Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


IV. Wilhelm von Oranien - ,Vader des vaderlands’

Wilhelm von Oranien
Wilhelm von Oranien Porträt um 1579, Quelle: Adriaen Thomasz. Key

Willem van Oranje (1533-1584) war die führende Persönlichkeit des niederländischen Unabhängigkeitskampfes gegen das katholische Habsburg-Spanien Ende des 16. Jahrhunderts und ist bis heute eine zentrale Identifikationsfigur niederländischer historisch-nationaler Identität. Wilhelm von Nassau wurde am 24. April 1533 auf dem Nassauischen Stammsitz Dillenburg geboren. 1544 erbte der Elfjährige die Güter seines Vetters, des kinderlosen René von Châlon, des Prinzen von Oranien, Statthalters von Holland, Zeeland und Utrecht, vor allem das Fürstentum Orange und Besitzungen in den Niederlanden, und wurde damit schlagartig zu einem Angehörigen des europäischen Hochadels. Karl V. entschied persönlich, dass Wilhelm, nun Prinz von Oranien, am Hof in Brüssel von seiner Schwester, der Generalstatthalterin Maria von Ungarn, katholisch erzogen werden sollte, womit auch ein Wechsel der Konfession verbunden war: Wilhelm war bis zu diesem Zeitpunkt von seinen Eltern lutherisch erzogen worden. Er lernte nun unter anderem auch Niederländisch, das bei ihm allerdings zeitlebens mit deutschen Ausdrücken vermischt blieb. 1551 heiratete Wilhelm Anna von Egmont, Tochter Maximilians von Egmont, des Grafen von Büren, was ihm einen weiteren innerniederländischen Gewinn an Land und Einfluß einbrachte. Karl V. nahm Wilhelm im Januar 1556 in den Orden vom Goldenen Vlies auf, erkannte damit seinen Rang als Standesherr sowie seine Nähe zum kaiserlichen Regiment an, nachdem die berühmte Abdankungsszene von Brüssel im Oktober 1555 – der Kaiser trat, gestützt auf den jungen Prinzen von Oranien, zur Verkündung seiner Abdankung, vor den niederländischen Adel zu Brüssel – bereits zurücklag. Ebenfalls 1555 war der Oranier Mitglied des Staatsrates geworden. Anna von Egmont starb bereits 1558, nachdem sie drei Kinder geboren hatte. Angesichts der zunehmend rigideren Politik Philipps II. hinsichtlich der Finanzorganisation und in Kirchenfragen wirkte die zweite Heirat des Oraniers mit der streng lutherischen Anna von Sachsen 1561 wie ein demonstrativer Akt des Nonkonformismus.

Anschluss an Utrechter Union

Die dritte Ehe Wilhelms mit der Hugenottin Charlotte von Bourbon (1546 oder 1547-1582) war wiederum ein politisches Zeichen, das vor allem auf die französischen Exilantenkreise seine Wirkung nicht verfehlte. Nach unruhigen, wechselvollen Jahren mit dem Oranier – nachdem Philipp II. einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte, überlebte er im März 1582 knapp einen Attentatsversuch – und nachdem sie sechs Töchter geboren hatte, starb Charlotte von Bourbon im Mai 1582. Als sich 1579 die endgültige Rückeroberung der südlichen Niederlande durch den neuen Statthalter Alexander Farnese abzeichnete, schloss sich Wilhelm widerstrebend der Utrechter Union an. Er hatte die Teilung des Landes stets zu vermeiden gehofft, die nun durch den Bund der Nordprovinzen besiegelt wurde. Im April 1583 heiratete der Oranier Louise de Coligny, die früh verwitwete Tochter des Hugenotten-Admirals Gaspard de Coligny: eine Verbindung, die einmal mehr in den Rahmen seiner Politik passte. Aus dieser vierten Ehe ging der spätere Statthalter und Oberbefehlshaber der See- und Landmacht Fredrik Hendrik (1584-1647) hervor. 1584 boten die Provinzen Zeeland und Holland dem Oranier den Grafentitel an; jedoch wurde Wilhelm am 10. Juli 1584 von Balthasar Gérard im Prinzenhof zu Delft erschossen. Die Trauer um den unbestrittenen moralischen und politischen Führer des Aufstandes vereinigte nochmals die nördlichen und südlichen Niederlande und bekräftigte den Mythos vom ,vader des vaderlands’.

