Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XIX. Von der Krise zur Revolution - Die Republik im 18. Jahrhundert

Die ökonomische Krise und die Unfähigkeit zu politischen Reformen

Die niederländische Geschichte des 18. Jahrhunderts muss als Zeitalter der permanenten inneren Krise mit entsprechenden Auswirkungen nach außen beschrieben werden. Nur mühsam konnte sich der altertümliche Staat behaupten – zum Schluss sogar nur durch den Einsatz des Militärs -, um am Ende doch unter dem Angriff der französischen Revolutionsarmee zu verschwinden.

Die Krise war im Wesentlichen eine Folge des Spanischen Erbfolgekrieges , denn die Republik hatte nicht nur die eigenen Schulden zur Finanzierung des Krieges zu tragen, sondern die englische Diplomatie hatte den Niederlanden auch fast alle Kosten Englands aufgelastet. Als Konsequenz musste beinahe das gesamte Steueraufkommen für den Schuldendienst aufgebracht werden und Steuererhöhungen waren die Folge. Parallel dazu verlief ein schleichender Niedergang der Wirtschaft. Der Aufstieg Londons und Hamburgs ging weitgehend auf Kosten der niederländischen Städte, voran Amsterdams, und die Produkte der niederländischen Gewerbe waren im internationalen Vergleich zu teuer. In der Ostsee schließlich hatte die niederländische Handelsflotte mit der zunehmenden Konkurrenz Schwedens zu kämpfen. Die dadurch einsetzende Verarmung weiter Bevölkerungsschichten führte immer öfter zu lokalen Aufständen.

Simon van Slingerlandt
Simon van Slingerlandt, Quelle: Künstler unbekannt
Aber auch die Regenten wurden immer unpopulärer. 1716/17 trat eine zweite sogenannte „Große Versammlung“ („Grote Vergadering“) der Stände zusammen. Wichtigstes Ziel dieser Zusammenkunft war nun nicht mehr in erster Linie die erneute Festschreibung der Regentenherrschaft, sondern eine Reform der Staatsorgane. Die Konstitution der Republik , so wie sie sich über hundert Jahre entwickelt hatte, erwies sich in der Praxis als nicht mehr zeitgemäß. Schier endlos sich hinziehende Debatten, das Pochen auf die provinziale Souveränität und der Widerwille finanzielle Beiträge zu den gemeinsamen Staatsaufgaben zu leisten lähmten die Republik. Der bedeutendste Verfechter entschiedener Reformen war Simon van Slingelandt. In zahlreichen juristisch-historischen Abhandlungen begründete er die Notwendigkeit von Veränderungen und beklagte die Zustände seiner Zeit als Fehlentwicklungen. Ohne Reformen, so van Slingelandt, wäre die Republik dem Untergang geweiht. Vor allem beklagte er das Fehlen einer übergeordneten Instanz, die in der Lage war, zwischen den verschiedenen Lagern zu vermitteln und er hatte als historisches Vorbild dabei die Statthalterschaft im Auge. Doch musste die schlichtende Instanz bei Slingelandt durchaus kein Statthalter und schon gar kein Oranier sein. Der Raad van State , das einzige Organ von Bedeutung, das wirklich die Interessen der gesamten Republik im Auge hatte und dem van Slingelandt lange vorgestanden hatte, konnte diese Funktion genauso ausüben. Weder der wegen seiner bekannten Ansichten in seiner politischen Karriere mehrfach behinderte van Slingelandt noch die Beratungen der Großen Versammlung bewirkten jedoch eine Wendung zum Besseren, ganz im Gegenteil. Die Große Versammlung blieb fast ergebnislos und in der Folgezeit sicherten die Regenten ihre auf Nepotismus und Ämterschacher basierende Herrschaft durch allerlei offizielle wie inoffizielle Regelungen immer weiter ab.

Neutralität - geboren aus Machtlosigkeit

So war das als immer unerträglicher empfundene Regime der regentischen Aristokraten das einzige, was sich konsolidierte. Die internationale Lage der Republik wurde hingegen immer prekärer und nur mit größter Mühe gelang es der niederländischen Diplomatie die Republik aus den europäischen Konflikten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts herauszuhalten. Dabei beruhte die der inneren Schwäche der Vereingten Niederlanden geschuldete Neutralität nicht zuletzt auf einem falschen Gefühl der Sicherheit. Eines der wesentlichen Kriegsziele der Republik in den Kriegen gegen Ludwig XIV. war die Errichtung einer Barriere gegen künftige französische Aggressionen gewesen. Unter dieser Barriere verstand man eine Kette von Festungen in den südlichen Niederlanden, die unter niederländischer Kontrolle stehen sollten. In Verträgen mit England und dem neuen Landesherrn der südlichen Niederlande, dem deutschen Zweig des Hauses Habsburg, konnte nach dem Frieden von Utrecht zwar die Errichtung der Barriere durchgesetzt werden, jedoch war deren Umfang weitaus bescheidener, als die niederländische Diplomatie es gewünscht hatte. Immerhin konnte Österreich zur Zahlung von Subsidien und zur Stellung der Hälfte der stationierten Truppen bewegt werden. Doch die Vernachlässigung der Militärangelegenheiten betraf auch die Barriere und so scheiterte diese schon bei ihrer ersten Bewährungsprobe.

