandskämpferInnen; Menschen, die sich der Zwangsarbeit in Deutschland entziehen wollten usw.), war Amsterdam bereits seit längerem „judenrein“, wie die Besatzer im September 1943 zufrieden festgestellt hatten.


* Der Text ist erschienen in: Zeitungszeugen 1933-1945, Nr. 66; Übersetzung: Annegret Klinzmann

Autor: Friso Wielenga
Erstellt: Juni 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Kristel, Conny: Geschiedschrijving als opdracht. Abel Herzberg, Jacques Presser en Loe de Jong over de Jodenvervolging, Amsterdam 1998.

Jong, Loe de: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Deel 1-14, Den Haag/Amsterdam 1969-1991.

Liemt, Ad van: Kopfgeld. Bezahlte Denunziation von Juden in den besetzten Niederlanden, Berlin 2005.

Mooij, Annet: De strijd om de Februaristaking, Amsterdam 2006.

Moore, Bob: Victims and survivors. The Nazi Persecution of the Jews in the Netherlands 1940-1945, London 1997.

Presser, Jacques: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940-1945, Deel I en II, Den Haag 1965.

Roest, Friso/ Scheren, Jos: Oorlog in de stad. Amsterdam 1939-1941, Amsterdam 1998.

Sijes, Ben A.: De Februari-staking, 25-26 februari 1941, Amsterdam 1954.

Wielenga, Friso: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert, Münster 2008.

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