,Willem de Zwijger’

Seit 1561 gehört der Oranier mit dem Grafen Egmont zur Führung der hochadligen Opposition gegen die kirchenpolitischen und zentralistischen Maßnahmen Philipps II., vor allem führte er, seit 1559 durch Philipp II. ernannter Territorialstatthalter in Holland, Zeeland und Utrecht, den Widerstand gegen den besonders verhassten, mit der neuen, in alte Rechte eingreifenden Finanz- und Bistumsorganisation verbundenen Kardinal Antoine P. de Granvelle, den politischen Berater von Philipps Generalstatthalterin in Brüssel, Margarete von Parma. Mehr und mehr wuchs Wilhelm in der ersten Hälfte der 1560er Jahre in eine moralische und praktische Führungsrolle in der Auseinandersetzung mit der spanisch-habsburgischen Macht hinein, die auch Widerspruch erfuhr: nicht zuletzt seine Bemühungen um vermittelnde Positionen im Spannungsfeld seiner Verpflichtungen als Standesherr einerseits, als kaiserlicher Beamter andererseits, trugen ihm den Beinamen ,Willem de Zwijger’ ein, worin auch ein Stück Kritik der zur konfessionellen Polarisierung Entschlossenen steckte.

Pazifikation von Gent

Die Bilderstürme des Jahres 1566 und die spanische Reaktion, die Entsendung des Grafen Alba, 1567 bis 1573, machten endgültig klar, dass für eine konfessionell vermittelnde Politik der konfessionellen und regionalen Pluralität unter dem Dach der spanischen Habsburgerherrschaft keinerlei Spielraum bestand, der Weg in den Bürgerkrieg unvermeidlich war. Wilhelm zog sich mit der Ankunft des Herzog Albas und dem Beginn von dessen Strafregiment auf seinen Stammsitz zurück, um von dort aus den Widerstand zu organisieren. 1568 ließ Alba die aufständischen Grafen Egmont und Hoorn hinrichten. Was nun folgte, war weniger heroischer Kampf als vielmehr eine Kette von sich abwechselnden Mißerfolgen und Teilsiegen in der allmählichen Rückeroberung der Niederlande mittels Piraterie von See und Guerillataktik auf dem Land: die Eroberung Brabants scheiterte, doch die Eroberung Den Briels durch die Geusen am 1. April 1572 brachte eine entscheidende Wende: von diesem Zeitpunkt an zeichnete sich ab, daß sich die Aufständischen in den seeseitig geschützten, vom Land aus vor allem für die spanische Infanterie kaum zugänglichen Küstenprovinzen Zeeland und Nordholland würden behaupten können. 1573 schloß sich der Oranier den Calvinisten an. Nach weiteren Rückschlägen, aber auch Siegen im holländischen Städtekampf – am 3. Oktober 1574 scheiterte die berühmte Belagerung Leidens durch die Spanier endgültig – und persönlicher Schicksalsschläge für Wilhelm, zwei seiner Brüder, Ludwig und Heinrich von Nassau, fielen 1574 in der Schlacht auf der Mokerheide, unternahm der Oranier 1576 in Pazifikation von Gent nach zehn Jahren blutigen Bürgerkriegs den Versuch einer Einigung der niederländischen Provinzen auf der Grundlage von Religionsfreiheit und unter der Voraussetzung eines Abzugs der spanischen Truppen. Doch gerade die Religionsfreiheit ließ sich weder gegen die tridentinischen Katholiken noch gegen die orthodoxen Calvinisten in Holland und Zeeland – nach Zahlen immer noch eine verschwindende Minderheit – durchsetzen, so daß die Bedeutung der Pazifikation von Gent vor allem im gemeinsamen, ,nationalisierenden’ niederländischen Auftreten gegen die Spanier zu sehen ist. Im Dezember 1577 starb Oraniens zweite Frau, Anna von Sachsen. Aus der wenig glücklichen Ehe, die noch vor Annas Tod geschieden wurde, waren vier Kinder hervorgegangen.

Autor: PD Dr. Rolf-Ulrich Kunze
Erstellt: Juli 2003


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Deursen, A.Th. van: Willem van Oranje, Weesp 1984.

Kikkert, J.G.: Willem van Oranje, Soesterberg 2006.

Klink, H.: Willem van Oranje in de historie 1584-1984, Utrecht 1984.

Haitsma Mulier, E.O.G. (Hrsg.): Willem van Oranje in de historie 1584-1984, Utrecht 1984.

Lademacher, Horst (Hrsg.): Oranien-Nassau, die Niederlande und das Reich. Beiträge zur Geschichte einer Dynastie, Münster 1995.

Romein, J.: Willem van Oranje 1533-1584. De bevrijder, in: Erflaters van onze beschaving, Amsterdam 1979.

Roosbroeck, R.v.: Willem van Oranje, Den Haag 1978.

Schenk, M. G.: Willem de Zwijger, Baarn 1984.

Swart, K.W.: Willem van Oranje en de Nederlandse Opstand 1572-1584, Den Haag 1994.

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