Trotz aller Bemühungen konnten die Vereingten Niederlande im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740 – 1748) ihre Neutralität nicht wahren. Wieder einmal waren es die Geschicke des Hauses Habsburg, die auch die niederländische Geschichte mitprägten. In der Pragmatischen Sanktion aus dem Jahr 1713 hatte Kaiser Karl VI. die habsburgische Erbfolge auch auf die weibliche Linie ausgedehnt. Stellte diese Regelung in den habsburgischen Erblanden kein Problem dar, so sah die Situation im Heiligen Römischen Reich gänzlich anders aus, denn dort war dieses Hausgesetz höchst umstritten. Als 1740 der Erbfall eintrat und Maria Theresia ihrem Vater in den Erblanden nachfolgte, sah das seit Jahrhunderten mit Habsburg rivalisierende Haus der Wittelsbacher die Chance gekommen seinen Traum von der Kaiserkrone zu verwirklichen. Der in München regierende Kurfürst Karl Albrecht von Bayern schloss daher Bündnisse mit Frankreich und Preußen, die ihrerseits danach trachteten, Teile der habsburgischen Ländermasse für sich zu gewinnen. Für Frankreich ging es dabei vor allem um die südlichen Niederlande und auf diese Weise war auch die Republik betroffen. 1747 fielen französische Truppen im zum Norden gehörenden Teil Flanderns ein, wobei sich die Barriere als völlig wirkungslos erwies. Ähnlich wie 1672 erwies sich der Machtapparat der Regenten als unfähig, der schwierigen Situation Herr zu werden, was im ganzen Land zu Unruhen führte. Unter dem Motto „Oranien und Freiheit“ („Oranje en vrijeid“) entlud sich vielerorts der Unmut über die Regenten und verband sich mit der Hoffnung, ein zum Statthalter ernannter Oranier könne die drohende militärische Niederlage abwenden. Tatsächlich wurde sehr schnell der friesische Statthalter Karel Hendrik Friso als Wilhelm IV. zum Statthalter ausgerufen und erhielt weitgehende Befugnisse. Vor allem wurden aber nun alle Provinzialstatthalterschaften in einer Hand vereinigt und für erblich erklärt.

Eine enttäuschte Hoffnung – Die Wiedereinsetzung des Hauses Oranien

Die Hoffnungen, die auf Wilhelm IV. ruhten, erfüllten sich keineswegs. Der neue Statthalter nahm einige eher kosmetische Veränderungen in den städtischen Magistraten vor und begnügte sich ansonsten mit einer hervorgehobenen Position innerhalb der regierenden Aristokratie. Lediglich das System der Steuerpacht wurde abgeschafft, während andere durchaus diskutierte Reformen, etwa die Einführung von Fachministerien, wie sie andernorts längst üblich waren, nicht über den Status von Memoranden hinauskamen. In der kurzen Regierungszeit Wilhelms IV. und verschärft während der Regentschaft seiner Frau Anna von Hannover trat ein Konflikt immer deutlicher zutage, der bis zum Ende der Republik nicht aufgelöst werden sollte und den Staat praktisch handlungsunfähig machte. Wie so häufig ging es um die Finanzierung des Militärs. Die Landprovinzen und der Statthalter bestanden angesichts des schmachvoll beendeten Österreichischen Erbfolgekrieges auf einer besseren Ausstattung des Heeres, während Holland unbedingt die Marine ausbauen wollte. Beide Seiten wussten gute Argumente auf ihrer Seite. Die landeinwärts gelegenen Provinzen waren von einem Landkrieg als Erste betroffen und mit Preußen war ein mächtiger Nachbar an den Ostgrenzen aufgetaucht. Hinzu kam, dass die Armee für die zahlreichen Adelsgeschlechter ein wichtiges Ämterreservoir bildete. Ähnliches gilt für den Statthalter, dem 1747 das Ernennungs- und Beförderungsrecht für die Offiziere zugefallen war und für den die Armee daher ein bedeutendes Instrument zur Schaffung einer ihm ergebenen Klientel war. In Holland sah man hingegen mit Sorge, dass man als Seemacht immer weiter hinter England zurückfiel und Bestrebungen des Inselreiches zur Ausdehnung seines Handels kaum etwas entgegenzusetzen hatte.

Die internationalen Entwicklungen sprachen zunächst für die holländische Sicht der Dinge. Gerade Holland profitierte sehr vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, denn dieser versprach vor allem durch den Waffenhandel eine gewisse Kompensation für verlorene Geschäftsfelder. Hinzu kam eine womöglich auch aus dem Bewusstsein der eigenen Vergangenheit getragene Sympathie für die amerikanischen Aufständischen. England musste eine solche Haltung jedoch provozieren und so führten die beiden Seemächte zwischen 1780 und 1784 Krieg gegeneinander. Für die Republik endete dieser Krieg desaströs. Die Überlegenheit der englischen Flotten brachte den niederländischen Überseehandel fast zum Erliegen. Zudem mussten die Niederlande sich vorübergehend Frankreich anschließen, das dafür natürlich seinen Preis forderte, nämlich unter anderem die endgültige Aufgabe der Barriere. Lediglich die sich verschlechternde Lage der englischen Truppen in Amerika bewog das Königreich dann dazu, auf einen schnellen Frieden zu drängen.

Die Patriotten und eine gescheiterte Revolution

Der demütigende Verlauf des Krieges sowie die seit Jahrzehnten ungelösten Probleme der Republik ließen eine neue Bewegung offen hervortreten, die jenseits des alten Gegensatzes zwischen oranisch bzw. regentisch Gesinnten zu verorten ist, nämlich die „Patrioten“ („patriotten“). Hier flossen Kritik an den herrschenden Zuständen, die Erinnerung an eine glorifizierte Vergangenheit und teilweise bereits revolutionäres Gedankengut zusammen. Zur Symbolfigur der Patriotenbewegung wurde der Overijsseler Baron Joan Derck van der Capellen. 1781 veröffentlichte er seine Flugschrift „An das niederländische Volk“ („Aan het volk van Nederland“), die Dank einer logistischen Glanzleistung in einigen tausend Exemplaren in der ganzen Republik verteilt werden konnte. Auch wenn die Patriotenbewegung viele Facetten besaß, war sie sich doch einig im vornehmsten Ziel ihrer Kritik, nämlich dem Statthalter. Wilhelm V. wurde – zu Unrecht - für den verheerenden Zustand von Armee und Flotte verantwortlich gemacht.

Aber auch der Regentenstand blieb von Kritik nicht verschont. Und so gehörten neben Forderungen zur Abschaffung des Statthalteramtes oder wenigstens der Entmachtung des Amtsinhabers auch solche, die breiteren Bevölkerungsschichten eine größere politische Einflussnahme zusichern sollten. Wohlgemerkt: Von Demokratie im modernen Sinn war zunächst nicht die Rede, doch radikalisierte sich die Bewegung zusehends. Angesichts der sich in zunehmendem Maße artikulierenden bürgerlichen Öffentlichkeit setzte von allen Seiten eine Propagandaschlacht ein, die vornehmlich über Flugblätter und die zahlreichen Zeitungen ausgetragen wurde. Gemäßigte Regenten, die wohl mit den Patrioten sympathisierten, gleichzeitig aber auch eine Gelegenheit zur Schwächung des Statthalters sahen, machten immer mehr Zugeständnisse. Überall im Land bildeten sich Freikorps, bewaffnete Bürgerverbände, die sich schließlich in Utrecht 1785 zu einer nationalen Föderation zusammenfanden. Die Forderungen dieser Föderation waren nun deutlich demokratisch, denn es ging ihnen nicht mehr nur um mehr Einflussnahme, sondern auch um freie Wahlen. In der Provinz Utrecht gelang es den Patrioten die Macht an sich zu reißen und auch Holland drohte schließlich ganz in ihre Hände zu fallen. Die statthalterliche Familie musste Den Haag verlassen und sich nach Gelderland zurückziehen. Der vergleichsweise geringe Organisationsgrad der Patrioten und ihre geringe militärische Schlagkraft ließen ihnen gegenüber der sich nun formierenden Gegenallianz keine Chance. Der statthalterlichen Familie gelang es England und Preußen für ihre Sache zu gewinnen und der Einmarsch preußischer Truppen im Jahr 1787 stellte die alten Zustände wieder her. 1788 wurde in der „Acte van Harmonie“ die überkommene Staatsverfassung nochmals bekräftigt. Als Garantiemächte traten England und Preußen auf. So erhielt die Republik nochmals eine Gnadenfrist von sieben Jahren, aber dies nur unter dem Schutz fremder Mächte – aus eigener Kraft vermochte sie nicht mehr zu bestehen. Dazu trug auch das vergleichsweise rigorose Vorgehen gegen die Patrioten und ihre Anhänger bei, denn was folgte hatte mit der bis dahin geübten Toleranz wenig zu tun. Die Presse wurde zensiert, die Anhänger der Patriotenbewegung aus öffentlichen Ämtern entfernt und verhaftet. Tausende Niederländer sahen sich gezwungen das Land zu verlassen und fanden in den Österreichischen Niederlanden und vor allem in Frankreich vorübergehend eine neue Heimat. Lange sollte ihr Aufenthalt jedoch nicht dauern, denn sie kehrten 1795 mit dem französischen Revolutionsheer zurück, in dem viele niederländische Flüchtlinge als Freiwillige kämpften. Unter den Schlägen dieses Angriffs fiel das Staatsgebäude der Vereinigten Niederlande endgültig in sich zusammen.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


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